Dieses Jahr bin ich sehr fleißig gewesen, habe mich durch Gerhard Botts Buch „Die Erfindung der Götter. Essays zur Politischen Theologie“ gelesen- und (fast) durch alle seine Nachträge, die er auf seiner Internet Seite stehen hat. Ebenso durch die zahlreichen Schriften der feministisch-matriarchatsforschenden Theologin Christa Mulack und mir dann feministisch-mythologische Nachschlagewerke wie „Die geheimen Symbole der Frauen. Lexikon der weiblichen Spiritualität“ und „Das geheime Wissen der Frauen“ von Barbara G. Walker bestellt. Und langsam beginne ich durch den, von Männern gefälschten, umgeschriebenen und neu erschaffenen Mythen- und Religionsberg durchzusteigen, beginne wirklich die gigantische Dimension zu begreifen, dieses was ca. 80000 Jahre patriarchale Religion, Mythenbildung und Geschichte für Frauen bedeutet. Jenes: Der Mann hat sich der Frau gegenüber als (geistiger) Schöpfer und somit Mensch gesetzt. Der Mann ist Kultur und die Frau ist Natur. Der Mann ist alles, was die Frau nicht ist, und wenn die Frau zum Menschen werden will, muss sie zum Mann, zur Männin werden.

Dann habe ich angefangen mich intensiver und systematischer mit der Geschichte der Frauenfreundschaften, der Frauenliebe zu beschäftigen und habe mir z. B. „Frauenliebe. Berühme weibliche Liebespaare“ von Hilde Schmölzer und „Berühmte Frauenpaare“ von Luise F. Pusch bestellt. Von den romantischen Frauenfreundschaften des viktorianischen Zeitalters, über die Vorstellung der „exotischen Lesbierin“ der französischen Décadence bis hin zur modernen homosexuellen Identität. Und mit der Geschichte der Frauenbefreiung, des Feminismus, dessen Geburtsstunde die Französische Revolution (1789 bis 1799) und die „Geburtsfrau“ Olympe de Gourges war. (Also erst etwas über 200 Jahre!)

Und da es im Patriarchat nur sehr wenige Möglichkeiten für ehrliche Kommunikation zwischen Frauen gibt, war mir lange Zeit nicht klar, wie sehr Frauen an Männer und ihre diversen Theoriewelten glauben und sich ihnen, auch wenn sie scheinbar „emanzipiert“ sind (und gerade dann!), unterordnen. Ich selbst habe, wohl weil ich keine wirkliche „Erziehung“ genossen habe und viel alleine war und somit Zeit hatte mir meine eigenen Gedanken zu machen, nie so wirklich an diese ganzen Sachen gelaubt. Weder an die männliche Überlegenheit, die Überlegenheit des männlichen/maskulinen gender- noch an diese sogenannte „Homosexuelle Identität“, die ich immer für ein Männerding gehalten habe, das mit meiner Lebenswelt kaum etwas zu tun hatte. Aber andere Frauen glauben sehr wohl daran, halten sich an die Vorgaben die Männer gemacht haben, orientieren sich an männlich-schwul-queeren Theorien und Lebenswelten. Und aus diesem Grund werde ich mich in Zukunft auch mehr mit den Schriften von männlichen Theoretikern und/oder Sexualwissenschaftlern des Anfangs, wie z. B. Heinrich Hössli, Karl Maria Kertbeny, Karl Heinrich Ullrichs, Carl Friedrich Otto Westphal, Havelock Ellis, Richard von Krafft-Ebing und Magnus Hirschfeld- der mit seiner „Zwischenstufentheorie“ sozusagen der „Urvater“ dieser ganzen modernen Homo- Trans-und Queertheorien ist- beschäftigen.

Den Anfang macht ein Vorwort zu Magnus Hirschfelds Buch „Die Homosexualität des Mannes und des Weibes“ (1914), darin wird sehr schön erklärt, wie und wann die homosexuelle Identität sozusagen „erfunden“ wurde. Und man erkennt auch, wie wenig sie eigentlich mit Frauenliebe/Frauenvorstellungen/Bedürfnissen zu tun hat, bzw. dass Frauen sich bisher immer nur an die von Männern für Männer konzepierten Bewegungen/Theorien ect. drangehängt haben/sie übernommen haben. Sei es der christliche Schreckensbegriff der Sodomie, die, aus der Antike modifizierten und christlich entsexualisierten, Idee der platonisch-romantischen Freundschaft, das Konzept von Butch-Femme (haben das nicht ebenfalls schwule Männer so gemacht, top and bottom?), oder eben die moderne Queerbewegung, die von schwulen (französischen) Männern entwickelt wurde, und deren Grundkopzept  an die sexuelle Außeseiterindetität der Sexualwissenschaftler anknüpft…

Magnus-Hirschfeld

Magnus Hirschfeld, der wichtigste Pionier der Sexualwissenschaft, ist heute für die meisten Deutschen, wenn sie sich seiner überhaupt noch erinnern, eine verstaubte, stark ramponierte und bestenfalls halbseriöse Figur.

Man weiß vielleicht noch, daß er jahrzehntelang für die Straffreiheit homosexueller Handlungen kämpfte, daß er in Berlin ein sexualwissenschaftliches Institut besaß, daß dieses Institut den Nationalsozialisten zum Opfer fiel, daß seine Bücher verbrannt wurden und daß er selbst im Exil in Frankreich starb, aber viel weiter reicht das Gedächtnis kaum. In der Öffentlichkeit jedenfalls ist er für keine bleibende Leistung bekannt, und in Fachkreisen gilt sein Werk als naiv und veraltet.

Dieses vorschnelle Urteil läßt sich nur revidieren, wenn man Hirschfelds zahlreiche und vielseitige Schriften selber studiert. Gerade das ist aber inzwischen sehr schwierig geworden, denn in deutschen Bibliotheken ist nur Weniges noch erhalten. Nazistische „Säuberungsaktionen“ und später die Bombenangriffe des Krieges haben fast die gesamte frühe sexualwissenschaftliche Literatur vernichtet, und Neuauflagen hat es seither nicht gegeben. So liegt nicht nur Hirschfelds eigener historischer Beitrag weiterhin im Dunkel, sondern auch der Kontext, in den er eingebettet war.

Dabei ist die Begründung der Sexualwissenschaft ein Ruhmeskapitel der deutschen Geistesgeschichte, das nur auf seinen Chronisten wartet. Die bedeutendsten Namen in diesem ungeschriebenen Kapitel gehören vier Berliner Ärzten: Magnus Hirschfeld, Iwan Bloch, Albert Moll und Max Marcuse. Bloch prägte im Jahre 1906 den Begriff der Sexualwissenschaft und begann 1912 das umfangreiche, leider unvollendete Handbuch der gesamten Sexualwissenschaft in Einzeldarstellungen, dessen von Hirschfeld geschriebener dritter Band hier vor uns liegt. Hirschfeld gründete 1908 die erste Zeitschrift für Sexualwissenschaft und 1913, zusammen mit Bloch, Albert Eulenburg, Karl Abraham und anderen, die erste Ärztliche Gesellschaft für Sexualwissenschaft und Eugenik. Im Jahre 1919 errichtete Hirschfeld das erste Institut für Sexualwissenschaft und organisierte 1921 in Berlin den ersten sexualwissenschaftlichen Kongreß, eine Internationale Tagung für Sexualreform auf sexualwissenschaftlicher Grundlage. Dieser Kongreß führte 1928 in Kopenhagen zur Gründung einer Weltliga für Sexualreform mit Hirschfeld, Auguste Forel und Havelock Ellis als den ersten Präsidenten. Weitere Kongresse der Liga fanden 1929 in London, 1930 in Wien und 1932 in Brünn statt.

Albert Moll begründete seinen Ruf mit ersten Monographien über Die konträre Sexualempfindung (1891), Untersuchungen über die Libido sexualis (1897) und Das Sexualleben des Kindes (1909). Zudem gab er bereits 1911 ein Handbuch der Sexualwissenschaften heraus. Als Rivale von Bloch und Hirschfeld gründete er auch 1913 eine Internationale Gesellschaft für Sexualforschung, für die er 1926 einen großen Kongreß nach Berlin einberief. Ein zweiter Kongreß dieser Gesellschaft fand 1930 in London statt.

