Der Reihe „Ballettschule“, in der ich die gesellschaftlich kaum sichtbaren Beziehungsstrukturen zwischen Frauen aufzuzeigen versuche, will ich hier eine dritte Episode hinzufügen:

Wenn man sich verliebt, d. h. eine Frau findet, die irgendwie zu einem passt, und die man wirklich begehrt, und die die eigenen Gefühle auch erwidert, werden bei beiden sehr viele Gefühlsdinge aufgewirbelt. Denn, wie aus einem tief-trüben See, sickert plötzlich Vergangenes, Gegenwärtiges und auch Künftiges ans Tageslicht empor denn gleich einem allzu klaren Spiegel, reflektiert man sich gegenseitig die eigenen Stärken, Schwächen und uneingestandenen Unzulänglichkeiten. Z. B. kann der beruflich Erfolgreiche plötzlich klar werden, dass ihr Privatleben größtenteils aus depressivem Herumhängen, Enkelkinder hüten, mit sportlicher (verheirateter?) Busenfreundin wandern und/oder Hund ausführen besteht. Und ihr kann ebenfalls schlagartig bewusst werden, dass ihr das alleine nicht genügt, noch nie genügt hat, weder der Beruf, noch die Kinder, Enkelkinder, die sportive Freundin oder gar der Hund. Denn auch mit 62 Jahren kann eine Frau sinnlich geblieben sein und Sex und Liebe und Liebe und Sex wollen. Mit verklärtem Blick schaut sie daher die andere und zu ihr gekommene an, wird „notgeil“ und steigert sich dann wie irre in die Liebe rein, die sie jetzt als Erlösung aus ihrer wohl schon jahrelangen inneren Einsamkeit sieht. Und immer wieder wechselt es sich ab: Notgeilheit, Liebe, Sex, notgeil, Liebe, Liebe, Sex. Liebessex.

Währenddessen macht sich die andere mehr Sorgen um solche Dinge wie Geld und ihren sozialen Status bzw. um das Fehlen dessen. Denn so kann sie ihr nichts „bieten“, bzw. kann eigentlich genau das bieten, was ihr, also der anderen, so fehlt. Es ist aber nichts Materielles und daher nichts wert. Materiell ist nur ihr eigener Körper, den die andere u.a. so begehrt. Aber auch sie begehrt einen Körper, nämlich den der anderen, denn sie ist eine sehr schöne Frau. Wer hält also wen aus, wer kauft wen, wenn die finanziell-materiellen Voraussetzungen nicht gleich, oder zumindest ähnlich sind? Und wer ist eigentlich jetzt die „Versagerin“, die beruflich und gesellschaftlich Erfolgreiche- aber innerlich sich tendenziell Vernachlässigte – oder die andere, die seelisch und künstlerisch gereift ist aber dafür keinen monetär-gesellschaftlichen Erfolg hat? Also nichts wert ist. Geld, kein Geld, Erfolg, kein Erfolg, selbst begehren, die Begehrte sein, Mann und Frau. Und sie, die Jüngere und Ärmere ist auf sie zugegangen und hat ihr „den Hof gemacht“, das Treffen organisiert, und die andere ist dann in ihre „Arme gefallen“. Hopelessly devoted. Älter, jünger, Mann, Frau, aktiv, passiv, Körper, Seele, Geist und Geld. (Ähnlicher Attraktivitätsgrad aber ein neuer Volvo mit Navigationssystem.) Doch die Dinge lösen sich irgendwie auf und wirbeln dann so wild durcheinander wie die bunten Glitzerperlen in einem Kaleidoskop, um sich dann völlig überraschend neu wieder zusammen zusetzen. Wir werden sehen.

Sie, also ich, aber gerät in ein ziemliches Rollen- Minderwertigkeit- und Gefühlschaos und liest sich daraufhin ihre alten Tagebücher durch, um dort vielleicht mehr Infos über jene Frau zu finden, die sie nach über 20 Jahren wiedergefunden und jetzt auch wiedergetroffen hat. Ich gehe zurück auf Anfang, ins Jahr 1983 und stelle fest, dass diese Frau dort fast gar nicht vorkommt, denn ich habe sie damals einfach nicht gesehen/richtig wahrgenommen, weil ich wohl noch nicht reif genug für sie war. (Sie ist als Frau doch schon ziemlich krass.) Aber in diesen sehr persönlichen Aufzeichnungen fand ich dafür einen interessanten Bericht über eine andere Frau, und für eine gerade mal erst 16 Jährige auch einige ziemlich reife Erkenntnisse. Hier ein Auszug:

Freitag, den 28. Oktober 1983

Silvie ist wieder da! Eigentlich schon seit zwei Wochen, aber ich kam zu keiner Eintragung. Es fing so an: Ich kam in die Placement Stunde, mache die Tür auf und wen sehe ich da? Silvie!! Wir haben uns natürlich sofort unterhalten (Dienstag war es) und danach ging sie noch in den Ballettkurs, ich nicht, da ich keine Spitzenschuhe bei mir hatte.
Sie war ein dreiviertel Jahr im Krankenhaus gewesen. Sie verspricht am Freitag zu kommen.

