In meinem letzten Artikel habe ich beschrieben wie schwierig und sogar angsteinflößend es mit der Frauenliebe sein kann, wenn Frauen sich- bewusst oder unbewusst- nicht an den gesellschaftlich angebotenen Rollen- Liebes- und Partnerschaftsmodellen orientieren wollen/können. Und auch wie isoliert sie dann oft bleiben, wie stumm hinter einer Glaswand, jede in ihrem ganz eigenen Kokon gefangen. In diesem Fortsetzungstext möchte ich mich daher gerne näher mit den sogenannten „Kokons“ beschäftigen, also jenen imaginären Vorstellungsorten, unsichtbaren Trennhüllen, die einen Kontakt, einen ehrlichen Austausch untereinander nur schwer bzw. oft fast unmöglich machen.

Sind diese Kokons individuell und daher völlig unterschiedlich, oder gibt es da gemeinsame Muster nach denen sie funktionieren; und geht das alles nur lesbische/frauenliebende Frauen was an, oder benötigen/wünschen sich alle Frauen diese Kontakte, diesen Austausch mit anderen Frauen? (Wenn sie nicht lesbisch sind, reichen da doch auch Männer, man muss da nicht nach Geschlechtern differenzieren, denn wir sind doch alle „Menschen“. Und ja, wenn man sich in eine Frau verliebt, sehnt man sich nach einer Frau, Frau, Frau; und nicht nach einem Mann. Die Liebe bringt diese Geschlechterdifferenz also irgendwie an den Tag.)

Wir gehen also mal davon aus, dass es eine Geschlechterdifferenz gibt (Definition siehe rechts oben im Blog) und wir in einer männlich geprägten, von einer männlich-symbolischen Ordnung durchdrungenen/definierten Welt leben. D. h. Männer haben im Laufe der Zeit (wahrscheinlich um sich von Tier zu entfernen, sich von der Abhängigkeit von der Natur zu befreien) die Welt/Natur nach ihren Bedürfnissen geformt/benannt/kolonialisiert und dabei ein anderes Bewusstsein entwickelt. Die Frauen sind in diesem Prozess zurückgeblieben, wurden der Natur zugeordnet, haben kaum eigene/andere Entwürfe/Philosophien entgegengehalten. Daher leben sie in einer fremden, für sie nicht passenden Welt, da die Jetzige auf die männliche Seele, Bedürfnisse, das männliche Sein ausgerichtet ist.

Kokon, Kokons… hier zunächst mal ein paar Gedanken über die Mechanismen bzw. Lebensumstände, die die Kommunikation zwischen Frauen generell erschweren: Der erste, offensichtlichste und daher am leichtesten zu durchschauende ist die Ehe oder Partnerschaft (Kleinfamilie) mit einem Mann. Durch die Ideologie der romantische Liebe legitimiert, bleibt sie (auch bei Berufstätigkeit/finanzieller Unabhängigkeit) weiterhin an ihn gefesselt und verbringt ihre Zeit mit ihm, identifiziert sich mehr mit ihrem Partner als mit anderen Frauen/ihren Freundinnen. Mann und Frau in Liebe vereint, sie sind Eins.
Der zweite, schon weniger erkennbarer, ist die Arbeitswelt, der Beruf. Vermeidlich Freiheit versprechend, tritt sie dort/mit ihm aber in eine männliche Sphäre, in sein Universum ein. Auch wenn sie dort- im Gegensatz zu der recht isoliert und machtlosen reinen Hausfrau- die Möglichkeit hat andere Frauen kennenzulernen, kann sie dieses nicht wirklich als Frau tun, sie muss sich verstellen und so tun, als ob sie ein Mann sei, sein Bewusstsein habe, sein Sein. (Das Private soll draußen bleiben, der Berufskokon.) Ehrlicher Austausch geht anders. Verheiratet sein und Berufstätigkeit bedeutete also oft in einem doppelt männlichen Universum zu leben.
Der dritte ist die Lesben-Homosexuellenszene, die sich mit ihren queeren Lebensentwürfen gänzlich dem männlich-schwulen-in-der-Welt-Seins unterworfen hat und (damit) Frauen in „wir“ und die „anderen“ abtrennt.

Sensible, intuitiv begabte Frauen spüren aber, dass da irgendwas nicht stimmt, suchen nach etwas Anderem, einer anderen und weiblicheren Welt, ziehen sich in eine eigene Traumwelt/den Kokon zurück und/oder wenden sich dem Theater (Oper, Ballett), der Modewelt, der Kunst und den schwulen Männern/Künstlern zu („die sind so nett und sensibel“)- und geraten dort oft in eine seltsame (Spiegel)falle….In die von Männern nämlich, die mit den maskulinen Männlichkeitsbildern brechen wollen, nach anderen Ausdrucksformen suchen, sich der Weiblichkeit aus männlicher Sicht annähern und dabei lediglich Feminität kreieren (für sich selbst und in ihren künstlerischen Werken). Die Frauen halten diese dann aber für authentische Weiblichkeit (jeder hat doch männliche und weibliche Anteile in sich), sehen sie als Rettung und Gegenbild zu der maskulinen (Arbeits)welt; und identifizieren sich dann mit ihr. Sie halten die Bilder, die Männer ihnen vorhalten für authentischer als jene, die andere Frauen (im Austausch) ihnen von sich und ihrem Sein spiegeln/zeigen könnten. Sie verlieren sich im Spiegelkabinett der (schwulen) Männer, werden von ihnen als „Diven“ verehrt („du bist so einzigartig!“) und verlieren damit den Kontakt und den Austausch zu/mit anderen Frauen und sehen sich und sie durch den männlichen Trans-Blick.

