Ich erinnere mich immer noch gerne an die Lieblingsserie meiner Kindheit, Star Trek, „Raumschiff Enterprise“. Mein Vater war ein begeisterter Fan der Original Star Trek Serie mit Captain Kirk und Mr. Spock, und weckte somit schon früh meine Faszination für Raumschiffe und die Erforschung unbekannter Welten.
Ich wuchs aber mit Star Trek „The Next Generation“, der Fortsetzung der alten Serie auf und schwärmte für Dr. Beverly Crusher (gespielt von Gates McFadden), eine rothaarige Bordärztin in blauer Uniform. Dr. Crusher war gleichzeitig tough und sehr weiblich/ladylike und übte, als ich jung war, langezeit eine ungeheure Faszination und Anziehung auf mich aus. Sie war eine Art „Gegenpart“ zu der eher weichen und gefühlsbetonten Schiffspsychologin Deanna Troi, einer südländisch aussehenden, dunkehaarigen Schönheit, deren Rolle mehr zur Dekoration (leider das Schicksal vieler Frauenrollen bei Star Trek) des „Männerweltraumbündnisses“ diente, doch kam auch Dr. Crusher oft nur in der Nebenhandlung vor. Sie war die „emanzipierte Alibfrau“, sie wirkte durch ihre Uniform etwas aktiver und hatte, da sie die Bordärztin war, ihren eigenen Verfügungsbereich. Deswegen taugte sie für mich damals mehr zum Vorbild als die empathische „Halb-Betazoidin“ Deanna Troi.

Ich zeichnete heimlich Bilder von ihr, die ich gut versteckte (ich hatte das ungute Gefühl, dass meine übermäßige Schwärmerei für sie etwas „Verbotenes“ war), und stellte sie mir in erotischen Abenteuern mit dem attraktiven Captain Jean-Luc-Picard vor, mit dem sie auch in der Serie eine kurze Affäre hatte.
Mir war damals nicht bewusst, dass ich sie begehrte und ich kam nicht auf die Idee, sie mir zusammen mit einer Frau vorzustellen. Da ich sehr jung war, konnte ich mir diese heimliche Leidenschaft nicht erklären, es war eine Art „Magie“ die mich jedes Mal, wenn die Serie lief, wie gebannt an den Fernseher fesselte, mich aber trotzdem völlig im Unbewussten beließ.

Es gab eine Folge, in der Dr. Crusher sich in eine Art Alienparasiten verliebte, der erst den Körper eines anderen Mannes und später dann einer Frau annehmen musste, um weiter überleben zu können. Da sie sagte, sie würde vor allem seine „Seele“ und seinen „Geist“ lieben, ließ sie sich auf den Körper des zweiten Mannes, der ihm als Wirt diente, ein, doch als ihr Liebhaber zu einer Frau mutierte, brach sie die Romanze ab, mit ungefähr den Worten, dass die Menschheit wohl noch nicht reif genug für die Liebe (zum gleichen Geschlecht) sei. Ich war enttäuscht und glaubte erst mal diesem sehr konventionellen Ende, aber ich verehrte weiterhin glühend „Dr. Crusher“, ließ mir Folgen, die ich verpasste, von meinen Eltern aufnehmen (ich machte sie fast wahnsinnig damit) und sammelte jeden Schnipsel von ihr, den ich finden konnte.

