Warum es eine Provokation ist, eine Frau zu lieben

Ein interessanter Artikel aus “Die Welt” vom 09. März 2015…

Warum es eine Provokation ist, eine Frau zu lieben

Klar, wir sind hier nicht in Moldawien oder in Putins Russland. Wir werden auch nicht bespuckt oder als pervers bezeichnet. Trotzdem sind die Reaktionen auf eine lesbische Liebesbeziehung absurd.

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Ist das jetzt ein Social-Media-Scherz? Unsere Autorin Andrea Hanna Hünniger mit ihrer Verlobten, der Schriftstellerin Helene Hegemann (vorne)

Die tiefsten Beleidigungen erkennt man viel zu spät, meistens abends, kurz vorm Einschlafen. Sie treffen, aber man kann nichts mehr sagen. Man kann nicht zurück ins Restaurant und sich angemessen aufregen, genauso wenig wie man dem letzten Grabscher nachträglich in die Eier treten kann. Man kann nur hoffen, beim nächsten Mal die richtigen Worte oder Kehlkopfschläge parat zu haben.

Vor einigen Wochen treffe ich eine gute Bekannte zum Mittagessen: Feministin, modebewusst und frisch geschieden. Sie schaut verträumt in den Raum und klagt über Männer im Allgemeinen. “Ich bin davon überzeugt”, sagt sie, “dass Männer und Frauen unterschiedlich sind.” Offenbar will sie mir diese Tatsache gleichzeitig als weltbewegende Neuheit und als eine Art Geständnis verkaufen.

“Es gibt Dinge, die kannst du nicht überwinden. Kerle wollen was anderes als Frauen.” Ich höre zu, sie fährt fort: “Solche Probleme habt ihr natürlich nicht. Ich wünschte manchmal, ich wär auch lesbisch.” Und fügt erbarmungslos hinzu, dass es ja viele Turbofeministinnen gebe, die sich ganz bewusst für eine Frau entschieden, weil sie Männer als Beschränkung ihrer Selbstverwirklichung ablehnten.

Ich kratze mir den Kopf, sage: “Ach, echt?”, und füge, statt zu widersprechen, irgendeinen pseudoprovokanten Scherz zum Thema “Frauenfeindlichkeit unter Lesben” hinzu. Erst zehn Stunden zu spät und mitten in der Nacht komme ich auf einen wichtigen Gedanken: Ist es nicht die krasseste unter den reaktionären Ansichten über Homosexualität, man könne sich aus marktwirtschaftlichen Motiven für oder gegen sie entscheiden? So wie man sich für eine Partei entscheidet oder eine Wohnzimmereinrichtung? Homosexualität ist in den Augen dieser jungen, aufgeklärten und links orientierten Frau offenbar bloß ein fauler Ausweg aus der Gendermisere.

Braucht Ihr dieses spießige Heteromodell wirklich?

Nein, denke ich, ich bin nicht mit einer Frau zusammen, weil ich mich gegen einen Mann entscheiden musste. Ehrlich gesagt: Würde ich mich entscheiden können, wäre ich weiß Gott nicht homosexuell. Durchschnittlich ist man zwischen sechs und elf Jahre alt, wenn man feststellt, es eventuell zu sein – und da macht man eher einen Selbstmordversuch statt Freudensprünge. Es ist nicht schön, es ist nicht hip. Dir wird dazu gratuliert, als seist du erfolgreich durchs Bällchenbad geschwommen. Süß halt und mutig.

Ich bin seit fast einem Jahr mit einer Frau zusammen, die ich im September heiraten werde. Das ist erst einmal keine Nachricht und auch keinen Text wert. Als ich das sogenannte Lebensereignis fröhlich auf Facebook teilte, bekam ich drei Variationen von Antworten. Erstens: Toll, Gratulation. Zweitens: Braucht ihr dieses spießige Heteromodell wirklich? Drittens: Ist das jetzt ein Social-Media-Scherz?

Klar, es könnte ein Scherz sein. Ich bin mit einer Frau zusammen und habe lange Haare. Da stimmt doch etwas nicht. Da muss doch irgendeine an verflossene Kerle gerichtete Verführungsstrategie hinterstecken. Mal abgesehen davon, dass ich das Wort “spießig” aus meinem Sprachgebrauch gestrichen habe (was ist damit gemeint? Manschettenknöpfe? Oder ist es spießig, “spießig” zu sagen?), frage ich mich, mit welcher Anmaßung da gesprochen wird.

Es gibt viele Beziehungen, die in die Brüche gehen, manche schnell, manche weniger schnell. An lebenslang glaubt nicht einmal mein dreijähriger Nachbar. Aber das ist nicht entscheidend. Man heiratet, um die Versicherung zu haben, dass man nicht beim kleinsten Problem einfach abhaut, um gezwungen zu sein, sich miteinander auseinanderzusetzen. Man schafft eine juristische Grundlage. Und ein ökonomisches Modell.

