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Nachdem ich im letzten Artikel das Konzept der romantischen Frauenfreundschaften und ihre Einordnung- oder eben Nichteinordung- in das Lesbischsein/die homosexuelle Identität vorgestellt habe, möchte ich mich jetzt mit dem Phänomen Butch-Femme beschäftigen. Also mich mit den Gründen auseinandersetzten, warum manche Frauen eine Art Männerrolle (oder zeitgemäßer ausgedrück: ein maskulines Gender) annehmen, das, wie ich noch später erläutern werde, seit ca. den 80/90er Jahren dieses Jahrhunderts bis hin zur körperlichen Transsexualität, also der operativen Frau-zu-Mann Umwandlung gehen kann; und dann folgt oft noch zusätzlich eine sexuell-emotionale Hinwendung zu schwulen Männern…. Aber zunächst habe ich hier den ersten Teil eines Textes von Sheila Jeffreys reingestellt, in dem sie die Butch-Femme, bzw. Kesser Vater/KV und Femme Bar-Szene der 40er, 50er und 60er in den USA vorstellt und sich fragt, was die Motivation für dieses Rollenspiel damals war, und warum es bis heute noch existiert, bzw. ein Revival erfahren hat. Sie analysiert die Rollen und hinterfragt die Gründe für die erotische Faszination an „Gegensätzen“ und auch, ob dieses „Trans-gender-Rollenspiel“ biologische (eine Art innere Transsexualität) oder mehr sozial-kulturelle Gründe hat.

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„Kesser Vater“ (Butch) und „Femme“: Heute und damals
In den späten 60er und frühen 70er Jahren entwickelte sich Kritik an der Rollenverteilung „Kesser Vater“ (künftig abgekürzt KV/heute heißt das Butch) und „Femme“ in lesbischen Beziehungen. Diese Rollenverteilung war in der lesbischen Gemeinschaft nie allgemein verbreitet gewesen, und als sich in den 60er Jahren bei heterosexuellen Paare eine Abkehr vom Geschlechtsfetischismus entwickelte, gab es auch unter jenen Lesben, die in einer Rollenverteilung gelebt hatten, eine ähnliche Abkehr davon. In lesbisch-feministischen Kreisen und in den Teilen der Gemeinschaft, die sich selbst als radikal und progressiv bezeichneten, vermieden es die Lesben in den70er Jahren, sich selbst als KV oder Femme zu identifizieren, obwohl es trotzdem zweifellos derlei Rollen gab, und noch viel verbreiter waren sie in den politisch wie geographisch weniger aus dem neusten Stand befindlichen Teilen der lesbischen Subkultur, die von der Schwulenbewegung und dem lesbischen Feminismus kaum beeinflusst worden waren.

Für viele Lesben in den 80er Jahren war es ein Schock, als sie feststellten, dass einige Lesben in den USA, die frau als Anführerinnen ihrer Gemeinschaft betrachten konnte, die sich als Romanautorinnen oder als Sexualschriftstellerinnen damit befassten, unsere Geschichte aufzuarbeiten, sich selbst wieder als KV oder Femme identifizieren. Sie nahmen diese Rollen nicht einfach locker an, sondern sie forderten, die Rollenverteilung sowohl in der lesbischen Geschichte als auch in der lesbischen Gegenwart als revolutionär und positiv anzuerkennen. (Die meisten meiner Quellen stammen aus den USA) Lesben, die sich heute als KV oder Femme identifizieren, kritisieren die Feministinnen, weil diese die Rollenträgerinnen ablehnen und vor allem, weil sie die lesbische Geschichtsschreibung entstellt hätten, in dem sie die Rollenverteilung in einem negativen Licht darstellten. Einige lesbische Historikerinnen, die die lesbische Rollenverteilung in der Geschichte studieren, behandeln die KV´s und Femmes, denen sie begegnen, mit uneingeschränkter Bewunderung. Davis und Kennedy, die die Geschichte von Lesben in Buffalo im Staat New York der 40er und 50er Jahre nach mündlichen Berichten aufgezeichnet haben, (Amazon: Boots of Leather, Slippers of Gold: The History of a Lesbian Community) schreiben über die KV- und Femme-Lesben, die sei interviewten:

Wir glauben, dass diese Frauen Heldinnen waren, die die Entwicklung des stolzen Schwulseins im 20. Jahrhundert geformt haben, indem sie unter vorurteilsbehafteten Bedingungen eine Kultur des Überlebens und des Widerstands schufen und dieses Gemeinschaftsgefühl an die Jüngeren weitergaben; nach unserer Überzeugung sind dies Hinweise auf eine Lesbenbewegung in ihrem vorpolitischen Stadium.

