Mit Anfang 20 sah ich zum ersten Mal den Film „Die Klavierspielerin“ (nach dem gleichnamingen Buch von Elfriede Jelinek) – zusammen mit einer Freundin. Wir waren beide am Anfang unseres Studiums, gerade von den Eltern weggezogen und auf der Suche nach einer neuen Identität und Zugehörigkeit. Der Film nahm uns beide sehr mit. Wir redeten die ganze Nacht darüber, und ich übernachtete schließlich bei ihr, weil die letzte Bahn schon weg war.

Umfangen von Kälte und Dunkelheit im kleinen WG-Zimmer meiner Freundin, dachte ich an die Professorin Erika Kohut (gespielt von Isabelle Hupert), an ihre roten Haare, die zarten, energisch in die Tasten greifenden Hände und an ihre bis an alle Grenzen gehende Leidenschaft, die sich in ihrer Musik als Ausdruck einer starken Liebessehnsucht offenbarte. Ich war erschrocken und gleichzeitig fasziniert von den sexuellen Perversionen, die sie dann in der Realität, anstatt realer Liebe, mit ihrem jungen Liebhaber Walter Klemmer zu teilen vermochte. Es verstörte mich, ich fühlte auch einen Funken davon in mir und erahnte stumm eine größere Wahrheit hinter der Geschichte…

Erika Kohut ist Klavierlehrerin am Wiener Konservatorium. Sie ist Ende 30 und lebt immer noch mit ihrer Mutter zusammen und das zentrale Thema dieser Geschichte ist die Abhängigkeitsbeziehung zwischen beiden. Erika ist von klein auf zu einem „Wunderkind“ von ihr dressiert worden, welches alle um sein begnadetes Klavierspiel beneiden. Die Mutter bestimmt penibel über ihr Alltagsleben, trifft alle Entscheidungen über den Verlauf ihrer Karriere und lässt ihr keinen Raum für ein eigenes, selbstbestimmtes Privatleben. Erika schläft mit ihr sogar nachts in einem Bett und hat keine nennenswerten Liebeserfahrungen, da die Mutter dies nicht duldet und jeden ihrer Schritte kontrolliert. Als Ausgleich und um der Kontrolle der Mutter zeitweise zu entfliehen, treibt sich Erika nachts in Pornokinos herum und spioniert dort ihren Schülern hinterher.

Als einer von Erikas Klavierschülerin, der engagierte Techniker und Sportstudent Walter Klemmer, sich entschließt, die Lehrerin zu erobern, ist Erika völlig überfordert. Alle Annäherungsversuche zwischen Erika und ihm scheitern, denn sie kann sich auf echte Gefühle nicht einlassen. Im Klavierunterricht hält sie stur an ihrer Lehrerrolle fest und bekommt einen hysterischen Hustenanfall, als Walter sich ihr nähern will. Sie händigt ihm daraufhin einen Brief aus, den er später liest und der eine Liste mit sexuellen Wünschen enthält, die Erika von Walter erfüllt bekommen möchte – masochistische Gewaltfantasien. (Diese Geste des Aufschreibens hat etwas sehr Dominantes, denn Frauen schreiben normalerweise nicht über ihre sexuellen Wünsche.)

Erika lebt nur in ihrer Musik wirklich auf, dort wird sie „lebendig“ – die Musik ist ein Rückzugsgebiet jenseits des Geschlechtlichen und gibt ihr einen Raum für extreme Gefühle.
Die andere Seite von Erikas „Lebendigkeit“ ist ihre starke Sexualität für die sie sich selbst auch hasst und bestraft (sie verletzt ihre Genitalien). Erika treibt sich nachts herum, beobachtet z. B. Jugendliche beim Sex in einem Autokino, doch hat sie Probleme aktiv und in einer postiven Art und Weise auf Walter zuzugehen. Als er z. B. mit einer jungen Klavierschülerin flirtet, schüttet sie ihr heimlich Glasscherben in die Mateltasche, woraufhin sich diese an der Hand schwer verletzt und nicht mehr an einem Wettbewerb teilnehmen kann.

Höhepunkt des Films ist aber eine inszestiöse Szene zwischen Erika und ihrer Mutter, welche den versteckt sexuellen Aspekt in dieser Beziehung irgendwie sichtbat macht. Beide liegen zusammen im Ehebett, und plötzlich fällt Erika in einem Anflug von Wahnsinn über sie her, küsst sie auf den Mund und schreit wie besinnungslos „Ich liebe dich.“… indem sie die Mutter sexuell attackiert macht sie diese zur Frau und drängt sie aus der ihr überlegenen Mutterrolle. (Am besten liest man diese Szene im original, dort wird dies noch viel deutlicher als im Film beschrieben.)

