Ich habe hier schon öfters erwähnt, dass Frauen in der Männerwelt auf der symbolischen Ebene, d. h. in der Ebene der Vorstellungen und Mythen nicht existieren, bzw. laufend verdrängt werden. Es gibt sie also offiziell eigentlich gar nicht, denn es gibt kein Rollen-Modell für den Menschen „Frau“. Wenn sie (eine Frau) also am Kulturprozess „Menschsein“ oder auch nur am bewussten-transzendenten Sein und Handeln teilhaben will, muss sie sich als ein Art Mann lesen/definieren/sehen. Wenn sie dieses aber nicht will oder kann und sie sich als Frau sehen möchte, betritt sie entweder das dionysische-Trans-Spiegelkabinett der Männer (Männer, die sich feminin/weiblich/Tans sehen und daher definieren, was eine Frau ist) – oder wenn sie diese Maskerade durchschaut- findet sie nur dunkel chthonische Natur vor, das Tierweibchen, das gebärende Alles und Nichts, die  Bilderflut vor den Worten und die archaische Nacht.

Das erste Modell (sie sieht sich als [geistiger] Mann bis hin zum körperlichen Trans) führt oft zu Entfremdung, Misogynie/Frauenhass und Selbsthass. Dieses Phänomen kann man nicht nur bei sich an der männlichen Homosexuellenszene und Identität orientierenden Lesben und Transmännern beobachten- auch viele Heterofrauen spielen dieses seltsame Trans-Spiel. Dieses passiert z. B. sehr oft in politisch bewussten/aktiven, queer-/feministisch-(links) intellektuellen Räumen, die Frauen dort biedern sich den Männern an, eignen sich ihr mackerhaftes Verhalten an, übernehmen unreflektiert deren Sexismus, hängen sich an Äußerlichkeiten (Frisur und Kleidung) fest und verachten alle Frauen und alles Weibliche. Sie wollen keine Tussi sein sondern eine von den Jungs, eine die ernst genommen wird und sie wollen auch gaanz weit weg von allem „Weiberkram“. Wie kerlige Lesben eben, nur in hetero. Auch Frauen, die ihre Identität ausschließlich aus ihrer Berufsrolle schöpfen übernehmen damit eine Männerrolle, die sie dann letztendlich daran hindert auch außerhalb dieser Rolle aktiv zu werden und als Frau zu handeln. Sie lähmt sie. Unvollständiges Trans.

Das zweite Modell, das dionysische Spiegelkabinett, dem ich mich hier schon ein paar Mal anzunähern versucht habe z. B. in: Kokons- oder im Spiegelkabinett verloren oder Kokons- Frauen, Schwule und Kultur, führt ebenfalls zu Selbstentfremdung und Verwirrung- aber auf eine viel perfider und nur schwer zu durchschauende Art und Weise. Frauen kopieren Männer, die Frauen kopiere, sie vereinnahmen und Sie SEIN wollen. Doppeltrans, Trans-Trans sozusagen.

Zum dritten Modell-der intuitiven Innenschau-greift sie meistens wenn sie sensibel, künstlerisch, intuitiv begabt ist, eine gesellschaftliche Außenseiterin- oder verzweifelt, psychisch labil und kurz vor der Psychiatrie…

Aber bei vielen Frauen herrscht einfach nur ein wirres/irres Durcheinander im Kopf vor, sie schweben sozusagen alle einzeln und ohne Bewusstsein und der Fähigkeit sich zu artikulieren im (frauen-) kulturlosen Raum. Denn die meisten von ihnen sind sich in keinster Weise darüber bewusst, dass Frauen auf der symbolischen Ebene beseitigt sind/werden, sie sehen sich als Menschen und wissen nicht, dass Menschsein an sich an die Abgrenzung des Mannes von der Natur und der Frau geknüpft ist. Sie haben kaum Kenntnisse von der Bedeutung von Mythen und identifizieren sich mit männlicher Kultur/Mythen, deren eigentliches Ziel es ist sich von der Frau zu lösen, um sich dann deren Gebärfähigkeit anzueignen. Und in diese frauenbereinigte Welt soll dann die Frau wieder hineingeholt werden, sei es in einer Berufsrolle und das Kind ganz schnell in die Krippe abschiebend, oder eben als homosexuelle Trans-Lesbe. Das macht viele Frauen irre oder Trans. Und dieser Prozess ist in der westlichen Welt am meisten fortgeschritten, daher ist Sexismus auch sehr eng mit Rassismus ect. verknüpft, d.h. in nicht so „zivilisierten“ Kulturen ist der (symbolische) Frauenmord noch voll im Gange, die Männer dort sind also noch näher an der Natur und Frau dran- und somit minderwertiger als die westlichen Männer und auch Frauen, die ja schon mehr Mann sind. Aber das nur am Rande.