Anfang der 90er Jahre wurde „The Next Generation“ von Star Trek „Deep Space Nine“ abgelöst, zum ersten Mal in der Geschichte von Star Trek durfte ein Schwarzer die Rolle des Captains spielen (also vor einer Frau, so wie es auch bei den letzten amerikanischen Präsidentschaftswahlen der Fall war). Und es gab auch eine Folge in der lesbische Liebe drin vorkam, allerdings wieder verkleidet in der Parabel des „Trills“, einem männlichen Alienparasiten in einem weiblichen Körper wohnend, der sich in eine Frau (die ebenfalls ein „Trill“ war) verliebte. Die Kussszene zwischen Jadzia Dax und Lenara vor einem ovalen Fenster mit Blick in das weite All war dennoch einer der romantischsten Momente der Serie.
Und schließlich übernahm mitte der 90er Jahre mit „Star Trek Voyager“ zum ersten Mal eine Frau das Steuer, Captain Kathryn Janeway, gespielt von Kate Mulgrew. Und dies erzeugte dann wieder mein Interesse für die Serie, dass bei „Deep Space Nine“ etwas abgeklungen war, denn die Amerikanerin Kate Mulgrew war eine attraktive und dominante Frau, die sehr überzeugend die Rolle des Captains des Raumschiffes „Voyager“ spielte.
Die Voyager wird durch eine außerirdische Anomalie Millionen von Lichtjahren weit ins All hinausgeschleudert und befindet sich in ständiger Heimreise durch völlig unbekannten, nie erforschten Weltraum. Sie entdeckt neue Planeten, trifft auf gute und feindlich gesinnte Alienrassen, hat Kontakt mit Zeitanomalien und anderen Dimensionen und… zum ersten Mal gab es eine Geschichte, welche eine starke und erotisch aufgeladene Frauenfreundschaft zu ihrem Mittelpunkt machte.

In der vierten Staffel hat die Voyager eine Begegnung mit den „Borg“, einer Unheil bringenden Alienrasse, welche andere Aliens, Menschen und deren Technologie und Kultur assimiliert und sie dann in „lebendige“, gleichgeschaltete Cyborgs (halb Mensch oder Alien/halb Maschine) verwandelt. Sie verlieren dabei jegliche Erinnerungen an ihr früheres Bewusstsein und werden zu gefühlslosen, manipulierten Drohnen, die sich in einem kollektiven Bewusstsein mit der Borg-Königin (nach dem Vorbild einer Bienenkönigin), die das Befehls- und Kontrollzentrum der Borg ist, befinden.
Nach einer kurzzeitigen Allianz mit den Borg gegen eine andere außerirdische Spezies wird eine einzelne Drohne auf der Voyager zurückgelassen. Seven of Nine, schon früh in der Kindheit von den Borg assimiliert, beginnt bald nach der Trennung vom Kollektiv ihre Borg-Implantate abzustoßen, sodass Captain Janeway sie vom Doktor entfernen lassen muss. Sie weigert sich jedoch vehement dagegen eine neue menschliche Identität anzunehmen – sie sieht sich weiterhin als Borg und leugnet sogar ihr Menschsein: „Ich erinnere mich nicht daran je ein Mensch gewesen zu sein. Ich weiß nicht was es bedeutet menschlich zu sein.“ Kathryn Janeway nimmt sich ihrer an, mit dem Ehrgeiz zusammen mit Seven ihre verlohrene Menschlichkeit wieder zu entdecken. Seven wehrt sich am Anfang gegen Kathryn und greift sie sogar an, sie hasst sie dafür, dass sie plötzlich wieder Gefühle empfindet, alte Erinnerungen und auch das Trauma ihrer Assimilation wieder hochkommen. Aber mit der Zeit schafft es Seven sich zu öffnen und sich auch als ein eigenständiges Individuum wahrzunehmen, dass trotzdem als Teil eines höheren Ganzen, eines neuen „Kollektives“, der Besatzung der Voyager leben/existieren kann. Und zwischen ihr und Kathryn entwickelt sich bald eine enge Freundschaft, die von vielen Hochs und Tiefs geprägt ist. Beide profitieren voneinander, denn Sevens Charakter offenbart sich als ernsthaft und tiefsinnig, während Kathryn eine Art Mentorin für sie ist, der sie aber auch genügend Widerstand entgegensetzen kann. Die Geschichte lebt auch durch die charismatische Darstellung der Schauspielerinnen Kate Mulgrew und der etwas jüngeren Jeri Ryan, denn beide sind erwachsene Frauen, die in den Rollen als Captain Janeway und Seven of Nine sich auf fast gleicher Ebene begegnen.

