Wir lesen zur Zeit das Buch „Die Frau im Sand“, eine Sammlung von erotischen Erzählungen und Gedichten von Frauen aus Lateinamerika. Es sind auch Werke von heterosexuellen Frauen dabei, doch wir lieben sie dennoch, weil die Sprache sinnlich und weiblich ist. Hier sind zwei lesbische Gedichte, das eine ist eher sexuell und das andere beschreibt die unerfüllte Liebe zu einer „Hetero-Frau“ (Klemmlesbe):

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Bilder von Georgia O’Keeffe

GIOCONDA

Meine Vulva ist Blume
Muschel
Feige
Samt.
Jeder Winkel hat seinen Geschmack und Geruch,
Farbe der Rose,
weich,
vertraut,
fleischig.

Als ich zwölf war, wuchs ihr Flaum,
Wattebausch zwischen meinen Schenkeln,
sie fühlt, vibriert, blutet, grollt, wird feucht und pocht,
spricht mit mir.

Eifersüchtig bewacht sie ihre Falten
das genaue Zentrum meines Kosmos,
winziger Mond, der Feuer fängt,
Welle auf dem Weg in ein anderes Universum.

Alle fünfundzwanzig Tage wird sie rot,
explodiert,
schreit,
dann halte ich sie fest in meinen Händen
und flüstere ihr Worte der Liebe zu.

Sie ist mein zweiter Mund,
meine vier Lippen,
sie ist bockig,
übermütig,
sprudelt,
überflutet mich.

Sie liebt Zungen wie Schmetterlinge,
solidarische Penisse,
das Fleisch der weiblichen Pflaume,
oder einfach
meine eigene Zärtlichkeit.

Sie ist Panther,
Gazelle,
Kaninchen,
kokett, wenn man ihr schmeichelt,
Angriffen hermetisch verschlossen;
meine Komplizin,
meine Freundin,
das ewige Lächeln einer erfüllten Frau.

Rosamaria Roffiel – Mexiko


GELIEBTE FREUNDIN

Die Frauen, die mich besuchen,
haben keine Ahnung,
was sie in mir auslösen.

C. weiß nicht, dass ich davon träume,
sie zu streicheln,
unsichtbar,
wenn sie die Batartenmarmelade
auf ihr Brotstreicht, als ob sie
mit heiligen Kelchen und Steinen spielt,
und wie sie die Hand hebt,
um sich mit dem Messer
Butter zu nehmen,
eine Geste,
in der Ozeane balancieren
und fröstelnde Frauen
neue Kraft schöpfen.
Gewellt und geradelinig
wie Radarstrahlen.

Wenn sie den Rock hebt
und mir den silbernen Schlüpfer zeigt,
sehe ich die Wellengruppen ihrer Hüften,
wie sie die Perfektion
ihrer Rundungen wiederholen,
bis zur vollkommenen Verwirrung.

Ich wünsche mir so sehr, dass sie sich nicht bewegt,
um in ihr zu wohnen,
zu atmen und zu schlafen
auf diesen glatten Flächen.

Ihr Schenkel ist so dunkel,
ihr Haar glänzt,
als spräche es eine andere Sprache.
Meine Worte sind so unbeholfen,
doch wie soll ich sagen:
„Wie schön du bist.“
„Ich bin so froh,
dass du da bist.“

Wenn wir im Buch mit den Renaissancezeichnungen
die italienischen Primitiven betrachten,
liegt mir auf den Lippen:
„In dieser Stadt erkenne ich dich.“
„Diese Hügel sind wie du.“
„Du hast die gemalt.“

Deine Finger ahmen unwissend
die Flügel
der allegorischen Sirene
nach.
Aber das ist es nicht.
Du kommst aus Lorenzettis Land,
aus Lorenzettis Städten.
Eines Tages werden du und ich
dorthin zurückkehren.

