Dass das Christentum eine patriarchale, sublim homoerotische und frauen- und sexualfeindliche Religion ist, ist mir spätestens nach der Lektüre von Mary Dalys in den 70gern Jahren erschienen Büchern „Jenseits von Gottvater Sohn & Co“ und „Gyn/Ökologie“ klargeworden. Sie analysiert darin die vorgriechischen und griechischen Mythen und zeigt den Übergang vom Erden-zum Himmelskult auf, also die symbolische Tötung der weiblichen-mütterlichen Gottheiten und wie sie- nach und nach- durch männliche und gebärende Götter, also eine Art „Urväter“, ersetzt wurden. Das nachfolgende Christentum (eine Mischung aus hellenistischen und jüdischen Einflüssen?) ist dann eigentlich nur die raffinierte Fortsetzung und Vervollkommnung dieses Prozesses:

Das Denken der westlichen Gesellschaft ist immer noch, offen oder unterschwellig, vom christlichen Symbolismus besetzt, und dieser Besitz-Stand hat seinen Einfluss über fast den ganzen Planeten ausgedehnt. Höchstes Symbol seiner Prozession ist die rein männliche Trinität selbst. Von grundlegender Bedeutung ist hier die Tatsache, dass dies ein Bild ist von einem göttlichen Sohne, der aus einem göttlichen Vater kommt (Mutter oder Tochter kommen hier nicht vor). In dieser Symbolik ist der Vater die erste, der Ursprung, der die zweite Person aus dem Geist erschafft, den Sohn/das Wort (am Anfang war das Wort!), der sein perfektes Abbild ist, „gleich ewig“ und wesensgleich.
Ihre Vereinigung ist so total, dass sich ihre „gegenseitige“ Liebe in der Hervorbringung einer dritten Person ausdrückt, die „Heiliger Geist“ genannt wird, deren eigentlicher Name jedoch „Liebe“ ist. Diese Definition der „Drei Göttlichen Personen“ (Geist, Wort, Liebe) ist das Musterbeispiel für den Pseudo-Gattungsbegriff „Person“ (der angeblich auf Männer und Frauen gleichermaßen zutreffen soll), denn er schließt alle weibliche mythische Anwesenheit aus, verleugnet die weibliche Wirklichkeit im Kosmos.

Die Prozession der Heiligen Personen“ ist der sensationellste Einakter der Jahrhunderte, die eigentliche „Love Story“, aufgeführt von dem Höchsten rein männlichen Ensemble. Hier haben wir den Inbegriff des Männerbundes. Es ist ein „sublimer“ (und daher kaschierter) erotischer männlich-homosexueller Mythos – die perfekte rein männliche Ehe, der beste Jungensklub, das Muster-Mönchskloster, die oberste Männervereinigung, das Vorbild für alle Variationen gleichgeschlechtlicher männlicher Paarung.
Auf die schüchtern geäußerten Einwendungen christlicher Frauen gab es die klassische Antwort: „Ihr seid beim Heiligen Geist inbegriffen. Er hat weibliche Züge.“ Der Punkt ist natürlich, dass von Männern ausgedachte Weiblichkeit nichts mit Frauen zu tun hat. Aufgetuckte Tunten, ob göttlich oder menschlich, gehören zur Männervereinigung.
(Mary Daly „Gyn/Ökologie“)

Als ich damals ihre Bücher gelesen haben, war ich sehr jung und verstand somit nicht alles- und außerdem schreibt Mary Daly nicht gerade sehr verständlich. Aber so mit der Zeit und vor allem durch die neuen Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten des Internets, beginnt sich mein Bild über Religionen und Mythen langsam zu vervollständigen und ich erkenne, dass alle Glaubensrichtungen, alle 5 Weltreligionen- Judentum, Christentum, Islam, Buddhismus und Hinduismus- politische Machttheologien und frauenfeindlich sind, denn sie versuchen entweder die Frau auf der symbolischen Ebene gänzlich abzuschaffen und/oder sich ihre „spirituelle Geburtsenergie“ und mütterliche Schöpfungskraft anzueignen, was natürlich nicht funktioniert. (Und deshalb schrieb Mary Daly damals auch: „Die vorherrschende Religion auf dem gesamten Planeten ist das Patriarchat als solches, und seine eigentliche Botschaft ist die Nekrophilie“.) Und darüber ob das Patriarchat jetzt- z. B. weil immer mehr Frauen nicht mehr an die Überlegenheit der Männer und Unterlegenheit der Frauen glauben und auch viele Mechanismen zu durchschauen beginnen- am Zusammenbrechen ist, kann man sich streiten. Ich denke schon, aber es wird wohl noch ein sehr langer Prozess/Weg sein, der durch das Internet sicherlich beschleunigt wird- aber dazu müssen Frauen ehrlich miteinander reden und auch zusammen sein können- und nicht durch Zwangsheterosexualität und äußere und innere Zensur (wenn du dich für Feminismus oder für „Frauensachen“ interessierst, hast du Männerhass und bist daher eine Lesbe!) daran gehindert werden/sich selbst hindern.