Das ist jetzt ein recht langes Vorwort zu dem eigentlichen Text, den ich hier auf die Seite gestellt habe: einen Auszug aus einem Buch von Kirsten Armbruster, den sie selbst ins Internet gestellt hat. Er fasst sehr schön die verschiedenen mythologischen Stadien des symbolischen Mutter/Frauenmordes und die zahlreichen männlichen Trans-bzw. Gebährfähigkeitsaneignungsversuche zusammen.

Er ist weder vollständig noch teile ich gänzlich die Auffassung der Autorin, dass es einmal eine Frauenkultur/Matriarchat gegeben hat, d.h. eine von Frauen gemachte und dominierte Kultur. (Ich denke da fährt sie sich ein wenig Filme.) Es gab zwar in allen Kulturen Muttergottheiten, die dann zugunsten des Vaters (Gottvater!) entmachtet wurden, aber ich denke, dass auch diese Stufe der Religion/Mythen von Männern erfunden wurde und Frauen da kaum etwas beigetragen haben. Ich halte also dieses sich unreflektiert in hetero- oder asexuelle Mutterkulte reinzusteigern (wie manche ältere Feministinnen es tun, z.B. Doris Lessing in ihrem 2007 erschienenen Buch „Die Kluft“) für genauso einseitig, wie dieses die Geschichte und Mythologie leugnendes und die schwule_trans_Männermatrix 1:1 kopierendes Ding einiger jüngerer queer-gender-Feministinnen. Das eine führt in zwangsheterosexualisierte Mütter-nur-Gebär-Dümmlichkeit und das andere in Selbsthass und Entfremdung.

Aber was ich für sehr wichtig halte, ist die Kenntnis von Mythen und historischen Zusammenhängen, damit man als Frau etwas bewusster wird, sich besser in der (fehlenden) Geschichte verorten, sie eventuell in Zukunft selber schreiben/gestalten kann, also nicht nur die Möglichkeit sieht „Trans“, „Trans-Trans“ und/oder „Irre“ zu werden. Und es dadurch vielleicht auch besser mit der Frauenliebe jenseits der Rollen hinkriegt …jedenfalls mehr ein Gespür dafür zu kriegt, was vielleicht nicht so gute Ansätze sind…Und wie wirksam Mythen sind kann man sehr schön an der Serie „The L-Word“ sehen, nach deren Ausstrahlung fingen plötzlich ganz viele lesbische Frauen an sich weiblich zu stylen oder Shane zu kopieren. Wie wirksam und tief im Unerbewusstsein verankert dann erst die „großen“ Menschheitsmythen sind (die ja z. B. immer wieder und wieder auch in modernen Bildern, Texten, Kunstwerken, Musik, Filmen, Medien ect. reproduziert werden…) kann man daraus erahnen.


Der Muttermord:

Enuma Elish/Marduk-Tiamat

Den ersten, in der Mythologie schriftlich festgehaltenen Muttermord, finden wir im Heldenepos Enuma Elish beschrieben, das zwischen 1100 und 1000 v. u. Z. von babylonischen Priestern verfasst wurde. Die Mutter aller GöttInnen Tiamat, die auch oft als Drachin dargestellt ist, wird von ihrem Sohn Marduk zerstückelt. Wir finden im Enuma Elish den Muttermord folgendermaßen beschrieben:

In einer glänzenden Rüstung auf seinem mit vier Pferden bespannten Streitwagen zieht Marduk gegen die verteufelte Mutter aller GöttInnen in den Krieg, bewaffnet mit Pfeil und Bogen, Kampfnetz und Keule. Marduk wirft sein Kampfnetz über Tiamat und schießt einen Pfeil in ihren Mund, der das Innere der GöttInnenmutter zerreißt und ihr Herz spaltet. In Siegerpose stellt sich Marduk auf ihren Leichnam und zertritt (oder zertrampelt) ihren Unterleib, mit seiner Keule zerschmettert er ihren Schädel und ihre Blutbahnen durchschneidet er. Sodann zerteilt der „Held“ die GöttInnenmutter in zwei Hälften: Aus der einen Hälfte macht Marduk den Himmel, aus der anderen die Erde. Ab diesem Zeitpunkt wird Marduk als König der Götter und Schöpfer der Welt bezeichnet (Übersetzung Heidel, nach Bott, S. 458).