Für solche Chronistinnen ist genau jeden Rollenspiel, das die Lesben in der Schwulenbefreiung und im lesbischen Feminismus ablehnten, die radikale Ausgangsbasis für die Lesbenbefreiung. (Gay-Liberation-Bewegung Anfang der 70er Jahre in den USA, aus der sich dann der lesbische Feminismus abspaltete/entwickelte.)
Aber es gibt viele Lesben, die die Rollenverteilung in jener Zeit selbst mitgemacht haben und sie als nicht positiv ansehen. Solche Lesben, die, die wie Julia Penelope, das Rollenspiel aufgegeben haben, nachdem sie eine feministische Kritik an dieser Praxis entwickelt hatten, betrachten die gegenwärtige Rückbesinnung auf die KV- und Femme-Identität und deren Aufwertung mit Besorgnis. Penelope sieht diese Rückbesinnung als Teil eines Gegenschlags gegen den Feminismus:

Die Impulse, die Etiketten „KV“ und „Femme“ wiederzubeleben und ihre Bedeutung (wie verspätet auch immer) einige politische Respektabilität einzuimpfen, indem über „Gefühle aus dem Bauch“, „Intuition“ und „Power“ gesprochen wird, ist die lesbische Manifestation des gegenwärtigen Rechtsrucks, unterstützt auch von der nostalgischen Sehnsucht nach den 50er Jahren („Happy Days“) und der Illusion von Sicherheit, die wir bekommen, wenn wir zu dem zurückgehen, was wir uns als „bessere Zeiten“ vorstellen (gewöhnlich deshalb, weil wir sie nicht erlebt haben), und dem Reden über das „Einfordern unseres Erbes“.

Hier zeigt sich ganz deutlich ein wichtiges Thema für lesbische Historikerinnen und für alle Lesben, die sich für unsere Geschichte interessieren. Die zur Diskussion stehende Epoche – die 40er, 50er und 60er Jahre – ist vielen Lesben noch nahen genug, um aus ihrer eigenen Erfahrung heraus in die Debatte einzusteigen, manchen jungen Lesben jedoch so fern, dass sie ihren wie eine weit entrückte Geschichtsepoche vorkommen mag, über die sie etwas lernen wollen. Penelope schlägt vor, ehe wir davon sprechen, unser „Erbe“ einzufordern, als läge es in der Vergangenheit, erst einmal zuzugeben, dass es in unserer Gegenwart Millionen Lesben gibt, die noch nie daran gedacht haben, ihre jeweiligen Rollen aufzugeben. Sie weist darauf hin, dass es einen Unterschied zwischen dem Schreiben und dem Umschreiben von Geschichte gibt, zwischen der Dokumentation und der Romantisierung, und genau diesen Unterschied will ich hier betrachten. Indem ich die Schriften von Lesben verwende, die ein leuchtendes Bild der Rollenverteilung in der lesbischen Vergangenheit malen, aber auch Schriften von jenen, die das Rollenspiel damals wie heute als negativ und einschränkend für Lesben betrachten, werde ich versuchen, so etwas wie eine „Dokumentation“ herzustellen, die sowohl zeigt, was das Rollenspiel in den 50er und 60er Jahren bedeutete, als auch, warum einige Lesben heute darauf zurückgreifen wollen.

Ich bin in dieser Debatte nicht neutral und betrachte die Rückbesinnung auf die Rollenverteilung als eine für Lesben gefährliche politische Entwicklung. Ich selbst habe lesbisches Rollenspiel nicht in seiner Blütezeit erlebt, aber ich sehe, dass Muster lesbischer Beziehungen und Identifikationen, die auf Dominanz und Unterwerfung und Geschlechterfetischismus basieren, in der heutigen lesbischen Gemeinschaft durchaus vorhanden sind. Mein Interesse am Rollenspiel hat seine Ursachen in meinen Ängsten vor der zeitgenössischen Rollenverteilung und in meiner Überzeugung, dass die Version der Vergangenheit, die uns die Befürworterinnen von KV und Femme geben, irreführend ist. Dieses Kapitel wird das „Was“ und „Warum“ der Rollenverteilung in den 50er Jahren behandeln und darstellen, was zeitgenössische Chronistinnen daraus gemacht haben.

