In meinem Artikel „Kokons- oder im Spiegelkabinett verloren“ habe ich mich damit beschäftigt warum viele Frauen, die nach einer anderen und emotionaleren Welt suchen, sich lieber mit schwulen Männern/Künstler anstatt mit ihrem eigenen Geschlecht identifizieren- und was das für Auswirkungen auf ihre weibliche Identität haben kann. Ich stellte fest, dass sie in eine Art „Dionysosspiegelfalle“ tappen können, d. h. an eine vermeidliche Weiblichkeit glauben, sie imitieren, die eigentlich eine von Männern geschaffene Feminität ist und sich durch sie voneinander irgendwie isolieren. Diesem Phänomen bin ich (u. a. mit Hilfe von Camille Paglia) noch weiter auf den Grund gegangen und mich bis zu den ganz tief in die Zeit reichenden Anfängen hinabbegeben.

Am Beginn der Menschheit (ca. vor 2,5 -3 Millionen Jahren) gab es nur die Natur, die allmächtig, grausam und unergründlich war- und es gab die Frau, das Weibchen, dass wie die Natur fruchtbar war und in ihrem Körperinneren neues Leben erschaffen konnte. Immer wieder und wieder wie durch einen magisch-dämonisch-undurchschaubaren Zauber. (Erst auf dem Entwicklungsstadium des Ackerbaus wurde der Zusammenhang zwischen Geschlechtsverkehr, Zeugung und Schwangerschaft entdeckt.) Die Menschen fühlten und dachten sich daher nicht von der Natur getrennt, sondern als ein Teil von ihr – und der Mann dachte und fühlte sich somit als ein Teil der Frau, sowie auch jeder Embryo im Mutterleib am Anfang weiblich ist und erst durch die Freisetzung männlicher Hormone nachträglich vermännlicht wird.

Da die Abhängigkeit von der Natur-Frau so groß war und daher riesige Angst machte, wurde irgendwann die Religion erfunden, die in diesem Stadium noch Mythos und ihre Ausübungen Kult genannt wird. In vielen Teilen der Welt entstanden so Vorstellungen von einem ursprünglichen Wesen, dass sämtliche Gegensätze in sich vereint, alles umfasst, was ist und sein kann und allmächtig-hermaphroditisch-bisexuell ist, d. h. es sowohl weibliche als auch männliche Geschlechtsorgane besitzt, eine Art SchöpferIn des Weltenraums.

Das höchste Symbol dieser Mythen, jener Fruchtbarkeitsreligion war die Große Mutter, eine Gestalt von doppelgeschlechtlicher und ursprünglicher Macht, grausam und gebend zugleich bestimmte sie über das Leben und den Tod und war jungfräulich im Sinne von: in ihrem Zeugen und Empfangen vom Mann unabhängig (z. B. die ägyptische Isis, die kretische Gaia und Rhea, die zyprische Aphrodite, die babylonische Ischtar usw., siehe auch Abbildungen von Venus von Willendorf oder Göttin Kali). Das Männliche wurde ihr nur in Form von Knabengöttern, Sohn und Liebhaber beigefügt, phallische Begleiter, Drohnen der Bienenkönigin, denn das Männliche wurde nur als ein Schemen, der im ewigen Zyklus der Natur umhergewirbelt wahrgenommen; und Mutterschaft umfasste die ganze Existenz.

Die Große Mutter wurde der Erde zugeordnet und es wurden Rituale zu ihren Ehren veranstaltet und Opfer gebracht um sie zu besänftigen, das nennt man dann MUTTER- ODER ERDENKULT. Und da sie, die Natur/Erde/Mutter eben grausam-allmächtig-schöpfend war, waren auch die Rituale blutrünstig, lebendige Tiere wurden zerrissen, Brüste aufgeschlitzt, Männer kastrierten sich und/oder glichen sich ihr transvestitisch an:

Die Priester der Großen Mutter wechselten das Geschlecht, um ihr gleich zu werden. Transsexualität war die radikale Lösung, Transvestitentum die abgeschwächte Version. Bei Zeremonien in Syrakus vollzogen die Männer die Initiation im Purpurgewand der Demeter. Im alten Mexiko wurde einer Frau, die die Göttin verkörperte, die Haut abgezogen, die sich dann ein männlicher Priester anlegte. Der priesterliche Eunuch der Großen Mutter wurde „sie“ genannt; nachdem Attis sich kastriert hat, wechselte das Fürwort, mit dem er bei Catull bezeichnet wird, von der männlichen zur weiblichen Form.