Max Marcuse gehörte 1905 zu den Mitbegründern des Deutschen Bundes für Mutterschutz; seine Bedeutung für die Entwicklung der Sexualwissenschaft liegt aber in seiner späteren Rolle als Herausgeber verschiedener Reihen und Periodika, besonders der zweiten Zeitschrift für Sexualwissenschaft, die, 1914 von Bloch und Eulenburg gegründet, 1919 in Marcuses Hände überging. Unter seiner Leitung blieb sie bis 1932 das führende Organ der ganzen, schnell wachsenden Bewegung, das an fachlicher Breite und Tiefe bis heute seinesgleichen sucht. Außerdem gab Marcuse ein großes Handwörterbuch der Sexualwissenschaft (1923/1926) heraus, zu dem auch Sigmund Freud Originalbeiträge schrieb.

Es ist hier nicht möglich, weiter auf diese Entwicklung einzugehen oder die vielen anderen Männer und Frauen gebührend zu erwähnen, die daran Anteil hatten, wie z.B. die Feministin Helene Stöcker, der Ethnologe Friedrich S. Krauss, der Arzt Hermann Rohleder, die Ärzte und Sexualreformer Felix Theilhaber, Arthur Kronfeld und Max Hodann, der Dichter Ernst Toller, der Jurist Kurt Hiller, der Gynäkologe Ernst Gräfenberg, der Hormonforscher Eugen Steinach usw. Es muß hier der Hinweis genügen, daß die Sexualwissenschaft vor 1933 eine erstaunlich fruchtbare und auch international vielversprechende erste Wachstumsphase durchlief, daß Deutschland ihr Zentrum war und daß der Faschismus ihr nicht nur an ihrem Geburtsort, sondern in ganz Europa ein plötzliches Ende bereitete.

Hirschfeld, der ebenso wie Bloch, Moll, Max Marcuse und viele andere der frühen Sexologen Jude war, wurde von den Nationalsozialisten besonders gehaßt. Schon 1920 hatten Rechtsextremisten ihn in München auf offener Straße zusammengeschlagen und für tot liegengelassen. (So wurde ihm das seltene Privileg zuteil, seine eigenen Nachrufe zu lesen.) Auch später blieb er das Ziel nazistischer Hetzkampagnen, besonders im Stürmer, und seine Vorträge wurden zunehmend von braunen Schlägertrupps gestört. Obwohl viele prominente Nazis seine Patienten waren, konnte er sich schon 1930 seines Lebens nicht mehr sicher fühlen und nahm daher eine Einladung zu Vorträgen in den Vereinigten Staaten an. Von dort reiste er dann hochgeehrt um die ganze Welt. Nach Deutschland kehrte er nie mehr zurück. Er starb am 14. Mai 1935, seinem Geburtstag, in Nizza, gerade 67 Jahre alt.

Magnus Hirschfeld, der eigentliche Vater der „Schwulenbefreiung“, ist in den letzten Jahren, zuerst außerhalb Deutschlands, dann aber auch dort wieder zum Begriff geworden. Besonders die amerikanischen Homosexuellen entdeckten und feierten in ihm einen unvermuteten Ahnherrn ihrer eigenen Bewegung. Im Juni 1969, bei der routinemäßigen Razzia einer New Yorker Schwulenkneipe namens „Stonewall Inn“, hatten die Gäste der Polizei zum ersten Mal empörten Widerstand geleistet, und von diesem „Stonewall Riot“ datiert man nun Amerikas „Gay Liberation“. Das Ereignis wird alljährlich in vielen amerikanischen Großstädten mit festlichen Demonstrationen gefeiert. Allein in San Francisco bringt der Umzug regelmäßig über 200.000 Menschen auf die Straße, unter ihnen Stadt- und Landespolitiker, die bei dieser Gelegenheit um „schwule Wählerstimmen“ werben.

Es ist reizvoll, sich Hirschfelds Reaktion auf diese riesigen Paraden vorzustellen, wenn er sie heute erleben könnte. Er hatte die USA zweimal besucht (1893 und 1930/31) und hatte in Vorträgen und Interviews sowohl in New York als auch in Chicago, Detroit, Los Angeles und San Francisco die puritanische Sexualheuchelei angeprangert. Zweifellos würde er also, wenn er noch lebte, begeistert an der Spitze marschieren.

Das wurde auch den Amerikanern klar, als sie anfingen, die Geschichte der Homosexuellenemanzipation zu studieren. Dabei stießen sie unvermeidlich auf Hirschfeld und entdeckten unter anderem, daß er schon 1897 in Berlin die erste „Gay Rights“-Organisation gegründet hatte – das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee. Einige erste, bescheidene Publikationen in englischer Sprache machten diese und andere Leistungen Hirschfelds weiteren Kreisen bekannt und wirkten so auch auf Deutschland zurück 1. Eine adäquate Darstellung des soziologisch und politisch sehr ergiebigen Themas fehlt aber noch auf beiden Seiten des Atlantik. Für deutsche Leser ist daher die beste Einführung nach wie vor Hirschfelds eigener, hier neuvorgelegter Text (siehe besonders Kapitel 38 und 39).

Hirschfelds Komitee kämpfte vor allem gegen den § 175, d.h. gegen die Strafbarkeit homosexueller Handlungen unter Männern. Wiederholte Unterschriftensammlungen und Eingaben an den Reichstag blieben aber erfolglos, wenngleich sie wohl indirekt eine aufklärende Wirkung hatten. Diese Wirkung wurde aber auch auf direkterem Wege gesucht mit einer heute „klassischen“ Publikationsreihe, dem Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen (1899-1923). Die wohlausgestatteten, inzwischen selten gewordenen Bände bieten eine solche Fülle von Material zum Thema Homosexualität, daß sie für jeden Kulturhistoriker noch heute unentbehrlich sind. Vor kurzem ist eine kleine Auswahl in zwei Neudruckbänden erschienen, aber sie geben nur einen sehr dürftigen und irreführenden Eindruck vom Reichtum und von der Vielfalt der ganzen Serie.

Die Amerikaner in ihrer Entdeckerfreude gingen sofort viel weiter und legten eine Reihe von 56 Bänden (meistens Neudrucken) zur Geschichte der „Schwulenbewegung“ vor. Darunter sind viele deutsche Titel z.B. von Ulrichs, Karsch-Haak, Brand, Friedländer und Hirschfeld (allerdings nicht das vorliegende Buch). Die stattliche Sammlung steht nun in jeder besseren amerikanischen Bibliothek als Korrektiv der früher oft hastigen und ahistorischen Homosexualitätsforschung. Leider bleiben die im Original reproduzierten deutschen Texte den meisten Lesern wegen mangelnder Sprachkenntnisse weiterhin unzugänglich. Den Deutschen selbst aber wurde hier ein unerwartetes Geschenk gemacht.

Verglichen mit der öffentlichen Dramatik und dem bunten Überschwang der amerikanischen „Gay Liberation“, verlief ihre Parallelbewegung in Deutschland eher unauffällig. Dennoch markierte auch für sie das Jahr 1969 eine historische Wende: Der § 175 wurde endlich reformiert, und fortan waren einvernehmliche homosexuelle Handlungen unter Erwachsenen nicht mehr strafbar. Damit war der erste und wichtigste Schritt auf dem Weg zu weiterer Emanzipation getan. Hirschfelds unermüdlicher Kampf hatte, 34 Jahre nach seinem Tod, doch noch zum Sieg geführt.

Das für amerikanische und deutsche Homosexuelle gleich wichtige Jahr 1969 hatte aber zufällig noch eine andere, ironische Bedeutung, die damals nicht gleich bemerkt wurde. Es stellte nämlich eine Art Jubiläum dar: Das wichtigste Datum der Homosexuellengeschichte überhaupt lag genau ein Jahrhundert zurück.

Das Schlüsseljahr 1869 enthält in der Tat die meisten Ereignisse, die unsere modern-abendländische Sicht der Homosexualität bis heute bestimmen. In ihrer Gesamtheit eröffnen diese uns daher das Verständnis für fast alle Aspekte des nach wie vor ungelösten „Problems“.

