Vor ein paar Tage habe ich angefangen das Buch von Gerhard Bott „Die Erfindung der Götter. Essays zur Politischen Theologie“ zu lesen. Basierend auf jüngsten natur- und kulturwissenschaftlichen Erkenntnissen widerlegt er darin das patriarchale Wunschdenken und die heute alles beherrschende Lehre über den angeblich seit Anbeginn der Zeiten (und auf Erden wie im Himmel) existierenden Ur-Vater und Gott-Vater. Es ist also ein Buch über den Beginn der Religion, die am Anfang mit einer Ur-Mutter immer weiblich war, und es ist auch ein Buch über die menschlichen Anfänge und sein sozial-sexuelles Zusammenleben („Familie“), den Übergang vom Paniden zum Hominiden, vom Affen zu Menschen. Und da wird es interessant, denn sehr lange war man der Meinung, dass der Mensch von den Gorillas abstammt, aber neueste naturwissenschaftliche Erkenntnisse haben gezeigt, dass er – über verschiedene Übergangsformen wie homo erectus, homo heidelbergensis ect.- eine Weiterentwicklung der sogenannten Paniden, also Schimpansen und Bonobos ist.

Man könnte an dieser Stelle jetzt denken, dass es doch egal sei, von welcher Affenart der Mensch abstammt. Aber das ist es keineswegs, denn die „Familienstruktur“, das soziobiologische Modell -also die Art und Weise wie die beiden Arten das Zusammenleben regeln, (bzw. es von der Natur geregelt wird) – ist grundverschieden. Die Gorillas leben in einer Art monogam-polygynen Paarungsfamilie, d. h. sie haben einen biologischen Vater (Silberrücken) als Familienoberhaupt und er wacht dann über seine Frau und ihre gemeinsamen Kinder (monogam), oder eben über seine Frauen und die gemeinsamen Kinder (polygam, Harem). Seine Söhne und Töchter verlassen, wenn sie geschlechtsreif werden, die Familiengruppe und müssen dann eine „eigene Familie“ gründen, d. h. die jungen Männchen scharen entweder neue Weibchen um sich oder versuchen durch Kampf eine bestehende Gruppe zu erobern, indem sie den Chef/Silberrücken töten oder ihn vertreiben. Die Gorillagruppe/Familie ist also eine Art Patriarchat mit einem Patriarchen/Vater als Familien-Oberhaupt. So weit so gut, erinnert sehr an die Kultur des Menschen, Vater-Mutter-Kind, Heilige Familie.

Bei den Paniden und besonders bei den Bonobos sieht die Sache aber ganz anders aus. Bei ihren spielt der Vater bzw. die biologische Vaterschaft keine Rolle, denn sie leben in Gruppen von 40 bis 70 Individuen zusammen und sexuelle Kontakte finden zwischen allen Gruppenmitgliedern statt (hetero- wie homosexuell), wobei die Wahl stets von den Frauen getroffen wird. Der Rang der Männchen innerhalb der Gruppe hängt von der sozialen Stellung seiner Mutter ab und die Männchen dominieren auch nicht über die Weibchen, das liegt daran, dass die Weibchen (u. a. durch den gemeinsamen Sex) eine starke Bündnisfähigkeit und Solidarität untereinander entwickelt haben, und auch an ihrer generellen sexuellen Freizügigkeit und Dominanz. Die geschlechtsreifen Töchter verlassen stets die Gruppe (biologisch verankerte Inzestschranke) und schließen sich einer neuen Gruppe an, wo sie sich wiederum mit den ihnen fremden Weibchen (durch Sex) solidarisieren.

Warum sich dann in der menschlichen Sozial- und Kulturgeschichte dennoch die gorillaartige, patriarchale Familienstruktur (inkl. UrvaterGott, Zwangsheterosexualität und der Unterordnung/Abhängigkeit der Frau/Mutter von dem Mann) durchgesetzt hat, steht auf einem anderem Blatt. Aber „natürlich“ scheint diese Ordnung für den Menschen/die Frau nach neuesten naturwissenschaftlichen Erkenntnissen nicht zu sein, eher eine kulturelle Einengung, Hybris des Mannes und Entmachtung der Frau.

Das war jetzt eine kurze (hoffentlich korrekte) Zusammenfassung der ersten beiden Kapitel, die ersten Eindrücke von einem Buch, das nicht ganz einfach zu lesen ist und das mich wohl noch eine ganze Weile beschäftigen wird. Und im Anschluss hier noch ein passender Ausschnit aus einem Artikel aus Bild der Wissenschaft online über Homosexualitäten, bzw. gleichgeschlechtliches Sexualverhalten bei Tieren. Besonders zu beachten ist der fett markierte Abschnitt über das sexuelle Verhalten der Bonobo Damen unter-und miteinander:


AFFE, PINGUIN & CO

Bei immer mehr Tierarten stellt sich heraus: Gleichgeschlechtliche Kontakte sind ein selbstverständlicher Bestandteil des Sexuallebens.