Störe dich nicht daran,
dass zwei Frauen sich liebkosen
auf diesem Bild.
Irgendwann streichele ich auch dich.
Sorge dich nicht, dass du alterst,
du gehst nur hinüber in eine andere Zeit,
wie auch ich.
Lebe von dem, was du mir erzählst,
von einem Glas Wein,
wenn du die Schwelle übertrittst.
Nähre dich davon und genieße es,
höre nicht auf, von jenem Bild zu träumen,
jenes Meisters von Fontainebleau,
auf dem eine Frau
die Brust der anderen umfasst:
ganze Epochen lang
wird deine Brust
umfangen werden.

Ich will leiden,
mich in dich versenken,
dich erhängen
und in ein großes Loch graben,
in dem die Erde dich bedeckt,
langsam, und sehen, wie deine Farben
unter der kaffeebrauenen Erde verfaulen.
Liebst du nicht die Kombination
von Violett und Kaffee?

Ich wollte nicht vom Tod sprechen,
aber da du ihn so fürchtest,
wie sollte ich da nicht?

Es bleibt so wenig Zeit,
um zu sehen
und zu reden.
Wäre ich ein Mann,
ich würde dich verführen
und dich dazu bringen,
alles hinter dir zu lassen
und zu vergessen,
aber die Idee gefällt mir nicht.
Männer sind immer draußen,
einsam und allein,
und nichts entbehren sie mehr,
als drinnen zu sein,
ein wenig Wärme zu spüren,
Ebbe und Flut.

Ich bin es leid,
deine Widerstände
und Gewissensbisse.
Nie lässt du dich einfach gehen,
was mir auch lieber ist,
denn wenn du es tust,
wird dir dein Herz zerspringen,
es wird aufblühen,
es wird weh tun.

Es ist nicht wahr, dass ich deiner müde bin.
Meiner selbst bin ich müde.
Ich kann es nicht mehr ertragen,
dass du dich in andere verliebst,
und mich nicht einmal wahrnimmst.

Wenn du eine Woche lang
Flanellhemden
und Wollsocken trägst,
hässlich und alt aussiehst,
um ein wenig zu sterben,
dann möchte ich bei dir sein,
wenn du wieder auferstehst
und deine dunklen, feuchten
Augen triumphierend strahlen.

Ich möchte ein Indianer sein,
der sich in den Bergen versteckt
und sich niemals blicken lässt,
weil ihm alles weh tut.

Mich in meinem eigenen Licht erhellen.

Du bist geboren
aus der Begegnung
deiner Mutter mit dem Tod,
nicht einmal als Kind
kannst du rosig gewesen sein.
Die Männer, die mit dir ins Bett gehen,
glauben, niemals zurückzukehren,
unter zu gehen,
glauben, dass du auf ihrem Rücken
feuchte Spinnweben flichtst
und – da du bestimmt beste
Beziehungen zu Vulkanen hast –
sie in deren Krater hinabwirfst,
und sollten sie sich befreien können,
dann nur, weil du Mitleid zeigst.

Ich fürchte dich,
weil du mich nicht sehen kannst
wie ich dich sehe,
weil du mich nicht lieben kannst
wie ich dich liebe,
du kannst dir nicht einmal vorstellen,
mich liebevoll zu berühren,
eine Weile mit mir zu leben,
mir die Haare vornehm aufzutürmen
oder mich zu bitten, den Tee umzurühren
mit der Spitze meiner Brust.

Die menschliche Seite in dir
ist der animalischen
nicht gewachsen.
Manche meinen
du hättest stolze und
verletzende Züge,
doch wer dich fiebernd
oder zu Zeiten der Menstruation erlebt hat,
liebt dich ganz gegen
deinen Willen,
falls du einen Willen hast.
Nur Intensität verleiht
deinem Leben Macht,
und der Tod findet sein Ende
in den haarigen Quellen
und heißen Blicken.

Was gäbe der Tod darum,
wenn du nicht
solche runden Augen hättest,
solche Brüste,
solche Schenkel,
solche Knöchel –
um dich zu beherrschen,
dich einzuwickeln und aufzubewahren –
ein für alle Mal.

Cecilia Vicuna – Chile