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Da, um die Anziehung zwischen Butch und Femme bzw. die „Naturgegebenheit“ dieses Rollenspiels zu erklären, oft das Yin-und-Yang-Prinzip- oder auch die Archetypenlehre von C. G. Jung, die darauf basiert- verwendet wird, habe ich hier mal einen Text draufgestellt, der die ursprüngliche Bedeutung des TAO erklärt.

Argumente für die Naturgegebenheit des Rollenspiels:

Joan Nestle bot bei einer Podiumsdiskussion ihre Version der Archetypenlehre von C.G. Jung. Wenn sie eine Butch treffe, erlebe sie „ein gewisses grundlegendes, prähistorisches Vorwissen“. Jewelle Gomez, eine weitere Podiumsteilnehmerin, beteuerte, Rollenspiel sei natürlich und zwangsläufig. Butch und Femme repräsentieren „die beiden Pole, die die Natur uns allen mitgegeben habe“. Als Beweis nannte sie Volksweisheit und das Yin-und-Yang-Prinzip. In den westeuropäischen puritanischen Religionen sei diese alte Weisheit verloren gegangen, so dass die Menschen vergessen hätten, dass „in jedem Individuum zwei Seiten sind“. Der Feminismus, der die Volksweisheiten patriarchaler Ideologien über die Natur der Geschlechter grundsätzlich in Frage stellt, hat vermutlich zu diesem tragischen Vergessen beigetragen. Sie beschreibt diesen grundlegenden Dualismus als „ein natürliches Prinzip, ein natürliches, psychologisches, biologisches, emotionales und physiologisches Prinzip“.

 …während in Wahrheit „Butch und Femme mit männlich und weiblich nichts zu tun haben“. Rollenspiel ist „etwas zutiefst Weibliches“, das aus anderen Wurzeln als der Männer/Frauenrolle kommt, aus einem Archetyp, von dem sowohl Männer/Frauenrollen wie die lesbischen Rollen abstammen, ein naturgegebener Dualismus. Das heißt, Lesben imitieren nicht ein heterosexuelles Original, sondern erhalten ihre Rollen unabhängig und aus der gleichen natürlichen Quelle wie heterosexuelle Männer und Frauen.

 (Sheila Jeffreys: Ketzerinnen, Kapitel: Das essenziell Lesbische, S. 94/95, 1993)

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TAO – ein patriarchales Missverständnis (Text von Kirsten Armbruster)
„Das ca. 500 v. u. Z. entstandene Tao Te King, das „Buch des Weges“, ist der spirituelle Klassiker Chinas und das Standardwerk des Taoismus schlechthin. Es begründet die Lehre der Polarität allen Seins mit dem Yin-Yang-Prinzip“. So wirbt der Goldmann-Verlag für seine 2003 erschienene deutsche Erstausgabe, eine „zeitgemäße“ Version für westliche Leser. Über den Autor Laotse ist kaum etwas bekannt, er gilt eventuell als älterer Zeitgenosse Konfuzius, dessen Lehren schon eindeutig dem patriarchalen Kontext zugeordnet werden können. Tatsächlich finde ich in den 81 Sinnsprüchen des Tao Te King keine Beschreibung der angeblichen Polarität des Yin – und Yang-Prinzips. Stattdessen finde ich dort- im Gegensatz zu den tief patriarchalen buddhistischen, hinduistischen und monotheistischen Theologien- die Mutter:

Ich lese dort unter Vers 28:
„Kenne das Männliche, doch halte dich an das Weibliche.“

 Unter Vers 51 lese ich:
„Jedes Wesen im Universum ist ein Ausdruck des Tao.
Das Tao bringt alle Wesen hervor, nährt sie, erhält sie, sorgt für sie, erquickt sie, beschützt sie, nimmt sie wieder zu sich…“

Was ist aber nun das Tao?
Frühe Zeugnisse in China deuten – wie überall auf der Welt – auf die Existenz einer ursprünglichen Muttergesellschaft hin, in der die Frauen aufgrund matrilinearer Erbfolge und matrilokaler Blutsfamilie im Zentrum der Gesellschaft standen – diese Strukturen haben sich bis heute in einigen Teilen Chinas, z. B. bei den Mosuo, erhalten.
So findet sich nämlich schon im „prähistorischen“ China eine aseitätische, eine aus sich selbst Leben schöpfende Schöpfergöttin und den Wissenschaftlern der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften in Peking gelang der Nachweis einer soziologischen Verschiebung von einer eher friedlichen und egalitären Gesellschaft in denen weibliche Gottheiten eine Schlüsselrolle spielten, zu einer Zeit, an denen sich die chinesische Gesellschaft begann zu einem Herrschaftsmodell zu entwickeln. In einem Artikel über Mythos und Realität der Geschlechterbeziehungen im prähistorischen China schreibt Professor Cai Jungsheng:

„NuWa (Nüwa) ist die wichtigste weibliche mythologische Figur, die aus prähistorischer Zeit überliefert ist. NuWa wurde von den Chinesen lange Zeit als Schöpferin der Welt angesehen. Eine sorgfältige Untersuchung chinesischer Mythen zeigt jedoch, dass zur selben Zeit, wie sich die Sozialstruktur in Richtung Patriarchat veränderte, NuWa ihre Macht verlor, bis schließlich Mythen geschaffen werden, in denen sie stirbt“. (Jungsheng, zit. nach Eisler: Die Kinder von morgen, 2005, S. 164).