Auch nur so eine Karrierelesbe

Egal in welcher Ausnahmefunktion du agierst – wenn das, was dich von einem Großteil der Gesellschaft unterscheidet, kein Muttermal ist, sondern etwas, das dein Leben bestimmt, wirst du in deinen Ansichten entkräftet. Es wird dir unterstellt, nicht die Erfahrung der Mehrheit gemacht zu haben. Es ist egal, ob dein Umfeld als tolerant gilt oder nicht – dein Außenseitertum, deine Erfahrungswerte als “anderer” werden immer in deinem Handeln berücksichtigt. Du wirst nie in dem Maße neutral sein können, wie du es gern wärst. Jede deiner Aussagen wird gefiltert.

Letzten Sommer saß ich mit einem Gastrokritiker, Mitte vierzig, in einer Kreuzberger Weinbar. Die Weinbar ist chic, klein, der Schauspieler hinter der Bar verkauft sich als Sommelier. Dazu gibt es Käse aus regionalen Molkereien, italienische Biosalami und Salat aus wilden Kräutern. Der Gastrokritiker will später noch ins “Möbel Olfe”, eine bekannte Homobar am Kottbusser Tor.

Er stilisiert sich mit jedem Wort zu einem weltoffenen und hypertoleranten Mann. Zusammenhanglos und einfach um es mal loszuwerden, erklärt er mir seine Weltsicht am Beispiel von Anne Will: “Also, die Anne Will, die ist doch auch nur so eine Karrierelesbe.”

Ich versuchte mir das neu gelernte Wort zu merken. Was denn eine Karrierelesbe sei, will ich wissen. “Die kriegt einfach keinen Mann, der sie machen lässt, was sie will, und der stark genug ist für eine Frau wie sie, eine, die halt Karriere macht und Erfolg hat.”

Ich habe aufgehört, einen zu großen Push-up-BH zu tragen, seit ich mit ihr zusammen bin

Es wird Zeit, dass ich mich frage, was Toleranz heute ist und ob sie überhaupt noch etwas mit Empathie zu tun hat. Toleranz, überlege ich, kommt mir vor wie ein Seminar an der Uni, dessen Scheine ich brauche, obwohl es mich gar nicht interessiert. Toleranz ist nichts weiter als eine Erfolg versprechende Charaktereigenschaft. Ohne demonstrativ aufgefächerte Toleranz hast du buchstäblich nichts an. Und unter dem Schutz des toleranten Weltverstehens kann der Homoaffine die besten Beleidigungen verteilen. Denn er sagt ja, als Figur des Kosmopolitischen, einfach mal, wie’s is’. Und so isses dann.

Dass das Toleranzkonzept so erfolgreich ist, hat schlicht damit etwas zu tun, dass in einer kapitalistischen Gesellschaft nicht nur um dich herum alles attraktiv ist, sondern auch du selbst für alles und jeden potenziell von konkurrenzstrategischem Interesse sein musst. Und alles muss für dich von potenziellem Interesse sein. Intoleranz jedoch schließt einen Großteil der Erlebniswelt aus. Jeder Mann heute weiß, dass er am besten in Schwulenbars Frauen aufreißen kann. Jede Pornoseite lebt vom heißen Lesbensex.

Aber hier, im Bioweingutladen mit dem geilen Schauspieler hinter der Bar, wird dein Leben als Lesbe derart entwertet, als fehlte dir ein Bein. Also gibt es als Lesbe zwei Möglichkeiten, dir dein Leben zu gestalten: Entweder du erschließt dir eine Parallelgesellschaft und heizt als ausgestellte Kampflesbe über die Autobahn. Oder du trägst, wie ich, möglichst feminine Klamotten und interessierst dich für Make-up.

Meine Freundin sagt, dass sie nicht so oft hohe Schuhe anziehen würde, wenn sie mit einem Mann zusammen wäre. Andererseits habe ich aufgehört, einen zu großen Push-up-BH zu tragen, seit ich mit ihr zusammen bin.

Besser klarstellen, dass man nicht auf einen Penis verzichten kann

Vor allem die Frauen in Hollywood sind natürlich demonstrativ bisexuell – schließlich darf man männliche Zuschauer nicht mit der Tatsache konfrontieren, dass man nicht auf Schwänze steht. Du signalisiert den allergrößten Respekt vor Männern, wenn du gleich dazu sagst: Ja ich bin mit einer Frau zusammen, aber natürlich bi. Männer aus deinem sexuellen Kosmos komplett auszuschließen ist ein größerer Angriff auf das Gleichgewicht der Welt, als wenn zwei Männer öffentlich kundgeben, dass sie keine Frauen wollen. Es ist als Frau also wichtig, vorsichtshalber klarzustellen, die Randgruppe der Lesben zu kennen, aber beim besten Willen nicht auf einen Penis verzichten zu können.

