Wenn man als Frau ein anderes Bewusstsein hat, sich in keine der üblichen Rollen fügen will, so kann dieses in Gruppen oft eine seltsame und unberechenbare Dynamik auslösen. Vielleicht liegt es daran, dass „Bewusstsein“ eine weitere Dimension wie Raum und Zeit ist und Menschen agieren lässt (habe ich mal irgendwo gelesen), oder vielleicht sprengt dieses „sich nicht in eine Rolle fügen“ und „nicht einordenbar sein“ Gemeinschaften auseinander, um sie dann in völlig neuer Form wieder zusammenzufügen.

Vor einiger Zeit habe ich an einem zweimonatigem Fortbildungsseminar zum Thema Kulturmanagement teilgenommen. Wir waren dreizehn Teilnehmer gewesen, ungefähr die Hälfte Frauen und die andere Männer. Gut gemischt also. Das Alter fing bei 24 Jahren an (der Jüngste) und endete bei 52 (dem Ältesten) und die jeweiligen Interessen waren (jeder war für eine Kulturinstitution da und stellte zu Übungsszwecken noch ein/sein Projekt vor) auch sehr heterogen. Von Skate Events mit Kiffen und dabei Rockmusik hören, über Meditationskunst, multikulturelle Nachbarschaftsprojekte bis hin zu Theateraufführung reichte die Palette. Eine recht interessante Gruppe also, und wie es oft so ist, wenn Menschen längere Zeit irgendwo zusammen sind, begannen auch hier bald die ersten „heterosexuellen Anbahnungsversuche“.

Der Eifrigste dabei war Josef, ein ungefähr 50-jähriger Schauspieler, der seine besten Tage schon hinter sich hatte und nun für eine Off-Off-Spielstätte arbeitet. Er inszeniert dort irgendwelche irren, wirren Stücke über „erwachsene Mitteleuropäer“ mit rumänischem Migrationshintergrund und das Nachkellerleben von Elizabeth Fritzl. Und er hatte, wie fast alle Schauspieler, ein sehr ausgeprägtes Aufmerksamkeitsbedürfnis und reagierte auf das Fehlen von Zuwendung (vor allem die der Frauen) oft mit bühnenstimmenlaut geäußerter Unmut. Und er hatte mit diesem Verhalten (wie ich später im Internet las) wohl schon in einigen Theatern „verbrannte Erde“ hinterlassen. Eine recht extreme Persönlichkeit, die aber nur besonders extrovertiert das ausagierte, ans Tageslicht brachte, was ich sonst in mildere Form schon des Öfteren und woanders auch erlebt hatte.

Zurück zu den „heterosexuellen Anbahnungsversuchen“. Ich versuche mich aus solchen Spielchen normalerweise immer völlig rauszuhalten und in den allermeisten Fällen wurde und wird das auch akzeptiert – aber Josef kam wie gesagt vom Theater, und dort finden solche „Spielchen“ immer besonders zahlreich und auch sehr aggressiv statt. Ist fast so wie früher in der Schule: Die Männchen versuchen die Weibchen unter sich aufzuteilen, und wenn man da nicht mitmacht, ist man sofort die völlige Außenseiterin. Da scheint irgendwie die Zeit stehen geblieben zu sein, am Theater. Und zu Anfang habe ich mich von dieser männlichen Aufmerksamkeit auch geschmeichelt gefühlt (habe mit ca. Ende 20 eine Weile in der Requisite gearbeitet) und da auch ein paar Mal mitgespielt, zumal sie mir kurzfristig das Selbstbewusstsein stärkte, denn das mit den Frauen gestaltete sich ja mehr als schwierig.
Aber im Nachhinein und mit mehr Lebenserfahrung und Bewusstsein, finde ich diese „Zwangsflirterei und Weibchenverteilung“ doch sehr grenzüberschreitend, homophob und auch zwangsheteronormativ. (Dazu muss man wissen, dass am Theater ca. gefühlte 80% der Männer schwul sind. Vielleicht ist das der wahre Grund für dieses Verhalten, oder auch eine Art narzisstische Störung, die diese Männer auf die Bühne drängt. Ich weiß es nicht.) Aber was ich weiß ist, dass die allermeisten Frauen sich dem dort ungefragt unterwerfen.

