Vor nicht allzu langer Zeit bin ich mit einer netten Kommilitonin zusammen essen gewesen. Louise wollte von mir in den neusten Klatsch unserer Hochschule eingeweiht werden. Wir waren so sehr in unser Gespräch vertieft, dass wir die Außenwelt gar nicht mehr richtig wahrnahmen. Obwohl wir nicht die Intention hatten aufzufallen, fielen wir gerade durch dieses starke nur „aufeinander bezogen sein“ aus dem Rahmen und zogen sowohl die Blicke der Frauen und als auch der Männer auf uns.

Draußen herrschte gerade Fußballfieber und in dem italienischem Restaurant, in das wir gehen wollten, gab es keinen einzigen freien Tisch mehr. Zwei Kellnerinnen, die uns sahen, sprangen sofort ein und besorgten uns einen kleinen Extra-Tisch, den sie unter großem Kraftaufwand extra für uns nach draußen hieften. Sie waren sehr freundlich, bedienten uns schnell und machten einen Aufwand um uns. Sie spürten die erotische Spannung zwischen mir und Louise und lächelten uns ständig bestätigend zu.
Ganz anders reagierten die Kellner. Irgendwann, als das Fußballspiel begann, platzierten sie den großen Flachbildschirm mit einer demonstrativen Geste genau hinter unserem Tisch. Als Louise und ich uns beschweren wollten, meinte der eine mit einem bissigen Tonfall, dass das Fußballspiel ja viel interessanter sei als „wir beide“. Wir wurden von den Männern gemobbt, da sie es scheinbar nicht ertragen konnten, dass unsere Welt nicht um sie kreiste.

Seit ich mich bewusster Frauen widme und sie wahrnehme, habe ich derartige Reaktionen in der Öffentlichkeit oft erlebt. Die Welt um einen herum beginnt regelrecht zu spinnen, wenn man mit einer netten Frau unterwegs ist. Jedes Mal, wenn ich mit einer Freundin z. B. einen Kaffee trinken gehe, werden Männer, die uns beobachten, latent aggressiv und versuchen dann auf kindische Art und Weise von einem Aufmerksamkeit zu bekommen. Dies passiert auch wenn die Freundin keine auffällig attraktive Frau ist, also nicht ins männliche Beuteschema passt.
Frauen lächeln einem manchmal bestätigend zu, quatschen einen sogar an und wollen „mitmachen“. Sie reagieren insgesamt positiv, sogar fasziniert und euphorisch, wenn sie die erotische, weibliche „Energie“ zwischen zwei Frauen wahrnehmen.
Es scheint als wolle die ganze Umwelt an diesem Ereignis teilnehmen. Da sind zwei Frauen, die ganz auf sich bezogen sind, die nicht nach den bestätigenden Blicken der Männer heischen. Sie sind ohne Mann, ohne Besitzer, sie sind frei.

In den arabischen Ländern müssen Frauen sich verschleiern, wenn sie auf die Straße gehen. Sie müssen ihre erotische/weibliche Ausstrahlung in der Öffentlichkeit verbergen, denn diese gehört seit jeher den Männern und Frauen sind darin wie „Fremdkörper“ und nicht erwünscht. Die Verschleierung bedeutet auch, dass die Frau Besitz eines bestimmten Mannes ist und dass sie dadurch von anderen Männern „erkannt“ und nicht belästigt wird.
Umgekehrt haben Männer im privaten Raum der Frauen nichts zu suchen – denn hier dürfen Frauen sich unverschleiert und frei bewegen und ihre Reize zusammen mit den anderen Frauen zelebrieren – getrennte Welten. Es ist auch interessant zu wissen, dass öffentlich ausgetauschte Liebkosungen zwischen Mann und Frau im arabischen Raum absolut tabu sind, während Männer untereinander sehr körperlich sein dürfen (siehe Artikel „HomOrientalismus“).

Wir stark müssen Frauen hier also innerlich unterdrückt und von (allen) Männern „besessen“ sein, dass es ihnen so viel Schwierigkeiten bereitet, wenn sie z. B. nur ein aufregendes Gespräch zusammen mit einer netten Freundin führen möchten und dabei Männer mal außen vorlassen und nicht zwanghaft mit ihnen flirten?
Erotische Gesten und Zuwendungen, die Frauen in der Öffentlichkeit austauschen – und damit meine ich nicht das Kopieren der heterosexuellen Machtsprache – lösen oft heftige Reaktionen aus, besonders, wenn beide Frauen älter sind. Denn symbolisch bedeutet dies, dass nun die private/weibliche Welt in den öffentlichen/männlichen Raum eindringt und diesen für sich neu zu definieren versucht.

Wir tragen hier also keinen äußerlichen Schleier oder Burka, sondern eine innerliche (verinnerlichte) und daher unsichtbare Verschleierung. Wenn Frauen sich hier im öffentlichen Raum bewegen, können sie es entweder „an der Hand des Mannes“ tun oder eben indem sie z. B. in der Berufsrolle selbst symbolisch zum Mann werden.

Nachtrag:

Den privaten „Frauenbereich“ gibt es ja so gesehen in den westlichen Ländern nicht mehr, da die Großfamilie mit Omas, Tanten, Kusinen usw. durch die Kleinfamilie abgelöst wurde. Die Frauen sind hier isoliert an einen einzigen Mann gebunden und haben, wenn sie älter werden oft auch keine engen Freundinnen mehr (ist wohl ein großes Tabu).

Im Berufsleben sollen die Frauen dann schön brav die (aber trotzdem minderwertigen und Männern untergebenen) Männerrollen spielen und sich an die Regeln halten – man soll ja Berufliches und Privates trennen.

D.h. die berufstätigen Frauen sind hier, trotz finanzieller Unabhängigkeit, oft dermaßen in ein Rollengefängnis eingezwängt, dass für ein Privatleben jenseits des Familienlebens und der Zeit, die mit dem Ehemann gemeinsam verbracht werden soll (denn der moderne Mann und die moderne Frau passen ja jetzt so gut zusammen und sollen möglichst alles gemeinsam tun) überhaupt keine Zeit besteht.

Kann sein, dass deswegen die Unzufriedenheit irgendwann so stark ist, dass während der Arbeitszeit plötzlich diese „Frauenenergien“ zwischen Kolleginnen durchbrechen und alles durcheinanderwerfen.  Immerhin verbringt man den meisten Teil seiner (Lebens-)Zeit auf seinem Arbeitsplatz und dies  ist oft der einzige Ort ist, wo Frauen andere Frauen treffen können (das hängt natürlich vom Job ab).