Solomon Sappho and Erinna in a Garden at Mytilene 1864

Noch im Jahre 1908 veröffentlichte ein amerikanisches Kindermagazin eine Geschichte, in der eine Jugendliche ihrer Schulkollegin ein Liebesgedicht widmet:

Meiner Liebe Stirne ist hoch und hell
Die windverwehte Locke kastanienfarben
Fällt sanft darüber Golden und Rot
Eine Aureole leuchtet über ihrem Kopf.
Die Augen strahlen klar und bernsteinfarben
Über den brauen Augen so golden,
Fallen saft die langen Schattenwimpern…
Oh, ganz blaß vor Neid die Rose wird
Die meine Lady an ihre Wange hält!…
Und aus reinster Freude gewänne sie ihre Farbe wieder
Wenn meine Lady sie küsste.

Hätte die Autorin dies nach 1920 geschrieben, wäre sie schleunigst zu einem Psychoanalytiker gebracht und wegen Geisteskrankheit behandelt worden. Oder sie hätte zumindest ihre literarische Figur vom Blitz treffen lassen, um sie so von der stets gerechten Natur (und der Hilfe eines redlichen Heterosexuellen) für ihr Vergehen zu bestrafen. Viel wahrscheinlicher aber ist, dass nach den zwanziger Jahren eine literarische weibliche Figur kein derartiges Gedicht an eine andere literarische weibliche Figur mehr schrieb. Die Erörterung gleichgeschlechtlicher Liebe war zu der Zeit in den meisten populären, amerikanischen Zeitschriften zum Tabu geworden. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts aber behandelten triviale Erzählungen das Thema noch ohne Befangenheit und ohne das Bewusstsein, dass solche Beziehungen „krankhaft“ oder „unmoralisch“ sein könnten. Mit der Verbreitung dieser ursprünglich europäischen Haltung wurden solche Liebeserklärungen im Verlauf des folgenden Jahrzehnts auch in den Vereinigten Staaten verboten. Noch zu Beginn des Jahrhunderts aber publizierten Zeitschriften wie St. Nicholas. Ladies Home Journal und Harper’s die leidenschaftlichsten Liebesgeschichten zwischen Frauen. (…)

Quelle: „Köstlicher als die Liebe der Männer – romantische Freundschaft und Liebe zwischen Frauen von der Rennaissance bis heute“, Lillian Faderman, Deutsche Erstausgabe 1990, Eco-Verlag

Wie kam es aber dazu, dass etwas, was heute als unterdrückte und „bemitleidete“ Untergruppe abgetan wird,  einstmals als völlig normal und vom Mainstream anerkannt existieren konnte?

Das Ende des 1.Weltkrieges, welches die wachsende Autonomie der Frau aufgrund der vielen im Krieg gefallenen Männer mit sich brachte, besiegelte auch das Ende einer über 300jährigen Epoche der sogenannten romantischen Freundschaften zwischen Frauen. Da Frauen nach dem Krieg immer mehr in die bis dahin hauptsächlich Männern vorbehaltene Berufswelt hineindrängten und die Liebesbeziehungen mit ihren Freundinnen nicht aufgaben, sondern sogar bekräftigten (mit der Unterstützung einer Freundin war die von hartem Konkurenzkampf geprägt und frauenfeindliche Berufswelt besser zu meistern als mit einem Ehemann, der dies nur wenig tolerierte …), sahen Männer ihre Vorherrschaft in der Welt und damit ihre Definition der Realität auf das erheblichste bedroht – die Gesellschaft drohte zu Gunsten der Frauen auseinander zu fallen. Denn bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts lebten Männer und Frauen in zwei getrennten und völlig unterschiedlichen Welten – die Geschlechter wurden getrennt aufgezogen, da man der Überzeugung war, dass Männer und Frauen zwei völlig unterschiedlichen Gattungen angehörten. Männer verkehrten beruflich mit Männern und es herrschte so gut wie keine Kommunikation zwischen den Geschlechtern. So hatten verheiratete Frauen zum größten Teil aus der oberen Mittelschicht viel Zeit um ihre romantischen Freundschaften zu pflegen und eine Art private/weibliche Gegenkultur zu der öffentlichen Männerkultur zu entwickeln. Da die Frau durch die Ehe (welche einem rein wirtschaftlichen Zweck diente) an den Mann gebunden war, dultete die Gesellschaft (platonische) Liebe zwischen Frauen (und zwischen Männern), so wie es auch heute noch im arabischen Raum der Fall ist. Diese Liebe wurde als eine höhere Seinsform angesehen und als Vorbild orientierte man sich an der planonischen Männerliebe der Griechen und Darstellungen von Männer- und auch Frauenliebe aus der Bibel.

Da im viktorianischen Zeitalter und noch lange danach Frauen eine eigenständige Sexualität abgesprochen wurde, man also die Existenz einer aktiv begehrende Frau für schlichtweg unmöglich hielt, wurde das Potential der romantischen Frauenfreundschaften für lange Zeit unterschätzt. So war es gesellschaftlich völlig normal und akzeptiert, dass Frauen in der Öffentlichkeit Händchen hielten, zusammen in einem Bett schliefen, sich küssten und Zärtlichkeiten miteinander austauschten. Man betrachtete dies mit einem Augenzwinkern auch als Vorspiel und Übung für die Ehe – in den Mädcheninternaten und Frauencolleges hatten bis zu 80% der Frauen Liebesbeziehungen mit anderen Frauen (die übriggebliebenen 20% waren Frauen, die aufgrund einer geringen Attraktivität oder schlechten Charaktereigenschaft als Freundin nicht so begehrt waren). Vor allem in England und Amerika blühte eine regelrechte Kultur der romantischen Freundschaft und beeinflusste auch stark die anglistische Literatur – Schriftstellerinnen wie Emily Dickinson oder die Bronte-Schwestern hatten romantische Freundinnen und widmeten ihnen zahlreiche Liebesgedichte. Lillian Faderman schreibt in ihrem Buch „Köstlicher als die Liebe der Männer – romantische Freundschaft und Liebe zwischen Frauen von der Renaissance bis heute:

