Manche Artikel verdienen es aus den Feminine-Lesbians-Blogtiefen erneut emporgeholt zu werden, z. B. der über die Figur der lesbischen Vampirin, die im Zuge der Pathologisierung- der bis dahin gesellschafltich völlig akzeptierten Frauenfreundschaften- durch die Sexualwissenschaflter des ausgehenden 19. Jahrhunderts entstanden ist. Sie war/ist sowohl „Abschreckerin“ als auch eine gefährliche Grenzgängerin zwischen den Welten; auf der einen Seite die vertraute häusliche und rein weibliche Sphäre der romantischen Frauenfreundschaften und auf der anderen, jede für Frauen noch neue und Freiheit versprechende öffentliche und männliche Berufswelt. Und Frauen, die in ihr bestehen und in ihrem Begehren nach Frauenliebe und finanzieller Unabhängigkeit ernst genommen werden wollten, haben dann sehr oft diese neu geschaffene homosexuelle und pathologisierte AußenseiterIdentität angenommen. „Ich bin eine sexuell Pervese, aber ich kann nichts dafür, da ich so geboren wurde. Ich kann nicht mehr (in die Ehe) zurück.“ – Mit diesem Schreckgespenst des „perversen sexuellen Außenseitertums“  wurden übrigens auch heterosexuell lebende Feministinnen in Schach gehalten, bzw Frauen voneinander getrennt, so nach dem Motto: wenn du zu viel Freiheit, eigene Lebenskonzepte und Rechte für Frauen einforderst, bist du unweiblich, ein Mannsweib, eine Lesbe, weil feminine Frauen ihre Erfüllung in der Unterwerfung unter den Mann finden. Willst du SO Eine sein?! Nein, wollten und wollen die meisten Frauen bis heute nicht! Und bis heute dauert der Konflikt an zwischen denen, die den Lehren der Herrn Sexualwissenschafltern folgen und denen, die sich eher von dem Konzept der romatischen Frauenfreundschaften angezogen fühlen. Die damaligen Fans von Richard von Krafft-Ebing, Havelock Ellis, Karl Heinrich Ulrichs, Magnus Hirschfeld und Co. glauben jetzt an queer, gender, Lacan, Derrida, Foucault und an ihre fleißigste weibliche Jüngerin und männliche Meisterverehrerin Judith Butler; und suchen jetzt die „weibliche Erlösung“ entweder in der totalen Leugnung des Geschlechterdualismus -es gibt unendlich viele Geschlechter, die Frau ist nur ein unbedeutendes davon-, im (operativen) Trans und/oder in Gender-Extremperformances à la SM-Femme-Butch. Und die anderen? Die definieren sich heute als „bi“ oder „Hetero“, sind aus gesellschaftlichem oder familiärem Druck oft mit Männern verheiraten, oder leben alleine und mit total schlechtem Gewissen, und ihre Sebstdefinition lautet dann manchmal auch „Hetero – aber ohne Männer“.

Aber einige Frauen haben das Konzept der intim-erotischen Freundschaft in die neue emazipatorische Frauenbewegung mitgenommen, d.h. nicht alle haben sich damals sofort als Homosexuelle gesehen, sondern fühlten sich weiterhin als romantische Freundinnen, die zusammen lebten, liebten und für eine bessere Welt für sich und ihre Freundinnen kämpften. Und nach derem historischen „Erbe“ suchen wir hier auf dieser Seite/diesem Blog.

Manche Frauen, sagte Dame Musset, sind Walrösser und manche sind Landsäue und wieder andere sind Würmer, doch manche sind Schwestern des Himmels, und denen müssen wir folgen und uns nicht auf Abwege locken lassen.

(Ladies Almanack, Lady of Fashion, Djuna Barnes, 1928 Paris)

Trotz ihrer sexuellen Aktivität – normalerweise nur den Männern zugestanden – ist die lesbische Vampirin visuell äußerst weiblich codiert: Sie hat lange Haare, große Brüste, blasse weiße Haut und trägt bodenlange und durchscheinende Gewänder. Anders als die Lesbe entspricht die Vampirin dem Klischee der femininen Heterofrau. Deswegen ist ihr Vampirismus doppelt verwirrend: Sie sieht “normal” aus, obgleich sie es nicht ist.

Wegen ihrer Weiblichkeit ist die Vampirin visuell weder als Lesbe noch als Vampirin zu identifizieren, sie wirkt vielmehr heterosexuell, und das ist es, was die Unsicherheit ausmacht. Sie überschreitet die Grenzen nicht nur, sondern reißt sie zwischen dem männlichen “Ich” und dem weiblichen “Nicht-Ich” ein. Während sie ausgesprochen feminin erscheint, vereitelt sie diesen Eindruck schon alleine deswegen, weil man(n) ständig in ängstlicher Aufmerksamkeit auf ihren Mund konzentriert sein muss.

Als wichtigster Bereich erotischer Erfahrungen … ist der Mund per se widersprüchlich; er straft die leichtfertige Trennung von “männlich” und “weiblich” Lügen. Erst lockt er mit seiner einladenden Öffnung und verspricht rote Weichheit, zeigt sich dann aber als scharfer Skelettknochen; der Vampirmund vereint und vermischt … die geschlechtsspezifischen Kategorien von Penetration und Empfänglichkeit. Mit seinem weichen, von hartem Knochen begrenztem Fleisch, seinem Rot und Weiß, zwingt er Widersprüche und Gegensätze zu einer Furchteinflößenden Einheit.

Am bemerkenswertesten ist hierbei der viktorianische Roman “Carmilla” (1871) von J. Sheridan Le Fanu, der bereits 25 Jahre vor Bram Stokers “Dracula” erschien. Carmilla ist eine aristokratische Adlige, die Gräfin Millarca Karnstein, die einhundertfünfzig Jahre nach ihrem Tod als Vampirin wiederaufersteht.

(Zitate sind aus dem 1992 in London erschienenem Buch „Vampires & Violets. Frauenliebe und Kino“ von Andrea Weiss)

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Lesbian Vampire Killers, britische Horrorkomödie 2009

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Lesbian Vampire Killers, britische Horrorkomödie 2009

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The Lust for a Vampire, der Film von 1971 basiert auf der Novelle „Carmilla“

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„Carmilla“ – Illustration von D.H. Friston in der Zeitschrift The Dark Blue, 1872

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Deutscher Titel: „Blut an den Lippen“. Seitens der lesbischen Filmkritik wird der Film dafür geschätzt, dass er gegen Konventionen des Lesben-Vampirgenres verstößt. Dieses stellt die lesbische Vampirin in der Regel als eine zu besiegende Bedrohung der heterosexuellen Normalität dar. Hier aber ist die Hetero-Beziehung instabil und bedrohlich, während Gräfin Elizabeth Bathory die liebenswerteste Figur im Film sei. Sie verführt Valerie nicht mit Dämonie, sondern einer feministisch orientierten Kritik an Stefan, der Valerie als ein Objekt sehe und sie unter seine Kontrolle bringen wolle. (Wikipedia)

Daughters of Darkness, Film 1971, Delphine Seyrig

Daughters of Darkness, Film 1971, Delphine Seyrig als Gräfin Elizabeth Bathory

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Begierde/The Hunger, Film 1983, Catherine Deneuve und Susan Sarandon

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Begierde/The Hunger, Film 1983, Catherine Deneuve

Den ganzen Blogtext über lesbische Vampirinnen und eine interessante Rezezension der viktorianischen Vampir-Geschichte „Carmilla“ findet ihr hier: