Richard Cragun Marcia Haydee

Ein seltsames Phänomen, das ich immer wieder beobachtet habe, ist dass (Klemm)Schwule (vor allem im Kulturbereich) sehr oft mit „Klemmlesben“ liiert sind/ gewesen sind. Es scheint da eine eigenartige Anziehung zu geben, zwischen den Männern und Frauen, die sich wohl irgendwie nach einer anderen Art oder Qualität von menschlicher Beziehung sehnen – oder wie auch immer man dieses bezeichnen möchte.
Doch in den allermeisten Fällen outet sich dann der Mann entweder als offen schwul, oder lebt dieses Begehren unter Beibehaltung der Heterobeziehung eben heimlich aus. Die Frau hingegen verbleibt in ihrer vermeintlichen Heterosexualität, kann weiterhin für sich nichts anderes als den Mann als Liebes- Sehnsuchts- und Sexualpartner vorstellen. Sie stagniert, trennt sich oder akzeptiert die homoerotischen Eskapaden ihres Mannes und ist vielleicht fast schon erleichtert darüber im Bett nicht mehr „herhalten“ zu müssen.

Ein sehr schönes prominentes und mich lebensbegleitend prägendes (Künstler)Beispiel ist DAS Tänzerpaar des Stuttgarter Balletts: Marcia Haydée und Richard Cragun. Ab 1962 und unter den Choreografen John Cranco gemeinsam zum Gipfel des Tanzweltruhms emporgestiegen, waren sie lange Zeit auch privat ein Traumpaar. Bis er sich nach 16 Jahren öffentlich zu seiner Homosexualität bekannte. (In den 80er Jahren noch längst nicht so üblich wie heute.) Und sie wollte es nicht begreifen und er musste sich zu Anfang sogar quer ins gemeinsame Bett legen (laut einer Klaschzeitung…) um es ihr verständlich zu machen: nein nun nicht mehr.

Cragun erzählt in seinen biografischen Anmerkungen, er sei in jungen Jahren hin und hergerissen gewesen zwischen dem Wunsch, gesellschaftlichen Konventionen entsprechen zu wollen, und seiner wahren, aufbegehrenden Natur. Seine Selbstvorwürfe, was seine Gefühls- und Empfindungswelt anbelangte, und seine Qualen, die aus der inneren Zerrissenheit resultierten, hätten seine kreative Entwicklung maßgeblich beeinflusst. Erst in späteren Jahren sei er mit sich selbst ins Reine gekommen. Dass Cragun die Androgynität, die er in sich spürte, (eine sehr klemmige Umschreibung der Autorin Stilling-Andreoli) künftig mit all ihren Konsequenzen im Privatleben auszuleben und pflegen wollte, bezeichnete wohl das Ende der privaten Beziehung mit Marcia Haydée.

Zitat aus dem Buch: „Marcia Haydée – Divine.“ von Cornelia Stilling-Andreoli, 2005 Henschel Verlag, Berlin.

Sie überstanden die Krise, tanzten weiterhin zusammen und wurden zu Freunden. Er begann eine Beziehung mit einem jungen Tänzer und Choreografen und sie stürzte sich in Affairen, eine lange Beziehung und landete schließlich im Hafen der Ehe…

Die Tänzerin und spätere Ballettdirektorin Marcia Haydée präge aber lange Zeit sowohl meines als auch das Leben vieler anderer Frauen und junger Mädchen. Sie wurde von ihnen verehrt und fast jede Vorstellung des Stuttgarter Balletts bei der sie mittanzte war ausverkauft, und in der langen Schlange vor ihrem Autogrammtisch fand sich von der Hausfrau, über das angehende Ballettsternchen bis zur gestandenen Geschäftsfrau alles ein. Sie war ein regelrechter Magnet für „Klemmlesben“, und ich kannte sogar eine, die mit Mitte 40 und in voller Berufstätigkeit noch mit ihrer Mutter zusammenlebte und lauter Marcia Fotos über ihrem Bett hängen hatte. Und sehr viele wunderschöne Frauen schienen in ihrer Leidenschaft  für Marcia beinahe zu verbrennen. (Die Mutter eines Klassenkameraden – der später übrigens schwul wurde – sagte mal folgenden unvergessenen Satz zu mir: „Je schöner ein Mädchen ist, desto mehr schwärmt sie für Marcia Haydée, und würde am liebsten ihre Schönheit dafür hergeben um sie einmal kennenlernen zu können.“)