In unserer Gesellschaft soll eine Frau sich möglichst irgendwann von der Identität ihrer Mutter lösen und eine Beziehung mit einem Mann einzugehen. Heterosexualität wird als die übliche Entwicklung eines Menschenlebens angesehen (und die Homoszene wird als die „übliche Abweichung“ davon akzeptiert).
Aber für Frauen, die sensibel sind und sich nach einer sinnlicheren/lebendigeren und aktiveren Sexualität (einem weiblichen Körper zum anfassen oder in diesem Falle nach einem jugendlichen männlichen) und Seelenverwandschaft/Liebe sehnen, gibt es keine andere Alternative als die – an der Mutter weiterhin festzuhalten um vor der Zwangsheterosexualtiät zu flüchten. Die Verbindung mit der Mutter ist eine der wenigen Frauenbeziehungen, die noch möglich ist, da alles auf die heterosexuelle Mann-Frau-Paarbindung ausgerichtet ist und Freundschaften vernachlässigt werden/keine Bedeutung mehr haben. Die Mutter, eine Gefangene und unreflektiert Ausführende patriarchaler Konventionen, versucht sich oft – wenn sie nicht berufstätig ist – über die Tochter indirekt zu verwirklichen. Sie weiß, dass diese von ihr abhängig ist und ist es wiederrum von ihr, da auch sie meistens keine engere Freundin hat ( in der westlichen Welt geht die Entwicklung immer mehr hin zur Kleinfamilie und der Steigerung Alleinerziehende, so dass auch weibliche Verwandte viel weniger erreichbar als früher sind, da es keine Großfamilien mehr gibt). Sie kann ihre Macht über die Tochter nur durch Manipulation, Liebesenzug, emotionale Erpressung aufrecht erhalten, denn sie schafft es nicht aktiv als Frau/Mensch zu handeln. Dieses Fehlen des aktiven Handelns hängt wiederum mit der nicht ausgebildeten Sexualität zusammen, denn wenn es kein bewusstes „Wollen“ gibt, wie soll es dann erst ein bewusstes „Handeln/Versuchen es zu bekommen“ geben.

Die einzige „Macht“ der Mutter besteht also darin, die Tochter vollkommen zu besitzen, wenn sie diese auch noch erotisch an sich bindet (z. B. zusammen in einem Bett schlafen), was nicht weiter auffällt, da die (erotische) Ebene und Beziehungen zwischen Frauen gesellschaftlich als nicht relevant gesehen und geleugnet werden. Sie missbraucht ihre Tochter als Freundin-/Liebesersatz und hält sich an ihr fest anstatt wirklich Verantwortung für sie zu übernehmen und ihr den Raum für ein eigenes Leben und Persönlichkeitsentwicklung zu geben.
Mutter und Tochter bleiben stumme Gefangene in einem männlichen Universum…

Und jetzt stellt sich die große Frage, warum es Klemmer nicht schafft Erika aus diesem Gefängnis zu befreien, denn er liebt sie (oder verehrt er sie nur?) und sie lässt sich auf eine „Beziehung“ mit ihm ein. Und warum drückt sich ihr Begehren nur in masochistischen Fantasien anstatt der machtvollen Verschmelzung von Liebe und Sex aus?
Ich versuche mich dem anzunähern, indem ich mal meine eigenen Erfahrungen mit ins Spiel bringe: In den letzten Jahren hatte ich einige „Affären“ mit älteren Frauen, die alle sehr „sophisticated“ waren und gleichzeitig eine große Sinnlichkeit ausstrahlten (diese Eigenschaften müssen sich nämlich nicht unbedingt widersprechen). Ich kam – genauso wie der Protagonist „Walter Klemmer“ – jedoch nie wirklich an sie heran, oft waren es Frauen in höheren beruflichen Positionen, mit denen ich im Rahmen meiner Gesangsausbildung zu tun hatte, d. h. sie ließen eine sexuelle Ebene heimlich zu mir zu, leugneten dann jedoch alles und wollten keine reale Begegnung/Beziehung mit mir aufbauen. (Z. B. hat mir eine Opernsängerin privaten Gesangsunterricht angeboten und wollte dafür im Gegenzug, dass ich mit ihr in der Stunde „rummache“, ohne sie dabei aber auf den Mund zu küssen… Zitat von ihr in der dritten Gesangsstunde: „Sophia, ich will mit dir ganz „straight“ sein… wir machen „es“…, aber wir reden nicht großartig darüber, ok…? Du kannst zu mir nach Hause kommen, wenn mein Sohn in der Schule ist (wenn ihr Mann auf der Arbeit ist).“) Es verletzte mich sehr, da sie es auf das rein Sexuelle reduzierten, ich fühlte mich von ihnen benutzt und vor allem in meinen eigenen Bedürfnissen nicht wahrgenommen. Gleichzeitig idealisierte ich diese Frauen aber ein wenig, da ich die Situation am Anfang nicht richtig durchschaute (wenn man jünger ist, ist man naiver und glaubt noch an das ausschließlich „Gute“…).