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Julia Penelope, 1959

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Merrill Mushroom, 1958

Was
Merrill Mushroom beschreibt in autobiografischen Texten und in Kurzgeschichten, wie es war, in den 50er Jahren eine KV-Lesbe zu sein. Sie erläutert, dass es eine große Bandbreite von Rollen gab, die innerhalb des Rahmens von KV und Femme gespielt werden konnten. KVs konnten durchschnittliche KVs sein, oder „strenge“ KVs, die sich niemals mit Femmes einließen, Anzug KVs, die in vielen Lebenslagen als Männer durchgingen, Total KVs, die sich von ihren Partnerinnen nie berühren ließen (heute heißt das stone-Butch, ihr Gegenstück ist dann die high-Femme), oder Femmi-KVs, die man für Femmes halten konnte. Femmes hatten weit weniger Wahlmöglichkeiten und konnten durchschnittliche Femmes sein oder KV-mäßige Femmes. Lesben, die beide Rollen spielten, ja nachdem, mit wem sie gerade zusammen waren, nannte man Ki-Ki. Diese Ausdrücke waren aber unter Lesben nicht überall gebräuchlich. Ethel Sawyer berichtete in einem University of Washington- Aufsatz (google books: A Study of a Public Lesbian Community), den sie 1965 über die schwarzen Lesben in Saint Louis, Missouri, geschrieben hat, dass dort die Ausdrücke „Kerl“ und „Fische“ statt KV und Femme gebräuchlich waren. Interessanterweise ist das Wort „Fisch“ eine Beleidigung, die von schwulen Männern für Frauen im allgemeinen gebraucht wird und die den Geruch der weiblichen Genitalien beschreiben soll.

Es gab eine Hierarchie innerhalb des KV-Rollenspiels, neben der offenkundigen Hierarchie von KV und Femme. In den Erzählungen und persönlichen Zeugnissen wird der Rolle des Total-KV (stone-Butch) die höchste Ehre und der höchste Status zugeschrieben. Mushroom erläutert, dass KVs oder Femmes, die es fertigbrachten, eine KV „umzulegen“, dadurch einen „Sieg“ errangen und diesen oft zu einer öffentlichen Demütigung machten.

Ein KV, mit dem es eine Femme getrieben hatte, wurde öffentlich lächerlich gemacht und gedemütigt, hauptsächlich wegen der erniedrigenden gesellschaftlichen Einstellung gegenüber dem Weiblichen überhaupt. Der Hohn, der sich über jene wenigen KVs ergoss, die „umgedreht“ worden waren, genügte, um viele von uns, besonders die sich in ihrer Sexualität noch nicht sicher waren, davon anzuhalten, uns von unseren Partnerinnen beim Liebemachen berühren zu lassen.

Die Hierarchie basierte auf einer Skala von Weiblichkeit und Männlichkeit. Das männlichste und daher am meisten Respekt verdienende Verhalten bestand darin, einer Frau niemals zu erlauben, einen zu berühren.

Der soziale Druck und der Stolz darauf, ein Total KV zu sein, konnte Lesben dazu bringen, ihre persönliche Geschichte zu verdrehen. Davis und Kennedys Interviewpartnerrinnen unterschieden KVs, die behaupteten, dass sie immer unberührbar gewesen seien, und solche, die den Ruf hatten, unberührbar zu sein, jedoch sagten, dass das in Wahrheit unmöglich sei.

Eine antwortete, als sie gefragt wurde, ob sie wirklich unberührbar sei, „Natürlich nicht. Wie soll meine Frau denn bei mir bleiben, wenn ich´s wäre? Das ist doch Blödsinn…ich glaube nicht, dass es solche Total- KVs je gegeben hat – auch wenn sie sich das gegenseitig immer erzählen.“

Diese Berichterstatterin war in der ersten Nacht immer völlig unberührbar, erlaubte einer Geliebten in einer lange andauernden Beziehung manchmal sie zu berühren, weil diese das wünschte, nicht weil sie, der KV, sich davon irgendwelchen Genuss versprach. Ethel Sawyer schreibt, dass die meisten „Kerle“ ihre Karriere als Fisch begannen, es aber später für notwendig hielten, das zu bestreiten:

… viele „Kerle“ geben nicht gern zu, dass sie jemals etwas anderes als „Kerle“ waren. Sie neigen dazu, alle ihre weiblichen Merkmale herunterzuspielen und gehen soweit, darauf zu bestehen, dass sie schon bei ihrer Geburt Kerle gewesen seien.