3500 Jahre nachdem die ersten patriarchalen Strukturen historisch nachgewiesen sind, in Form einer patrilinearen Abstammung, in Form einer veränderten hierarchischen Bestattung, in Form erster mit Streitwägen durchgeführter kriegerischer Überfälle (Kurganeinfälle in Alteuropa, siehe Marija Gimbutas), in Form erster männlicher Götter und schließlich, mit Aton in Ägypten 1500 v. u. Z., in Form eines ersten monotheistischen Gottes, geschieht der Muttermord: Dieser Muttermord ist der schwerste Tabubruch der Menschheitsgeschichte. Die Mutter, die alles Leben geboren und wieder zu sich genommen hat, wird zerstückelt und getötet. Damit ein solch immenser Tabubruch überhaupt möglich ist, muss die Mutter und die Symbolik, für die sie steht, unsichtbar gemacht und/oder dämonisiert werden. Symbolisch wird die Mutter, die Urmaterie, die Urmater oft durch die in der Tiefenpsychologie vielfach zitierte Drachenmutter, die Schlange, die Kröte repräsentiert, und der in unserem Kulturkreis weit verbreitete Drachenkampf ist der Kampf gegen die Mutter.

Den Muttermord finden wir bei den Indoeuropäern, in Ägypten, im gesamten kleinasiatischen Raum, in Griechenland, in der germanischen Edda, in der Nibelungensage des Drachentöters Siegfried, bei den christlichen Drachentötern Georg und Michael im tibetischen Buddhismus, im indischen Hinduismus und in der Alchemie. Doris Wolf schreibt dazu:

„Das Thema des Muttermords findet sich… im arischen Iran, wo der erste erschaffene Mann, „Gayo Ma-reta“ zum Mörder der Kuh- bzw. der Muttergöttin wird, aber auch im arischen Indien, wo der Kriegsgott der Eroberer, Ind-Ra, in einer Hymne des Rig Veda die Göttin Danu und ihren Sohn tötet, worauf diese ebenfalls als Kuh und Kalb wieder erscheinen“ oder auch im Alten Ägypten. (Wolf, 1994, S. 203)

Dort erscheinen mit Ra, Osiris und Horus drei Sonnengottheiten, die sich auf mesopotamische Ursprünge zurückführen lassen. So wird der babylonische Gott Marduk gleichgesetzt mit dem Namen „As-Ari“ und erscheint unter dem griechischen Namen Osiris in Ägypten. Der ägyptische Gott Ra oder Re wiederum, lässt sich auf den babylonischen Sonnengott „Ria“ zurückführen, und der in der mesopotamischen Mythologie verehrte Sonnenfalke „Har“, wird in Ägypten zu „Hor“ und verkörpert den mit der Sonne assoziierten Falkengott Horus, der später als Sohn der Isis fungiert (Wolf, 1994, S. 193-197). In Ägypten finden wir den Muttermord, aufgrund des ungeheuerlichen Tabubruchs natürlich patriarchalisch versteckt im Kampf des Seth mit Horus, in dessen Folge Horus seiner Mutter Isis den Kopf abschneidet. Doris Wolf beschreibt nach einer Darstellung von Brunner-Traut, 1988, 21 diesen Kampf, der folgendermaßen endet (S. 201):

„Doch die Majestät des Horus wurde wütend gegen seine Mutter Isis wie ein oberägyptischer Panther. Sie floh vor ihm, aber Horus schnitt Isis den Kopf ab, worauf sie mit einem Kuhkopf als „Erste der Kühe“ erschien“.