Jedenfalls bin ich nach und nach zu dem Schluss gekommen, dass es etwas mit dem Altersunterschied an sich zu tun haben muss, dass sich diese Frauen nie „richtig“ – also auch in der Liebe – auf mich einließen. Zwischen einem jugendlichen Geliebten oder einer jungen Liebhaberin tut sich also nicht viel, in den meisten Fällen besitzen sie nicht genügend Reife und Lebenserfahrung, um komplizierte Frauen wie „Erika Kohut“ wirklich zu durchschauen und vor allem den Kokon der Berufsrolle (in den sie sich meist jahrelang geflüchtet haben) aufzubrechen. Eine Anfang Zwanzigjährige kann keine Verantwortung für eine fünfzigjährige Frau übernehmen. Traurig ist nur, dass auch ältere Frauen meist nicht in der Lage sind für eine andere Frau die Verantwortung zu übernehmen und oft selbst noch nach dem Traumprinzen/der Traumprinzessin suchen.

Eine Frau wie Erika würde sich bei einer attraktiven Frau ab ca. Mitte vierzig, die emotional stabil und bewusst ist, wahrscheinlich völlig anders verhalten als bei „Walter Klemmer“, wenn diese aktiv auf sie zugehen würde. Und sie würde sich vielleicht so sehr verlieben, dass es sie völlig aus dem Leben „raushaut“, sie anfängt hemmunglos ihre gesellschaftliche Rolle zu brechen und fast den Verstand verliert. Und nur ältere Frauen (ab ca. 40) sind in der Lage tiefe und vor allem Veränderungen bewirkende „Liebe“ bei anderen Frauen erzeugen. Vielleicht ist die Liebe einer Frau zu einer anderen Frau eine Art „Belohnung“, die beide dazu bringt an sich zu arbeiten (ohne diese Bereitschaft geht es nicht) und ihre Lebenseinstellung neu zu überdenken…

Und damit wären wir bei dem Thema „die machtvolle Verbindung von Liebe und Sex“ – Ich denke dass Erika sich eigentlich auch eher nach diese Art von Liebe sehnt, sie diese aber für Walter nicht empfinden kann, erstens natürlich, weil er ein Mann ist (und Männer Frauen in ihrer „Ganzheit“ und Kompliziertheit einfach nicht wahrnehmen können) und zweitens weil er sehr jung ist und sie nicht richtig durchschaut/sieht/liebt. Er verehrt sie nur als „erotische ältere Frau“. Sie wiederum möchte eigentlich durchschaut, d.h. in ihrer ganzen Person und nicht als „Lehrerin“ oder „attraktive ältere Frau, die fest im Leben steht (Muttiersatz)“ wahrgenommen werden.
Und vielleicht sind Erikas masochistische Fantasien nur der Ausdruck und Wunsch nach einer stärkeren Sexualität (Liebe und Begehren), sie sucht einfach nach krassen Gefühlszuständen, die über das reine „Frau-lässt-sich-vom-Mann-begatten-Schema“ hinausgehen.

Eine Frau kann sich von der einengenden Beziehung zur Mutter nur durch eine/andere Frau(en) wirklich lösen – sie bleibt sonst in den selben Verhaltensmustern wie sie gefangen. Sie muss lernen, sich einen eigenen Raum zu schaffen, jenseits der Berufs- und Familienrollen, einen Ort nur für sich selbst, für freies Denken und SEIN. Erst dann wird sie wirklich offen für die Liebe und fähig auf andere positiv ein-und zuzugehen.