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Kampf mit heftigem Widerstand: Homosexuelle protestierten in Paris für das umstrittene Homo-Gesetz. (23. April 2013) Bild: AFP

Die ganzen medialen Diskussionen über die sogenannte „Homoehe“ (ein nicht so günstiger Begriff…) habe ich persönlich eher ignoriert, weil ich a) generell nicht viel von Ehe halte, b) dort meistens Frauen ignoriert werden und nur von Männerpärchen und ihrem Recht auf Adoption die Rede ist und c) ich die ganze Aktion ein wenig als Anbiederung an die heterosexuelle „Normalität“ empfinde. Aber vielleicht entsteht dadurch auch mehr gesellschaftliche und familiäre Akzeptanz und wohlmöglich kommt allmählich auch eine Art Umdenken in Gang, siehe Artikel hier: 

Die Homoehe als Vorbild für Heteros

Untersuchungen zeigen, dass die Beziehungen von Schwulen und Lesben glücklicher sind. Sie streiten nicht nur besser, auch die Aufgaben sind fairer verteilt. Eine Analyse.

In Paris gingen am Sonntag erneut Hunderttausende auf die Strasse, weil sie wegen der im Parlament beschlossenen Homoehe den Untergang Frankreichs witterten. Oder zumindest, dass die in ihren Augen einzig wahre und legitime Form der Ehe, nämlich die Heteroehe, dadurch entwertet würde oder gar Schaden nähme.

Dass ihre Befürchtungen umsonst sind, dass es vielmehr gerade umgekehrt sein könnte, zeigt das Magazin «The Atlantic» in seiner aktuellen Titelgeschichte auf: Homosexuelle Paare machen vieles besser als heterosexuelle Paare, sie sind nämlich glücklicher, das zeigen Untersuchungen seit den 60er-Jahren bis heute.

Der Grund dafür könnte naheliegender nicht sein: Es gibt kein Rollenbild, in das die Beteiligten aufgrund ihres Geschlechtes gepresst werden, Lesben und Schwule begegnen sich auf Augenhöhe oder eben auch: gleichberechtigt. Die Aufgabenteilung in ihrer Partnerschaft erfolgt nicht automatisch aufgrund des Geschlechts, sondern aufgrund von Begabungen, oft ist sie variabel oder muss gründlich diskutiert werden. Gerade in lesbischen Beziehungen ist dabei zentral, dass sie vor allem eines sein muss: fair. Diese Haltung macht die Beteiligten rücksichtsvoller – was sogar bei Meinungsverschiedenheiten deutlich wird –, engagierter und das wiederum entspannter und glücklicher.

Heterosexuelle Frauen sind am unglücklichsten

Die Forschung ist sich mehrheitlich einig, dass der Schlüssel zum Glück einer Partnerschaft zum grossen Teil in ebendieser Gleichberechtigung zu suchen ist. Bloss: In heterosexuellen Beziehungen ist sie auch 2013 keine Selbstverständlichkeit, da dominiert immer noch die traditionelle Rollenverteilung aufgrund des Geschlechts. Es sind nach wie vor meistens die Frauen, die beruflich zurückstecken, wenn Kinder da sind, die trotz Berufstätigkeit mehr Arbeit im Haushalt übernehmen und sich mehr für das Wohlbefinden der Familie verantwortlich fühlen.

Wie hartnäckig sich die Bilder in den Köpfen halten, zeigte 2010 eine Untersuchung des amerikanischen Pew Research Center auf: 67 Prozent der Befragten gaben an, es sei für einen Mann «sehr wichtig», vor der Heirat über genügend finanzielle Mittel zu verfügen – hinsichtlich der Frauen fanden das lediglich 33 Prozent nötig. An der Vorstellung, dass der Ernährer männlich ist, hat sich trotz aller Emanzipation und aller Fortschritte der Frauen in Sachen Ausbildung offenbar wenig geändert. So verwundert es nicht, dass unter all den befragten lesbischen, schwulen und heterosexuellen Paaren die heterosexuellen Frauen am unglücklichsten waren: Sie leiden unter der klassischen Rollenverteilung, darunter, dass sie ihre Partner nicht als unterstützend genug wahrnehmen und den Eindruck haben, den Karren alleine ziehen zu müssen.

Meist gilt: Wer zahlt, befiehlt

Das Fazit lautet also: Je moderner und zeitgemässer eine Beziehung geführt wird, desto besser für alle Beteiligten. Dennoch gibt es auch bei homosexuellen Paaren Ungleichheiten: Auch bei ihnen hat jener Teil das Sagen, der mehr Geld verdient. Im Vergleich ist das am wenigsten der Fall bei lesbischen Paaren, dann folgen die heterosexuellen Paare, und am meisten eine Rolle spielt die finanzielle Potenz bei Schwulen: Es scheine, schreibt das Autorenduo der Studie, dass sich unter Männern das männliche «Wer zahlt, befiehlt» noch stärker intensiviere. Verblüffend dafür: Während sich 32 Prozent der heterosexuellen Paare dafür entscheiden, dass ein Elternteil zu Hause bleibt (meist die Frau), wählen bei schwulen Eltern erstaunliche 33 Prozent ebenfalls dieses Modell.

Weil in den USA und auch in der Schweiz die überwältigende Mehrheit der Scheidungen von Frauen eingereicht wird, wirft man diesen gerne mangelnde Kompromissbereitschaft vor (womit indes nicht selten fehlende Leidensfähigkeit gemeint ist). Aufgrund der neusten Erkenntnisse müsste man sich doch aber vielmehr fragen, ob die Ehe, so wie sie allen Veränderungen zum Trotz immer noch verstanden wird, nicht dringend von innen her modernisiert werden müsste. Will heissen: Anstatt die Homoehe zu verdammen, wäre es demnach lohnenswert, das partnerschaftliche Prinzip von Lesben und Schwulen genauer zu studieren – und sie quasi als Beziehungspioniere des 21. Jahrhunderts anzuerkennen.

Quelle: Tagesanzeiger/Zürich