Dass Homosexuelle gegen die Natur handeln – darin sind sich Moralapostel vom Papst bis zu irakischen Mullahs einig. Mit Naturwissenschaft hat derlei Homo-Feindlichkeit freilich nichts zu tun. Denn welchen Varianten von gleichgeschlechtlichem Sex Menschen auch frönen mögen: Tiere treiben es genauso. Wenn nicht noch wilder.

Das trifft speziell auf unsere nächsten Verwandten zu, die Primaten, wie das Sexualleben von Bären-, Rhesus- und Japan-Makaken belegt. Hier pflegen manche Äffinnen sexuelle Vorspiele, die menschlichen Liebespaaren alle Ehre machen würden. Beim „Schmatzen und Umkreisen“ bewegt sich ein Weibchen geräuschvoll in stetig engerem Zirkel um eine Auserwählte herum. Neckereien wie „präsentieren und wegrennen“ oder „küssen und wegrennen“ münden oft in ein Räuber-und-Gendarm-Spiel. Dabei schleichen die Weibchen langsam um einen Baumstamm herum und bemühen sich, durch rasches Um-die-Ecke-Blinzeln den Nachstellungen der Partnerin zu entgehen. Nach dem Hasch-Mich geht es zur Sache: Eines der Weibchen klettert auf den Rücken der Partnerin, hält sich an deren Schultern fest und reibt ihr Geschlechtsteil über den Rumpf der Bestiegenen. Zuweilen stimuliert sie dabei ihre Vulva mit dem Schwanzende oder mit der Hand. Manchmal assistiert die Bestiegene, oder sie zeigt die auch bei heterosexuellen Kopulationen vorkommende Kupplungsreaktion: Sie wendet ihren Kopf, um der Partnerin in die Augen zu schauen. Dabei schmatzt die Bestiegene mit den Lippen, fasst nach hinten und zieht die Partnerin am Körper. Die Aufreitende setzt ihre Beckenstöße fort, bis sich ihr Körper versteift. Ihr Gesicht ist gerötet, die Lippen runden sich zum „O“-Mund, und sie stöhnt. Dann reagiert sie ähnlich wie ein ejakulierendes Männchen: mit einer deutlichen Pause, dem Vorneigen des Rumpfes und einem tranceartigen Blick ins Nichts. Oft umarmen sich die Weibchen am Ende solcher Begegnungen.

Lesbische Liebe kann also bei Makaken zum Orgasmus führen. Zumindest weisen die Reaktionen auf die gleiche Erregung hin, wie sie bei der Kopulation mit Männchen über implantierte Minisender gemessen wurden – eine erhöhte Herzschlagrate und Vaginalkontraktionen. Das entkräftet den Einwand, gleichgeschlechtliche Kontakte unter Tieren seien „nicht sexuell“. Zudem widerlegen Affenstudien die Behauptung, allein Menschen würden sich homosexuell betätigen, obwohl Partner des anderen Geschlechts willig sind. Denn Makaken-Weibchen brechen zeitweilig Sexualkontakte mit Männchen ab oder weisen Freier aggressiv zurück, um sich Geschlechtsgenossinnen hinzugeben. Auch das gleichgeschlechtliche Repertoire von Makaken-Männchen muss den Vergleich mit menschlichen Vettern nicht scheuen. Es reicht von gegenseitiger manueller Stimulation der Genitalien über Oralsex durch Lecken und Saugen bis zu Aufreiten, Beckenstößen und Analverkehr mit oder ohne Samenerguss.

JUNGGESELLEN TUN ES STÄNDIG

Derartiger Sex mit Geschlechtsgenossen ist nichts Anekdotenhaftes. Bei indischen Languren-Affen etwa ist jeder Erwachsene irgendwann homosexuell aktiv. Vier von fünf Affen reiten bei anderen auf und neun von zehn lassen sich aufreiten. Bei Weibchen machen gleichgeschlechtliche Kontakte 46 Prozent aller sexuellen Interaktionen aus. Immerhin noch 18 Prozent des Sexuallebens männlicher Haremshalter richten sich auf andere Männchen, während Junggesellen es satte 95 Prozent der Zeit untereinander treiben. Gleichgeschlechtlicher Sex ist damit keineswegs eine Fußnote der Sexualbiografie, sondern integraler Bestandteil.