Der im ägyptischen Loskalender beschriebene Kampf zwischen Horus und Seth wird als der „schrecklichste Tag“ in der Geschichte Ägyptens bezeichnet. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass dieser Kampf in der ägyptischen Mythologie mit Babylon in Verbindung gebracht wird. So ist festgehalten, dass der Kampf zwischen Horus und Seth „am Tore der Götter von Babylon“ stattfand. In dem Namen des vermännlichten Gottes Seth steckt der Wortstamm S-t, der in der babylonischen Göttin Ishtar vorkommt, die von den Phöniziern Astarte, von den Hebräern Astoret oder Ashera, bei den Basken oder Germanen Ostara und von den Ägyptern wahrscheinlich ursprünglich I-Set/Isis genannt wurde. Ishtar, deren Name Stern bedeutet, war der Stern Sothis geweiht, der identisch ist mit dem Sirius. Sothis/Sirius war der Morgenstern. Das erstmalige Erscheinen des Sothis-Sirius, wenn er kurz vor dem Sonnenaufgang am östlichen Himmel aufging, markierte den Anfang des ägyptischen Jahres. Hierdurch wurde die jährliche Überflutung des Landes durch den Nil angekündigt, von der die Fruchtbarkeit des Landes abhing. Schon Mitte des 3. Jahrtausends wurde ein Sothischer Kalender erstellt. Hinter dem Kampf von Horus und Seth und dem anschließenden Mord an der Muttergöttin I-Seth/Isis, versteckt sich also zum wiederholten Mal die Ablösung der kulturellen Mutterstufe durch eine gewaltbereite von der Mütterlichkeit losgelöste patriarchale Männlichkeit. Immer einher geht das Patriarchat mit einer Hinwendung zur Sonne bei einer gleichzeitigen Herabsetzung der Mondin, was 67. v. u. Z. schließlich in der Überführung des Mondinnenkalenders in den Sonnenkalender des Kaisers Julius Caesar gipfelt.

Nach der Einführung des Sonnengottes Ria/Ra und dem Sonnenfalken Har/Horus erfährt Ägypten eine noch stärkere Hinwendung zum Sonnengott in Gestalt des Aton und zwar erstmals in monotheistischer Form, unter dem Pharao Echnaton, der fast zeitgleich mit Mithras aus Kleinasien auftaucht. Irene Mariam Tazi-Preve beschreibt diesen kulturellen Umbruch folgendermaßen:

„Eine radikale Veränderung des altägyptischen Weltbildes strebte in der Folge Pharao Echnaton um die Mitte des 14. vorchristlichen Jahrhunderts an. Aton, der Sonnengott, sollte zum zentralen Hauptgott erklärt werden. Wie die im ägyptischen Museum in Kairo dargestellte Plastik zeigt, ließ sich Echnaton als Frau darstellen, mit weiblichen Brüsten, breitem Becken, einem dezent die Schwangerschaft andeutendem Leib, starken Oberschenkeln und weiblichen Genital. In der Ägyptologie wird Echnaton als „androgyn“ bezeichnet. In der Beschriftung zur Statue im Ägyptischen Museum in Kairo ist von seiner „unerklärlichen“ Gestalt die Rede (die Körperformen seien „übertrieben“ dargestellt). (Tazi-Preve, 2004, S. 102)

Der Sonnenkult des Mithras, der ursprünglich aus Kleinasien stammt, sich dann aber wohl im gesamten römischen und griechischen Gebiet ausbreitet, spiegelt diesen Wandel zum männlichen Gott, der mit dem Muttermord einhergeht, ebenfalls wieder. Der Kult des Mithras, der ca. 1400 v. u. Z. erstmals auftaucht, war, wie die monotheistischen Theologien um Jahwe, eine antiweibliche Religion, die sich durch Askese auszeichneten und deren Priesterschaft nur aus unverheirateten Männern bestand, wobei Frauen das Betreten von Mithrastempeln nicht gestattet war. Die rigide Disziplin und die lebhafte Kampfesdarstellung des Mithraskultes erschienen gerade auch dem römischen Militär als besonders geeignet für die Soldaten. Mithras entwickelte sich daher unter Kaisern wie Julian und Commudus zum vorherrschenden Schutzheiligen der römischen Armeen. (Walker, 1995, Stichwort: Mithras) Interessant ist in diesem Zusammenhang auch der Geburtstag des Mithras, der mit dem 25. Dezember in die Zeit der Wintersonnenwende fällt, wo die Sonne und das Licht wieder zunehmen. Die Christen haben später viele Attribute des Mithraskultes für sich übernommen, nicht zuletzt den Geburtstag von Jesus am 25. Dezember, den wir in unserer Kultur bis heute als Weihnachtsfest mit einem ausgeprägten Lichterkult feiern. Das Bild wiederum, das bis heute am meisten mit dem Mithraskult assoziiert wird, ist das, wo Mithras den weißen Urstier tötet und damit die Welt erschafft. Nun gehört aber gerade der Stier, durch die Lunarsymbolik der Hörner und ihrer Entsprechung in den mütterlichen lebensspendenden Organen, zu den heiligsten Tieren der kulturellen Mutterstufe. So können wir in der Tötung des Urstiers in Verbindung mit einem männlichen Schöpfungsakt eine enge Parallele sehen zur Tötung der Urdrachenschlange Tiamat, die alle Wasser verkörperte durch ihren Sohn Marduk. Denn Marduk beanspruchte ja aus dieser Tötung heraus ebenfalls für sich den Akt der Schöpfung, denn er behauptete, er habe die Welt durch die Trennung der himmlischen Wasser von den Wassern des Abgrunds geschaffen. Genau diesen männlich okkupierten Schöpfungsakt finden wir natürlich auch im Alten Testament in der patriarchalen Schöpfungsmythe des Jahwe. (Walker, 1995, Stichwort: Marduk)