Warum
Einige Total-KVs in den 50er Jahren und solche, die auch heute noch Total-KVs sind, betrachten sich als psychisch und biologisch festgelegte KVs. Eine Lesben, mit der Davis und Kennedy sprachen, erklärte, „Ich habe schon versucht, zuzulassen, dass meine Partnerin mit mir Liebe macht, aber ich kann es einfach nicht aushalten … ich glaube wirklich, dass das eine körperliche Ursache hat. laut Sawyer führen die schwarzen „Kerle“ in Saint Louis fast unausweichlich ihre Homosexualität auf ihre persönlichen Eigenschaften und Merkmale zurück.

Scientific Identity, Portrait of Havelock Ellis, Original photograph 192351ACi0hVHZL._

Seit der Verbreitung der sexualwissenschaftlichen Vorstellung von der „echten“ Lesbe im späten 19. und frühen 20.Jahrhundert (sie ist maskulin, kann pfeifen, und so weiter), sind es immer die KVs gewesen, die die Identität der „echten“ Lesbe übernommen haben; die Echtheit der Femmes blieb immer zweifelhaft. Havelock Ellis (1859-1939, britischer Sexualforscher, Studies in the Psychology of Sex V2: Sexual Inversion) unterschied zwischen der „aktive invertierten“ Frau und den „Frauen, zu denen sich die aktiv invertierte am meisten hingezogen fühlt“. Die erster hatte ein recht wesentliches Merkmal: einen mehr oder weniger bestimmten Zug von Männlichkeit. Die letztere war „immer weiblich“. Diese Festlegung der Rollenverteilung durch die Sexualwissenschaftler, die auf ihrer Überzeugung beruhten, dass es ein per definitionem „männliches“ Vorrecht sei, sich Frauen sexuell zuzuwenden, sodass eine Frau, die das tat, abnorm und „männlich“ sein musste, hat die Schablone für die Vorstellung von KV und Femme im 20. Jahrhundert geliefert. Es kann für uns kein Trost sein, dass diese sexualwissenschaftlichen Vorschriften von einigen Lesben, die sich heute als Feministinnen verstehen, so fromm befolgt wurden. Man könnte nun argumentieren, dass die Sexualwissenschaftler nicht so sehr vorschrieben, sondern viel mehr die aktuelle Situation von Lesben beschrieben, wie sie sie beobachteten, d. h. sie fanden bei den Lesben, denen sie begegneten, diese Rollenverteilung vor. Obwohl es einige Lesben gegeben haben mag, die nach solchen Mustern lebten, sind doch Ellis Fallstudien nicht dazu angetan, das zu bestätigen. Die eindeutig mythologische Natur vieler seiner Behauptungen legt vielmehr nahe, dass er seine Vorstellungen vom Rollenspiel mit hoher Wahrscheinlichkeit aus einer alles andere als verlässlichen Quelle hatte, aus der er viele Zeugnisse über lesbische Praktiken bezog, nämlich aus der für Männer geschriebenen Lesbenpornografie seiner Zeit.

Davis und Kennedy sagen nicht, dass KV und Femme biologisch festgelegt seien, betrachten das Rollenspiel jedoch als „authentisch lesbisch“. Es ist schwer zu bestimmen, worin „authentisches“ Lesbischsein besteht, wenn wir nicht irgendein Konzept von biologischem Determinismus anwenden. Diese Vorstellung läuft darauf hinaus, dass Frauen, die das Rollenspiel für sich ablehnen, irgendwie „unauthentisch“ sind. Davis und Kennedy schreiben „obwohl diese Frauen (KV- und Femme Paare) sich in der Tat nach Mustern der heterosexuellen Gesellschaft gerichtet haben, haben sie jenes Muster jedoch in authentisch lesbische Interaktionen umgewandelt. In ihrem zusammenfassenden Schlusssatz verwenden sie das Wort „authentisch“ erneut: „Als Teil der langen Tradition, in einer unterdrückerischen Gesellschaft eine authentische lesbische Kultur zu schaffen, bleiben die Rollen des KV und der Femme für viele Lesben ein wichtige Code des persönlichen Verhaltens was die äußere Erscheinung betrifft, oder die Sexualität, oder beides.