Freitag: Modern im Studio 2. Ich schaue auf die Liste und sah S. Fischer. Ich begann sie zu suchen und fand sie am Fenster von Studio 2. Wir unterhielten uns.

Dann kam eine elend lange Woche des Wartens auf den nächsten Freitag.

Freitag: Wir unterhielten uns nicht viel, da ich ziemlich miese Laune hatte, Sie meinte da nächste Woche Herbstferien wären, könnte sie da fast jeden Tag!!

Montag: Heike (meine damalige beste Freundin) begleitete mich, da sie bei mir übernachtete wegen Auflauerns Marcias am frühen Morgen. Silvie ist da, ich zeige sie Heike.

Dienstag: Silvie ist da. Reden. Sie erzählt mir, dass sie jetzt in eine neue Wohnung zieht, größer, läd mich ein, wenn sie fertig ist. Nach der Spitzenstunde bin ich ziemlich frustriert, weil Gabi mich und Doro rausgeholt und gefragt hat warum wir in letzter Zeit immer zu verkrampfte Hände haben usw.

Ich entschließe mich auf Silvie zu warten, sie macht Jazz. Natürlich sage ich nicht, dass ich auf sie warte. Sie kam raus und freute sich, dass ich da bin. Zieht nur einen weißen Steppmantel über ihren Trainingsanzug an. John: „Du wirst dich erkälten.“ Zu mir: „Sie ist nett, aber ein bisschen verrückt.“
Begleite sie raus, hake mich bei ihr ein, es ist kalt, lege meinen Kopf gegen den ihrigen, sie ebenfalls. Sie ist ganz aufgedreht und gelöst. Verabreden uns auf Morgen fünf Uhr, um ein bisschen noch zu reden. Der Typ, der sie nach Hause fährt, kommt. Wir verabschieden uns. Glücklichsein!!

Mittwoch: Komme extra etwas nach fünf Uhr. Sie hat schon Leute nach mir gefragt. Sie ist ganz in Rot, offene Haare. Ich schlage vor spazieren zu gehen. Draußen Silvie: „Darf ich dir meinen Arm anbieten“? Wir haken uns ein. Es ist wundervoll. Gehen Königsstraße, am Theater vorbei, über Brücken tief in den Park hinein. Wird schon ganz dunkel. Wollen umdrehen, kommen vom Weg ab. Lege meinen Kopf auf ihre Schulter, lachen viel, unterhalten uns über interessante Gesichter, Menschen, ihre neue Wohnung, dass wir mal zusammen ins Theater gehen müssten.

Als wir in wieder in der Tanzschule ankommen (immer noch untergehakt) jemand zu Silvie: „Du kommst daher wie eine Fee.“ Nachdem sie umgezogen ist, schon mit Haarknoten, erneut jemand zu ihr: „Du siehst heute irgendwie feeisch aus. (Wiederholt es mehrmals) Glücklich eher. Wir lachen uns viel an. Verabreden uns auf Freitag sieben Uhr, da sie am Donnerstag nicht kommen kann.

Freitag: Silvie kommt. Wir dehnen uns zusammen. Sie ist ganz gelöst. Wir lachen zusammen. So gelöst und ausgelassen habe ich sie noch nie erlebt. Glücklich. Wir fassen unsere Hände, lachen. Am Samstag oder Sonntag will sie mich anrufen!! Sie wird 30 und ich liebe sie!

Samstag, den 29. Oktober 1983

Sie hat nicht angerufen.

Montag, den 01. November 1983

Habe zuerst einen Modern Stunde gehabt, war ganz gekickt wegen Silvies nicht melden. Schwamm zwischen Angst und Wut.
Nach der Stunde ging ich runter, um mich fürs Ballett einzutragen: „S. Fischer“. Ging wieder nach oben und beachtete sie nicht, sprach mit Christiane.
Dann kam sie auf mich zu und machte ein ganz reuemütiges Gesicht. Sprach irgendwas von übers Wochenende nach München gefahren, versucht haben mich anzurufen. Und ja, mir war es eigentlich auch schon egal, was sie sagte, ich war glücklich sie wiederzusehen. Sie schien es auch zu sein.