Die Opferung der Frau, die Opferung der Mutter wird auch von anderer Seite beschrieben, denn auch Marija Gimbutas berichtet von diesem Brauch bei den Indoeuropäern. Sie schreibt: „Das Pferdeopfer war ein wichtiger Bestandteil der indoeuropäischen Religionsausübung, besonders im indischen, römischen und keltischen Kulturkreis“ (Gimbutas, 1996, 362), und sie fährt fort:

„Die Grabfunde enthüllen uns zwei Charakteristika des indoeuropäischen Weltbildes … Die Fundorte bezeugen, dass in der religiösen Überzeugung der indoeuropäischen Kurganvölker das Pferd als heiliges Tier verehrt wurde und dass die Frau oder weibliche Gefährtin eines Stammeshäuptlings nach dessen Tod geopfert wurde“.

Auch im Hinduismus und Buddhismus finden wir den Muttermord oft in Verbindung mit einem Feueropfer. So wird die indische Göttin Sati zerstückelt und auf sie gehen die zwar offiziell verbotenen, aber immer wieder praktizierten Witwenverbrennungen in Indien zurück. Im Buddhismus kennen wir die Annagelung der tibetischen Landschaftsahnin Srinmo, die mit Phurbas, Ritualdolchen festgenagelt wurde und im Guhyasa-Maya-Tantra werden Göttinnen zu einem feurigen Lichtball verschmolzen, um als Opfer für den Höchsten Buddha zu dienen.

Die Opferung der Mutter, vorzugsweise durch das Feuer zum Zwecke der Okkupierung weiblicher Energien, finden wir auch im Bereich der Alchemie, wo auffallende Parallelen zu den beschriebenen Opferriten im Buddhismus/Hinduismus zu finden sind. So finden wir nämlich in den Prozessen der Alchemie auf der Suche nach dem Gold und dem Stein der Weisen – ganz ähnliche, die Farben Schwarz/Weiß/Rot okkupierende Elemente -, wie im Buddhismus. Die Alchemie kennt die Prozesse der Schwärzung (Nigredo), der Weißung (Albedo) und der Rötung (Rubedo), und die Alchemie benutzt als Ausgangssubstanz die prima materia, was ein Symbol für die Schwarze Erdmutter ist, die durch den Prozess der Schwärzung geopfert, respektive ermordet wird.

Das Ehepaar Trimondi schreibt dazu:

„Das Herumexperimentieren mit dem Urstoff hört sich für einen Uneingeweihten recht harmlos an. Dahinter verbirgt sich jedoch ein symbolischer Mord. Die schwarze Materie als ein Symbol des Urweiblichen und der machtvollen Natur wird verbrannt oder je nach Fall auch verdampft, zerschnitten oder zerstückelt“.

Die AutorInnen zitieren Gaston Bachelard, der in seinem 1990 erschienen Buch über „Die Psychoanalyse des Feuers“, folgendes Vorgehen eines französischen alchemistischen Adepten aus dem 18. Jahrhundert beschreibt:

„Öffne den Schoß deiner Mutter mit einer stählernen Klinge, grabe in ihren Eingeweiden und dringe zu ihrer Gebärmutter vor, dort wirst du unsere reine Materie (das Elixier) finden“. (Bachelard zit. in Trimondi, 1999, S. 153)