Was mit dieser von „Männern kreierten Weiblichkeit/Feminität“ gemeint ist, kann am Besten anhand des griechischen Apollon-Dionysos-Mythos erklärt werden. (Ich zitiere hier aus dem Buch Gyn/Ökologie von Mary Daly):

Dionysos wird häufig als das (mystifizierende mythische) Gegenstück zu Apollon hingestellt und als androgyne Alternative zu dem stereotypen erstarrten apollinischen maskulinen Modell angeboten. Eine genaue Überprüfung des (patriarchalen) griechischen Mythos macht aber klar, dass Apollon und Dionysos lediglich zwei Gesichter des gleichen Gottes sind. Das Wort Dionysos bedeutet nicht „Sohn des Zeus“, sondern vielmehr „Zeus-Junger Mann“, das heißt Zeus in seiner jungen Form. Dionysos war tatsächlich (in der Tatsächlichkeit der Mythen) sein eigener Vater.

Mythos Variante 1
Semele, die Mutter des Dionysos, ist eine vervollkommnete Frau. Als sie im sechsten Monat schwanger war, traf Zeus sie mit Blitz- und Donnerschlag, und sie „ward verzehrt“ (zerstört/tot). Aber Hermes rettet ihren sechs Monate alten Sohn: Er näht ihn in den Schenkel des Zeus, dass er dort noch weitere drei Monate reifen soll. Als dann die Zeit gekommen war, gebar Zeus den Dionysos, was „der zweimal Geborene“ oder „das Kind der doppelten Tür“ bedeutet. Dionysos Mutter war also schon lange tot, ehe er geboren wurde. Zeus erledigt die Frau und trägt seinen eigenen Sohn aus.

Mythos Variante 2
Semele wurde schwanger indem sie ein von Zeus aus dem „Herzen“ (was wahrscheinlich Phallus heißen soll) des Dionysos, der vor ihr existiert hatte, hergestelltes Gebräu trank. (Einige sagen, er sei vorher von Persephone geboren worden, die von Zeus vergewaltigt worden war.) So ist also Dionysos sein eigener Vater, wiedergeboren und selbst gezeugt.
Da er (Zeus-Junger Mann) mit Zeus identifiziert wird, der ihn ausgetragen hat, ist er auch noch seine eigene Mutter. So kann Semele als Inbegriff des (patriarchalen/männliche symbolische Ordnung) Ideals der Mutter als bloßes Gefäß gesehen werden. Mehr noch: Die scheinbar widersprüchlichen Aspekte von Dionysos- seine eigene Vaterschaft und seine Feminität- fallen in eins.

(Es gibt übrigens Parallelen im christlichen Mythos: Christus als „das fleischgewordene Wort“. Die Christen glauben, Christus sei die Inkarnation der „Zweiten Person der Trinität“ und daher wesensgleich mit dem Vater. Demnach war Christus ebenfalls vor sich selbst vorhanden und war einfach eine spätere Manifestation von „Zeus-(Vater)-Junger Mann“. Christus vereint also Elemente von Apollon und Dionysos in sich.)

Der Mythos des Dionysos ist also die Vorahnung auf den Versuch, Frauen überhaupt auf der symbolischen Ebene abzuschaffen und durch Feminität/von Männern gemachter Weiblichkeit zu ersetzen. Und manchmal macht er/es Frauen auch regelrecht verrückt, diese femininen Männer, trügerischen Bilder, die Catwalks, Defilees, die Opern, die Ballette und all die Kunstwerke und die Kultur, die so locken aber nicht wirklich stimmen. Sie fühlen, das ist es und doch irgendwie nicht. Hier noch mal Mary Daly, die es treffend, wenn auch etwas krass ausdrückt:

Diese Feminität des Dionysos soll auch in Beziehung zu seiner Verherrlichung als Grenz-Überschreiter gesehen werden, als der der die Frauen verrückt macht. Dionysos wurde die Fähigkeit zugesprochen, die Bewusstseinsgrenzen von Frauen zu zerstören, das heißt die Fähigkeit, Frauen zum Wahnsinn zu treiben. Wahnsinn ist die einzige Extase, die Frauen mit dem dionysischem „Weg“ angeboten wird. Während der supermaskuline Apollon ganz offen mit seinen erfundenen Grenzen/Hierarchien/Gesetzen/Rollen unterdrückt/zerstört, trübt der feminine Dionysos die Sinne, verwirrt seine Opfer – betäubt sie zur Komplizenschaft, bietet ihnen sein „Herz“ als einen Liebestrank, der vergiftet.