In der Stunde berührte sie ganz zart meine Finger. Nach der Stunde umarmte sie mich zum Abschied. Und zum ersten Mal umarmte sie mich aus eigenem Antrieb!! Ich gab ihr meine Nummer (da ich nicht wollte, dass sie möglicherweise bei meiner Mutter anrief.) Abmachung: Wenn sie nicht anriefe, käme ich am Freitag nicht. Dazu Silvie: „(schon auf der Treppe, als wir rausgingen) Wenn du am Freitag nicht kommst, werde ich so oft bei dir anrufen, bis du kommst!“

Wenn wir zusammen sind, meint immer jemand zu Silvie sie sehe so glücklich aus (oder so etwas Ähnliches), heute hat es Hans gesagt.

Ein langer Strich unter dem Geschriebenen, dann:

Wenn meine Mutter das Tagebuch finden wird, wird sie mich noch mehr hassen und verabscheuen als bisher. Aber das ist mir egal, schließlich muss ich selbst meinen eigenen Weg zu finden versuchen.

Sie wird 30, ist eine Frau, wunderschön, eine Tänzerin – und ich liebe sie!! Na und? Sie hat Haare wie Marcia Haydée.

Aber trotzdem, manchmal habe ich Schuldgefühle und fühle mich widerlich, besonders nachts, wenn ich aufwache, um zu schreiben. Warum hasst, nein besser gesagt verabscheut sie mich so! (meine Mutter) Ich spüre es in jedem ihrer Worte, in jeder ihrer Gesten. Ich bin so gänzlich anders wie sie. Enttäuschend für sie. Sie steht mir mit einer Mischung aus Abscheu und Angst gegenüber. Ich bemühe mich es nicht zu bemerken. Aber es entgeht einem nicht, wenn so alles was man tut falsch sein soll. Sie sagt es einem nicht immer direkt, sonders lässt es einen spüren. Dass ich so schlecht in der Schule bin, dass ich Ballett mache, damit verbunden meine zu starke Individualität und dass sie mit mir überall nur auf Schwierigkeiten gestoßen ist, und dann mein Selbstmordversuch. (Wichtiger Punkt!)  Ich möchte gar nicht wissen was sie damals, als sie mein Zimmer nach den Tabletten durchsucht hat, alles gefunden und gelesen hat.

Zusammengefasst war ich immer irgendwie kompliziert, schwierig und nicht einzuordnen. Meine Liebe zu Frauen steht wie eine eiserne Schranke zwischen uns.

Nachtrag: Ich weiß nicht, ob Silvie mich damals nicht angerufen hat, weil sie wegen diesem ganzen Labels „lesbisch“ und „anormal“ eine Krise auf sich selbst bekommen hat und so-oder ob ich ihr mit 16 einfach noch zu jung gewesen war, und sie die Verantwortung für mich nicht tragen wollte. (Was ja im Nachhinein auch sehr gut zu verstehen ist.) Aber diese kleine Episode nimmt schon mal sehr schön vorweg, was sich dann später im meinem Leben noch zig mal wiederholt hat, denn in einer Art Endlosschleife zogen sich die Frauen immer genau dann zurück, wenn es anfing sich gut und richtig anzufühlen. Denn „gut“ und „richtig“ heißt in einer Zwangs- Heterozentrierten, also in einer auf dieses Mann-Frau-Ding ausgerichteten Gesellschaft, „schlecht“ und „falsch“, denn richtig ist dort nur die Liebe und die innige Freundschaft zu einem Mann. (Boy meets Girl)

Und meine Mutter hat natürlich weniger die Krise auf mich, denn mehr auf sich selbst bekommen, denn mit meiner „Individualität“ ich habe ich ihr den Spiegel vor ihre eigenen Lebenslügen gehalten. Heute sieht sie vieles ganz anders. Und mit meinem letzten Satz („Meine Liebe zu Frauen steht wie eine eiserne Schranke zwischen uns.“) habe ich wunderbar intuitiv die letzen Erkenntnisse dieses Blog vorweggenommen: die über die romantischen Frauenfreundschaften, ihre Pathologisierung durch die Sexualwissenschaftler des 19. Jh. wie z. B. Krafft-Ebing, Havelock Ellis, Magnus Hirschfeld – und die/ihre (Er)schaffung der gesonderten homosexuellen/lesbischen Identität. Denn diese angebliche Identität (nicht Handlung!) trennte eben Frauen (und auch Männer) voneinander und schaffte eine schier unüberwindliche Barriere zwischen den „Normalen“ und den angeblich „Unnormalen“ (siehe auch Artikel HomOrientalismus, oder Romatische Freundschaft und Liebe zwischen Frauen), und sie trennte damals auch meine Mutter und mich.