Bei dem begehrten Elixier handelt es sich einerseits um die weibliche Gynergie, um die mütterliche Schöpfungskraft, aber andererseits ist das patriarchal Männliche auch immer auf der Suche nach der mütterlichen Weisheit, nach der buddhistischen Weisheitsgefährtin Prajna, nach der Wissensfrau Vidya, nach der hebräischen Chokmah, nach der altägyptischen Maat, nach der griechischen Metis und der christlichen Sophia. Die Kombination von mütterlicher Schöpfungskraft und mütterlicher Weisheit ist der „Stein der Weisen“, das geistige Gold, den sich patriarchale Männer durch Magie aneignen wollen. Dieser magische Prozess soll eine Auflösung des eigenständig Weiblichen bewirken und zu einer Transformierung der weiblichen Kräfte innerhalb des Männlichen führen. Dies ist also eine widernatürliche Umkehrung der Mutter, die ja, wie wir gesehen haben, das Männliche in Geborgenheit in sich trägt. Ziel der Magie durch tantrische Rituale oder alchemistische Prozesse ist der doppelgeschlechtliche Hermaphrodit. Trimondis schreiben in diesem Zusammenhang auf S. 156:

„Da die symbolische Opferung der Frau in beiden Fällen durch das Element Feuer geschieht, handelt es sich bei der Alchemie ebenso wie beim buddhistischen Tantrismus um einen androzentrischen Feuerkult. Durch magische Riten wird hier wie dort ein doppelgeschlechtliches, egozentrisches Wesen produziert – ein „geistiger König“, ein „Großer Magier“ (Maha Siddha), ein „machtvoller Androgyn“, der „universelle Hermaphrodit“.

Das Wort Alchemie stammt aus dem Alten Ägypten. „Al“ ist ein arabischer Artikel und „kemet“ oder „Chemi“ ist der ägyptische Ausdruck für „das Schwarze“. Es bedeutet auch „Schwarze Erde“. Dies entspricht dem Namen mit dem die alten ÄgypterInnen selbst ihr Land bezeichneten und lässt sich wiederum von Khemennu, „Land des Mondes“ ableiten, der ebenfalls ein alter Name Ägyptens ist. (Walker, 1995, Stichwort: Alchemie) Der ägyptische Gott Thot, der Gott der Magie, der Gelehrsamkeit, der Medizin und okkulten Weisheit ist das Produkt dieses alchemistischen Prozesses, der die mütterlichen Schöpfungs- und Weisheitsenergien im Männlichen absorbiert hat. Seine griechische Entsprechung ist Hermes, von dem sich das Wort Hermaphrodit ableitet. Seine mütterlich okkupierten Symbole sind zwei Schlangen, die sich um einen Stab als Phallussymbol winden, der Aesculapstab, der heute noch das Symbol der Mediziner ist.

Athenes Geburt aus dem Haupt des Zeus

Auch in der griechischen, eigentlich der hellenischen Mythologie finden wir den Muttermord, einmal in dem Schlangendrachentöter Apollon, dann in der Genealogie der griechischen Götter, wie Hesiod sie in seinem Lehrgedicht ca. 700 v. u. Z. beschreibt, aber auch in der griechischen Tragödie, der Orestie wie sie von dem Dichter Aeschylos 458 v. u. Z. festgehalten ist. Kein Wunder, denn Griechenland, dem in der patriarchalen Geschichtsschreibung ironischerweise das Attribut „Wiege der Demokratie“ zugeschrieben wird, bezieht sich schon im Namen auf den Sonnengott Helios, der manchmal auch mit dem Sonnengott Apollon gleichgesetzt wird. Der Legende nach war Apollons erste Tat die Tötung der Drachin Phyton in Delphi. Delphi bedeutet „Schoß oder Gebärmutter“ und es war das berühmteste Orakel Griechenlands, wo Mutter Erde als Göttin Gaia und ihre Schlangendrachin Phyton kultisch verehrt wurden. Dieses Heiligtum wurde nach der Tötung der Drachenschlange durch Apollon selbst okkupiert. (Walker, 1995, Stichworte: Apollon und Delphi)

