Der Sommer naht und viele haben schon längst ihren das ganze Jahr über ersehnten Urlaub gebucht, die Sehnsuchtsdestination im Internet oder Katalog gefunden, das romantische Zwischenspiel, die kleine Auszeit von der Arbeitswelt und der eigentliche Sinn ihres Lebens. Und wenn ich jetzt so darüber nachdenke, habe ich selbst eigentlich kaum jemals „richtig“ Urlaub gemacht, mit Hotels all inclusive, am Strand liegen, abends zu zweit Essen gehen und all dem, was sonst noch so dazugehört. Ich habe auf Sprachreisen Vokabeln gebüffelt, mich an Wochenenden durch Museen gedrängelt oder in Rahmen eines Praktikums oder beruflichen Austausches eine Weile in einem fremden Land oder einer anderen Stadt verbracht. Aber Urlaub, dieses paradiesische Etwas, von dem viele das ganze Jahr über schon träumen und ihre Lebens- und Liebesvisionen hin- und hineinwünschen, der zum Erwachsenwerden- und sein dazuzugehören scheint wie Führerschein, eigene Wohnung, feste Partnerschaft und fester Job.

Ein paar Mal ist mir dieses „Wunder“ wirklich geglückt, z. B. erinnere ich mich an eine Interrailreise, dich ich mit 17 zusammen mit einer Klassenkameradin, ihrem Freund und seinem Freund (der wohl für mich „vorgesehen“ war) quer durch Europa gemacht hatte. Zum Glück verkrachten wir uns schon in der Jugendherberge in Paris, sodass ich und meine Freundin dann alleine weiterzogen, mit dem vollbesetzten Zug durch das ehemalige Jugoslawien und bis an den Strand von Griechenland, wo wir dann erst einmal zwei Wochen blieben. Oder in meinen mittleren Zwanzigern, sechs wunderschöne Wochen mit meiner besten Freundin Christiane in einem noch unrenovierten Ferienhaus auf der Ostseehalbinsel Darß, wir strichen die Holzveranda Helltürkies und durften dafür umsonst dort wohnen. Viele durchgeredete Nächte über jugendliche Lebensweisheiten und lange Spaziergänge durch den Darßer Urwald und die wilde Küste entlang bis zum Leuchtturm hinauf. Endlos einsam-blaue Weite, der Mauerfall war noch nicht lange her und der Tourismus in dieser Gegend somit erst im Entstehen. Das Jahr darauf wiederholten wir das Ganze, aber ohne Verandastreichen.

Als ich mich den Dreißigern näherte, war dann Schluss damit und das für eine sehr lange Zeit, denn fast alle hatten jetzt Job, Auto und Partner und wollten somit „richtigen“ Urlaub machen. Ich schlug noch ein paar Mal alleine lebenden Freundinnen vor zusammen zu verreisen, aber stets lehnte sie mit fadenscheinigen Begründungen ab, sie hatten sich wohl in ihrer Einsamkeit eingerichtet oder warteten auf einen imaginären Mr. (oder auch Mrs.) Right, der/die sie dann ins romantische Pärchen-Urlaubs-Paradies entführt. Lange Zeit verstand ich es nicht und dachte, dass mit mir irgendwas nicht in Ordnung oder ich irgendwie „eklig“ oder langweilig sei, sodass man mit mir weder seine Zeit noch das Hotelzimmer teilen wolle. Ich verbrachte also meine Sommer oft alleine in der Stadt, zuerst vor meiner Staffelei und später an meinem PC. Nein halt, als ich im Rahmen einer beruflichen Weiterbildung eine Weile in Bordeaux/Frankreich war, erlebte ich mit meiner „Klassenfreundin“ Birgit noch ein Paar schöne Urlaubsmomente. Unter der Woche lernten wir Vokabeln und Grammatik und viel über den französischen Berufsalltag, aber an den Wochenenden und Feiertagen fuhren wir stets mit dem Zug an die Küste nach Arcachon hinaus, spazierten am Strand entlang, redeten, badeten, sonnten uns und sammelten Muscheln, erklommen die Düne, gingen Mittagessen und aßen Austern und nahmen danach an den vielen Bootsausflügen teil, die in der Bucht angeboten wurden. Wir kamen uns freundschaftlich näher, aber für meine Freundin war das wohl zu nah, denn als wir wieder in Berlin waren meldete sie sich eine sehr lange Zeit gar nicht mehr, und als sie es dann irgendwann doch wieder tat, war sie verheiratet und hatte ein Kind. Und wieder dachte ich, dass mit mir irgendwas nicht stimme; aber ein wenig ahnte ich schon, dass die Gründe für den Kontaktabbruch wohlmöglich woanders liegen könnten.