Dass alles andere ein offensichtlicher Angriff ist, spüre ich jedes Mal, wenn ich mit meiner Freundin in angesagten Läden Bekannte treffe. Zugegeben: Feierleichen von vorgestern, aber es sind eben die, die beim Anblick zweier attraktiver Frauen als Erstes beherzt an den Arsch packen, als seien sie Hunde, die ihr Revier anpissen müssen.

Vor Freude über unsere tolle Beziehung werden wir höflich und tolerant gestreichelt oder auf einer Party zu einem Dreier ermutigt. Ich wage zu behaupten, dass eine heterosexuelle Frau in solchen Momenten die Hand weit und leidenschaftlich ausholt. Viele lesbische Frauen sind zum Erhalt ihrer Würde darauf angewiesen, in diesem Moment von anderen, nämlich Umstehenden, gestärkt zu werden, deren Aggression als “normale Reaktion auf ein unangebrachtes Angebot” eingeordnet werden kann. Ich bin in meinem Handeln schlicht eingeschränkt, aus Angst, dass mir meine Abweichung zum Vorwurf gemacht wird, denn das tut mehr weh, als wenn dir jemand sagt, dass du halt eine Schlampe bist.

Es kann sein, dass es hier Überschneidungen gibt mit anderen genervten Gruppen, zum Beispiel sexistisch angequatschten Heterofrauen. Aber man hat in diesem Moment eben nicht einfach nur ein Problem. Man hat die Erfahrung gemacht, selbst Problem zu sein. Es passiert in mir und meinem Gegenüber sofort etwas Fundamentales, wenn ich sage, ich bin jetzt mit einer Frau zusammen. Da ist ein kurzer Moment, zwischen Erkenntnis und Freude, in dem das Gegenüber aus dieser neuen Informationen diverse Schlüsse zieht. Einer Frau, die sagt, dass sie schon hin und wieder gern mit einer anderen Frau knutscht, kann Mann ein aufgeschlossenes Sexleben unterstellen und ihr zutrauen, in Zukunft ein ebenso aufregendes Sexleben mit ihm zu gestalten.

Vom Wunsch, lesbisch zu sein

Wenn ich sage: Hallo, wir werden bald heiraten, rattern die folgenden Reaktionen im Kopf des anderen ab. Enttäuschung: “Schade, ich dachte, das ist nur eine Phase, und da geht noch was.” Mitleid: “Ach, das arme Ding, in Russland dürfte die nicht mal den Führerschein machen.” Erklärungsversuch: “Ob sie mal vergewaltigt wurde?” Anflug von Tadel: “Na, hoffentlich adoptieren die kein schwarzes Kind, sonst hat das gleich zwei Probleme.”

Bei diesen Erfahrungen handelt es sich nicht um Reihenhausdenkweisen, es handelt sich um die Gedanken von aufgeklärten Leuten, die weit gekommen sind, weil sie extrem liberal sind. Klar: Immer noch gibt es Kinder, deren Eltern nicht mehr mit ihnen sprechen, weil sie sich geoutet haben. Es gibt Fälle von brutalem Mobbing, psychischer und körperlicher Art, nicht nur im städtischen Gymnasium, auch im Büro, im Kegelklub, in Erwachsenen–Institutionen. In Moldawien sind neunzig Prozent der Bürger dafür, Homos mit dem Tod zu bestrafen. Dieses Land ist geografisch nicht sehr weit von uns entfernt.

Natürlich ist es eine Errungenschaft, dass man nicht “pervers” genannt und angespuckt wird. Aber darum geht es hier gerade nicht. Es geht um Toleranz, die nur noch eine Technik ist, um das eigene Fortkommen zu sichern. Ich gebe Toleranz nur deshalb vor, weil alles andere zu viel Reibung erzeugt und ich dann bestimmt nicht zum Personalchef befördert werde. Aber die Ressentiments bleiben.

Ich habe das Gefühl, mich mit diesem Text in eine tiefe Grube zu setzen, aus der ich nicht mehr so leicht rauskomme. Und ich gebe zu: Unter den Jüngeren ist das alles ja schon wieder was ganz anderes. Das Einkalkulieren von Schwierigkeiten mit einem Homosexuellen ist dem Stolz gewichen, einen heterogenen Freundeskreis zu haben und daraus einen Gewinn zu ziehen. In einem Interview mit Lena Dunham, der Kampffeministin mit exhibitionistischem Antlitz, lese ich die Sätze: “Ich habe mir so oft gewünscht, lesbisch zu sein, weil so vieles am Umgang mit Männern schlicht frustriert. Leider mag ich Männer in sexueller Hinsicht doch lieber.”

Übersetzt heißt das: Ich bin leider normal.

Orginaltext findet man hier.

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