Dieses Problem beginnt bereits mit dem Wort „Homosexualität“ selber. Es wurde erst 1869 geprägt und hat seither nicht aufgehört, die Diskussion zu verwirren. Im Altertum und im Mittelalter, in der Renaissance und noch zur Zeit Goethes war diese hybride, halb griechische, halb lateinische Vokabel unbekannt. Nicht nur das: Es gab auch keine genauen Entsprechungen. Die älteren Ausdrücke „Päderastie“, „griechische Liebe“, „Sodomie“ und das englische „buggery“ sind schon untereinander nicht synonym, und sie treffen auch immer nur einen Teilaspekt der Neubildung „Homosexualität“. Diese letztere bezeichnet ein Sein, die ersteren benannten ein Tun. Homosexuelle können Männer und Frauen sein, auch wenn sie nie etwas Gleichgeschlechtliches tun; Päderasten und Sodomiter aber konnten nur Männer sein, und auch nur dann, wenn sie Akte der Päderastie oder Sodomie begingen. Zu solchen Akten war aber prinzipiell jedermann fähig. So konnte es also auch keine „latenten Päderasten“ oder „Pseudosodomiter“ geben, und es war auch nicht vorstellbar, daß Jungen und Mädchen eine „sodomitische Phase“ durchlaufen. Das Wort „Homosexualität“ aber suggerierte nicht nur all diese Möglichkeiten, sondern implizierte auch gleichzeitig die Existenz eines besonderen Menschentypus, einer eigenen Persönlichkeit mit speziellen Eigenschaften. „Homosexuelle“ waren „anders als die Andern“.

Diese spekulative, projizierende, wesenerspähende Sicht war neu. Ja, schon der Begriff einer „Sexualität“, ganz ohne griechischen Zusatz, war ein Produkt des 19. Jahrhunderts. Es ist hier nicht möglich, eine geistesgeschichtliche Ableitung dieses bis heute schillernden Begriffs zu geben. (Das allein schon wäre eine lohnende Aufgabe für ein ganzes Buch.) Es muß der Hinweis genügen, daß erst auf der begrifflichen Basis einer „Sexualität“ die „Homosexualität“ und damit sekundär ihr Gegenstück, die „Heterosexualität“, konzipierbar wurden.

Diese Konzeption wurde vor allem von Karl Heinrich Ulrichs geleistet. Als männerliebender Jurist suchte er nach einem Rechtfertigungsgrund für die Abschaffung aller Gesetze, die sein eigenes Verhalten unter Strafe stellten, und er fand ihn in der Idee eines besonderen, angeborenen Zustandes, den er als „weibliche Seele im männlichen Körper“ beschrieb. Er folgte dabei einer ebenso verblüffenden wie einfachen Logik:

„Zu allen Zeiten und unter allen Völkern erblickt der Beobachter des Menschengeschlechts Äußerungen einer geschlechtlichen Leidenschaft von Seiten männlich gebauter Individuen zu männlich gebauten Individuen … Da drängt sich ihm denn die Frage auf: ‚Ist diese Erscheinung, die so abnorm zu sein scheint, natürliche, wahre geschlechtliche Liebe?‘ Die Antwort scheint auf den ersten Blick nicht ganz leicht. Denn auf der einen Seite sagt ihm ein entschiedenes Bewußtsein, daß ein Mann einen Mann nicht lieben kann. ‚Also, so möchte er schließen, kann jene Erscheinung wahre natürliche Liebe nicht sein.‘ Andererseits aber tragen all jene Äußerungen das Gepräge ungekünstelter wahrer geschlechtlicher Sehnsucht wirklich an sich. Scheinbar also eine unlösbare Verwicklung … Und doch ist eine Lösung vorhanden. Alle Schwierigkeit schwindet, sobald man umgekehrt rückwärts schließt: Jene auf Männer gerichtete Liebe ist offenbar wahre Geschlechtsliebe; ein Mann kann einen Mann nicht lieben: also kann der liebende Teil nicht wahrer Mann sein.'“

Stattdessen handelt es sich um ein besonderes Geschöpf, den Vertreter eines bisher unerkannten „dritten Geschlechts“: den scheinbaren Mann mit angeborenem weiblichen Wesen. Da aber ein angeborenes Wesen, ein subjektiv ungewollter biologischer Zustand, nicht wohl strafbar sein kann, schien hiermit das Argument gefunden, das ganze bestehende juristische Unterdrückungssystem aus den Angeln zu heben. Ulrichs prägte auch ein neues Wort für den von ihm neuentdeckten Zustand: Uranismus. Die in diesem Zustand Befindlichen nannte er dementsprechend Uranier und später, germanisierend, Urninge.

Seine Anfangsidee entwickelte sich allmählich zu einer veritablen „Theorie“. Endlich bot sie ein komplexes System von Typisierungen und Klassifizierungen urnischer Untergruppen, denn die sexuelle Vielfalt, von der Ulrichs als notorischer Advokat der Männerliebe bald brieflich und persönlich Kenntnis erhielt, ließ den ursprünglich genial-simplen Einfall als zunehmend unhaltbar erscheinen. Diese graduelle Korrektur, Differenzierung, Aufweichung und fast Auflösung einer einfachen, hoffnungsvollen Idee durch die lebendige Wirklichkeit kann man am besten an Ulrichs‘ Schriften selber studieren, obwohl er sich bis zuletzt weigerte, die logischen Konsequenzen zu ziehen. Er gab alle möglichen Unterschiede beim Uranismus zu, ja, er räumte sogar gleichgeschlechtliche Handlungen bei Dioningen (d.h. Nicht-Urningen) ein, aber an seiner Hauptthese hielt er fest: Prinzipiell und in den meisten Fällen drückten diese Handlungen einen angeborenen, unabänderlichen, durchaus gesunden, wenn auch relativ seltenen inneren Zustand aus.

Ulrichs vielgelesene Pamphlete erschienen seit 1864 in unregelmäßigen Abständen. Das Jahr 1869 allein sah drei davon unter den Titeln Incubus, Argonauticus und Prometheus. Die beiden ersten befaßten sich notgedrungen mit einem sensationellen Kriminalfall, denn, wie vom Teufel persönlich bestellt, stand ausgerechnet in diesem Schlüsseljahr in Berlin ein „urnischer“ Adeliger, von Zastrow, wegen Mordes, Verstümmelung und versuchten Mordes an zwei Knaben vor Gericht. Das trübte natürlich das Klima für die von Ulrichs ersehnte Toleranz. Nach zwei weiteren Schriften wanderte er enttäuscht und verarmt nach Italien aus. Hirschfeld summiert, vielleicht etwas zu unkritisch und pietätvoll, Ulrichs‘ Gesamtwerk im vorliegenden Buch (s.S. 6-10 und 954-967).

Ebenfalls im juristischen Kontext bewegte sich zunächst ein anderer männerliebender Autor, der Ulrichs‘ Vorstellungen übernahm. K.M.Kertbeny (ursprünglich Karl Maria Benkert), ein österreichischer Schriftsteller, mochte aber seinem Vordenker nicht allen Ruhm gönnen und ersetzte daher das gelehrt-poetische „Uranismus“ durch den häßlich-modischen Wortzwitter „Homosexualität“. Er tat dies, wie bereits angedeutet, 1869 in einer anonymen Denkschrift, die den Preußischen Justizminister Dr. Leonhardt aufforderte, homosexuelle Handlungen künftig straffrei zu lassen.

Diese Denkschrift ist aus vielen Gründen interessant, besonders aber auch deshalb, weil sich der Autor in ihr wahrheitswidrig als „Normalsexualer“ und als „Arzt“ ausgibt. Wenn Kertbeny hier seinen hohen Adressaten bewußt in die Irre führte, so glaubte er zweifellos, im Sinne seines Anliegens zu handeln. Ulrichs war als offener „Urning“ dem breiteren Publikum suspekt geblieben und hatte häufig allein schon aus diesem Grunde kein Gehör gefunden. Also schien es wohl klüger, jeden Verdacht von Eigeninteresse zu vermeiden. Außerdem aber glaubte Kertbeny, seine juristischen Argumente zusätzlich untermauern zu müssen, und so gab er vor, Mediziner zu sein. (Hirschfeld perpetuiert diese Legende ungeprüft im vorliegenden Buch, S. 4.) Damit aber eilte er seiner Zeit ein wenig voraus, denn ironischerweise hatte gerade der Justizminister Leonhardt, den er beeindrucken wollte, im gleichen Jahr 1869 die königlich-preußische Medizinaldeputation gebeten, sich zur Strafwürdigkeit „widernatürlicher Unzucht“ zu äußern. Dies tat sie denn auch unmißverständlich, indem sie das Problem scharf aus dem Bereich der Medizin hinaus verwies. Nach der Feststellung, daß „von seiten der medizinischen Wissenschaft“ kein Unterschied zwischen der strafbaren „widernatürlichen“ und anderen, straffreien Arten der Unzucht zu erkennen sei, weigerte sich die Kommission, das gesetzgeberische Hauptargument überhaupt zu erörtern: „Ein Urteil darüber, ob in der zwischen Personen männlichen Geschlechts verübten Unzucht eine besondere Unsittlichkeit … liegt, dürfte kaum zur Kompetenz der medizinischen Sachverständigen gehören.“ Das Gutachten schließt daher mit dem Resultat, daß Gründe für ein besonderes Strafgesetz nicht gefunden werden konnten. (Der volle Text im vorliegenden Buch S. 961-963.)