Wie schon erwähnt, ist der Erkenntnis- und Bewusstwerdungsprozess ein langer und teilweise auch schmerzhafter Weg und Bücher können da einem sehr helfen, und welche daher als nächstes unbedingt auf meiner Leseliste stehen werden sind von Kirsten Armbruster „Das Muttertabu“ (in dem Artikel „Der symbolische Mutter/Frauenmord in Mythen“ habe ich schon ein Kapitel daraus hier auf den/das Blog gestellt) und/oder von Gerhard Bott „Die Erfindung der Götter“.

Und jetzt komme ich zu dem eigentlichen Text, den ich hier auf die Seite gestellt habe, nämlich einen (etwas älteren) Artikel aus der „Emma“ über Dalia Lama und buddhistisches Tantra. Tantra und Dalia Lama, was haben die beiden Sachen miteinander zu tun, werden sich sicherlich einige hier jetzt verwundert fragen. Ja diese Fragen habe ich mir zunächst auch gestellt, denn bei Tantra hatte ich eher (Gruppen)Sex, Gongs, Schlabberklammotten, charismatische Gurus und spirituell- sexuelle Vereinigung von Mann und Frau- als einen zölibatären Mönch vor Augen. Und auch die vielen esoterisch angehauchten Webseiten von irgendwelchen Tantra-Gruppen, deren Selbstdarstellungstexte ich immer mit einer Mischung von Unverständnis und leichtem Unbehagen gelesen habe, denn meistens ist darin von einem Zusammenführen von männlicher und weiblicher (sexueller) Energie die Rede, und dass Mann und Frau sich auf der energetischen Ebene brauchen und diesen „Energieaustausch“ dann durch rituellen Geschlechtsverkehr zelebrieren sollen. Aber diese Rituale können natürlich nur zwischen den entgegengesetzten Geschlechtern ausgeführt werdne, denn alle anderen Paarungen  führen angeblich  zu unweigerlichem Energieverlust und dieser kann Krankheiten bis hin zu Irrsinn hervorrufen(!) Was für ein heterosexistischer Scheiß, habe ich mir dann oft gedacht, aber war mir dennoch nicht so ganz sicher, ob da vielleicht doch etwas dran sein könnte mit den entgegengesetzten Energien…

Nun ja, und mir ist auch noch aufgefallen, dass sehr viele (Hetero-)Frauen, wohl in der Hoffnung ihre Beziehungen zu Männern zu verbessern, sich recht oft der spirituelle Praxis des buddhistischen Tantra verschrieben haben oder sich darauf reinsteigern. (Gilt ebenso für den Buddhismus.) Und sie erzählen dann, dass sie es deshalb tun, weil sie, die Frauen nämlich, den Mann/die Männer durch die spirituelle Verbindung, den energetischen Sex „erlösen“ können/müssen. Und ich habe nie verstanden, was sie damit meinten aber ich musste jedes Mal an die Opern von Richard Wagner denken, bei denen ich es auch schon nicht verstanden hatte, was der „Meister“ mit seinem „die Erlösung des Mannes kommt durch die Frau“ uns da sagen wollte. Aber als vor ein paar Tagen in einer Facebookgruppe jemand einen Link auf diesen Artikel hier gepostet hat, fiel es mir sozusagen wie Schuppen von den Augen- durch/von der Frau erlöst werde- und ich erkannte auch, die sich einem nicht sofort erschließenden Zusammenhänge, zwischen dem angeblich so toleranten und sexualfreundlichen Buddhismus und dem Christentum. Aber lest selbst.