Diese etwas längere Erklärung war nötig, damit man sich so ungefähr ein Bild von der Dynamik machen kann, die Josef mit in den Kurs brachte. Er flirte also, was das Zeug hielt und versuchte sich an alle gut aussehende Frauen ranzumachen, um sie dann um sich zu scharen. Also auch mich. Er versuchte meine Hand zu berühren und ich entzog sie ihm. Er prahlte mit seine geschriebenen und inszenierten Stücken rum, ich hielt mit meinem Buch dagegen. Und auch im Unterricht war er mit bühnengeschulter Stimme überwiegend mit Selbstdarstellung und Balzen beschäftig. Zunächst positiv und dann immer mehr negativer werdend. Er begann auf öffentliche Geldgeber zu schimpfen. „Alles Arschlöcher, die wahre Kunst nicht erkennen. Sesselpupser, Klemmschwule und frustrierte Schabracken!“ Er rühmte sich mit „Heldentaten“, „dann bin ich da hin und habe mich mitten in dem Raum gestellt und laut losgebrüllt“, und dröhnte von all den Projekten, mit denen er schon (monetär) gescheitert war.

Anfangs war er mit seinen lebensnahen Beträgen eine, wenn auch recht gewöhnungsbedürftige Bereicherung für den Unterricht. Doch je länger der Kurs andauerte, desto negativer, aggressiver und auch lauter wurde Josef. Er begann irgendwie durchzudrehen, damit massiv den Unterricht zu stören und auch persönlich beleidigend zu werden.

Ich versuchte ihn zunächst zu ignorieren und so gut es ging dem Stoff zu folgen; aber bei meinem ersten Referat reichte es mir. Josef fing an sich über mich lustig zu machen, über meine Stimme, mein Projekt und über alles. „Arschloch“ zischte ich ihn wütend an. Totenstille und Empörung.

Es gab einige Diskussionen, doch Josef hörte nicht auf, ganz im Gegenteil, jetzt legte er erst richtig los. Er begann sexuell ausfallend gegenüber Frauen zu werden und in jeden zweiten Satz war jetzt eine sexuell motivierte Beleidigen untergebracht. Er betatschte beim Vorübergehen und raunte Obszönes zu. Er, er, er..
Beschwerden bei den (männlichen) Dozenten brachten nur bedingt etwas, da diese sich irgendwie auf Josefs Seite stellten. „Ignoriert ihn doch einfach, und außerdem sagt er doch nur in besonders extrovertierter Form das, was Männer in beruflichen Kontexten oft zu/über Frauen sagen. Da könnt ihr euch schon mal daran gewöhnen!“

Und jetzt begann sich diese ganze seltsame Dynamik aufzubauen, die ich erst im Nachhinein bemerkte und verstand. Josef scharte nach und nach alle Männer um sich und besetzte dann mit diesem „Männerharem“ die letzten Reihen. Im Klassenzimmer entstand so eine scharfe Demarkationslinie, die Frauen vorne und die Männer hinten. Und dazwischen herrschte Kampf. Ein oft sehr lautstarker Kampf, der bis in die obersten Führungsetagen des Schulungszentrums drang. Aber das Seltsamste passierte von mir zunächst recht unbemerkt, denn je mehr ihm die Frauen abhandenkamen und die Männer sich um ihn scharten und verteidigten – desto mehr wandten sich mir die Frauen zu. Ich bekam per Mail Einladungen zu Veranstaltungen zugesendet, Handynummern zugesteckt („wir können ja mal nach dem Kurs was zusammen machen…“) und die Hübscheste und „Flirtieste“, Eva, verbrachte ihre Pausen nur noch mit mir. Wie gesagt, es passierte langsam und inmitten der ganzen Wirrheiten/Irrheiten zwischen Unterricht und Gebrülle. Und ich maß dem Ganzen zunächst keine große Bedeutung bei, denn wenn man in einer Situation drinsteckt, kann man sie meistens nur sehr schwer überblicken.

