Auf der Frankfurter Buchmesse wird am 15. Oktober ein neues Buch mit dem Titel „Warum die Liebe weh tut“ vorgestellt. Es behandelt ein für diesen Blog eher „uninteressantes“ Thema, nämlich warum die (heterosexuelle) Liebe- also die zwischen Mann und Frau- nicht mehr zu funktionieren scheint. Auf den ersten Blick scheint es nur ein weiteres unkritisches Selbsthilfebuch zu diesem zu Thema sein- aber in manchen Punkten geht es wohl darüber hinaus. (Unkritisch in dem Sinne, dass es der Leserin suggeriert, dass nur an ihr selbst liegt, wenn eine Liebesbeziehung nicht funktioniert und nicht etwa auch an dem gesellschaftlichen Liebeskonzept insgesamt.) Daher habe ich hier mal den zweiten Teil eines auf Spiegel online geführten Interviews reingestellt, und werde im Anschluss mir so ein paar eigenen Gedanken dazu machen.

Die Autorin, Eva Illouz, Jahrgang 1961, wurde in Marokko geboren, lebte und studierte in Paris und lehrt seit 2006 Soziologie und Anthropologie an der Hebräischen Universität Jerusalem. Und das Originalinterview findet ihr dann HIER.

2. Teil: „Leidenschaft ist cool“

SPIEGEL ONLINE: Können Sie das ausführen?

Illouz: Die Idee von Sex, der dem Vergnügen dient und nicht der Reproduktion, war extrem wichtig, sowohl politisch als auch moralisch. Aber wir sind noch einen Schritt weiter gegangen: Sexualität, sexuelle Attraktivität und sexuelle Erfahrung haben Männer und Frauen sehr eindimensional neu definiert. Sie stehen mittlerweile im Zentrum von Beziehungen. Gefühle gelten nur mehr als lästige, hinderliche Randelemente. Ich glaube, dass genau diese Form sexueller Freiheit zu einer neuen emotionalen Herrschaft von Männern über Frauen geführt hat.

SPIEGEL ONLINE: In „Warum Liebe weh tut“ haben Sie dafür folgende Erklärung: Die Männer agieren schlicht als emotionale Kapitalisten. Auf den Heiratsmärkten sind bindungswillige Frauen im Übermaß vorhanden – also machen die Männer ihre Bindungswilligkeit zum raren Gut. Das klingt ein bisschen nach dem Standardargument „Männern und Frauen sind eben von Natur aus verschieden“.

Illouz: Ich denke, es ist genau andersherum. Die Moderne hat bestimmte Männer hervorgebracht – und wir ziehen nun Erklärungsmuster aus der Biologie heran, um das zu rechtfertigen. Dabei gibt es genug historische Beispiele für andere Formen von Männlichkeit. Im 19. Jahrhundert etwa war sie wesentlich durch Leidenschaft und den Willen zur Bindung definiert. Selbst wenn es eine Biologie der Geschlechter gäbe, könnte sie durch soziale Normen verändert werden. Genau diese Normen sollten wir diskutieren, nicht eine hypothetische „biologische Natur“. Die unterschiedliche Sexualität von Frauen und Männern ist ein Spiegel ihrer sozialen Stellung. Im Ernst, denken Sie darüber nach: Geben Sie den Frauen Macht und Geld, machen Sie sie zu Staatsführern, und lassen Sie die Männer in Konferenzen den Frauen den Kaffee servieren, ihre Kinder aufziehen und das Abendessen machen – dann wären die Männer diejenigen, die sich nach einer gefestigten, monogamen Beziehung sehnen.

SPIEGEL ONLINE: Trotz allem haben Sie die Hoffnung auf „neue Formen leidenschaftlicher Liebe“. Am Schluss Ihres Buches klingen Sie, als bräuchten wir dafür eine Art Manifest. Was stünde darin?

Illouz: Das erste Gebot dieses Manifests wäre: Es ist nicht uncool, die eigenen Werte und Grundsätze auch auf die Liebe anzuwenden. Schon bei Platon steht, wie jemand liebt, sei Ausdruck der Größe seines Charakters. Mein zweites Gebot wäre, dass Leidenschaft cool ist – nicht Distanziertheit. Bedürftigkeit gehört zu einer Liebesbeziehung dazu. Drittens ginge es darum, ein anderes Modell von Männlichkeit in den Vordergrund zu schieben.