Hier sprach das damalige medizinische „Establishment“ (zur Deputation gehörten Virchow, Langenbeck, Housselle und Bardeleben). Wenn diese Männer implizit die Straffreiheit „widernatürlicher Unzucht“ empfahlen und sich vor allem sträubten, sie in den Rang eines medizinischen Problems zu erheben, so taten sie dies aufgrund einer echt konservativen Wissenschaftsauffassung, die sich nicht vor den Karren des „gesunden Volksempfindens“ spannen lassen wollte. Leider aber wurde ihre Empfehlung nicht beachtet, und ihr medizinischer Konservatismus wurde noch im gleichen Jahr von einer neuen, „progressiven“ Psychiatrie „überwunden“.

Ebenfalls 1869 erschienen die ersten „Fälle“ von gleichgeschlechtlich Liebenden in einer psychiatrischen Fachzeitschrift 6. Zunächst der junge Berliner Nervenarzt Carl Westphal und dann in rascher Folge Kollegen aus ganz Deutschland und Österreich berichteten von Patienten, die unter einer offensichtlich unangemessenen Zuneigung zu Geschlechtsgenossen litten und daher Behandlung brauchten. Westphal war inzwischen natürlich mit Ulrichs‘ Werken und dem Begriff des „Uranismus“ vertraut, fand das Wort jedoch nicht passend, da es, neuerlich aus der antiken Mythologie abgeleitet, keinerlei Konnotationen von Krankheit besaß. Er wandte sich daher an einen Altphilologen um Rat. Wie aber bereits bemerkt, fehlte die von Ulrichs propagierte Vorstellung im Altertum noch völlig, und so gab es auch weder einen griechischen noch einen lateinischen Ausdruck dafür. In dieser Lage wußte sich Westphal nicht anders als mit einer Neuschöpfung zu helfen: „Conträre Sexualempfindung“. Dabei suggerierte wenigstens das Adjektiv, daß an dem Zustand etwas „verkehrt“ war. An der Verkehrtheit aber hatte Westphal keinen Zweifel und auch nicht daran, daß sie ein medizinisches Thema war. Aus diesem Grunde vor allen anderen war deshalb auch ihre Strafbarkeit abzulehnen: „Tritt … nicht mehr das Gespenst des Gefängnisses drohend vor das Bekenntnis der perversen Neigung, dann werden diese Fälle gewiß eher zur Kenntnis der Ärzte gelangen, in deren Gebiet sie gehören.“ (s. vorliegendes Buch S. 5).

Hier sprach eine medizinische Avantgarde, die, von Ulrichs auf die Spur gebracht, hocherfreut ein riesiges Neuland für therapeutische Eroberungen vor sich auftauchen sah. Einer der größten Konquistadoren erschien denn auch bald auf der Szene: Richard von Krafft-Ebing, der Westphal dann mit eigenem Material unterstützte.

Auch Krafft-Ebing hatte den eigentlichen Anstoß allerdings von Ulrichs erhalten, dem er noch 1879 klipp und klar schrieb: „Von dem Tage an, wo Sie mir … Ihre Schriften zusandten, habe ich meine volle Aufmerksamkeit der Erscheinung zugewendet … und die Kenntnis Ihrer Schriften allein war es, was mich veranlaßte zum Studium in diesem hochwichtigen Gebiet …“ (s. vorliegendes Buch S. 967). Einige Jahre später reihte dann der so Angeregte die „konträre Sexualempfindung“ in seine Psychopathia sexualis ein und dankte dabei seinem Briefpartner so: „Mitte der 60er Jahre trat ein gewisser Assessor Ulrichs, selbst mit diesem perversen Trieb behaftet, auf und … verlangte nichts Geringeres als die staatliche und sociale Anerkennung dieser urnischen Geschlechtsliebe … Ulrichs blieb nur den Beweis dafür schuldig, daß diese allerdings angeborene paradoxe Geschlechtsempfindung eine physiologische und nicht vielmehr eine pathologische Erscheinung sei.“.

Es versteht sich aber von selbst, daß Krafft-Ebing und alle anderen Psychiater den umgekehrten Beweis genauso schuldig blieben. Auch sie blieben einfach in Behauptungen stecken. Sie setzten Sexualverhalten einfach mit Fortpflanzungsverhalten gleich und kamen so zu dem Schluß, daß jede gleichgeschlechtliche Neigung als „pervers“ den reproduktiven Endzweck verfehle. Also mußte sie krankhaft sein. Dieses ebenso wissenschaftlich naive wie standespolitisch arrogante Verfahren haben spätere, peinlich berührte Psychiater als die „Fabrikation des Wahnsinns“ bezeichnet. Aber diese selbstkritische Einsicht datiert erst aus unserem Jahrhundert.

Noch peinlicher allerdings als die ideologische Verblendung der damaligen Psychiatrie ist das private Vorurteil einiger anderer Zeitgenossen, die man sonst als große Denker und Anwälte der Unterdrückten verehrt. Wiederum im Jahre 1869 hatte Karl Marx die Schrift Argonauticus von Ulrichs in die Hand bekommen. Er schickte sie seinem Freund Friedrich Engels zu, der ihm daraufhin folgenden Brief schrieb:

„Das ist ja ein ganz kurioser ‚Urning‘, den Du mir da geschickt hast. Das sind ja äußerst widernatürliche Enthüllungen. Die Päderasten fangen an sich zu zählen und finden, daß sie eine Macht im Staate bilden … Und da sie ja in allen alten und selbst neuen Parteien, von Rösing bis Schweitzer, so bedeutende Männer zählen, kann ihnen der Sieg nicht ausbleiben … Es ist nur ein Glück, daß wir persönlich zu alt sind, als daß wir noch beim Sieg dieser Partei fürchten müßten, den Siegern körperlich Tribut zahlen zu müssen. Aber die junge Generation! Übrigens auch nur in Deutschland möglich, daß so ein Bursche auftritt, die Schweinerei in eine Theorie umsetzt und einladet: introite … Aber warte erst, bis das neue norddeutsche Strafgesetz die droits du cul anerkannt hat … Uns armen Leuten von vorn, mit unserer kindischen Neigung für die Weiber, wird es dann schlecht genug gehen. Wenn der Schweitzer zu etwas zu brauchen wäre, so wäre es, diesem sonderbaren Biedermann die Personalien über die hohen und höchsten Päderasten abzulocken, was ihm als Geistesverwandtem gewiß nicht schwer wäre …“.

Der altjüngferlich entrüstete, gequält humoristische Ton dieser Epistel allein demonstriert schon, wie unangenehm Marx und Engels das ganze Thema war. Wirklich skandalös aber ist der Vorschlag, den Sozialisten Schweitzer als Spitzel für politische Erpressungen gegen seine „urnischen Mitbrüder“ zu mißbrauchen. Hier enthüllt sich in Engels die Mentalität eines J. Edgar Hoover. Ein Glück für die Ehre des Sozialismus, daß andere große Gestalten wie Lasalle und Bebel weniger verklemmt reagierten!.