Dass diese Spielarten des Sexus bei Tieren in der Öffentlichkeit noch immer relativ unbekannt sind, hat mehrere Gründe. Zum einen gibt es weltweit nur eine Handvoll Verhaltensforscher, die sich des Themas annehmen. Selbstzensur spielt gewiss eine Rolle. Denn wer darüber publiziert, muss selbst heute noch mit homophoben Reaktionen rechnen – oder mit der Unterstellung, eigene Betroffenheit zu thematisieren. Andererseits sind gleichgeschlechtliche Kontakte insgesamt tatsächlich seltener als heterosexuelle. Bei zahlreichen Tierarten fehlen sie völlig. Bei manchen Spezies hingegen kommt gleichgeschlechtlicher Sex so regelmäßig vor, dass damit halbwegs seriöse Statistik betrieben werden kann. Dazu zählen unter anderem Anolis-Echsen, Sonnenfische, Stichlinge, Flamingos, Graugänse, Damhirsche, Dickhornschafe, Bisons, See-Elefanten, Große Tümmler, verwilderte Hauskatzen und zahlreiche Primaten.

GORILLAS IN MISSIONARSSTELLUNG

Die Regenbogen-Koalition demonstriert, dass Homo-Sex an recht entfernten Zweigen des Lebensbaums blüht – sich also mehrfach unabhängig voneinander entwickelte und sich entsprechend divers gestaltet. Der kleinste gemeinsame Nenner ist, dass es unter Geschlechtsgenossen zum Kontakt der Genitalien kommt. Man kann deshalb wohl von homosexuellem Verhalten bei Tieren sprechen. Der Terminus „Homosexualität“ sollte hingegen vermieden werden, da er ein einheitliches Phänomen suggeriert. Das Kaleidoskop reicht jedoch vom Aufeinanderpressen der Kloaken bei Flamingos über das Penetrieren der Geschlechtsöffnung mit Kiefer und Flossen bei Delfinen bis zur Missionarsstellung unter Gorillamännern.

Wenn überhaupt, wäre es wegen der Varianz angemessener, im Plural von „Homosexualitäten“ zu sprechen – was auch auf Menschen zutrifft. Diese kulturelle Vielfalt beim Sex mag durchaus bei vielen Tieren vorkommen. Doch wissen die Verhaltensforscher davon kaum etwas. Japan-Makaken jedenfalls pflegen ihre intensiven lesbischen Kontakte nur in manchen Gruppen, während sie benachbarten Gesellschaften völlig fehlen.

Den Begriff „Homosexualität“ auf Tiere anzuwenden, ist zudem problematisch, weil er nicht nur gleichgeschlechtliche Akte bezeichnet, sondern auch eine sexuelle Orientierung ausdrückt – inklusive der Fantasie, mit Geschlechtsgenossen Sex haben zu wollen. Auch wenn uns Tiere ihre Sehnsüchte nicht mitteilen können, ist homosexuelle Orientierung im Tierreich dennoch nicht grundsätzlich auszuschließen. Beispielsweise ging in der einst von Konrad Lorenz im österreichischen Grünau begründeten Graugans-Kolonie jeder siebte Ganter eine Paarbindung immer nur mit anderen Männchen ein. Womit ein viel zitierter Satz des Mentors der vergleichenden Verhaltensforschung eine ganz neue Bedeutung gewinnt: „Graugänse sind auch nur Menschen.“

Evolutionsbiologischen Prinzipien scheint gleichgeschlechtlicher Sex auf den ersten Blick zu widersprechen. Wie kann die Auslese ein Verhalten fördern, das nicht der Fortpflanzung dient? Der Einwand verkennt, dass die meisten heterosexuellen Kontakte auch nicht zur Befruchtung führen – unter anderem, weil Sex sozialstrategisch eingesetzt wird. So kopulieren Affenweibchen auch außerhalb der fruchtbaren Phase, um die Vaterschaft zu verwirren – was das Risiko von Kindestötung senkt oder ihnen Unterstützung ihrer Sexpartner einträgt. Homo-Sex kann ebenfalls solche indirekten Vorteile bringen, wobei seine Ausprägungen vielfältig sind.

Häufig ist „tuntenhaftes“ Gebaren von Männchen, die sich betont weiblich geben – in Gestalt, Bewegung, Färbung – und sich von stärkeren Geschlechtsgenossen begatten lassen. Diese Travestie findet sich bei Sonnenfischen und Stichlingen ebenso wie bei Anolis-Echsen und Dickhornschafen und lässt sich als Täuschungsstrategie deuten. Ihre Maskerade erlaubt den feminisierten Männchen, in der Nähe der Territoriumshalter zu bleiben und so eigene Befruchtungsgelegenheiten zu erschleichen.