Ihre Heiligkeit & der Sex:

Am 6. Juli (2010) feiert der Dalai Lama seinen 75. Geburtstag. Wie hält das Deutschland-Idol Nr. 1 (laut Funkuhr) es mit dem Sex? Dieser Frage ist der Dalai-Lama-Biograf genauer nachgegangen. Und er wird beachtlich fündig.

Millionen Menschen in aller Welt gilt er als Hoffnungsträger und Lichtgestalt: „Seine Heiligkeit“ Tenzin Gyatso, der 14. Dalai Lama. Nicht nur Stars und Sternchen, von Tina Turner bis Mutter Beimer, sonnen sich in seinem Glanz, auch Politschaffende jeder Couleur drängen sich danach, von ihm einen Glückswedel umgehängt zu bekommen. Grünen-Vorsitzende Claudia Roth etwa hält ihn für den „Inbegriff von Friedfertigkeit, Weisheit und Güte“. Ihre Vorgängerin Petra Kelly, die Mitte der 80er wesentlich zur Popularisierung des tibetischen „Gottkönigs“ im Westen beigetragen hat, war hin und weg gewesen von dessen Ausstrahlung „femininer Maskulinität“.

Eine Ahnung, welche Absichten und Interessen dieser ständig vor sich hinkichernde kleine Mann tatsächlich verfolgt, hat kaum jemand. Die Fans wollen es auch gar nicht wissen. Sie interessieren sich nicht wirklich für Tibet, nicht für die Geschichte des Landes, nicht für politische Fragen und Probleme. Ein „Free-Tibet“-Aufkleber auf dem Kofferraumdeckel reicht fürs Gutmenschengefühl völlig. Konsequent wird alles ausgeblendet, was das Bild des Dalai Lama ankratzen könnte. Je platter seine Phrasen und seine Selbstdarstellung als Friedensfürst und heroischer Vorkämpfer für Demokratie und Menschenrechte, umso frenetischer der Applaus.

Anlässlich einer seiner zahlreichen Besuche in Deutschland traf der „Gottkönig“ Mitte der 1990er die damalige Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer, die, ganz Theologin, zu bezeugen wusste, Tibet sei ein Land „mit besonderer Aura“. Nie zuvor habe sie „so eine tiefe spirituelle Frömmigkeit erlebt. Wer wissen will, was Religion auch sein kann – was unser alter Kontinent Europa schon gar nicht mehr weiß –, der kann es heute vielleicht nur noch in Tibet so erfahren“. Als Geschenk überreichte sie dem Dalai Lama, der von gläubigen Tibetern mit dem Namen „Wunscherfüllendes Juwel“ bedacht wird, einen Bergkristall.

Erwartungsgemäß ergriff der solchermaßen Geehrte sofort die Gelegenheit, den tieferen Symbolgehalt des Geschenks zu erörtern: „Wenn von außen auf den Kristall Lichtstrahlen treffen, dann entstehen verschiedene Farben. Was bedeutet das? Das bedeutet, dass unser klarer makelloser Geist ungeheure Energie freisetzen kann.“ Dass im tibetischen Buddhismus der Begriff des „Wunscherfüllenden Juwels“ für etwas ganz anderes steht, nämlich für den Phallus (des Lama), verschwieg der „höchste Lehrmeister des Tantra“ wohlweislich, der sich im Westen publikumswirksam als zölibatärer Mönch präsentiert.

Wie in sämtlichen Religionen finden sich auch im tibetischen Buddhismus detaillierte Anweisungen zu „korrektem Sexualverhalten“. Insbesondere die Angehörigen des Klerus unterliegen strengen Richtlinien, müssen „strikte Keuschheit“ üben. Gleichwohl, wie der Dalai Lama erläutert, „gibt es im tibetischen Buddhismus eine ausgeprägte sexuelle Symbolik, besonders in der Darstellung der Gottheiten mit ihren Gefährtinnen, woraus oftmals ein falscher Eindruck entsteht. Das Sexualorgan wird zwar benutzt, aber der Fluss der Energie wird völlig beherrscht. Entscheidend ist die Fähigkeit, sich vor dem Fehler des Samenergusses zu hüten. Da es sich nicht um einen gewöhnlichen Sexualakt handelt, kann man die Verbindung zur Enthaltsamkeit herstellen.“

In anderen Worten: Solange Mönch oder Lama nicht ejakulieren, können sie sich durchaus verschiedenster sexueller Aktivitäten befleißigen. Die „Benutzung des Sexualorgans“, sofern korrekt vorgenommen, sei ohne weiteres mit dem Gelübde des Zölibats vereinbar. Derlei sexuelle Praktiken, so der Dalai Lama spitzfindig, „sind in Wahrheit kein Sex, auch wenn es so aussieht“.