SPIEGEL ONLINE: An was für ein Modell von Männlichkeit denken Sie da?

Illouz: Eines, bei dem Abhängigkeit, Verletzbarkeit und Leidenschaft zu einem „echten“ Mann dazugehören. Eines, in dem wir das Verhältnis von Autonomie und Fürsorge neu formulieren.

SPIEGEL ONLINE: Und was ist mit den Frauen?

Illouz: Den Frauen möchte ich sagen: Macht euren Kinderwunsch nicht abhängig vom Wunsch nach romantischer Liebe. Wenn ihr Kinder wollt, bekommt sie allein – oder in einer Gemeinschaft mit anderen Frauen, die ebenfalls Kinder wollen. Oder mit Männern, die Kinder wollen, aber nicht eure Partner sind. Es braucht keine traditionelle Familienstruktur, um Kindern aufzuziehen. Ich glaube wirklich, dass Homosexuelle in vielem die Avantgarde der Gesellschaftsentwicklung bilden, etwa bei der Frage der Trennung von Elternschaft und sexuell-romantischen Beziehungen: Manchmal korrespondieren sie, manchmal nicht. Und wenn sie nicht korrespondieren, sollte man sie getrennt verfolgen. Ich glaube, wir werden in diese Richtung gehen. Wir sollten es.

SPIEGEL ONLINE: Das ist ziemlich radikal.

Illouz: Es ist eine Mischung. Im Grunde bin ich hypermodern und viktorianisch zugleich. Hypermodern, weil ich die Familie nicht als Ideal sehe, das es zu bewahren gilt. Und viktorianisch, weil ich trotzdem auf Werte und Charakter poche. Beim modernen Selbst geht es um Flexibilität. Nur: Wenn man gesellschaftliche Strukturen verändern will, braucht es Leute, die sich festlegen. Verbindlichkeit kann sich erst dann einstellen, wenn es feste Werte gibt.

SPIEGEL ONLINE: Sie scheinen der dauernden Selbstbefragung nicht zu trauen.

Illouz: Wenn wir nach innen schauen, sehen wir oft schlicht ungeheure Unordnung. Schwankende Gefühle, unklares Begehren und Wünsche, die miteinander in Konflikt stehen. Authentizität ist eine terroristische kulturelle Idee. Sie zwingt einen, nach der Quintessenz des eigenen Wesens zu suchen: Aber oft gibt es diese Quintessenz nicht. Gefühle, ebenso wie Menschen, sind Größen, die sich verändern.

SPIEGEL ONLINE: Warum halten wir so unverdrossen an der Idee der romantischen Liebe fest?

Illouz: Es gibt diese tiefe Sehnsucht danach, dass jemand die Einzigartigkeit unserer Existenz anerkennt. Und die Idee der Liebe ist auch deshalb so kostbar für uns, weil sie nicht eigennützig ist. Sie ist absichtslos, und genau das macht die Schönheit der Liebe aus.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind gegen jede Berechnung.

Illouz: Ich bin ganz für Vernunft, aber ganz gegen Berechnung. Leidenschaft darf nicht von der Vernunft getrennt sein. Es ist grundfalsch, jemanden zu lieben, der einen nicht zurückliebt. Das Herz sollte keine Fehler machen.