Faßt man nun die hier aufgezählten Ereignisse des Jahres 1869 zusammen, so erkennt man, daß die „Homosexualität“, gleich vom ersten Augenblick an, da sie ins öffentliche Bewußtsein trat, das ganze Spektrum der Reaktionen hervorrief, die uns bis heute vertraut geblieben sind: Wir sehen zunächst den Versuch der Betroffenen, durch frische Theorien und semantische Neuschöpfungen ein allgemeines Umdenken einzuleiten und dann durch eine Strafrechtsreform den Makel des Verbrechertums von sich abzuwenden (Ulrichs, Kertbeny). Wir sehen darauf dies Begehren von etablierten akademischen Kreisen unterstützt (der königlichpreußischen Medizinaldeputation). Wir sehen ferner, daß diese Kreise jede medizinische Kompetenz in der Frage verneinen, während eine aufstrebende Psychiatrie gerade diese Kompetenz exklusiv für sich in Anspruch nimmt (Westphal, Krafft-Ebing). Wir sehen häßliche private Vorurteile und den Hinweis auf Schnüffelei und politische Ausschlachtung der Kontroverse (Engels). Wir sehen den mörderischen Knabenschänder, dessen Sensationsprozeß zu äußerst ungelegener Zeit plötzlich Schlagzeilen macht, vom wirklichen Thema ablenkt und jeden Fortschritt der Toleranz auf Jahre blockiert (von Zastrow). Vor allem aber sehen wir, wie eine neue Rechtfertigungsstrategie der „Homosexuellen“ gegen sie selbst gekehrt wird. Die Behauptung, daß gleichgeschlechtliches Verhalten Ausdruck eines mysteriösen inneren Zustandes sei, führt nicht zur Befreiung, sondern wird kurzerhand psychiatrisiert und so zum neuen Unterdrückungsinstrument. Als zusätzliche Waffe wird sie dem wachsenden Arsenal der Macht einverleibt und verstärkt nur den allgemeinen Konformitätsdruck.

Anders als von ihren männerliebenden Propheten erträumt, wurde die „Homosexualität“ deshalb am Ende ein intellektuelles und emotionales Gefängnis für alle, drinnen und draußen. Sie fügte sich nahtlos in das moderne „Dispositiv der Sexualität“. Michel Foucault hat den ganzen Prozeß und sein Resultat so resümiert: „Die Sodomie … war ein Typ von verbotener Handlung … Der Homosexuelle des 19. Jahrhunderts ist zu einer Persönlichkeit geworden, die über eine Vergangenheit und eine Kindheit verfügt, einen Charakter, eine Lebensform … Nichts von alledem, was er ist, entrinnt seiner Sexualität … Sie ist ihm konsubstantiell, weniger als Gewohnheitssünde denn als Sondernatur. … Die Homosexualität (ist) aufgetaucht, als sie von der Praktik der Sodomie zu einer Art innerer Androgynie, einem Hermaphroditismus der Seele herabgedrückt worden ist. Der Sodomit war ein Gestrauchelter, der Homosexuelle ist eine Spezies.“

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„Die Homosexualität des Mannes und des Weibes“ ist zweifellos eines der wichtigsten Bücher Hirschfelds. Er schrieb es im Alter von 45 Jahren fast genau auf der Mitte seiner Laufbahn als Wissenschaftler und Sexualreformer. Sein erstes Buch zum Thema hatte er schon 1896 unter dem Pseudonym Th. Ramien vorgelegt: Sappho und Sokrates – Wie erklärt sich die Liebe der Männer und Frauen zu Personen des eigenen Geschlechts? Darauf folgten im Laufe der Jahre über 30 weitere Bücher und Aufsätze über Homosexualität, vier davon allein noch im Jahre 1929, bevor er sich dazu durchrang, Deutschland zu verlassen. Von all diesen Publikationen ist aber das vorliegende Werk bei weitem das instruktivste, nicht nur wegen des Umfangs, sondern auch wegen der zahllosen, sonst schwer erreichbaren Details.

Bei Beginn unseres Jahrhunderts hatte sich das Wort „Homosexualität“ nicht nur in Deutschland, sondern auch international soweit eingebürgert, daß Hirschfeld es wohl oder übel im Titel seiner Monographie verwenden mußte. Den ursprünglichen, synonymen Begriffen „Uranismus“ und „konträre Sexualempfindung“ (von Hirschfeld noch teilweise im Text gebraucht) mangelte eben die autoritative, pseudo-objektive Aura des glatten Fachausdrucks, die Kertbeny mit seinem journalistischen Gespür fürs Zeitgemäße hervorgezaubert hatte. Die „konträre Sexualempfindung“ hatte zwar, auf dem Umweg der Übersetzung ins Italienische („amore invertito“: Lombroso), Französische („Inversion sexuelle“: Charcot, Magnan und Chevalier) und Englische („sexual Inversion“: Havelock Ellis) zu dem elegant verknappten deutschen „Inversion“ zurückgeführt, aber auch dieses handliche Wort konnte sich auf die Dauer nicht halten. Im Grunde war das aber auch nebensächlich, denn allen konkurrierenden Neologismen lag ja die gleiche Vorstellung zugrunde: ein eigentümlicher Seelenzustand, der irgendwie mit der Verkehrung von Männlichkeit und Weiblichkeit zusammenhing. Ebenso zweifelte ja niemand mehr an der Existenz von „Homosexuellen“, die man infolge dieses Zustandes klar von ihren Mitmenschen abgrenzen konnte. Strittig blieb allein, ob der Zustand „pervers“ und Symptom einer Krankheit war. Die meisten „Homosexuellen“ verneinten dies und weigerten sich, die Rolle von Patienten zu spielen; die meisten Mediziner aber bejahten es ganz energisch und drängten ihnen verschiedene „Heilungsverfahren“ auf, besonders die Hypnose, aber auch die Psychoanalyse.

Dies war die allgemeine Lage, als Hirschfeld das vorliegende Werk in Angriff nahm. Seine besondere persönliche Situation aber machte es ihm unmöglich, den medizinischen Autoritäten seiner Zeit zu folgen: Er war nämlich selbst „homosexuell“.

Hirschfelds gleichgeschlechtliche Neigungen, zu seinen Lebzeiten niemals öffentlich zugegeben, waren für viele seiner Kollegen wahrscheinlich ein offenes Geheimnis oder wurden wenigstens vermutet. Wie damals üblich, respektierte man aber sowohl in der Presse wie auch in akademischen Auseinandersetzungen allerseits die Privatsphäre. Nur Hirschfelds sexualwissenschaftlicher Rivale Albert Moll ging einmal soweit, in einer Fachzeitschrift mit Enthüllung zu drohen. Auf jeden Fall war der Bedrohte in seinen sexuellen Beziehungen immer diskret genug, keine Aufmerksamkeit zu erregen. Gewisse, nach seinem Tod kolportierte Gerüchte, die es besser wissen wollten, entbehren der faktischen Grundlage. So wurde z.B. berichtet, Hirschfeld sei Transvestit und als solcher unter dem Namen „Tante Magnesia“ in Berlin stadtbekannt gewesen. Hier liegt aber einfach eine Fehlinterpretation vor. Der Spitzname als solcher ist zwar gesichert, aber, wie oft in damaligen Homosexuellenkreisen, war er einfach ein Ausdruck von liebevoll-groteskem Spott ohne jede Implikation von wirklicher Effeminiertheit oder geschlechtlicher Verkleidung. Heute noch lebende gute Bekannte von Hirschfeld bestätigen einstimmig seine homosexuelle „Durchschnittlichkeit“ und Unauffälligkeit. Erotisch scheint er, wie viele andere gebildete Homosexuelle seiner Zeit, eine Vorliebe für anlehnungsbedürftige Jünglingsgestalten gehabt zu haben.

Wie dem aber auch sei, Hirschfeld hatte persönlich keinen Grund, etwas Krankhaftes in der Homosexualität zu sehen. In einer glücklichen Familie mit sechs anderen Geschwistern aufgewachsen, fand er seine berufliche Inspiration in seinem geliebten Vater, dem Kolberger Arzt Hermann Hirschfeld, dessen Toleranz, Güte und Pflichtbewußtsein von seinen dankbaren Mitbürgern mit einem Denkmal geehrt worden waren. Nach seiner eigenen Promotion hatte der junge Magnus außerdem längere Reisen in andere europäische Länder, die USA und nach Afrika unternommen, wo er zweifellos die sehr verschiedenen Erscheinungsformen der Männerliebe und die gesellschaftlichen Einstellungen zu ihr studierte. Nach seiner Niederlassung in Berlin als „Facharzt für nervöse und psychische Leiden“ begann er sehr bald, homosexuelle Patienten aus allen sozialen Schichten anzuziehen, die er aber nur moralisch aufzurichten, nicht zu „heilen“ versuchte. Seine ärztliche „Behandlung“ bestand von Anfang an einfach darin, „Homosexuellen“ das Selbstbewußtsein zu stärken und ihnen die Möglichkeit eines „trotz alledem“ erfüllten Lebens aufzuzeigen (s. dazu Kapitel 23 des vorliegenden Buches, S. 439-461).