Erst als ich mit Ende dreißig eine Stelle in einer arabischen Kulturinstitution (Irak) bekam änderte sich meine Urlaubssituation für eine Weile, denn ich stellte nämlich verwundert fest, dass es dort wohl überhaupt kein Problem war, als reine Frauengruppe oder mit einer (erwachsenen) Freundin zusammen wegzufahren. Alle taten das, auch wenn sie Mann und Kinder hatten und schon im ersten Sommer verbrachte ich wunderschöne Tage mit Ikram (55) in Prag und den darauf Folgenden fuhr ich mit Haze (45) für zehn Tage an die Ostsee. Als mein Arbeitsvertrag auslief und ich woanders anfing, war meine Urlaubssituation wieder wie zuvor, nämlich keine und/oder alleine.

Warum es in der arabischen Welt (noch) so anders ist, habe ich mich hier schon in mehreren Texten wie  z. B. „Freundschaft und Freundinnen“ oder „Ausflug in den Orient“ anzunähern versucht. Was ich aber an diesem Beispiel Urlaub eigentlich zeigen will, ist wie nahezu vollständig sich die (westliche) Gesellschaft am Ideal der ausschließlichen Mann-Frau Paarbeziehung orientiert, dem Zusammenfallen von romantischer Liebe, Sexualität und Ehe samt Elternschaft. Dieses Modell ist der alleinige Maßstab für alle und für alles und gilt auch für Beziehungen zwischen zwei Frauen oder zwei Männern. Homosexualität ist wie Heterosexualität, nur etwas darunter, also die Kopie, und alle anderen Varianten des Liebens, Geliebtwerdens und von Freundschaften wurden ausgemerzt, wie Mc Donalds vielerorts die vielfältige regionale Küche verdrängt hat. Es ist eine Monokultur der zwischenmenschlichen Beziehungen entstanden, die sich am untersten gemeinsamen Nenner orientiert (Sex haben, der als Liebe getarnt wird) und Frauen (und auch Männer), die bewusst oder unbewusst nach etwas Anderem und Differenzierterem suchen, sich also nicht in diesem Dualismus- der genau hingesehen natürlich keiner ist (!)- Hetero Paar=Original und Homo Paar=Kopie pressen lassen wollen, in Einsamkeit zurücklässt.

Mehr oder weniger gibt es also nur zwei Möglichkeiten sein Leben und seine zwischenmenschlichen Beziehungen zu gestalten, die beim romantisch überhöhnten Paarspiel mitzumachen- sich also, wenn man eine Frau mag, als lesbisch definieren zu müssen- oder als „einsame Irre“ zu enden, die nicht mal mehr Freundinnen findet, weil ja jede eingegangene Beziehung=Paar ist und man ja somit homosexuell wäre. Und eigentlich baut das ganze soziale Leben darauf auf (Essen gehen, ins Kino, Theater ect.) und der Urlaub ist nur die extremste Ausprägung davon und DER Höhepunkt dieser romantischen heterosexuellen Paarinszenierung, deswegen er auch so überhöht wird, er ist die Religion unserer Zeit, ein von allen geglaubter und immer wieder mitinszenierter Mythos.