Vielen Fans der Serie fiel die homoerotische Spannung in der Beziehung zwischen Janeway und Seven auf, und wollten, dass dieses weitergeführt werden sollte, doch der Druck die Serie konventionell enden zu lassen war so groß, dass in der letzten Staffel Seven of Nine mit dem ersten Offizier Chakotey zusammengebracht wurde und es somit ein erzwungenes heterosexuelles „Happy End“ gab.
Die Blicke und auch die Dialoge zwischen Janeway und Seven haben versteckte homoerotische Subtexte (von den Drehbuchautoren bewusst so gewollt) und es entwickelte sich im Internet eine Fan-Gemeinde, die Femslash zu dieser Geschichte schrieb, d.h. zum größten Teil weibliche (heterosexuelle und lesbische) Fans schrieben eigene Erzählungen, die den Janeway-Seven-„Mythos“ dann doch ins Sexuelle weiterführten/weiterdachten.

Und hier möchte ich wieder einen Bogen zurück zu meinem anfänglichen Beispiel, meiner Verehrung und den Fantasien über „Dr. Crusher“ spannen – ich stellte mir damals auch erotische Geschichten mit ihr vor, doch blieben diese immer im Rahmen der Heterosexualität, da Dr. Crusher in der Serie Affären nur mit Männern hatte. Die Handlung wurde für mich aber immer dann interessant, wenn sie auch als sexuelles Wesen und nicht nur als die leicht unterkühlt wirkende Bordärztin gezeigt wurde.
Normalerweise kommen Frauen, auch wenn sie bestimmte weibliche Charaktere im Fernsehen gut finden nicht auf die Idee, diese frauenliebend/lesbisch werden zu lassen. Dies kann aber geschehen, wenn eine erotische Spannung und homoerotische Subtexte schon irgendwie vorhanden sind, wie z. B. auch bei der Sendung „Xena“ (Xena und ihre Freundin Gabrielle). In den USA gibt es das in den letzten Jahren immer populärer gewordene Genre „Femslash“ (zu dem ich bald noch mehr schreiben werde), in welchem weibliche Fans ihre Lieblingsdarstellerinnen aus Fernsehserien und Filmen miteinander zusammenbringen und auch ins Bett gehen lassen, d. h. heterosexuelle Geschichten, oder solche wie „Xena“, die z. B. schon eine intensive Frauenfreundschaft thematisieren, werden in ihrer erotische Komponente verstärkt, bzw. weitergesponnen oder bekommen ein anderes fraueliebendes Ende. Der Gedanke wäre interessant, wie sich Kathryn Janeway privat, ohne ihre „berufliche“ Rolle als Captain in einem romantischen „Date“ mit Seven of Nine verhalten würde (HIER mal ein Beispiel einer solchen Geschichte.)

Frauenliebe, auch die wirklich ausgelebte, hängt ganz eng mit der eigenen Vorstellungskraft/Fantasie zusammen – was in der Vorstellung nicht passiert, kann auch nicht zur Realität werden, bzw. eigene Vorstellungen, ausgedachte Geschichten (natürlich nicht so idealisiert, nach dem Schema Traumprinz/-Prinzessin erettet mich), können zur Wirklichkeit werden. Dies konnte man vor allem in den letzten Jahren in den USA beobachten, die, was die Frauenemanzipation betrifft, da weniger traditionsbehaftet, schon etwas weiter als Europa sind. Als von 2004 bis 2009 die Serie „The L-Word“ im amerikanischen Fernsehen ausgestrahlt wurde, veränderte sich innerhalb von wenigen Jahren die dortige Lesbenszene, d. h., sie wurde weiblicher und zum Teil von ihrem schwulen(männer)orientierten, maskulin-queeren Image befreit. Auch einige ältere Frauen, die vorher heterosexuell gelebt hatten (wie z. B. die Schauspielerin Meredith Baxter oder die Opernsängerinnen Patricia Racette und Beth Clayton) trauten sich plötzlich zu einem späten „Coming-out“ und bekannten sich dazu öffentlich in den Medien, da die Frauenliebe nicht mehr ein so negatives Image hatte.

Hier noch eine Seite mit Femslash-Geschichten (auf Englisch).