Das „männliche Elixier“ müsse unbedingt im Körper zurückgehalten und dort mit dem anzueignenden „weiblichen Elixier“ verbunden werden, das durch den in die Vagina eingeführten Penis aufgesogen werde. Hierzu gibt es verschiedenste Vorübungen. Eine davon besteht darin, einen Strohhalm in die Harnröhre einzuführen und das Gemächt in ein Glas Wasser oder auch Milch zu hängen. Durch bestimmte Atemtechniken lasse sich Unterdruck in der Harnröhre erzeugen, wodurch etwas Flüssigkeit angesaugt werden könne. Erst wer dies beherrscht, darf sich eine „Sexgefährtin“ (tibet. Songyum) zulegen.

Gerade Frauen sollten verstehen, worum es bei den Sexpraktiken der Lamas wirklich geht. Die in Tibet bis heute vorherrschende buddhistische Lehre ist die des so genannten Vajrayana (sanskrit: Diamantzepter-, Blitz- oder Phallusgefährt), eine Untergliederung des so genannten Mahayana (Großes Gefährt [zur Erleuchtung]). Im Gegensatz zu sämtlichen sonstigen Schulen des Buddhismus verspricht das „Phallusgefährt“ seinen Anhängern die Möglichkeit, innerhalb eines einzigen Lebens Erleuchtung zu erlangen und damit aus dem leidvollen Kreislauf der Wiedergeburten auszusteigen. Vajrayana bietet insofern eine Vielzahl tantrischer Rituale und Übungen, deren Wesentliches, wie der Begriff „Phallusgefährt“ mehr als nur andeutet, aus Praktiken zur „Beherrschung und Kanalisation der sexuellen Energie“ besteht.

In anderen Worten: Erleuchtung ist in der Vorstellung des tibetischen Buddhismus nur durch sexuelle Betätigung zu erlangen; in den höheren Einweihungsgraden nur und ausschließlich durch Sexualkontakt zu realen Frauen. Laut Dalai Lama aber müsse das alles „verborgen gehalten werden, weil es für den Geist vieler nicht geeignet ist“.

Es geht, wohlgemerkt, immer nur um die Erleuchtung der Männer, der die Frauen zuzuarbeiten haben: Eine Frau kann aus buddhistischer Sicht prinzipiell keine Erleuchtung erlangen, die tibetische Sprache bezeichnet sie konsequenterweise als „Kyenmen“, als „von minderer Geburt“.

Zugang zu den Geheimpraktiken des „Phallusgefährtes“ hatte seit jeher nur eine kleine Elite innerhalb der monastischen Hierarchie, die sich im Verborgenen eigens rekrutierter Songyum bediente. Während die einfachen Mönche zu sexueller Enthaltsamkeit beziehungsweise zu tantrischen Praktiken lediglich in Gestalt von Visualisierungsübungen, sprich: masturbatorisch und ohne reale Frau, verpflichtet wurden und werden, hatten höhere Lamas schon immer ihre geheimen Konkubinen zur Hand.

Die beteiligten Mädchen und Frauen, ebenso wie die engsten Vertrauten des jeweiligen Lamas und die sonstigen Beteiligten – Eltern, Brüder, auch Ehemänner –, die diesen die Frauen zuführen, werden durch massive Einschüchterung und Bedrohung zu absolutem Stillschweigen verpflichtet. Überdies wird den Frauen suggeriert, sie könnten durch die sexuelle Beziehung mit einem Lama „gutes Karma“ für künftige Inkarnationen ansammeln.