Lichterloh entbrannt hielt auch ich sie für fast göttlich; und ihre Tanzkunst war es auch. Aber ich verwechselte, wie so viele, die Ausführende mit der Schaffenden, denn ihre wahren Schöpfer waren Choreografen wie John Cranco, Maurice Béjart und John Neumeier. Ausnahmslos schwul/männerbegehrend prägte dieses ihre Werke, auch wenn die Protagonisten zunächst (wie bei John Cranco) ausnahmslos heterosexuell waren. Aber schon Maurice Bèjart traute sich darstellerisch und zunächst eher abstrakt dann auch an die Männerliebe heran. Und sie (die große Haydée) war in diesem Spiel lediglich die Ausführende, die Gehilfin, um diese männliche Vision und Bewusstwerdung auf die Bühne zu bringen. Von vielen Frauen verehrt und von lauter männerbegehrenden Künstlern umgeben, schien sie selbst aber zu keinen eigenständigen Erkenntnissen zu gelangen. Sogar als sie später ebenfalls das Choreografieren anfing, blieb sie dort im männlich-homoerotischen Universum verhaften. Sie schuf z. B. eine androgyne(n) Carabosse für „Dornröschen“ (mit Richard Cragun als böse Fee in einem langen schwarzen Rock) und probierte sich dann mit „Enas“ (ca. 1988) an einer Art queerem Manifest. (Wobei ich denke, dass auch diese Themanauswahl mehr von Richard Cragun kam als von ihr selbst.) Dem/ihrem eigenen Frausein und dem (eigenen) *lesbischen Begehren schaffte sie sich niemals aber als Künstlerin anzunähern, sie blickte also nie als Frau auf die eigene „dunkle Seite des Mondes.“

Und daher taugte sie für andere Frauen nur bedingt zum Vorbild (wie fast alle ausführenden Künstlerinnen, Schauspielerinnen, Sängerinnen), bleibt nur eine Ikone und heimlich geliebte, angebetete Göttin, und wuchs trotz ihrer Direktorentätigkeit letztendlich nicht über die passive Frauenrolle hinaus. Denn das versteckte lesbische/weibliche Begehren aufzeigen hängt, wie schon hier mehrmals erwähnt, eng mit der Freiheit und Menschwerdung der Frau zusammen. Und auch die große Künstlerin Marcia Haydée wurde zu keinem eigentlichen FrauMenschen und eröffnete somit auch nicht für andere Frauen die Möglichkeit (durch Vorbildcharakter) ihr eigenes FrauMenschSein zu entdecken/entwickeln.

Fazit: Künstlerische „Klemmlesben“ und „Klemmschwule“ finden also oft zusammen, aber meist schafft es nur der Mann sich aus der Heteronormativität zu lösen und ein wirklich schaffender/visionärer Künstler zu werden, der die „Menschheit“ wieder ein Stück vom Tierstatus weg hin zum Kulturwesen (weiter)bringt.

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*Nachtrag: Um Missverständnisse vorzubeuten, setze ich hier nochmal eine Definition drunter: Unter lesbischem Begehren verstehe ich nicht das, was heute im Allgemeinen unter dem „Label Lesbisch“ gelebt und öffentlich gezeigt wird. Es hat auch kaum etwas mit der doch sehr männlich-schwul-queer dominierten/orientierten Szene zu tun, sondern kann am ehesten noch mit „ weiblich emotional- sexuell aufeinander bezogen sein und sich als Maßgeblich sehend“ übersetzt werden. Es ist jene (auch erotische) Anziehung, die immer zwischen Frauen besteht, eine Welt unter der Welt, die noch aufgedeckt und geschaffen werden muss. Eine neue Kultur eben.