Ein großer Teil dieses Blogs beschäftigt sich mit der Frage, warum es Frauen mit der Frauenliebe, der Liebe untereinander so oft nicht hinkriegen. Also Frauen, die sich nicht unbedingt als Lesbe sehen, sich mit den dazugehörigen (Szene)-Regeln nur bedingt identifizieren können oder wollen und sich in der Homosexuellen-Geschichte kaum wiederfinden, also diese (doch sehr männlich geprägten) LGBT-Identitäten für sich als irgendwie „nicht passend“ empfinden. Aus Unwissenheit oder ganz bewusst.

Die meisten fügen sich- früher oder später- den gesellschaftlich angebotenen Liebes- und Partnerschaftsmöglichkeiten, heiraten oder arrangieren sich dann doch irgendwie mit der Szene. Sie verdrängen ihre frühen Sehnsüchte nach einer Frau, nach der Frauenliebe, entdecken sie oft erst nach langen Jahren der Ehe wieder, mit Kindern und gesichertem Leben, bezeichnen sich dann wohlmöglich als „bi“ und verlieben sich heimlich in ihre beste Freundin, die Nachbarin oder in die Lehrerin ihrer Kinder. Und in manchen Fällen folgt dann nach langen Identitätskämpfen ein „Coming-out“, in die Szene hinein oder auch nur alleine mit der Freundin.

Das sind die üblichen Lebenswege. Aber daneben gibt es noch eine andere „Kategorie“ Frauen, jene, die sich weder dem einen noch dem anderen fügen (wollen) und die, trotz objektiv günstigen Voraussetzungen (Aussehen, Bildung, gesellschaftliche Position), irgendwie immer alleine lebend bleiben. Einzelgängerinnen, oft beruflich erfolgreich, sich ihrem Metier ganz und gar verschrieben, aber mit einer seltsamen inneren Unruhe, wie stetig auf der Suche, nie angekommen und die Sinnlichkeit und Sehnsüchte in unendlicher Warteposition geparkt/bereit gehalten. Das Leben ist endlos, es fängt für mich erst an, ich bin ein Mädchen, ein Kind, für immer. Man kann sie meistens nicht genau einordnen, nur „erfühlen“, sie mit der eigenen Intuition erfassen, denn zu unterschiedlich sind ihre Lebenswege- und Arten. Aber sehr oft verbringen sie ihre Freizeit – wenn sie nicht schon dort arbeiten- im Kunst- und Kulturbereich, jedenfalls an einem Ort, an dem sich Frauen befinden, wo sie mit Frauen zusammen sein können, einer gesellschaftlich bereitgestellten, tolerierten „Oase“ jenseits der romantisch verklärten Mann-Frau Diktatur, der rationalen Weltsicht.

Bei meiner eigenen Suche nach Frauen bin ich immer an diese Kategorie „alleinlebend und einsam“ geraten, und da ich relativ früh relativ bewusst war, (d. h. ich mir darüber im Klaren war, dass ich auf der Suche nach Frauen jenseits der Szene bin), habe ich es bei ihnen auch „probiert“. Ich dachte mir, damals noch in der Vorstellung „du lesbisch-die hetero“ gefangen, sie ist alleine, sie hat Platz im Leben für etwas Neues und ich spüre, dass sie es auch will.

Ich probierte und probierte, scheiterte und scheiterte und- da ich wie gesagt einigermaßen wusste, was ich da tat- vollzog im Laufe der Jahre auch etliche Strategiewechsel. D. h. ich wechselte die Orte der Begegnungen (Ballettkurs, diverse Jobs in unterschiedlichen sozialen Umfeldern oder die arabische Frauenwelt), die Taktiken der Annäherungen (verehren aus der Ferne, langsam ranschleichen, „anmachen“ als Lesbe, beste Freundin, Kollegin bis hin zu ganz rollenlos) und ich löste mich auch von meinem noch aus der Teenagerzeit stammenden Frauenbild (Ballerina).