Eva Illouz stellt also fest, dass Frauen sich nach (romantischer) Liebe und Beständigkeit in der Beziehung sehen, und Männer vorrangig Sex wollen. Sie argumentiert aber nicht damit, dass Männer und Frauen eben von Natur aus verschieden seien, sondern verweist auf das 19. Jahrhundert, auf das Viktorianische Zeitalter, die Zeit der romantischen Briefe, Blumen, Küsse und innigen Freundschaften. Zärtliche Busenfreundinnen und sich zugeneigte Männerfreunde. Ob diese Art von Bande auch zwischen Mann und Frau im größeren Ausmaß existiert haben bezweifle ich, höchstens in Ausnahmefällen und außerhalb der Ehe, diese in der gelebten Praxis wahrscheinlich eher eine gesellschaftlich arrangierte Lebens- und Wirtschafts- als Liebes-und Freundschaftsgemeinschaft geblieben war. Ich glaube da idealisiert die Autorin, projiziert etwas in die Vergangenheit hinein, was sie sich für die Zukunft wünschen würde. Das tiefe, innige und freundschaftliche Verhältnis von Mann und Frau, der fruchtbare Austausch zwischen zwei unterschiedlichen Individuen, der erst durch den Katalysator der Liebe ermöglicht wird. Das Wahrnehmen des Anderen in seinem „Anderssein“, anderes Leben, andere Erfahrungen, andere Standpunkte, der Austausch darüber wird verwendet eine Beziehung herzustellen, etwas gemeinsam zu bewirken in der Welt, sich gemeinsam weiterzuentwickeln. Der Sex als eine Möglichkeit von vielen für die Kommunikation, den ehrlichen Dialog.

Dieses Konzept orientierte sich wohl an der gleichgeschlechtlichen (Männer-) Freundschaft, die bis ins antike Griechenland zurückgeht. Platon, Aristoteles, das griechische Wort philia wird meistens mit Freundschaft übersetzt, bedeutet aber auch Liebe, auch eine Leidenschaftliche und Begehrende, aber nur unter Männern, denn Frauen wurden damals für minderwertig gehalten und daher für die Freundschaft und Liebe nicht geeignet. Nur der Sex und die Fortpflanzung blieb ihnen.

Im 18/19. Jahrhundert gab es dann neben der Männer- auch die romantische Frauenfreundschaft, bis die Sexualwissenschaftler (Karl Heinrich Ulrichs, Havelock Ellis, Magnus Hirschfeld, Richard von Krafft-Ebing) sie erkannten, klassifizierten und zu pathologisieren begannen. Jede körperliche und emotionale Nähe zwischen den gleichen Geschlechtern wurde nun Homosexualität genannt und zerstörte nach und nach die Freundschaften und schuf stattdessen Angst, Schuldgefühle, Einsamkeit und ein seltsam primitiv anmutendes Beziehungskonzept: only Sex. Zurück in die soziale Steinzeit.

In einem gewissen Sinne war also im 19. Jahrhundert die „Heterosexualität“ homosexueller, also an dem Konzept gleichgeschlechtlicher Freundschaft orientiert, und jetzt ist die „Homosexualität“ heterosexueller, viel Sex als Zentrum der Beziehung und die Idee der „romantische Liebe“ verschleiert dann die Kommunikationslosigkeit. (Jemand erkennt mich auch ohne Worte und dann sind wir für immer Eins.)

Der zweite interessante Aspekt in dem Interview ist, dass das Kinderbekommen und Erziehen nicht an die heterosexuelle-romantische-Mann-Frau-Liebe geknüpft sein muss, sondern z. B. auch in Gemeinschaften mit anderen Frauen vorstellbar ist. Die isolierende Kleinfamilie und hetero- oder homo romantische Monogamie sozusagen als Auslaufsmodell.

Fazit:
Freundschaft, Liebe, Sex, Homo- Hetero-Männer-und/oder Frauenfreundschaften, romantische exklusive Liebe, Zweckgemeinschaften, (polyamoröse) Liebes-und/oder Freundschaftszusammenhänge (Geschlechterwechsel/Trans will ich hier nicht reinbringen, da ich sie persönlich für nicht innovativ halte). Es sind alles Kategorien über die man neu nachdenken muss und Liebe und Freundschaft sind nichts Feststehendes, sondern sehr flexible Gebilde, ein Kontinuum, ein in Beziehung treten mit einem anderen Wesen. Und nicht Sex (Steinzeit!) oder ein romatischer „Liebesegotrip“ (Minne/Hohe Minne), sondern ehrliche Freundschaft sollte die Basis aller menschlichen Beziehungen sein. Und der „Liebesrausch“, das „unbändige, unerklärliche Begehren“ ect lediglich ein Katalysator und ein Anreiz, damit man sich überwinden kann auf eine fremde Person, eine andere Frau/Frauen zuzugehen, um sich dann auf ihre Welt einzulassen,  jenseits der eigenen Welt und Ursprungsfamilie…neue soziale Bande schaffen…