Teil VII: Bewusstwerdung

In dem Gastbeitrag von Katharina „Wie nähere ich mich einer Frau Teil VI“ wurden ausführlich die verschieden Phasen der „Bewusstwerdung“ erläutert, vom „es sich selber eingestehen“, über nach Informationen und Gleichgesinnten suchen, bis hin zur Aktivwerdung, dem sich annähern an eine Frau in die man verliebt ist. Ich möchte nun nochmals etwas genauer auf die „Bewusstwerdung“ eingehen und zwar eher im Sinne von sich darüber klarzuwerden, dass man in einer patriarchalen Gesellschaft lebt, wie man dann damit umgeht und was dies für Auswirkungen auf die Beziehungen zwischen Frauen hat.

Als ich damals mit Anfang zwanzig mir zum ersten Mal eingestand, dass ich mich in Frauen verliebe stürzte mich das in eine tiefe Krise. Wie ich schon in meinem „Coming-out-Text II“ geschrieben habe, komme ich zwar aus einer Familie, in welcher Homosexualität vorkommt und auch stillschweigend toleriert wird, aber meine lesbische Tante und ihre Freundin konnten mir trotzdem nicht wirklich als Vorbild dienen. Im Gegenteil, ich spürte schon sehr früh, dass mit maskulinen, männlich identifizierten Frauen etwas nicht stimmt, dass sie in eine Art „Falle“ gelaufen sind (sie wollen keine Frauen sein und verehren Männlichkeit) und war zu 100 % davon überzeugt keine Lesbe zu sein, weil meine Tante mir sozusagen diese Rolle schon weggenommen hatte.

Deswegen lebte ich in einem ziemlichen Widerspruch, ich verliebte mich ständig in Frauen, aber dachte eben dass ich hetero oder höchsten bi sein könnte und hatte ziemlich viel Selbsthass deswegen („Warum nur habe ich keinen Freund wie alle anderen?“). Ich begann ein Gesangsstudium um mich möglichst weit von meiner Tante zu entfernen – ich versuchte so weiblich wie möglich zu sein, so wie meine Gesanglehrerinnen in die ich mich hineinsteigerte, und machte wie sie auf „Diva“ (verdrängte gleichzeitig aber auch, dass ich in sie verliebt war und hielt alles für reine Schwärmerei/“Mutterkomplex“ usw.). Gleichzeitig hatte ich Komplexe und ein schlechtes Gewissen, wenn ich mich in feminine Frauen verliebte, weil unbewusst immer diese Angst vor der „Homoidentität“ lauerte, die große Angst, dass irgendwas an mir kerlig sein könnte, wenn ich auf eine Frau zugehe.

Was ich damit sagen will – jeder sollte mal darüber nachdenken, aus was für familieren Verhältnissen er kommt (z. B. ob man einen autoritären Vater hat, eine dominante Mutter, ob die Mutter Hausfrau ist, oder berufstätig usw.) und überlegen, wo seine Schwierigkeiten liegen könnten. Um es mit einer Frau „hinzubekommen“ sollte man nämlich 100 % davon überzeugt sein und das geht nur, wenn man sich über das Patriarchat bewusst wird, seine Fallen und Unterdrückungsmechanismen durchschaut (so wie z. B. die Homoidentität/kerlige Lesben, oder eine Mutter, die einen zur braven, fügsamen Ehefrau erzogen hat usw.)  und aufhört (was wirklich nicht einfach ist, ich weiß!) daran zu glauben.

Religion spielt auch eine entscheidende Rolle, denn auch wenn man nicht religiös ist, ist unser Verhalten oft unbewusst von religiösen Mustern geprägt (zum Beispiel, wenn die Mutter sehr religiös ist und man ihr Verhalten unbewusst nachahmt indem man es auf andere Bereiche überträgt). Auch Märchen und Mythen prägen unser Verhalten und Selbstwahrnehmung und es lohnt sich, sich mit ihnen zu beschäftigen, die patriarchalen Verdrehungen und Trugbilder zu durchschauen, um innerlich freier und unkonventioneller zu werden (ich werde weiter unten noch ein paar Buchtips dazu verlinken). Es gilt es zu lernen sich selbst zu durchschauen und in der Lage zu sein die Frau, mit der man zusammen ist, in die man verliebt ist, ebenfalls in ihrer Situation als Frau, die in einer patriarchal dominierten Gesellschaft lebt, wahrzunehmen.

Dabei kann Feminismus auch eine Hilfe sein, denn als ich zum ersten Mal bewusst darüber nachdachte, dass ich lesbisch, aber keine „Lesbe“ bin, begann ich automatisch damit auf die Suche nach Literatur zu gehen. Ich wollte mehr über das, was ich fühle wissen und hoffte Gleichgesinnte zu finden. Dies gestaltete sich am Anfang als nicht ganz einfach, da es ziemlich schwer ist an Literatur, die echte Frauenliebe thematisiert zu kommen (Geschweige denn gleichgesinnte Frauen zu finden, denn in der „Szene“ findet man sie garantiert nicht.). Und feministische Bücher schrecken oft ab, weil sie mit Vorurteilen belegt sind („Feminismus ist nur was für die unattraktiven Frauen“) und es gibt eben viele unterschiedliche Ansichten und Gruppierungen, den Gleichheitsfeminismus halte ich z. B. für längst überholt. Man lebt als frauenliebende Frau schon in einer Art „Dunkelheit“ und man kann sie nur überwinden indem man aktiv wird, sich auf die Suche begibt und nicht aufgibt, sich verunsichern lässt. Man muss ziemlich viel Kraft aufwenden und zu sich selbst immer wieder sagen, dass man richtig ist und gegen eine Welt anhalten, die einen ständig versucht in Heterosexualität und Anpassung zu drängen. Das ist u.a. auch der Grund warum einem Feminismus so hilft, denn man findet dann Frauen, die einem die eigene Realität bestätigen und ist nicht mehr ganz so alleine.

Ich meine jetzt damit aber nicht, dass man dann die Frau, an die man versucht „heranzukommen“, mit irgendwelchen neuesten feministischen Erkenntnissen „zutexten“ soll, sondern man sollte einfach versuchen sich in ihre Situation hineinzuversetzen, ihr zuzuhören und ihr eventuell Ratschläge/Tipps, die eigenen Ansichten zu bestimmten Dingen mitzuteilen. Nach meiner Erfahrung ist es fast immer so, dass sich bei einer näheren Begegnung mit einer Frau, diese sich irgendwann einem öffnet und einem Dinge erzählt, die sie sonst eher für sich behält. Und da ist es vorteilhaft, wenn man sich selbst schon ein bisschen gefunden hat und davon überzeugt ist, dass, das, was man macht richtig ist, denn je sicherer man wird umso mehr wird eine Frau auf einen zugehen und sich einem anvertrauen.

Hier meine Buchempfehlungen zum Einstieg:

http://www.amazon.de/Nat%C3%BCrlich-weiblich-Heimatlosigkeit-Frau-Patriarchat/dp/378311022X

http://www.amazon.de/wieder-f%C3%BChle-ich-mich-schuldig/dp/393593758X/ref=sr_1_fkmr0_2?s=books&ie=UTF8&qid=1389640125&sr=1-2-fkmr0&keywords=krista+mulack+und+wieder+f%C3%BChle+ich+mich+schuldig

http://www.amazon.de/Gott-die-MUTTER-Streitschrift-patriarchalen/dp/3732231186/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1389639540&sr=1-1&keywords=kirsten+armbruster