Vielfach werden die Frauen auch durch „magische“ Rituale „in Bann geschlagen“, um sie einzuschüchtern und mundtot zu machen. Dem Lama, so die Suggestion, stehe eine Vielzahl an Zaubersprüchen zu Gebot, mittels derer er den Frauen namenlose Qualen schicken, sie zu Stein erstarren oder augenblicklich in zwei Hälften zerfallen lassen könne. Die Lamas selber bestreiten jeden Sex mit realen Frauen. In der Regel wird behauptet, bei den tantrischen Ritualen handle es sich ausschließlich um imaginatives Geschehen, um das „meditative Visualisieren der Vereinigung einer männlichen Gottheit mit einer weiblichen Gefährtin“ mit dem Ziel, zu tieferen Einsichten in die „Integration polarer Gegensätze“ zu gelangen.

Als eine der ersten Frauen, die die Sexbeziehungen hochrangiger tibetischer Lamas ans Licht brachten, legte die britische Tibetologin und Buddhistin June Campbell 1996 ein Buch dazu vor („Göttinnen, Dakinis und ganz normale Frauen“). Sie war über Jahre hinweg die „geheime sexuelle Gefährtin“ ihres „spirituellen Lehrers“, des weit über 40 Jahre älteren Lamas Kalu Rinpoche, gewesen. Reaktion aus buddhistischen Kreisen: Campbell sei eine „neurotische, hysterische und geisteskranke Lügnerin“. Gerüchte und Berichte über sexuell-ausbeuterische Beziehungen tibetischer Lamas zu (West-)Schülerinnen hatten sich allerdings in den letzten Jahren derart verdichtet, dass selbst der Dalai Lama Position beziehen musste. Er gestand ein, dass es „gelegentlich zu sexuellem Missbrauch“ gekommen sei, wälzt aber die Schuld daran auf die jeweiligen Schülerinnen ab, die „ihre spirituellen Lehrmeister zu sehr verwöhnen; sie verderben sie“.

Durchaus rechtens sei es nach tantrischer Lehre, ein Mädchen, das die sexuelle Vereinigung verweigert – schon Achtjährige werden dazu herangezogen –, dazu zu zwingen. Mit Frauen fortgerückteren Alters solle tunlichst kein Sex mehr praktiziert werden: Ab 30 werden sie nur noch als „Hundeschnauze“, „Schakalfratze“, „Eulengesicht“ und dergleichen bezeichnet.

Bei Tantra geht es stets um die Transformation sexueller Energie in Macht, von Macht über einzelne Personen bis hin zur phantasmagorischen Macht, auf das Geschehen des Universums Einfluss zu nehmen. Zur Freisetzung derartiger Allmacht, die jede Polarität des Seins transzendiert, benötige der „männliche“ Lama spezifisch „weibliche“ Energie. Diese Energie, in den Vorstellungen des Tantrismus ein durchaus materiell zu verstehendes „Elixier“, sucht der Lama sich anzueignen mittels rituellen Sexualkontaktes zu Frauen. In der Absorption der weiblichen Energie – die vor allem in Menstruationsblut oder Vaginalsekret gewähnt wird – könne der Lama eine Art mystischer „Doppelgeschlechtlichkeit“ aufbauen, die die Urkräfte des Kosmos – Yab/Yum – in ihm integriere und ebendadurch ins Omnipotente steigere.

Ziel ist es, zum Adibuddha zu werden, zum Herrn allen weltlichen und überweltlichen Geschehens. Interessant sind in dem Zusammenhang die Ritualgegenstände, mit denen die Lamas bei ihren öffentlichen Zeremonien hantieren: in der Rechten führen sie stets das phallussymbolische Diamantzepter (Vajra), in der Linken die vaginasymbolische Glocke (Gantha): der Lama versteht sich als Herr des männlichen wie auch des weiblichen Prinzips, er ist Mann und Frau zugleich.

In seiner 2003 erschienenen Schrift „Frieden im Herzen und in der Welt“ gibt der Dalai Lama erstmalig zu, dass innerhalb des Vajrayana-Buddhismus rituelle Sexualpraktiken mit realen Mädchen und Frauen stattfinden: „Wenn ein Tantrapraktizierender sehr, sehr hohe Verwirklichung erreicht hat, ist dies tatsächlich möglich.“ Dass er selbst, der „Großmeister des Tantra“, diese sehr, sehr hohe Verwirklichung erreicht hat, dürfte selbstverständlich sein. (Orginaltext in EMMA 2/2010)

Nachtrag: Über eine orginelle Neuinterpretation von Tantra haben wir in „Tantra für Frauen“ hier schon einmal berichtet.