Als wir mit dem Blog angefangen haben, gaben wir ihm zwar zunächst den Namen „Feminine Lesbians“ ergänzten ihn aber nach einer Weile mit “ – Frauenliebe“ weil wir fanden, dass dieser Begriff es mehr auf den Punkt bringt, wer wir sind und wohin wir wollen. Aber das Namengeben- also das Benennen von Etwas- ist oft eine zwiespältige Sache, denn einerseits hilft es Dinge einzuordnen und zu erkennen (z. B. werden wir mit diesem Suchbegriff leichter über Google gefunden)- andererseits sind die Dinge eben schon eingeordnet und benannt. D. h. der Begriff „lesbisch“ wird entweder mit einer speziellen (Außenseiter)Identität assoziiert, die Frauen in zwei „andersartige“ Gruppen aufteilt, oder er wird von Männern für pornografische Zwecke benutzt (ein recht nerviges Google-Suchbegriffe Problem). Mit dem Zusatz „feminine“ verhält es sich nicht gerade besser, denn viele assoziieren das dann gleich mit dem Gegensatzpaar „Butch-Femme“, oder denken an das deutsche Wort „feminin“, sehen eine Art „aufgetuckte“ Tussi vor sich mit langen Extensions-Haaren, engen Klamotten, falschen Fingernägeln und zickigem Verhalten; und machen sich dann Sorgen, dass sie für diese Seite irgendwie „nicht weiblich“ genug wären…

Aber „feminine“ ist eben ein englischer Begriff/Wort und heißt übersetzt schlicht „weiblich“, also genetisch/geboren/zur Welt gekommen als Frau (in einer Frau). Das soziale Geschlecht nennt man im angelsächsischen Raum „gender“ und dieses muss nicht zwangsläufig mit dem geborenen Geschlecht übereinstimmen, d. h. es kann also „feminine gender“ bei Frauen und bei Männern geben- und „masculine gender“ bei Männern und bei Frauen (weibische Männer und kerlige Frauen). Im Deutschen gibt es diese Unterscheidung in der Sprache nicht, nur „weiblich“ und „feminin“, was auch noch oft miteinander verwechselt, gleichgesetzt wird. Aber der deutsche Begriff „feminin“ ist eigentlich das englische „feminine gender“, sprich die soziale Rolle, eine von Männern gemachte Konstruktion, die im Grunde überhaupt nichts mit Weiblichkeit zu tun hat (siehe auch „Apollon-Dionysos-Mythos“ in meinem Artikel „Kokons- oder im Spiegelkabinett verloren).

Also ist der Name „Feminine Lesbians“ eigentlich gar nicht so schlecht gewählt, denn er bedeutet schlicht, dass wir uns als Frauen/in Frauen geborene Frauen (weiblich) sehen, die andere Frauen lieben/für sie interessieren/sich mit ihnen identifizieren; die ebenfalls Frauen/in Frauen geborene Frauen sind, die…der Begriff „Lesbian“ ist mittlerweile mehr eine Konzession an Google geworden als denn eine eigenständige Identität.

Wir trennen also nicht mehr in „Lesbisch“ und „Hetero“ auf, sondern haben uns stattdessen immer mehr auf die Suche nach einem Weiblichen-in-der-Welt-Sein begeben, nach einer anderen Realität, symbolischen Ordnung, nach einer wirklichen Differenz und weiblichen Transzendenz. (Symbolische Ordnung ist die wechselseitige Verflochtenheit der Realität und ihrer Interpretation, also das, was wir vorfinden, wenn wir in der Welt handeln, und das, wie wir die Welt und uns selbst darin interpretieren.) D. h. wir sehen die grundlegende (und verleugnete/nicht in die Kultur eingebrachte) Differenz mehr zwischen den Geschlechtern- also zwischen Mann und Frau- als zwischen Frauen oder Männern. (Was nicht heißen soll, dass alle Frauen gleich sind, ganz im Gegenteil…)
Hier zitiere ich mal aus dem neuen Buch „Welt teilen“ von Luce Irigaray:

Ziel ist es eine neue Epoche zu schaffen, in der sich die Menschen frei von Machtstrukturen begegnen können. Dies ist aber nur möglich, wenn sich Männer und Frauen ihrer Differenz, und damit ihres unterschiedlichen Begehrens, bewusst werden. Dem entgegen steht ein männlich dominiertes Repräsentations- und Symbolsystem– eine Welt, die als Entwurf einer Totalität charakteristisch ist für die westliche Kultur und Philosophie. Es ist keine menschliche Welt, weil Frauen nicht ihre eigene Sprache entwickeln und ihre eigenen Symbolsysteme in Religion, Kultur oder Politik entwerfen können. Die bisherige Welt stellt also nur einen Ausschnitt der Welt dar, sie ist einseitig durch den männlichen Blick geprägt.