Die dionysische Lösung für Frauen ist die Endlösung. Wenn sie dieser verführerischen Einladung erliegen, so bedeutet das: Sie werden in den mystischen Leib des Männertums aufgenommen, sie werden zu „lebende“ tote Frauen, (die auf ewig ihr eigenes Blut in das himmlische Haupt pumpen und dabei den eigenen Kopf verlieren).

Die dämonische Macht des dionysischen Betrugs ist diese Einladung zur Aufnahme/Assimilation. Der Wahnsinn, der die dionysische Endlösung für Frauen darstellt, ist Verwirrung- die Unfähigkeit, das weibliche Selbst und ihren Prozess von der von- Männern-gemachte Maskerade zu unterscheiden. Männer propagieren die Idee, dass auch Männer feminin sind- besonders, wenn sie sich feminin verhalten -, das lenkt ab von der Tatsache, dass Feminität eine von Männern gemachte Konstruktion ist, die im Grunde überhaupt nichts mit Weiblichkeit zu tun hat.

Dionysos verkleidet sich manchmal als Mädchen oder Frau und wurde „Pseudanor“ (der Mann ohne wahre Männlichkeit) ,“gynnis“ (der Weibische) oder „arsenothelys“ (der Mann-Weibliche) genannt.

Vereinfacht kann man also sagen, dass das gesellschaftliche/philosophische/mythische Leugnen des „Frauseins“, der Existenz eines wirklich anderen Geschlechts und einer anderen symbolischen Ordnung (und stattdessen ein Aneignen der Weiblichkeit von Männern), das Zustandekommen von ehrlichen Kontakten, den Austausch zwischen Frauen verhindert und sie oft in Einzelkokons verbleiben lässt. (Ehefrau, bewunderte Diva, die Einzige, die es in einem Männerberuf geschafft hat…) Frauen sind an das männliche Bewusstsein gekoppelt, sie werden verleugnet und verleugnen so sich selbst, ihnen werden von Männern kreierte Weiblichkeitsbilder vorgesetzt, an die sie dann glauben und sie reproduzieren; und wenn sie dann mal (z. B. in der Liebe) einer anderen Frau wirklich begegnen, bekommen beinahe (Todes)angst, weil sie vor lauter falschen Spiegelbildern ihr eigenes (authentisches) Geschlecht nicht widererkennen.

Aber um als Frau eine stimmige (weibliche) Identität, neue Ideen, Entwürfe für das Leben, die Kunst, die Philosophie, Politik, die Liebe, den Sex und das Zusammenleben und somit ein anderes Bewusstsein, eine andere symbolische Ordnung zu entwickeln, braucht es Austausch (auch) mit anderen Frauen. Denn nur sie können einem/sich die Bedürfnisse, die Realitäten, die Wünsche aufzeigen, sie zu entwickeln helfen.

Und ein sich Austauschen bedeutet auch sich mal streiten, nicht immer der gleichen Meinung sein- denn das gleiche Geschlecht haben, heißt nicht gleichgeschaltet sein (wie Teile der Frauenbewegung mit dem Slogan „Wir Frauen“ es oft suggeriert haben). Interesse auch an anderen/andersartigen Frauen haben, sich mit ihnen ernsthaft auseinandersetzen, ihre Positionen und Lebensentwürfe zu verstehen versuchen. Und hier kommt wieder die Sache mit der Liebe ins Spiel- denn wie wird ein Interesse an etwas Anderem geweckt? (Mit „Anderen“ meine ich hier nicht das „andere/gegenteilige“ Geschlecht, sondern die Differenzen innerhalb des Eigenen.) Durch Zuneigung, Begehren, Freundschaft und Liebe wird man voneinander angezogen und aneinander „gefesselt“ und muss/will sich dann auseinandersetzen. Konflikte und hitzige Diskussionen, man möchte sich diesem anderen und geliebten Wesen annähern, es verstehen, es in seine Welt hineinziehen; aber dieses Andere hat irgendwie auch seine ganz eigenen Vorstellungen von der Welt, in die es einen ebenfalls hineinziehen will. Ein Kompromiss entsteht, oder eine Kollision/Fusion, aus dieser dann etwas Neues geboren wird, sich entwickeln kann.

Und das könnte vielleicht einer der Gründe sein, warum viele Männer (und auch Frauen) so eine Angst vor der Frauenliebe haben und Frauengruppen (in der Öffentlichkeit) sehr schnell des Lesbischseins verdächtig, stigmatisiert werden. Sie ahnen oder wissen wohl, dass liebevolles Angezogensein, Freundschaft und Liebe unter Frauen zu etwas Neuem führen kann, und dass in Frauengruppen sehr schnell liebevolles Angezogensein, Freundschaft und Liebe entstehen…

Fortsetzung folgt…