Wie bereits erwähnt, gründete Hirschfeld außerdem 1897 das Wissenschaftlichhumanitäre Komitee, das für die Entkriminalisierung homosexueller Handlungen kämpfte. Dies wiederum brachte ihn bald in freundschaftliche Verbindung mit leitenden Polizeibeamten, die seine Forderungen aufgrund eigener beruflicher Erfahrung unterstützten. (Der erste und vielleicht wichtigste dieser Mitstreiter war der Berliner Polizeidirektor Leopold von Meerscheidt-Hüllessem.) Hirschfelds zum Teil kontroverse, enge Zusammenarbeit mit der Polizei ist einer der interessantesten Aspekte seiner Karriere, der wohl eine genauere Untersuchung wert wäre. Ein interessantes Streiflicht auf diese Zusammenarbeit wirft Harry Benjamin in seinen Erinnerungen:

„Ich lernte Hirschfeld durch einen gemeinsamen Freund kennen, den damals wohlbekannten Kriminalkommissar Dr. Kopp, Leiter der Abteilung Sexualstraftaten bei der Berliner Polizei … Ein paar Mal wurde ich eingeladen, Hirschfeld und Kopp, die gute Freunde waren, auf einer Tour durch die Schwulenkneipen in Berlin zu begleiten.“.

Das war etwa 1907, zur Zeit der „homosexuellen“ Sensationsprozesse um Kuno von Moltke, den Reichskanzler Fürst Bülow und den Fürsten Eulenburg, wobei Hirschfeld auch als Sachverständiger in Erscheinung trat. Ein Jahr später berichtete er über die volkspsychologische Wirkung dieser Prozesse in seiner neuen Zeitschrift für Sexualwissenschaft, in der er dann auch seinen „psychoanalytischen Fragebogen“ vorlegte. Später in „psycho-biologischer Fragebogen“ umbenannt, wurde er zu Hirschfelds wichtigstem Forschungsinstrument. Mit der Zerstörung seines Instituts 1933 gingen auch Tausende dieser Fragebögen und weiterer Bekenntnisbriefe verloren – ein unersetzlicher Datenschatz, der, wenn auch statistisch nicht repräsentativ, dennoch eine lehrreiche Vielfalt sexueller Erfahrungen demonstrierte. Da auch Kindheitserinnerungen miterfaßt wurden, reichten die frühesten Selbstberichte bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts zurück.

Was speziell die Homosexualität angeht, so hatte Hirschfeld aber auch als erster statistische Erhebungen durchgeführt. Die Einzelheiten sind am besten im hier vorliegenden Buch nachzulesen (S. 465 – 525). Nach heutigem Wissensstand lagen dabei die Resultate (d.h. die geschätzte Prozentzahl der „Homosexuellen“ in der Gesamtbevölkerung) viel zu niedrig, aber zur damaligen Zeit und noch lange danach galten sie als übertrieben hoch. Es ist hier nicht nötig, auf diese Frage einzugehen, aber eine technische Einzelheit der Hirschfeldschen Aktion verdient einen kurzen Kommentar: Die allesamt männlichen Subjekte wurden gebeten, ihre erotischen Neigungen zum einen oder anderen Geschlecht durch das Unterstreichen von W. (Weib) oder M. (Mann) oder W. + M. (beide Geschlechter) anzudeuten. Jeder mußte also zwischen drei Möglichkeiten wählen. Für einige war das aber offensichtlich nicht differenziert genug, und so war bei der dritten „bisexuellen“ Option von ihnen „ohne daß danach gefragt worden war, das W. oder das M. durch zwei oder mehrere Striche stärker hervorgehoben worden“ (S. 480). Bei der nächsten Umfrage machte sich Hirschfeld diese Anregung sofort zunutze und bat alle Befragten, sich selbst in ein nicht mehr dreifach, sondern fünffach gegliedertes System einzuordnen. Damit nahm Hirschfeld im Ansatz schon die spätere, siebenteilige Kinsey-Skala vorweg (S. 489).

Wie oben erwähnt, hatte auch Ulrichs schon differenzieren müssen. Er hatte daher in seiner Schrift Memnon (1868) außer er den „normalen“ Dioningen und den völlig gleichgeschlechtlich empfindenden Urningen noch „Uranodioninge“ eingeführt, d.h. Männer, die sowohl andere Männer wie auch Frauen liebten. Diese Uranodioninge wiederum kamen in zwei Varianten vor, während die Urninge selbst in drei Varianten erschienen – zwei Extremtypen („Männlinge“ und „Weiblinge“) und eine große Gruppe von „Zwischenstufen“. Mit anderen Worten: Schon Ulrichs hatte versucht, gleichgeschlechtliches Verhalten in fünf verschiedenen Kategorien zu fassen. Ja, er hatte den Versuch sogar graphisch durch ein Klammerschema illustriert. Ähnliche Versuche gab es auch später, so etwa bei Ludwig Frey, der 1898 für die Darstellung der menschlichen Sexualität drei verschiedene gleitende Skalen anbot, oder bei Ludwig E. West, der 1902 zum gleichen Zwecke ein System von Säulen verschiedener Höhe entwarf. All diesen Versuchen lag die am Ende immer unvermeidliche Einsicht zugrunde, das die „Homosexualität“ kein einheitliches, eindeutig abgrenzbares Phänomen darstellt, sondern sich vor dem forschenden Blick gleichsam an ihren Rändern „verfranst“ und verflüchtigt. Die „Homosexuellen“ – selbst wenn man an die Existenz einer solchen besonderen Menschenklasse glaubte – hatten eben keine klar bestimmbaren Züge. Ludwig Frey nannte sie daher „Übergangsmenschen“. Aber genaugenommen gab es überhaupt nur Übergangsmenschen, denn in der Natur war alles Übergang:

„Das Gesetz vom unvermerkten Übergange herrscht nämlich auch in dem weiten Bereich des Sexuallebens, das ebenso an der somatischen wie psychischen Lebensseite partizipiert; ja, man darf sagen, nirgends waltet seine Kraft so energisch wie auf diesem Gebiete. Wie kein Mensch physiognomisch dem anderen vollständig gleich ist, so mag er geschlechtlich einem ändern zwar ähnlich, er wird ihm aber nie vollständig gleich sein … Man darf zu Recht sagen: Es gibt so viele Geschlechtsanlagen wie Individuen.“.

Auch Hirschfeld konnte sich dieser fundamentalen Einsicht nicht verschließen, und endlich machte er sie zur Basis seines ganzen wissenschaftlichen und reformerischen Denkens. Sein eigenes Leben lieferte ihm zudem täglich erneut die Bestätigung. Nicht nur seine persönlichen sexuellen Erfahrungen und weiten Reisen, sondern auch der Umgang mit seinen sehr zahlreichen Patienten und den sehr verschiedenen Mitgliedern und Mitläufern des Wissenschaftlich-humanitären Komitees, seine genaue Kenntnis der Berliner „Schwulenszene“ in all ihren Aspekten, seine langjährige Zusammenarbeit mit der Polizei und die resultierenden Einblicke in die Erpresserwelt, die Ergebnisse seiner Fragebögen und statistischen Erhebungen – all dies zwang ihm eine Sicht der Homosexualität auf, die von der landläufigen abwich. In der Tat hatte vor Hirschfeld kein Mediziner (und besonders kein Psychoanalytiker) auch nur annähernd soviele „Homosexuelle“ zu Gesicht bekommen. Hirschfeld selbst nennt schon 1913 „an 10.000 homosexuelle Männer und Frauen“, eine Zahl, die auch seither kein Forscher mehr erreicht hat. Selbst Kinsey erreichte weniger als die Hälfte davon, auch wenn man seine Interviewpartner mit minimaler homosexueller Erfahrung dazurechnet. Iwan Bloch sprach also nur eine einfache Wahrheit aus, wenn er in der Einleitung zum gesamten Handbuch den Autor des hier vorliegenden dritten Bandes mit diesen Worten vorstellte:

„Dr. Hirschfeld ist der unbestritten erste Kenner der Homosexualität, über die er während mehrerer Dezennien eine geradezu gewaltige, über die ganze Welt sich erstreckende Erfahrung gesammelt hat. Das ihm zur Verfügung stehende Material über diese Frage hat an Umfang und Vielseitigkeit nicht seinesgleichen.“.