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Die in Berichten festgehaltenen Zeugnisse von Rollenträgerinnen aus den 50er Jahren stützen eine biologisch-deterministische Erklärung nicht. Die Beweggründe, die dort genannt werden, sind viel prosaischer. Nach Sawyers Studie hatten die meisten „Kerle“ als „Fische“ angefangen: „Die meisten Kerle waren zunächst Fische, und die Fische sind als erste bereit, diese Information auszuplaudern.“ Es ist in der Tat schwierig, sich ein anderes Szenarium vorzustellen – die sexuelle Einweihung ist ein Charakteristikum der „Kerle“, so dass zu dem Zeitpunkt, zu dem zukünftige Kerle in die Szene hineinkommen, sie zunächst fast mit Sicherheit erstmal Fische sind. Sawyers Informantinnen machten deutlich, dass „Kerl“ und „Fisch“ soziale Rollen sind, die ganz bewusst gewählt wurden:

Ein Fisch hatte den Wunsch, Kerl zu werden, hatte aber gewisse Vorbehalte. Ihre Gründe, Kerl werden zu wollen, bestanden darin, dass sie „der Aggressor“ sein wollte, dass sie sich „die Frauen aussuchen und das Beschützen übernehmen “ wollte. Andererseits hatte sie das Gefühl, dass sie den idealisierten gesellschaftlichen Rollen eines Kerls nicht gerecht werden konnte. „Ich glaube nicht, dass ich dazu fähig wäre, jemanden zu unterstützen. Ich meine, dass ein Kerl alles heranschaffen und der Beschützer sein sollte, und im Moment kann ich das nicht„.

Kerle mussten zuerst, in einer Art Lehrzeit, Fisch sein, um zu lernen, wie man Kerl ist: „Ich musste als Fisch anfangen, und dann, als ich wusste, worum es geht, sagte ich, „jetzt bin ich soweit, jetzt kann ich Kerl sein““. Ein möglicher Grund, nicht Kerl sein zu wollen, mag die Schwierigkeit sein, als solcher „durchzugehen“ und die gesellschaftliche Anerkennung des kerligen Äußeren. Ein Fisch erklärte: „Ich möchte nicht, dass meine Kinder mich immer nur in Hosen sehen.

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Mushroom liefert uns eine ganze Liste von Gründen, die KV Rolle zu übernehmen, ohne dass sie die Biologie jemals erwähnt. Sie sieht einen Zusammenhang der Total-KV Rolle mit einem Mangel an Zutrauen in ihre eigene Attraktivität und mit der Furcht verletzt zu werden.

Obwohl ich als Total-KV meiner Partnerin nicht erlaubte, mich sexuell zu berühren, erwartete ich doch von ihr, dass sie es versuchte, jedenfalls am Anfang, und ich war beleidigt, wenn sei es nicht tat. Ich empfand solche Versuche als Hinweis darauf, dass sich begehrenswert war, obwohl ich mir eigentlich so unattraktiv vorkam, dass ich dachte, eine andere Frau würde nicht wirklich Liebe mit mir machen wollen.

Musroom liefert eine sehr praktische Erklärung für das Tragen von Männeranzügen: „ Es war sicherer, wenn ich mit einer Femme in einen Heteroschuppe ausging … Männer schlagen Lesben manchmal auf der Straße zusammen.“ Die KVs, sagt sie, wollen nicht „Männer sein“, sondern sie wollen die „Goodies“ für sich, die Männer hatten, „die Freiheit, den Stolz, die Macht und die Legitimation , mit den Frauen zusammen zu sein, die wir liebten“. Insgesamt schreibt sie das Rollenspiel de Tatsache zu, dass „die einzigen Modelle, die wir für unsere Beziehungen hatte, die des traditionellen weiblich-männlichen heterosexuellen Paares waren, und wir waren zu sehr damit beschäftigt, in eine feindlichen Welt zu überleben, um für uns neue Rollen zu entwickeln“. Die Wahl, KV oder Femme zu werden, hatte laut Mushroom mit dem zu tun, was Männlichkeit und Weiblichkeit in der heteropatriarchalen Kultur der 50er Jahre bedeuteten, und was sie, so wage ich zu behaupten, in der herrschenden Kultur auch heute noch bedeuten:

Männlichkeit wurde gleichgesetzt mit Macht, Stärke, Stolz und Freiheit. Weiblichkeit wurde gleichgesetzt mit Schwäche, Abhängigkeit und Unterwerfung. Weibliche Bilder wurden nur in beschämenden und herabwürdigenden Zusammenhängen gebraucht.

(Dieser Aufsatz von Sheila Jeffreys stammt aus dem in Deutschland 1991 erschienenen Buch “FRAUENLIEBE” – UND SIE LIEBTEN SICH DOCH – Lesbische Frauen in der Geschichte 1840- 1985.)

Fortsetzung folgt…