Die Frauen aber rätselten alle über Josef, was mit dem nicht stimmte und warum er so einen Unfrieden in den Kurs reingebracht hatte. Ich grübelte sehr, sehr lange darüber nach, bis ein paar Tage vor Kursende Manfred (einer aus Josefs Harem) mit Folgendem rausrückte: Josef hatte beschlossen mit den Männern in seiner Off-Off-Spielstätte etwas zu inszenieren. Das ganze Ding sollte irgendwie mit einer Geschichte auf einem Internetblog (der extra dafür eröffnet wurde) über tiefen, dunklen Wäldern angekündigt werden und dann mit lautem Frustrausschreien auf der Bühne enden. Keine Ahnung, klang für mich eher nach einer Gruppentherapie als nach Kunst. Aber sie besuchten ihn jedenfalls dort, in dieser Off-Off-Spielstätte und Manfred wunderte doch dann sehr. „Komisch, dort ist Josef voll der Chef. Alle hören auf ihn und er hat immer einen Rattenschwanz an Frauen um und hinter sich. Von den Schauspielerinnen, über die Praktikantinnen bis hin zur Regieassistenz, alle bewundern ihn!“

Da begann es mir langsam zu dämmern, irgendwie hatte sich in dem Kurs also die übliche Mann-Frau-Dynamik umgekehrt und irgendwie war ich maßgeblich daran beteiligt gewesen. Denn plötzlich hatte nicht mehr Josef, sondern ich die ganzen Frauen um mich und er sich vom „Frauenheld“ zum „Aussätzigen“ gewandelt, der sich anstatt „mit Weibchen zu schmücken“ nun mit einer „Männerlosertruppe“ zufriedengeben musste. Wie konnte das passieren? Wohl indem ich durch meine permanenten Zurückweisungen, mein Ignorieren als attraktive Frau die Rolle gebrochen und ihn dann noch mit dem „Arschloch“ final unterworfen hatte. (Die Benutzung dieses Wortes ist mir noch lange vorgeworfen worden, seine andauernden Beleidigungen wurden hingegen als wohl „für Männer akzeptabel“ eher ignoriert und verharmlost.) Durch (anderes) Bewusstsein, Handeln und Sein können also die Realität und Machtverhältnisse verschoben und verändert werden. In der Gruppe sind neue Bündnisse und auch Aggressionen entstanden und haben dann eine Art Krieg zwischen Männer und Frauen verursacht. (Es gab sogar Androhungen einer Anzeige wegen sexueller Belästigung.)

Aber es waren aber nicht ursächlich mein Hass und nicht meine Aggressionen gewesen, die da so massiv ans Tageslicht emporgequollen sind, vielmehr die der anderen Frauen (und Männer), die sonst wohlmöglich immer tief unterdrückt in ihrer Seele schlummern. Und vielleicht sind diese Üblichen, und im Theater-Show-Millieu nur auf die Spitze getriebenen Mann-Frau-Zwangsflirtereien oft nur verdeckte Unterwerfungsgesten vonseiten der Frauen – und Dominanzbestätigungen der Männer. Ausdruck einer gesellschaftlich permanent inszenierten Ideologie der Zwangsheterosexualisierung (Boy meets Girl) und überdecken gar nur die Feindschaft, das Unverständnis oder die Sprach- und Kommunikationslosigkeit, die sonst eigentlich zwischen den Geschlechtern herrschen würde?

Ich weiß es nicht, kann nur weiter beobachten.

Fazite von Texten sind immer schwer zu schreiben, aber eines wird mir immer klarer, nämlich dass bewusste Frauenliebe mehr ist als nur ein Geschmack, eine private sexuelle Vorliebe. Ansonsten spricht die Geschichte für sich und jeder kann sich ja mal seine eigenen Gedanken zu ihr machen…