Dieser Umfang und diese Vielseitigkeit aber sind es, die Hirschfelds Buch auch heute noch lesenswert machen. Auch wenn man seine wissenschaftlichen Thesen als zeitgebunden oder halbgegoren ignoriert, so bleibt doch soviel Primärmaterial, soviel „Stoff“ aus dem wirklichen Leben, daß es als kulturhistorisches Dokument unersetzlich bleibt. Diese Lebensfülle spricht besonders aus dem Zweiten Hauptteil des Buches, der die soziologischen Aspekte der Homosexualität behandelt (Kap. 24-39). Er bietet eine schier unendliche Reihe von instruktiven Einzelheiten und ist allein deshalb schon von bleibendem Wert. Keine andere Quelle schildert z.B. die männliche Prostitution und das Erpresserwesen im wilhelminischen Deutschland so eindringlich und zugleich so differenziert (Kapitel 32, 35 und 36). Gleichzeitig aber vermitteln diese Schilderungen auch indirekt ein Gefühl für die sexuell beklemmende Atmosphäre dieser Zeit, für die große seelische Not, aber auch für den anarchisch-vitalen Liebeswillen, der sich unter oft grotesken Beschränkungen erfindungsreich Bahn bricht. Hier sieht man einen der farbigsten Akte der ewigen comédie humaine.

Was nun den theoretisierenden Ersten Hauptteil des Buches angeht, der die „Homosexuellen“ als biologische Erscheinung behandelt (Kap. 1 – 23), so ist er unvermeidlicherweise inzwischen überholt. Nicht nur sind viele biologische Entdeckungen neu hinzugekommen, sondern auch manche früher bekannten Befunde werden heute besser verstanden. Infolgedessen ist auch Hirschfelds Kerngedanke in der hier angebotenen Form nicht mehr haltbar. Dennoch wäre es voreilig, ihn als irrelevant einfach abzutun. Es zeigt sich nämlich bei näherem Hinsehen, daß er die entscheidende Wahrheit durchaus richtig erfaßt: Die sexuelle Orientierung ist, generell betrachtet, keine Sache des Entweder-Oder, des Alles oder Nichts, sondern eine des graduellen Übergangs. Sie liegt auf einem Kontinuum. Das Bewußtsein davon aber war Hirschfeld durch seine ausgedehnte Erfahrung gleichsam in Fleisch und Blut übergegangen. Er griff daher auf Ulrichs‘ Begriff der „Zwischenstufen“ zurück, dem er aber eine neue, umfassende Bedeutung gab. Er sollte nicht mehr nur „urnische“ Varietäten bezeichnen, sondern einfach alle geschlechtlichen Übergänge. Diese Übergänge fanden sich sowohl auf körperlichem wie seelischem Gebiet. Hirschfeld veranschaulichte diesen Gedanken mit einem vierfachen Schema oder Einteilungsprinzip. Danach gab es sexuelle Zwischenstufen in bezug auf

I. die Geschlechtsorgane (Hermaphroditismus)
II. die sonstigen körperlichen Eigenschaften (Androgynie)
III. den Geschlechtstrieb (Bisexualität und Homosexualität)
IV. die sonstigen seelischen Eigenschaften (Transvestitismus)

Innerhalb dieser voneinander unabhängigen Kategorien selbst lagen graduelle Übergänge, und die jeweilig verschiedene Mischung der Kategorien im Individuum brachte dann die erstaunliche sexuelle Vielfalt des menschlichen Lebens hervor.

Dieses Einteilungsschema ist, mit nur leichter Modifikation, auch heute noch brauchbar. Faßt man nämlich Hirschfelds Kategorien I und II als „biologisches Geschlecht“ (d.h. primäre und sekundäre Geschlechtsmerkmale) in eine einzige Kategorie zusammen, so ergibt sich in moderner Fachsprache:

I. biologisches Geschlecht
(d.h. Männlichkeit oder Weiblichkeit des Körpers.
Mischung: Hermaphroditismus und Androgynie)

II. sexuelle Orientierung
(d. h. Heterosexualität oder Homosexualität der Partnerpräferenz.
Mischung: Ambisexualität)

III. Geschlechtsrolle
(d.h. Maskulinität oder Femininität des Gebarens
Mischung: Transvestismus) .

Was die komplexe Kategorie der Geschlechtsrolle („gender role“) angeht, so hat man heute außerdem weiter differenziert und unterscheidet nun zwischen ihrer äußeren Manifestation und ihrem inneren Erleben. Also ergibt sich eine vierte Kategorie:

IV. Geschlechtsidentität
(d.h. Selbstidentifizierung als männlich oder weiblich.
Widerspruch zum biologischen Geschlecht: Transsexualität).

Hirschfeld selbst hatte den Begriff des „Transvestitismus“ geprägt und als erster die Transvestiten von den Homosexuellen unterschieden. Insofern hatte er mit der Etablierung seiner Kategorie IV durchaus bleibende Pionierarbeit geleistet. Der Begriff des Transsexualismus allerdings war ihm noch fremd. Er wurde erst 1954 von Harry Benjamin eingeführt.

Hirschfeld stellte sein Schema immer wieder als simple „Einordnung“ vor, als einfaches Mittel des Systematisierung, als ein handliches methodisches Prinzip. Aber leider sprach er auch manchmal von seiner „Zwischenstufentheorie“, obwohl er zugleich davor warnte, diesen Ausdruck allzu wörtlich zu nehmen. Er ist in der Tat irreführend, denn um eine Theorie, d. h. eine logisch kohärente, vollständige Erklärung der systematisierten Phänomene handelte es sich ja nicht. „Die Gesetze der gemischten oder beiderseitigen Vererbung“, die Hirschfeld selbst anführt, sind keine Erklärung, solange ihre genauen Abläufe nicht dargestellt werden. Hier bleibt er in einer abstrakt-allgemeinen Banalität stecken:

„In jedem Lebewesen, das aus der Vereinigung zweier Geschlechter hervorgegangen ist, finden sich neben den Zeichen des einen Geschlechts die des andern.“ (S. 363)

Diese „Erklärung“ bringt auch die Frage der sexuellen Orientierung immer noch irgendwie mit dem biologischen Geschlecht, also dem Körperbau, zusammen, eine Verbindung, deren Automatik Hirschfeld jedoch andererseits bestreitet. Kurz, das grundsätzlich brauchbare „Zwischenstufensystem“ entwickelt sich nicht zu einer brauchbaren „Zwischenstufentheorie“ und führt, in seiner vorschnellen Auslegung, zum Mißverständnis der Homosexualität als eines „vererbten“ oder irgendwie angeborenen Charakters, der zudem noch ein Manko an Männlichkeit oder Weiblichkeit bedeutet.

Die Gefahr einer solchen Auslegung für die Homosexuellen selber wurde auch von Hirschfelds Gegnern immer wieder betont. So schrieb zum Beispiel Erich Meyer:

„Eine doppelte Gefahr liegt auch in der Hirschfeldschen Lehre von den Zwischenstufen. Einmal für den Homosexuellen selbst. Er kommt zu der Anschauung, eine besondere Art Mensch zu sein. Das führt zur Absonderung und dem Gefühl der Vereinsamung, das sich dann leicht mit dem Gefühl der Minderwertigkeit verbindet … Die Gegner der Homosexuellen aber sehen in solchen Zwischenstufen, wenn nicht geborene Verbrecher und Minderwertige, so doch Museumstiere, die sie nicht ernst nehmen.“

Noch drastischer wurde Max Marcuse, der schließlich zu der Überzeugung kam, es könne sich nur um eine krankhafte Erscheinung handeln:

„Je mehr Hirschfeld sich bemühte, das Angeborensein der Homosexualität, ihre ubiquitäre Verbreitung und regelmäßige Verknüpfung mit individuell konstitutionellen Besonderheiten, sei es in den Keimdrüsen, sei es in den Skelettproportionen, sei es in der seelischen Struktur nachzuweisen, desto mehr Indizien brachte er für ihren Entartungscharakter.“

Marcuse läßt hier aber auch den negativen Einfluß einer psychoanalytischen Schule erkennen, die, in einem gewissen Gegensatz zu Freud selbst, auf frühere psychiatrische Auffassungen zurückgriff. Danach war die Homosexualität per definitionem Symptom eines krankhaften, heilungsbedürftigen Zustandes. Ironischerweise hatte aber Hirschfeld gerade den größten Propagator dieser Vorstellung, Richard von Krafft-Ebing, noch kurz vor dessen Tode dazu gebracht, seine Ansicht praktisch zu wiederrufen. Dennoch blieben einige Psychoanalytiker, wie z. B. Alfred Adler und Joseph Sadger bei dem älteren psychiatrischen Vorurteil, dem sie nur ein anderes Gewand überzogen. Sadger behauptete sogar in Hirschfelds eigenen Zeitschriften die „Heilbarkeit“ der Homosexualität. Dessen spöttische, wenn auch vornehm formulierte Kritik an allen solchen Behauptungen traf aber – und trifft immer noch – ins Schwarze (siehe Kap. 22 des vorliegende Buches).