ÜBEN FÜR DEN Ernstfall

Gleichgeschlechtlicher Sex kann auch dazu dienen, sich auf eine zukünftige Fortpflanzung vorzubereiten. Große Tümmler gehen dafür Männer-Allianzen ein, die geschicktes und synchronisiertes Schwimmen erfordern. Derlei Teamwork ist nötig, um Weibchen sexuell gefügig zu machen – denn es ist relativ leicht, sich Nachstellungen im dreidimensionalen Raum des Ozeans zu entziehen. Das exakte Positionieren der Genitalien unter Wasser üben männliche Delfine als Heranwachsende miteinander – das zahlt sich später heterosexuell aus. Praktische Gründe mögen auch manche Vögel dazu veranlassen, in einer Saison ein homosexuelles Paar zu bilden und in der nächsten ein heterosexuelles. Ähnlich wie bei Graugänsen lebt jeder fünfte Flamingo in einer gleichgeschlechtlichen „Beziehung“. Besonders wenn Mangel an Partnern herrscht, wäre die Alternative, alleine zu leben. Das ist stressig und gefährlich, weil es gilt, Raubfeinden zu entkommen und sich gegen aggressive Artgenossen zu behaupten. Zuweilen ziehen gleichgeschlechtliche Paare einen Jungvogel auf, indem sie entweder ein Ei stehlen oder – im Fall lesbischer Paare – eine Samenspende ergattern. Homo-Partnerschaften können jahrelang währen oder nur eine Saison, sie ermöglichen aber in jedem Fall das Praktizieren von Elternverhalten.

Nicht saisonal, sondern permanent bisexuell verhalten sich Bonobo-Weibchen. Die Damen kopulieren zwar auch gern heterosexuell, sind aber bekannt für ihr sogenanntes g-g-rubbing. Bei diesem genito-genitalen Reiben werden die oft enormen Schwellungen der Ano-Genital-Region eingesetzt, samt Klitoris, die nicht nur relativ groß ist, sondern auch erigiert. Die Weibchen reiben sich in rascher Frequenz aneinander, und ihren Lustgewinn würden wohl die wenigsten Beobachter bestreiten. Homo-Sex ist auch das wesentliche soziale Werkzeug, mit dem sie Koalitionen gegen Männchen bilden. Der intime körperliche Umgang schafft Vertrauen und recht genaue Kenntnis der Stärken und Schwächen der Bündnispartnerinnen – was Bonobos eine frauenzentrierte Gesellschaft ermöglicht.

KEINESWEGS WIDERNATÜRLICH

Die meisten Tiere treiben also sowohl homo- wie heterosexuellen Sex. Sich gleichgeschlechtlich zu engagieren bedeutet dabei nicht, auf direkte Reproduktion zu verzichten. Außerdem lassen sich nicht allen homosexuellen Interaktionen Funktionen zuschreiben. Das von Japan-Makaken frenetisch betriebene Klitorisreiben etwa hat nichts mit Allianzen zu tun, dient nicht heterosexueller Praxis und baut auch keine Spannungen ab. Vielmehr reiben die Äffinnen sich manchmal an trägen Männchen, um deren sexuelles Interesse durch die Demonstration eigener Willigkeit zu wecken. Das geht einher mit lustvollen Gefühlen – und die lassen sich mit einer Partnerin offenbar noch besser kultivieren. Somit wären lesbische Akte Beiprodukte einer ursprünglich heterosexuellen Funktion. Zweckfreier Sex, nur so zum Spaß: Selbst da können sich Menschen und Tiere einig sein.

Gleichgeschlechtliches Sexualverhalten ist mithin keineswegs „widernatürlich“. Daraus folgt übrigens nicht, dass Homosexualität „gut“ wäre – wie sie umgekehrt nicht „schlecht“ wäre, würde Homo-Sex unter Tieren fehlen. Denn ob etwas in der Natur vorkommt oder nicht, lehrt nicht automatisch, wie es moralisch zu beurteilen ist. Der Sittenlehrer Seneca brachte dies bereits vor 2000 Jahren auf den Punkt: „Die Natur schenkt nicht die Tugend, es ist eine Kunst, gut zu werden.“ Was uns freilich nicht daran hindern sollte, animalischen Homo-Sex einfach nur tierisch gut zu finden.

Der ganze Artikel findet sich in Bild der Wissenschaft online.