Wenn ich eine neue Situation vor mir habe, versuche ich sie mir im Voraus immer etwas vorzustellen, d. h. verschiedenste Varianten wie z. B. eine Begegnung ablaufen könnte im Kopf durchzuspielen, er/sie sagt jenes und ich erwidere das, es passiert das und ich reagiere so oder so. Ich entwerfe sozusagen mehrere Drehbuchvarianten oder Szenenbausteine, auf die ich dann in der realen Situation zurückgreifen oder mich an ihnen entlang improvisieren kann. Im Schauspiel gibt es für diese Technik einen Begriff (geleitete Improvisation?) und sie hilft einem einerseits nicht völlig unvorbereitet etwas Neuem ausgeliefert zu sein, und andererseits lässt sie dennoch genügend Spielraum offen, um flexibel auf Unvorhergesehenes reagieren zu können. Ich gehe also, so es sich vermeiden lässt, eigentlich nie völlig unvorbereitet in eine Situation oder Begegnung hinein, sondern versuche immer auch etwas Regisseurin zu sein. Natürlich klappt so etwas nicht sofort und Menschen und Situationen gestalten sich oft völlig anders, als man sich es so vorausgedacht hat, aber je mehr Lebenserfahrung und Menschenkenntnis man hat, desto besser wird es.

Ich erinnere mich noch allzu gut an die Zeit in der ich meine erste bewusste sexuelle Fantasie mit Frauen hatte, es muss um 1978 gewesen sein, ich war zwölf Jahre alt und verehrte gerade das spanische Popduo Baccara. Mayte Mateos und Maria Mendiola, die eine immer in schwarz und die andere in weiß gekleidet; und eines Nachts ließ ich sie in meiner Vorstellung einfach miteinander ins Bett gehen. Ich weiß nicht, wie ich auf diese Idee gekommen bin und warum ich mich selbst dabei ausgespart hatte und stattdessen diese beiden Frauen handeln ließ, also keine Darstellerin sondern mehr eine Zuschauerin, bzw. eine Regisseurin war. Wie auch immer, jedenfalls war ich damals ganz aufgeregt denn ich spürte, dass ich in jener Nacht eine großartige Entdeckung gemacht hatte, nämlich die Fähigkeit mir Geschichten jenseits der Kinderzeit auszudenken und auch die Geschichten anderer zu verändern. Und ich machte künftig reichhaltig Gebrauch davon, vermengte „Frühstück bei Tiffany“ mit „Dallas“ oder „Denver-Clan“, brachte Doris Day mit Rita Hayworth und Joan Collins mit Olivia Newton John zusammen, veränderte die Handlung von „Gilda“ oder „Infam“, tauschte die Männer durch Frauen aus, oder ließ die Frauen zusammen in unbekannte Fantasieländer auswandern. So ungefähr jedenfalls.

Aber ich hatte mir damit eine Art Immunitätsbalsam gegen die überwältigende und alles überschwemmende Mann-Frau-romantische-Liebe-Bilderwelt geschaffen, war fortan resistent dagegen denn ich wusste, dass ich tief in mir drin etwas anderes erschaffen und mich dahin flüchten konnte. Eine erwachsene Tagtraumwelt, die durch viel lesen und zu Hause Alleinsein (also in Ruhe gelassen werden) zusätzlich genährt und gestärkt wurde. Und wie hier schon mehrmals erwähnt, hatte ich das Glück (oder auch Pech;), dass meine Mutter sehr viel feministische Bücher im Regal stehen hatte und ich somit sehr früh damit in Berührung kam, was es heißt eine Frau zu sein und das feministische Theorien nicht nur Angleichung der Frau an die Männerwelt, sondern auch gesellschaftliche Utopie beinhalten können, und auch das die Mann-Frau-Liebe nicht unbedingt in jedem Fall und für jeden das nonplusultra ist.

Zurück zu meinen Tagträumen, mit denen ich mich über Jahre durch das Leben rettete. Zuerst stellte ich mir immer nur zwei Frauen, die ich gut fand, zusammen vor oder veränderte eben entsprechend Filme; aber ca. 1998 kam ich auf die Idee, mir eine ganz eigene Welt zu erschaffen, der ich den Arbeitstitel „der Planet“ gab. Auf dem „Planeten“ siedelte ich dann alle möglichen Frauen an, Prominente oder welche aus meinem eigenen Leben, ich überlegt mir wie es dort aussehen könnte, wie sie wohnen und was sie zusammen erleben würden. Damals glaubte ich aber noch an die Trennung von lesbisch und hetero und dachte daher, dass ich mir diese Welt nur aus einer Notlösung heraus erschaffen hatte; aber ich hielt an ihr fest und sie wurde lebendiger und lebendiger, das Jahr hat dort 14 Monate, der Tag 28 Stunden und am Nachthimmel zeigen sich jeden Monat andere leuchtend planetare Erscheinungen.

Und je bewusster ich bezüglich der Frauenliebe wurde, desto differenzierter und realistischer gestalteten sich auch die Szenen, die ich mir zwischen den Frauen ausdachte, „der Planet“ wurden somit zu meinem Urlaubsort und meinem Versuchslabor. Er ist eine Oase, auf die ich mich von Zeit zu Zeit zurückziehen kann, erholen von einer Welt, die nicht wirklich die meine ist- und gleichzeitig gibt er mir die Möglichkeit frei von sozialen Realitäten zu experimentieren. Z. B. wie würde Frauen sich verhalten, wenn die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen andere und /oder sie nur unter sich wären, würden sie sich plötzlich verändern oder nur die alten Verhältnisse/Verhaltensweisen wieder und wieder reproduzieren (z. B. sich in Butch-Femme Pärchen aufteilen u.ä.). Was für Traumata würden hochkommen, welche Beziehungsformen würden sich etablieren, Zweierpärchen nach dem Vorbild der Ehe bzw. der romantischen Liebe oder eher polyamoröse Verbindungen, und wie würde dort dann die Hierarchien aussehen?

Ich weiß die Welt des „Planten“ ist alles andere als perfekt, weil die materielle Versorgung und die Frage des Kinderkriegens und Erziehens nicht zuende gedacht ist, aber es ist eben mein Versuchslabor, in dem ich Dinge denken kann, die sonst so nicht gedacht werden können. Und er stellt auch eine Membran zwischen Fantasie und Realität her, kann diese Barriere etwas durchlässig machen, ein changierendes Zwischenreich schaffen- denn was nicht gedacht, sich nicht vorgestellt werden kann, kann auch nicht in die irdische Realität kommen, in ihr verwirklicht werden.

Und hier komme ich zu dem Anfangspunkt in meinem Text zurück, zu diesem Vordenken/Vorstellen von Situationen und Begegnungen. Natürlich muss man da im Rahmen des einigermaßen Realistischen bleiben, aber eben nicht völlig, man kann die Grenzen des Machbaren immer etwas verschieben, hin zu etwas Neuem, das man aber schon vorgedacht hat. D. h. wenn man auf eine Frau trifft, die sich nur das vorstellen kann, was es schon gibt (also sich nur an ihrer eigenen Ursprungsfamilie, Filmen, (patriarchalen) Mythen, (männlicher) Homoszene orientiert), kann man ihr dann andere Bilder, Vorstellungen geben, ein anderes Drehbuch schreiben…

Man muss also als Frau selbst ein wenig zu Gott/zur Schöpferin der Realität werden; und sich nicht nur Gott unterwerfen und bedingungslos an (s)eine festbetonierte und angeblich unveränderbare Wirklichkeit glauben.