Hesiod setzt, wie wir bereits gesehen haben, in seinem berühmten Lehrgedicht „an den Anfang der Göttergeschichte weibliche Gottheiten: Nyx, die Göttin der Nacht, und die Erdgöttin Gaia, die Hesiod „Mutter aller Götter“ nennt. Doch diese Göttinnen des Anfangs werden in Hesiods theologischem System von männlichen Gottheiten überstrahlt, deren Macht vom Vater auf den Sohn übergeht; vom Himmelsgott Uranos an Kronos, den Gott der Zeit, und von ihm auf seinen Sohn Zeus, der zum Hochgott und Göttervater des Olymp proklamiert wird. Dafür hatte Zeus seine eigenen Vorfahren, das Titanengeschlecht, in einem mörderischen Kampf vernichtet und sich die Schöpferkraft und die „chthonischen“ (erdhaften) Mächte, die bis dahin vor allem in den Händen großer Göttinnen lagen, gewaltsam angeeignet. So verschlang Zeus die Weisheitsgöttin Metis, als sie mit ihrer Tochter Athene schwanger ging, um dann mit Hilfe von Hephaistos, als schädelspaltender Hebamme, die Göttin Athene als Kopfgeburt seinem Haupte entspringen zu lassen. Damit war ein Dreifaches geschehen:

„Erstens hatte Zeus die weibliche Weisheit annektiert, zweitens bewies er sich als gebärender Göttervater, und drittens stellte er damit die alte Ordnung buchstäblich auf den Kopf. War doch nach alter Überlieferung Athene mindestens 1000 Jahre vor Zeus eine Große Göttin auf dem griechischen Festland“…, analysiert Carola Meier- Seethaler die Beschreibungen des Hesiod. (Meier-Seethaler, 1993, S. 139)

Zeus verschlingt die alte Weisheitsgöttin Metis und eignet sich dadurch die Fähigkeit an, die nur Müttern vorbehalten ist: Er gebiert Athene, allerdings durch den Kopf, da ihm natürlicherweise die lebensspendenden mütterlichen Organe fehlen. Diese Aneignung des weiblichen Geburtsaktes legt dann schließlich den endgültigen psychologischen Keim zur Rechtfertigung des Muttermords und der tabuisierten Verdrängung der kulturellen Mutterstufe. Während im Alten Griechenland, nach der alten Ordnung der Erinnyen, Muttermord die einzig ewig unsühnbare Sünde war, wird der Mord von Orest, der seine Mutter Klytämnestra tötet, in der Trilogie von Aeschylos 458 v. u. Z. durch einen Freispruch des Sohnes gerechtfertigt. Im letzten Teil der Orestie finden wir folgende Worte:

„Die man wohl Mutter heißt, ist des Gezeugten Zeugerin nicht, ist Amme nur des frisch gesetzten Keims. Es zeugt, der sie befruchtet; sie hütet Anvertrautes nur, dem Gut des Gastfreunds gleich… Ich gebe gleich Euch den Beweis, dass Vaterschaft auch ohne Mutter sein kann: Als lebendiges Zeugnis steht vor Euch die Tochter Zeus. Kein dunkler Schoß hat sie gebildet, und doch ist sie so herrlich geschaffen wie kein Götterkind“. (zit. in Meier-Seethaler, 1993, S. 140)

Interessant ist die etymologische Ableitung der Worte zeugen oder auch Zeugnis von dem Namen des Gottes Zeus. Ab diesem Zeitpunkt, als Zeus die Herrschaft über das griechische Pantheon übernimmt, fällt die Mutterschaft unter den Tisch und der männliche Zeugungsakt rückt in den gesellschaftlichen Mittelpunkt. Ab sofort zählt nur noch die väterliche Abstammung, Frauen und insbesondere Mütter werden aus der politischen Öffentlichkeit gedrängt und mythologisch und spirituell ins Abseits gedrängt. Griechenland gilt als Wiege der Demokratie, als Beginn der Zivilisation, als Beginn von Vater Staat, alles bis heute hochgeachtete gesellschaftliche Attribute. Verdrängt und tabuisiert ist der, dieser neuen patriarchalen Lebensform zugrundeliegende Muttermord. Unsere scheinbar so hoch entwickelte Zivilisation ist auf dem Mord an der Mutter aufgebaut. Niemand soll dies registrieren. Deshalb wurden möglichst viele der darauf hindeutenden Spuren beseitigt. Aber ein solches ungeheuerliches Vergehen hinterlässt seine posttraumatischen Spuren, die wir an unseren Früchten erkennen können. C. G. Jung soll den Muttermord als die weltschöpferische Befreiung des männlichen Logos bezeichnet haben.

(Der Text „Der Muttermord“ entstammt Ausschnitten aus dem Buch von Kirsten Armbruster „Das Muttertabu oder der Beginn von Religion“, 2010.)