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NuWa (Nüwa); Schöpferin der Welt, Mutter des Universums

Der Taoismus, der in China zur Zeit der Zhou-Dynastie, 1046-256 v u. Z., weit verbreitet war, greift im Tao Te King des Laotse noch das uralte Wissen und die allumfassende Bedeutung der aseitätischen Urmutter auf. Dort wird nun auch klar, was das Tao eigentlich ist:

Vers 6:
„Das Tao bezeichnet man als die Große Mutter.
Leer, doch unerschöpflich,
bringt es unzählige Welten hervor.
Es ist immer in dir da.
Du kannst es ganz nach Belieben verwenden.“

Vers 20:
„Ich unterscheide mich von normalen Menschen.
Ich trinke aus den Brüsten der großen Mutter.“

 Vers 25:
„Es gab etwas Formloses und Vollkommenes,
bevor das Universum entstand.
Gelassen ist es und leer.
Einzig und unverständlich.
Grenzenlos und ewig verfügbar.
Es ist die Mutter des Universums.
In Ermangelung eines besseren Namens,
nenne ich es das Tao.

Das heißt ganz klar, das Tao wird mit der Mutter gleich gesetzt, mit der Mutter des Universums, mit der Mutter aller Mütter, wie auch die ägyptische Mut und das Wort Mutter ist sicherlich von diesem originären Verständnis der Mutter abgeleitet.

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Jede kennt nun das Zeichen für das Tao, den Kreis, der angeblich das Yin- und Yang-Prinzip als Polarität allen Seins aufgreift. Unter der Polarität allen Seins wird allgemein die Polarität zwischen den Geschlechtern gemeint, wobei heute selbst in feministischen Kreisen dem Yin- und Yang-Prinzip folgendes Verständnis zugeschrieben wird:

„Fernöstlicher Philosophie zufolge beruht alles im Universum auf der Polarität von Yin (weiblich/rezeptiv) und Yang- (männlich/aktiven) Energien. Yin ist alles was offen, nachgiebig und miteinander verbunden ist. Yin verkörpert Intuition, Gefühl und tiefe Weisheit von innen heraus. Es ist die weibliche Macht, die mit den subtilen und scheinbar unsichtbaren Kräften und Rhythmen der Natur und der Harmonie in allen Beziehungen verbunden ist…Yang hingegen ist aktiv und direkt. Es ist die logische, intellektuelle Energie, die Informationen sucht und Kontrolle anstrebt. Seine Macht rührt vom Tun und Erstellen her. (S. 22/23)

 Eine Seite weiter schreibt die Autorin:

 „Wenn zwischen beiden Seiten Gleichgewicht herrscht und sie harmonisch miteinander wirken, erleben wir eine sogenannte „göttliche Verbindung“, in der das Männliche das Weibliche achtet und unterstützt und ihm Schutz auf dem Weg in die Welt bietet.“ (Anita Johnston: Die Frau, die im Mondlicht aß, 2003, S. 24)

Was für eine patriarchale Gehirnwäsche und was für ein Missverständnis des Tao-Zeichens. Wenn das Tao die Mutter ist, dann gibt das Zeichen des Tao auch das Mysterium der Mutter wieder und dieses Mysterium der Mutter bedeutet:

Die Mutter ist das Urbild für die Überwindung der Polarität zwischen den Geschlechtern. In der Mutter entsteht weibliches und männliches Leben gleichermaßen, in der Mutter wird männliches und weibliches Leben gleichermaßen genährt und weibliches und männliches Leben wird auch von der Mutter gleichermaßen geboren. In der Mutter findet kein Kampf zwischen den Geschlechtern statt und in Umkehrung dieses Gedanken findet der Kampf zwischen den Geschlechtern erst seit der patriarchalen Entwertung der Mutter statt. Und weiter bedeutet das: Wenn sich Männer innerhalb dieser Natürlichen Ordnung der Mutter (NOM) bewegen, so sind sie natürlich männlich und damit gesund und heil. Bewegen sich Männer aber außerhalb der Natürlichen Ordnung der Mutter (NOM), wie wir es seit 6500 Jahren von vielen Männern im Patriarchat erleben, so ist das Männliche zerstörerisch, eben patriarchös, d. h. neurotisch entartet. Das Männliche befindet sich im wahrsten Sinn des Wortes außerhalb der natürlichen Ordnung der Art.

Bewegen sich Frauen geistig in dem ganz offensichtlich patriarchal fehlinterpretierten polaren Yin-und-Yang-System, so unterwerfen sie sich fehlgeleiteten patriarchalen Machtinterpretationen. Dann können sie nur im Männlichen das Aktive sehen, dann dreht sich ihr Selbstverständnis im passiven rezeptiven Bereich und sie glauben sich nur im Schutzkreis eines Mannes sicher. Dann können sie nicht „Tun“, d. h. sie bleiben in der logischen Konsequenz immer Opfer, während in Umkehrung und genauso unselig, die Männer immer die Täter sind. In diesem Verständnis geben die Frauen, wenn sie sich weiblich verhalten immer nach, während das Männliche mit Durchsetzen assoziiert wird. Frauen suchen die Harmonie, d. h. sie sind in diesem System harmoniesüchtig, also süchtig nach Harmonie und das ist das Gegenteil von konfliktbereit.

P.S.: Kirsten Armbruster hat noch dazu geschrieben: Ich habe das Tao te King von Laotse und da steht überhaupt nichts von Yin und Yang. Da ja in dieser Idee das Männliche immer das Aktivere ist, gehe ich davon aus, dass das erst nachträglich tradiert wurde und zwar in den bereits patriarchalen Paarungsstrukturen, denn das entspricht ja nicht der Natur und auch nicht der Biologie. Ich verstehe das Tao-Zeichen als das Zeichen der Mutter. Im Leib der Mutter wächst das Männliche und das Weibliche heran. Das ist eine natürliche mütterliche Ordnung. Und genau so schreibt Laotse das auch.

Fortsetzung folgt…