[…] dass es fast ein Ding der Unmöglichkeit war, den Briefwechsel irgendeiner Frau des 19. Jahrhunderts zu untersuchen, ohne irgendwann in ihrem Leben auf eine leidenschaftliche Verbindung zu einer anderen Frau zu stoßen – und nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern ebenso in Großbritanien, Frankreich und Deutschland. Und weiter heißt es: In keiner fand sich auch nur die geringste Andeutung, dass die Frauen dies als ein Vergehen, eine Sünde empfanden oder eine solche Zuneigung als Anomalie betrachtet werden könnte. Ich entdeckte weiter, dass es an verschiedenen Orten und zu verschiednen Zeiten des 19. Jahrhunderts allgemein gebräuchliche Begriffe für Liebesbeziehungen zwischen Frauen gab: The Love of Kindred Spirits – Die Liebe der Seelengefährtinnen, Boston marriage – Boston-Ehe, und Sentimental Friends – empfindsame Freundschaft.

(Quelle: ebenso Lilian Faderman)

Diese Kultur lies sich bis in die Renaissance zurückverfolgen und vermutlich entstand sie zum ersten Mal unter Nonnen, die sich leidenschaftliche und erotisch konnotierte Liebesbriefe schrieben. Und es waren vor allem die Frauen der oberen Mittelschicht, die, da sie mit wohlhabenden Männern verheiratet waren und nicht selbst arbeiten mussten, genug Zeit dazu hatten, sich ihren Freundinnen zu widmen und mit ihnen neue Gedanken zur Emanzipation der Frau zu entwickeln. In den sogeannten Salon-Nachmittagen bekamen sie Zugang zu Kunst und Kultur – es wurden Schriftsteller und Dichter eingeladen, und sie wurden dadurch inspiriert selbst zu schreiben, entwickelten dadurch eine eigene weibliche Sprache und ein langsam von Männern unabhängig werdendes kulturelles Bewusstsein.

Mit dem Aufkommen der Sexualtheorien von Krafft-Ebing und Havelock Ellis um 1909 und später Siegmund Freud, wurde Frauenliebe benannt, auf die bloße Sexualität reduziert und als Krankheit pathologisiert. So fand der Ansatz/die Möglichkeit einer autonomen weiblichen Kultur (die Frau als ein vom Mann völlig unabhängiges Kulturwesen mit einer eigenen Sicht auf die Welt/Realität), die nach und während dem ersten Weltkrieg ein Zeitfenster zum entstehen gefunden hatte, schlagartig sein Ende. Was noch vor wenigen Jahren als gesellschaftlich völlig akzeptiert galt war zum Tabu geworden und als pervers deklariert. Der Glaube an die Psychoanalyse wurde zur neuen Religion/Form der Frauenunterdrückung und in dieser Zeit wurden die Kategorien Hetero- und Homosexualität überhaupt erst erfunden. Geschichten und Gedichte von Frauenliebe verschwanden innerhalb von wenigen Jahren aus den gängigen Frauenzeitschriften und nach dem Jahre 1909 konnte keine Frau einer anderen Frau offen ihre Zuneigung zeigen, ohne das sie fürchten musste des Lesbianismus verdächtigt zu werden. Die bereichernde romantische Freundschaft wurde im größten Teil des 20. Jahrhunderts als unmöglich betrachtet, da Liebe Sex ist, und Sex zwischen Frauen Lesbianismus und Lesbianismus eine Krankheit.
(In den Vereinigten Staaten dauerte die Kultur der romantischen Frauenfreundschaft übrigens noch bis in die 20er Jahre an, da man u.a. auf Grund der geographischen Distanz nicht so stark von der deutschen Ärzteschaft beeinflusst war.)

Und zu der Frage – die sich hier sicherlich die eine oder andere stellen wird –  nämlich ob die Frauen damals auch Sex miteinander gehabt haben, denke ich, dass dies wohl gelegentlich auch vorkam. Doch leider gibt es dazu kaum Quellen anhand derer man es belegen könnte, da die meisten Frauen kaum die  Möglichkeit hatten so offen und ehrlich über ihre Sexualität zu schreiben (und wohl darüber auch nicht so reflektierten). Offensichtlich erotisch ist aber die Sprache in den zahlreichen Gedichten, die sich romantische Freundinen schrieben und ich denke, dass die übertriebene Ausdrucksweise und das emotionale und spirituelle „sich Hineinsteigern“ auch Zeugnis einer nicht ausgelebten Sexualität waren…

Unser Fazit: Wenn vom Mann finanziell unabhängige (berufstätige) Frauen Liebesbeziehungen mit anderen Frauen leben und dann auch noch zusammen Sex haben, ist das eine Art Grenzüberschreitung zu einer neuen Seinsform. Dadurch wird endgültig die Barriere zwischen privater und öffentlicher Welt eingerissen und es können neue weibliche Hierarchien entstehen, die die alten Regeln des Patriarchats unterwandern. Frauen haben dann die Möglichkeit sich  – sowohl im Beruf als auch im Privatleben –  emotional und sexuell aufeinader bezogen zu unterstützen und die beiden Bereiche (der Öffentliche und der Private) werden daher nicht mehr so strikt voneinander getrennt sein und können irgendwann vielleicht ineinanderfließen.