(Sehr interessant in diesem Zusammenhang ist übrigens sich mal den schwarzen Stein/Meteorit, der sich in der Kaaba, dem Allerheiligsten der Großen Moschee von Mekka befindet und die heiligste Reliquie des Islams darstellt, anzuschauen. In der Kultstätte, dem Orakel von Delphi im antiken Griechenland befand sich ebenfalls ein formloser, schwarzer heiliger Steinmeteorit, er markierte den Omphalos, also den Nabel der Welt und stellte das primitive Bild der Muttergöttin Kybele dar. Hat der Islam noch Reste des alten Mutterkultes und befindet er sich daher im Übergang zwischen Erden- und Himmelskult? Und das Phänomen Transsexualität könnte man so auch mal wieder neu überdenken.)

Als die Menschheitsgeschichte dann voranschritt und die Rolle des Mannes bei der Zeugung entdeckt wurde, begannen sich die Männer so ihre eigenen Gedanken über ihre Abhängigkeit von der Natur und Frau zu machen. Da sie nicht mit Kinderkriegen und sie Aufziehen beschäftigt waren, hatte sie auch mehr Zeit dazu. Nach und nach begannen die Männer sich also in ihren Vorstellungen und Gedanken von der Natur/Erde/Frau als alleiniges Schöpfungsprinzip zu lösen- und verlagerten die Schöpfung, das Göttliche von der dunklen und unheimlichen Erde (Körper der Frau) in den hellen Himmel (Geist des Mannes) hinein. Dieses nennt man dann VATER- ODER HIMMELSKUT. Das Göttliche, also das Leben Gebende wurde vom Körper in den Kopf verlagert und Gott, der Schöpfer wurde männlich- der Triumph des Geistes über die Materie- und somit die westliche Kultur und Identität erschaffen.

Diese Entwicklung begann im alten Ägypten und erreichte im antiken Griechenland einen vorläufigen Höhepunkt. Die wahren Götter lebten dort nicht mehr in der Erde (Hades), sondern hoch oben im Gebirge Olymp nahe dem Himmel; und die Schöpferisch-bisexuell-weiblichen wurden, nach und nach, durch Schöpferisch-transvestitische-männliche ersetzt, z. B. Aphrodite, Dionysos oder Athene. Die Kultur, die daraus vor allem in Athen entstand und die Grundlage für unsere ist, ordnete Freundschaft und Liebe (diese nicht als zwei getrennte Bereiche gesehen wurden) den Männern zu- war also offen männlich-homosexuell- und die Frau somit abgewertet und ohne Rechte. Dort entwickelte sich dann auch eine neue Vorstellung von Vergötterung- weg von der Erde und den alten (weiblichen) Muttergottheiten- hin zum Himmel und Mann und es entstand die Idee des „schönen Knaben“, eine Art Bindeglied zwischen weiblich-männlich, als Schönheits- und Sexualobjekt für den Mann:

Die athenische Wendung von den Frauen zu den Knaben war ein großartiger Akt der Ideenbildung. Mochte er noch so ungerecht und in letzter Instanz auch selbstzerstörerisch sein, für die Ausbildung der Kultur und Identität des Westens stellte er einen entscheidenden Schritt dar.

Der Stadtstaat Athen wurde nicht trotz, sondern wegen seiner Frauenfeindlichkeit groß. Die männliche Homosexualität spielte eine ähnlich katalytische Rolle wie im Florenz der Renaissance und im Elizabethanischen London. In solchen Augenblicken wird das Männerbündische von einem libidinös aufgeladenen, intensiven, Selbstvertrauen getragen, von einer kurzlebigen Gewissheit, über die Mütter und die Natur triumphiert zu haben. 2500 Jahre lang hat die westliche Kultur von den ungeheuren Leistungen der homosexuellen Hybris gelebt, den Leistungen kleiner Gruppen von Männern, die sich in wenigen ereignisreichen Jahren der Begeisterung und des Trotzes zu visionären Höhenflügen emporschwangen.

Die ganzen (westlichen) Kulturleistungen, die Geschichte (gehört „alles“ zu: Architektur, Philosophie, Mathematik, Politik, Kunst ect.) ist also letztendlich nichts anderes als der stete und über die Jahrhunderte-Jahrtausende hinweg sich ziehende männliche Versuch, sich von der Frau und Natur zu lösen und eine eigenständige und von ihr unabhängige Identität zu entwickeln. Und die männliche Homosexualität ist nur die extremste und wirkungsvollste Ausprägung davon.