Und die Frauenliebe hängt irgendwie damit zusammen, vielleicht weil Frauen durch dieses „Liebe empfinden und als Frau eine andere Frau wollen“ in die Welt hinaustreten und in ihr handeln müssen und dort dann feststellen, dass es für ihr Begehren (nicht nur im sexuellen Sinne), ihre Wünsche und Vorstellungen keinen Ort und keine Rolle gibt außer der Menschlich-männlichen, die die ganze Welt ist/aus der die ganze Welt besteht. Sie existieren nicht (als Frauen); und Frauen, die existieren wollen, entscheiden sich oft für das Zusammensein mit anderen Frauen, den Austausch mit ihnen, der auch zu Liebe werden kann. Die Stärke des Begehrens spielt also irgendwie eine Rolle, das Begehren auf die Welt, auf das Handeln und Sein, das sich ihr dann am Besten durch andere Frauen erschließ/erst ermöglicht.
(In einer Untersuchung wurden mal eine nicht unerhebliche Anzahl von lesbisch und heterosexuellen Frauen befragt und miteinander verglichen. Den einzigen markanten Unterschied, der zwischen den beiden Gruppen festzustellen war, war jener, dass die lesbisch lebenden Frauen ein „wesentlich schärferes emotionales Profil“ aufwiesen als die heterosexuell lebende Kontrollgruppe. Sie begehrten also stärker.)

Diesem Anderen-in-der-Welt-Sein versuchen wir uns also auf der Seite anzunähern, aber natürlich „schöpfen“ wir nicht nur aus dem „Nichts“, dem eigenen Leben und der Intuition; sondern haben auch einen theoretischen Background, auf dem wir aufbauen. Um diesen zu zeigen, haben wir eine neue Seite (Theoretischer Background oben in der Bildleiste) erstellt, auf der wir Bücher/Theorien vorstellen, von denen wir uns inspirieren lassen, die uns beeinflussen und die sich fast alle mit weiblicher Differenz beschäftigen, d. h. mit der Analyse des Seinszustandes und der Schaffung einer Utopie und neuen symbolischen Ordnung. Es ist eine subjektive und noch nicht abgeschlossene Auswahl, aber alles sind- mehr oder weniger- „Klassiker“ bzw. Grundlagenwerke, aus denen dann die „Nachfolger“ abgeschrieben/sich bedient und auf ihnen aufgebaut haben:

Simone Beauvoirs „Das andere Geschlecht“ ist zwar eher dem „Gleichheitsfeminismus“, d. h. die Eingliederung der Frauen in die männliche Welt/symbolische Ordnung zuzuordnen, ist aber was die Analyse des -weiblichen Status und Selbstverständnis in Geschichte und Gegenwart- immer noch ungeschlagen. Mary Dalys „Gyn/Ökologie“ kommt an manchen Stellen für den heutigen Geschmack etwas zu seperatistisch-radikalfeministisch daher, analysiert und demaskiert aber wunderbar die (griechischen) Mythen und die Dreieinigkeit des Christentums. Luce Irigarys „Speculum“ ist recht unverständlich geschrieben (und wohl nur für PhilosophInnen ganz verständlich), aber sie wagt als Erste den Versuch- die (männlichen) Symbole, die Redeweisen, die Denk- und Kulturmodelle zu kritisieren und eine Theorie zu begründen, in der die Frau nicht der Gegenstand des Denkens, sondern dessen Subjekt ist; einen Diskurs der Weiblichkeit zu entwickeln gegen den in der Geschichte, im Alltag, in den Wissenschaften herrschenden Diskurs. Ihr letztes Werk „Welt teilen“ scheint etwas verständlicher geschrieben, muss aber von mir noch ganz gelesen werden. Diotima ist eine italienische Philosophinnengemeinschaft, in der die Auseinandersetzung mit der Sprache und mit den Beziehungen unter Frauen eine zentrale Rolle spielen.

Lillian Fadermann beschäftigt sich in ihren beiden Werken „Köstlicher als die Liebe der Männer und Odd girls and twiligt lovers mit der Geschichte der romantischen Freundschaft und Liebe zwischen Frauen von der Renaissance bis heute und mit der Geschichte des lesbischen Lebens im Amerika des 20. Jahrhunderts. Leila. J. Rupp versucht in Sapphistries dieses global und bis in die Prähistorie hinein. Und allen gemeinsam ist die Erkenntnis, dass die lesbische Identität, so wie wir sie heute kennen und die der männlichen Homosexualität gleichgesetzt ist, in der Geschichte der Frauenliebe nur einen sehr kleinen Platz einnimmt (und erst im 19. Jahrhundert von deutschen Sexualwissenschaftlern geschaffen wurde).

Shere Hite hat mit ihren Befragungen von Hunderten von Frauen den besten Einblick in die Praxis von Liebe und Sexualität gegeben, den ich so kenne. Und Camille Paglia schließlich mit ihrem Werk Die Masken der Sexualität ist eine „leidenschafliche Irre“, mit der ich mich noch näher befassen muss, da sie sich ausführlich mit diesem (für die westliche Kultur) so prägenden Apollon-Dionysos-Mythos beschäftigt hat. Einziger Knackpunkt ist, dass sie selber in die „dionysische Falle“ tappt, sie setzt Frauen mit Natur gleich- und sieht sich somit als Mann. (Ist wohl auf die Passivität ihres eigenen Geschlechts durchgedreht ;))