Und ich war, im Gegensatz zu den meisten Frauen, mir schon sehr früh darüber bewusst, dass dieses „Frauen lieben“ (oder überhaupt als Frau etwas frei zu wollen, Liebe und Leidenschaft zu empfinden) mehr als nur eine Vorliebe oder ein Geschmack ist. Es ist irgendwie ein anderes Bewusstsein, eine andere Welt und gehört- wie ich erst kürzlich gelernt habe- wohl zu einer anderen symbolischen Ordnung, der weiblichen nämlich. Ich spürte dieses sehr früh, (wohl weil ich in einem recht unkonventionellen Elternhaus aufgewachsen bin, das mir genügend Freiräume zum Denken ließ) und begab mich daher auf die Suche nach Antworten. Ich fand sie im Austausch mit meiner besten Freundin (wir schwärmten damals beide für die gleiche Lehrerin und Tänzerin) und ich fand sie vor allem im Bücherregal meiner Mutter in Form von (feministischer) Literatur/Analysen/Gesellschaftsutopien (Shere Hite, Juliet Mitchell, Mary Daly, Luce Irigaray…). Nächtelang las ich mich durch diese teilweise sehr komplizierten Werke, verstand vieles natürlich noch nicht aber spürte irgendwie: Das ist die richtige Richtung! Während des Studiums entdeckte ich noch mehr Bücher und lernte eine neue beste Freundin kennen, mit der ich sowohl über unsere persönlichen Erfahrungen als auch über diese Theorien diskutieren konnte.

Ich hatte also immer eine Form von ehrlichen Austausch mit anderen Frauen (lesen, schreiben oder miteinander reden), die mir diese andere Realität bestätigten, war also selten völlig alleine mit ihr. Aber gerade diesen Austausch (über diese andere Welt), ein Bewusstsein dafür, dass ein Kommunizieren darüber überhaupt notwendig ist, haben die allermeisten Frauen nicht. Wenn sie sensibel und intuitiv begabt sind, spüren sie zwar, dass die Welt so wie sie ist, sich für sie irgendwie „nicht richtig“ anfühlt, sie sich in ihr nicht wirklich zu Hause fühlen. Sie kommen aber oft nicht wirklich dahinter, woran es liegen könnte, fühlen sich in ihr einfach nur fremd und denken oft, dass sie die Einzigen wären, denen es so erginge.

Sie beginnen sich dann ihre ganz eigene „Traumwelt“ aufzubauen, ihren individuellen Vorstellungskokon zu entwickeln, in den sie sich zurückziehen und aus ihm heraus handeln; und manchmal kreieren sie (unbewusst) auch eine ganz eigene Vorstellung von Frauenliebe und versuchen mit Hilfe dieser Kontakt zu anderen Frauen herzustellen (z. B. sich immer mit Schülerinnen zu verabreden oder sich eine Assistentin zulegen ect.).

Eine Strategie das Leben lang (diese aber meist kaum als Strategie wahrgenommen wird, da sie ja nicht wirklich bewusst darüber sind, was sie tun) und ein eigener Kokon, in denen sie dann oft jüngere Frauen, die noch beeinflussbar sind, mit reinzuziehen versuchen. Jede lebt also für sich alleine in ihrer eigenen Welt (auch wenn sich viele eigentlich nach etwas ähnlich Anderem sehnen…) und ist sich zudem kaum darüber bewusst, dass es so etwas wie eine Geschlechterdifferenz und symbolische Ordnung(en) gibt. (Differenz im Sinne von: Die Frau ist weder das Gegenteil noch das Gleiche, sondern etwas ganz anderes, also mit dem Mann nicht direkt vergleichbar.)

Dieser selbst gebastelte Kokon (von dem sie nicht wissen, dass er einer ist) und das fehlende Bewusstsein und/wie (über-) lebensnotwendig ein Austausch, eine Kommunikation ist.  Das sind die Hauptgründe, warum es zwischen alleinlebenden, älteren, gebildeten und sensiblen Frauen in den allermeisten Fällen nicht klappt und sie oft gegen eine Glaswand der Einsamkeit rennen lässt.

Fortsetzung folgt…