Aber dieses „von der Natur weg“ ist natürlich nicht gradlinig vonstattengegangen, sondern in hin- und zurück Bewegungen, in zwei Prinzipien, die sich den Göttern APOLLON und DIONYSOS zuordnen lassen. Apollon ist der helle, neue Weg in die naturentfernende Zukunft hinein- Dionysos ist die „Regression“, jenes magisches Zurück in den dunklen Mutterschoß. Um es besser verständlich zu machen, habe ich hier mal ganz intuitiv Begriffe gesammelt, die mir zu den beiden Götterprinzipien einfallen und man wird recht schnell merken, dass sie sich auch den Klischees „männlich-weiblich“ zuordnen lassen:

Himmelslicht, Rationalität, Kultur, männliche Homosexualität, trocken, sonnig, gerade, harte Muskeln, Mann, Verehrung des schönen Knaben, Bildung, Disziplin, Olympia, Fußball, Hochhäuser, Stahl, Börse, Mathematik, Blaugrau, Gefühle verbergen, cool sein, ein ganzer Kerl…

Dunkle Erde, Magie, feucht, nass, verschlungen, Verehrung der Großen Mutter, weiche Formen, Zauber, irrational, Frau, Femme fatale, Venusfalle, Operndiva, weiblicher Star, Party machen bis zum Umfallen, Theater, Gärten, Samt, Seide, Morast, Orgie, Weinen, Lachen, Hysterie…

Weiblich und männlich sind also männliche Definitionen, wie sie sich selbst in Bezug auf die Natur sehen und sie haben die Frau dafür stets als Allegorie benutzt, als Bildnis sie mal völlig der Natur zugeordnet und mal sie ihr entzogen, ihnen selbst ähnlicher gemacht. Und auch Schwule und besonders diese, da sie wie schon erwähnt nur eine besonders ausgeprägte Variante des kulturellen Mannseins darstellen, schwanken hin- und her. Sie wollen von der Frau weg und schaffen es doch nicht so wirklich, Lederkerl und Tunte, Butch und Femme, Apollon und Dionysos. Sie machen die Frau z. B. durch das kaum erreichbare Schönheitsideal des dünnen Models zu schönen Knaben – oder verehren sie als Diva und geben ihnen dadurch das Gefühl einer „göttlichen Einzigartigkeit“ (Kokon!), vereinnahmen sie für ihre Zwecke, zur Festigung einer Männergemeinschaft und isolieren sie somit voneinander; denn jede Frau will ja DIE einzige einzigartig Göttliche sein: (Das das Nacheifern von knabenhaften Modelmaßen Selbsthass verursachen kann, muss ich hier wohl nicht noch extra erwähnen.)

Männliche Homosexuelle veranstalten auch heute noch einen Kult um weibliche Stars wie z. B. Maria Callas, Kiley Minogue oder Lady Gaga. Kreischanfälle, Massenstürme, Blumensträuße und Auftritt im „Fummel“, das sind nichts anderes als moderne orgastische Eunuchenrituale und Dionysoskulte im Heiligtum der Großen Göttin.

Die Frauen aber identifizieren sich immer mit diesen von Männern geschaffenen Bildern, was zu Verwirrung und Selbsthass führen kann, da diese Bilder, Mythen, Rollen eben oft die Angst, Ambivalenz und die Abkehr vom „Weibe und der Natur“ ausdrücken. Aber Frauen- die natürlich auch nicht nur Natur sind (!)-  haben in der gesamten Menschheitsgeschichte kaum einen eigenständigen Versuch unternommen, sich selbst- also ihr Geschlecht- in einem Verhältnis zu Natur zu definieren und eigene Bilder und Vostellungen zu schaffen, dagengenzusetzten. D. h. wie sehe ich mich als ein weiblich-menschliches Wesen, das durch die Möglichkeit des Kinderkriegens im eigenen Körper irgendwie intuitiv-spirituell-körperlich in das Geheimnis der Schöpfung eingeweiht, an sie gebunden ist. Kann für mich das frauenliebende-lesbisch-weibliche Begehren auch eine Möglichkeit sein ein weiblicher Mensch zu werden, an der Kulturentwicklung endlich teilzuhaben, eine Eigene zu schaffen. Und so weiter und so fort.

(Alle Zitate aus dem Buch „Die Masken der Sexualität“ von Camille Paglia)

P. S.:
Das auch Mutterkulte nichts über die reale Situation der Frau aussagen, kann man an der islamischen Welt sehr gut beobachten.

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