Vielleicht sollte ich noch mal ein paar Worte mehr dazu schreiben, warum ich die Erzählung „Herzensfleisch“ hier nach und nach auf dem Blog vorstellen werde. Die Geschichte hat nämlich eine lange Vor-Geschichte und die reicht bis ins Jahr 1999 zurück, zieht sich dann über die Jahre 2000 bis 2001 und 2004 bis 2009- und enden schließlich im Mai 2010 mit einem qualvoll aus dem „Hirn gepressten“ Exposé und einem von einer Freundin verfassten sehr schönen- aber klemmig die frauenliebende (Haupt)Komponente auslassenden- Vorwort. Und sie führt zu dieser Seite hier…

Aber im Sommer 1999 war sie noch eine ganz wage Idee, eine neblige Vorstellung davon irgendwas mit Frauen zu machen, eine Art Abenteuergeschichte, die in einem fremden Land spielen sollte, am besten in einem ganz fremden und fantastischen Land. Da ich aber vom Malen kam und daher vom Handwerk des Schreibens eher weniger Ahnung hatte (vom „exzessiven“ Tagebuch- und Gedichteschreiben, füllerseitenlangen Nach-Schulgeschichten und Ähnlichem für meine beste Freundin verfassen einmal abgesehen), besorgte ich mir erst einmal diverse Hilfsbücher und Ratgeber. Nach der Lektüre dachte ich mir die vier weiblichen Hauptpersonen aus, erstellte für sie fiktive Lebensläufe und begann dann relativ planlos das Anfangskapitel in meinen Dos-Computer zu tippen. Weiße Schrift auf schwarzem Hintergrund.

Frühling 2000 stieg ich auf Windows 95 um, begann erneut und saß dann Abend für Abend und Wochenende für Wochenende an meiner Geschichte, die ich damals noch Roman nannte. Immer noch planlos d. h., ohne ein wirklich durchstrukturiertes Konzept war sie, wie eine Kletterpflanze auf einer Hausfassade weiter und weiter gewachsen und schließlich Ende 2001 auf ungefähr 400 Seiten angewachsen. Lange Passagen der Überfülle standen unvermittelt neben lyrisch verdichteten Textstellen, spannungsgeladene Szenen waren mit viel zu langen Sätzen erzählt und Langsame hatten zu Kurze, es wimmelte von durchschaubaren und teilweise misogynene Zitaten aus Märchen- und Fantasieerzählungen, tiefer Wald, schwarzes Schloss, Beerenwein und ein notgeiler Kobold, sexuell Krasses war mit konventionell mädchenhaften Frauendarstellungen gepaart, Idealisiertes stand neben realistisch Beobachtetem; und  all das war irgendwie viel zu viel. Ich hatte einen wirren Grottenbau, ein „art brut“, eine Art literarische „outsider art“ geschaffen; war in der Mitte des Werks angelangt und wusste nicht mehr so recht weiter…

Nach einer erzwungenen Pause (berufliche Weiterbildung) wagte ich Ende 2004 einen dritten Anlauf, begann umzuschreiben und neu zu schreiben, zwei Jahre lang. Im Oktober 2006 lernte ich Sophia und somit meine erste Leserin kennen, ich las ihr vor und schickte ihr die Kapitel per message oder per mail zu, sie hörte zu und kritisierte, z. B. meine zu langen Sätze oder wenn sie etwas unverständlich fand. Zunächst fühle ich mich durch ihre Kritiken angegriffen und in meinem Selbstwertgefühl geschwächt, begann aber nach und nach sie anzunehmen und aus ihnen zu lernen. Unsere Freundschaft hat sich erst über diese Erzählung entwickelt, ich hatte plötzlich ein Gegenüber und einen Austausch, denn auch wenn Sophia jünger ist, so hat sie doch die Fähigkeit sich in künstlerische Prozesse einzufühlen und mich somit zu spiegeln. Meine Erzählsprache wurde gezielter, die Handlung strukturierter und ich war mir mehr bewusst darüber, warum die jeweiligen Frauen so handelnd und sprechen, wie sie handeln und sprechen. Mein Unbewusstes wurde bewusster, d. h. ich wusste mehr was ich da tat, blickte tiefer in die Psyche der einzelnen Frauen hinein, hinter die Masken, Mythen und Konventionen-  ohne selber allzu sehr auf sie hereinzufallen.

Zunächst nur Leserin und Kritikerin- hat Sophia dann mit mir zusammen die Charaktere der Frauen ent-idealisiert, die Geschichte weiterentwickelt und  z. B. im Epilog mit dem Bild des „Blütenmeeres“ schließlich eine Art von „weiblichen Mythos“ geschaffen. Eine Art künstlerisch-poetische Vorausahnung/Weiterentwicklung/Interpretation jenes lesbischen Kontinuums der Adrienne Rich, ein Aufdämmern einer neuen und weiblichen symbolischen (Liebes)-Ordnung. Und auch wenn die Erzählung durch die sprachliche Verdichtung nicht für alle leicht zu lesen ist- und ich im Nachhinein auch Einiges anders und mittlerweile auch besser machen würden (z. B. die Dialoge oder Wiederholungen) – ist „Herzensfleisch“ dennoch der intuitive und künstlerische Zugang zu unserem Blog und wird dann ab Kapitel 6 („Gefangen“) auch so richtig spannend…!