Sigmund Freud gegenüber behielt Hirschfeld immer einen kühlen Respekt, fand aber offensichtlich dessen Denken für das Problem der Homosexualität nicht besonders ergiebig. Es waren zum Teil auch die wiederholten psychoanalytischen Heilungs- und Bekehrungsversuche an Homosexuellen, die Hirschfeld zwangen, auf Distanz zu gehen. Seine große praktische Erfahrung, die, wie er wußte, der jedes Psychoanalytikers weit überlegen war, hinderte ihn vor allem, das Heil in der Freudschen Lehre zu suchen. Er witterte wohl in ihr etwas sektenhaft Missionarisches, eine Glaubensgewißheit, einen Dogmatismus über die richtige „psycho-sexuelle Reife“, die Anbetung einer paradoxen „idealen Normalität“, die er selbst nicht teilen konnte. Stattdessen fühlte er zeitlebens eine tiefe Anteilnahme am Leben gerade der abgewerteten sexuellen Minderheiten, denen er immer ohne jede Vorverurteilung gegenübertrat. Er diskriminierte nicht: Die Hermaphroditen, Androgynen, Transvestiten, „Mannweiber“ und „Tunten“ – alle waren bei ihm „gleichberechtigt“. Seine Gegner sahen in dieser Einstellung natürlich den Beweis für Hirschfelds Naivität und Kritiklosigkeit, und selbst seine Freunde waren darüber häufig verstört. Vom heutigen Standpunkt aus lag aber gerade darin seine Größe als Wissenschaftler. Übrigens war er auch in diesem Punkt Kinsey sehr ähnlich.

Wenn Hirschfeld also auch als Theoretiker flach und unfertig blieb, so hatte er doch den durch lange Beobachtung geschärften wissenschaftlichen Instinkt, wenigstens nicht der Chimäre einer „richtigen“ menschlichen Sexualität nachzujagen. Er blieb lieber nah an der konfusen Realität, auch wenn er sie begrifflich nicht völlig bewältigen konnte. Seine vielfältigen Äußerungen zum Thema Homosexualität haben daher in ihrer Gesamtheit etwas Vorläufiges, zusammengerafft Unelegantes, ja Unordentliches, wie man es überhaupt auch von seiner ganzen Persönlichkeit und Erscheinung bezeugt hat. Auch das vorliegende Buch trägt zum Teil solche Züge. Gerade das aber erlaubt uns heute, dem nachzuspüren, was ihn stocken und zweifeln ließ.

Es war dies der ungeklärte begriffliche Ansatz der Homosexualitätsdiskussion selber. Die „Homosexuellen“ sollten eine besondere Menschengruppe darstellen, aber die Kriterien der Zuordnung zu dieser Gruppe blieben unbestimmt. Konnten auch Nicht-Homosexuelle gleichgeschlechtliche Handlungen begehen? Gab es noch eine weitere Sondergruppe – die Ambisexuellen? Und was hatte das Ganze mit Männlichkeit und Weiblichkeit zu schaffen? Gab es denn nicht sehr virile homosexuelle und weibische heterosexuelle Männer? Hatte man es also doch irgendwie mit Übergängen oder „Zwischenstufen“ zu tun? Aber wo sollte man die Trennungslinie ziehen zwischen Mehrheit und Minderheit, Art und Abart, Gesundheit und Krankheit, angeborener Natur und erlerntem Verhalten?

Hirschfeld behalf sich hier mit seinem allgemein-unverbindlichen, groben Einteilungsschema und blieb so die eigentliche Antwort auf all diese Fragen schuldig. Daß er nicht weiter ging, ja, nicht weiter gehen konnte, ist nun im Nachhinein der beste Beweis für seine wahre Kennerschaft. Denn die ganze Fragestellung war falsch, was seinen selbstsicheren, theoriefreudigen und therapiewütigen Kollegen aber nicht auffiel. Der ganze Gegensatz von Homosexualität und Heterosexualität war ein kulturgeschichtliches Produkt, ein intellektueller Artefakt, der nur in einer sexuell repressiven Gesellschaft entstehen konnte. Das war auch der Grund, warum er in der Antike noch fehlte. Selbst das Mittelalter und die frühe Neuzeit erkannten unter dem Namen der allgemeinen Sündhaftigkeit noch für jeden ein weites Sexualpotential an. Erst die industrielle Revolution brachte die entscheidende Einschränkung und „Normalisierung“ dieses Potentials. Die „Homosexualität“ wurde somit als Begriff überhaupt erst denkbar, als die westlichen Länder das volle Spektrum menschlicher Erotik nicht mehr gelten ließen. Sie ist daher wesentlich ein ideologischer Begriff, auch wenn dieser, wie ursprünglich geschehen, unter positiven Vorzeichen eingeführt wird. Er hängt eben völlig vom Begriff einer besonders eng gefaßten „Normalsexualität“ ab, wie Kertbeny sie nannte. Diese falsche Dichotomisierung der menschlichen Sexualität machte jede wirkliche Einsicht von vornherein unmöglich. Es war deshalb letzten Endes nebensächlich, wie man die Homosexualität bewertete oder erklärte – biologisch, soziologisch oder psychoanalytisch -, die unbefragte Vorstellung einer besonderen „homosexuellen Identität“, die all diesen Versuchen zugrunde lag, führte auf jeden Fall in die Irre .

Ein Durchbruch wurde hier erst durch Alfred C. Kinsey erzielt, der in seinen großen „Reports“ Tausende von Männern und Frauen einfach nach ihrem homosexuellen Verhalten (d. h. sowohl Handlungen als auch Phantasien und Wünschen) fragte. Er trug die Resultate in eine siebenteilige gleitende Skala ein, die von exklusiv heterosexuellem über fünf „Zwischenstufen“ bis zu exklusiv homosexuellem Verhalten reichte. Das Gesamtbild zwang ihn dann schließlich, das Substantiv „Homosexueller“ als Bezeichnung für eine Person völlig aufzugeben:

„Man würde klareres Denken in diesen Dingen ermutigen, wenn man Personen nicht als heterosexuell oder homosexuell bezeichnen würde, sondern als Individuen mit einem bestimmten Ausmaß an heterosexueller Erfahrung und einem bestimmten Ausmaß an homosexueller Erfahrung. Anstatt diese Ausdrücke als Substantive oder selbst als Adjektive für Personen zu gebrauchen, sollte man sie besser zur Beschreibung von tatsächlichen sexuellen Beziehungen oder von Stimuli verwenden, auf die ein Individuum erotisch reagiert.“

Daraus folgte dann weiter, daß auch die alte falsche Dichotomie von Heterosexualität und Homosexualität aufgegeben werden mußte, und so betonte Kinsey 1948 das genau fünfzig Jahre früher schon durch Frey angerufene, oben erwähnte Prinzip des „Übergangs“:

„Man kann die Welt nicht in Schafe und Ziegen einteilen. Nicht alle Dinge sind schwarz oder weiß. Es ist ein Grundsatz der Taxonomie, daß die Natur selten getrennte Kategorien aufweist. Nur der menschliche Geist führt Kategorien ein und versucht, die Tatsachen in getrennte Fächer einzuordnen. Die lebendige Welt ist ein Kontinuum in all ihren Aspekten. Je eher wir uns dessen in bezug auf menschliches Sexualverhalten bewußt werden, um so eher werden wir zu einem wirklichen Verständnis der Realitäten gelangen.“ (…)

Der vollständige Orginaltext befindet sich dann HIER.