Im meinem Artikel „Jahresende und Winter“ habe ich über Passivität nachgedacht, wie sie mit Identität zusammenhängen kann und mit den Rollen, die man dann so spielt. D. h. mit welcher (inneren) Vorstellung von sich selbst man an Handlungen rangeht, als was man sich so sieht, wenn man sich in Frauen verliebt, es bei ihnen aktiv „probiert“. Also ob man sich z. B. an irgendwelchen Schauspielern/innen und den Filmszenen, der eigenen Familie oder an sozialen Gruppen orientiert, sie dann (unbewusst) zum Vorbild nimmt und ihre Handlungen und ihr Sein nachspielt und auch nachfühlt. Oder wohlmöglich (wenn man sehr kreativ ist) sich von all den Angeboten Teilstücke herausnimmt, um sich daraus eine/seine ganz eigene Mischung zusammenzubasteln. (Ziemlich kompliziert das Ganze, weil sich die Begriffe Identität, Rollen oder Orientierung wohl nicht nur in meinem Kopf irgendwie wild mischen und, laut Wikipedia, auch eng miteinander verflochten sind und sich in steter kultureller Weiterentwicklung befinden.)

Aber egal wie kreativ und unkonventionell man auch sein mag – immer ist man auch ein „Kind seiner Zeit“ und somit in seinem Denkgebäude, der gerade herrschenden Weltanschauung gefangen. Meines war eben, dass ich (trotz gegenteiliger Erfahrungen) fest an diese (sexuelle) Identität lesbisch und somit an die Auftrennung von Frauen glaubte: nämlich in die „Normalen“ und in die „Anderen“. Zu den Anderen zählte ich mich auch, aber noch anders als die Anderen, die Untergruppe in der Untergruppe eben.

Dieses feste Glaubensgebäude versperrte mir aber die Sicht, ließ mich an meinen Intuitionen und Beobachtungen zweifeln und mich auch unsicher und minderwertig fühlen. Auch wenn ich mir es nicht so eingestehen wollte, hatte ich irgendwie „Komplexe“ vor den „heterosexuell“- lebenden-liebenden-fühlenden-seienden Frauen und fühle mich schuldig, wenn ich mich in sie verliebte. Ich glaubte auch, dass ich nicht das Recht hätte, sie ihrer „natürlichen Bestimmung“ also dem Mann zu entreißen und das, wenn sie meine Gefühle erwiderten und sich auf mich einließen, sie dieses nur als „Ersatz“ täten, weil sie z. B. von Männern enttäuscht worden seien.

Prozesse wie Identitäts- oder Paradigmenwechsel, Coming-out, die Ursprungsfamilie verlassen und sich in eine neue Gruppenidentität einfügen, finden meisten nur einmal im Leben statt. Und das ist schon schwer genug. Auch ich hatte mir also eine Art Identität außerhalb der Mehrheitsgesellschaft geschaffen und hielt lange daran fest. Und ich steckte fest.

Taxonomie nennt man (glaube ich jedenfalls) auch die eigenen blinden Flecken, die man stets hat, wenn man von innen heraus auf seinen eigenen Kulturkreis schaut. Andere sehen seine Ungereimtheiten meistens klarer und können einem (wenn man offen ist, sich darauf einzulassen) einen Spiegel vorhalten und die Dinge plötzlich aus einem völlig anderen Blickwinkel sehen lassen. Als ich in den späten 30gern durch Zufall eine Stelle in einer arabischen Kulturinstitution bekommen habe, ist mir dort diese Art von „Kulturschock“ widerfahren. Zunächst habe ich lange gezögert da überhaupt anzufangen, hatte viele Vorurteile über patriarchal autoritäre Männer und unterwürfige, unterdrückte Frauen, die Homosexualität verteufeln und somit meine westliche Freiheit und Modernität gefährden würden. Ich nahm die Stelle aber an, ließ mich ein und lernte einige Dinge grundlegend neu zu sehen.

Es ist ein sehr komplexer Themenbereich, dem wir uns auf diesem Blog schon öfters anzunähern versucht haben. Der arabisch-islamische Raum besteht nämlich aus Gesellschaften, die noch mehrheitlich auf der Geschlechtertrennung basieren, Mann und Frau also als unterschiedliche Seinsformen wahrgenommen werden. Das westliche Konzept der (männlichen) Homosexualität ist noch nicht vollständig übernommen worden und gleichgeschlechtliche Freundschaften/Lieben haben noch einen viel selbstverständlicheren Platz. Begriffe wie Sex, Liebe, Identität, Rollen, Orientierung usw. sind noch nicht klar definiert und voneinander getrennt – und somit gibt es kaum ein Bewusstsein für sexuelle Orientierung. Die Frau ist außerdem noch weitestgehend ökonomisch und gesellschaftlich vom Mann abhängig, hier ist sie es zwar nicht mehr, wird aber durch den (neu geschaffenen) Mythos der heterosexuellen Liebe (in Film, Medien und Kunst millionenfach propagiert) weiterhin an den Mann gebunden gehalten. Und diejenigen, die das nicht wollen werden ausgesondert, als „anders“ dargestellt und bestätigen dadurch scheinbar, dass es eine „heterosexuelle Normalität“ gibt. Frauen werden also in artig und unartig getrennt. Oder in krank und gesund, gut und böse, normal-nicht normal, erwachsen-noch unreif…jede Zeit hat da so ihre eigenen Begriffe…

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