Berlin ist eingeschneit. Autos und Busse quälen sich über weiß knirschende Flächen und an meterhohen Schneebergen vorbei, die S-Bahn fährt nur noch im 20-Minuten-Takt und die Zeit scheint fast stillzustehen. Erzwungene Passivität, die mich zum Nachdenken bringt. Nachdenken über „Passivität“.

Aktiv ist das Gegenteil von Passiv. Sich mit Tatendrang auf und in die Welt stürzen und sich jene, auch über Widerstände hinweg, anzueignen oder ihr zumindest den eigenen „Stempel“ aufzusetzen versuchen. Bewegung und Realität und kein willenlos schwebender Traum. Männer sind aktiv, Frauen passiv. Er wirbt und sie lässt sich umwerben. Ein uraltes Spiel, das überholt zu sein scheint. Ja, nein, ja, ja, vielleicht doch nicht.

Mir selbst war relativ früh bewusst, dass ich Frauen mehr liebe und begehre als Männer, wohlmöglich das ich überhaupt ein Begehren habe, also etwas will und etwas anderes nicht so will. Den anderen Körper nicht, seinen Geruch, sein Verhalten, die Gefühle und das ganze gesellschaftliche Spiel das daran geknüpft war/ist und meine zugewiesene Rolle darin. Gesellschaftliches Dazugehören. Familiäre Eingebundenheit. Ich hatte andere Träume, stellte mir unter Liebe was gänzlich anderes vor und meine Mutter gehörte auch schon irgendwie nicht dazu, ist vor ihrer Familie und ihren Regeln und Pflichten von der Tschechoslowakei nach Deutschland geflohen. Sie ist ihrem Begehren gefolgt. Meines war noch kompromissloser.

Ich suchte nach Identität und hatte das Glück, dass ich die richtigen Bücher zum richtigen Zeitpunkt fand. Von Frauen für Frauen, die auch nach einem anderen „in-der-Welt-Sein“ suchten. Ich identifizierte mich als lesbisch, aber im positiven Sinne. Aber ich identifizierte mich auch als Außenseiterin und als eine Art „Untergruppe in der Untergruppe“- denn die Realität, die ich vorfand, entsprach in keinster Weise dem, was ich mir unter Frauenliebe so vorstellte.

Und da sind wir wieder beim Thema Passivität, denn nur durch die Identität und Rolle als „Lesbe“ (und somit gesellschaftlicher Außenseiterin) schaffen es Frauen Aktivität hinzukriegen. D. h. auf eine andere Frau zuzugehen, aktiv um sie zu werben und nicht nur zu warten, dass sie was macht. Und sie schaffen es in einer Art Männerrolle, die (in manchen Fällen) bis in die Transsexualität hineinreichen kann, denn Mann ist aktiv und Frau gleich passiv. In den unterschiedlichsten Variationen.

Auch mein eigenes Verhältnis zur Aktivität war lange Zeit daher etwas ambivalent gewesen. Denn wenn man als Frau zu aktiv ist, kann es passieren, dass man durch die andere (und Passivere) in eben diese Art Männerrolle (=Lesbe) gedrängt wird. Wenn man aber zu passiv bleibt, passiert oft gar nichts- aber eben auch nichts Gutes; und der anderen wird zusätzlich noch ein schlechtes Gefühl vermittelt, dass sie die „Schuldige“ sei. Beides in den Extremen nicht sehr schön. Aber dennoch lautet mein Fazit, dass man als Frau aktives Verhalten in der Liebe lernen kann und muss. Und es ist allemal besser es am Anfang ein paar Mal zu übertreiben und „versemmeln“, als zu schüchtern zu sein. Ruhig mal ein wenig mit den Klischees spielen (rote Rosen und Co.), sich was völlig Neues überlegen…egal was oder wie, Hauptsache ETWAS tun. Und keine Angst, man „mutiert“ wirklich nicht gleich zu einem Mann dabei, ganz im Gegenteil. Denn meine persönlichen Erfahrungen haben gezeigt, dass wenn man als (feminine) Frau den ersten Schritt macht, aktiv ist, es durchaus positiv aufgenommen wird.

Sich also einfach mal trauen!