Teil IV: Sexuelle Energie und Bindung

Vor einigen Jahren war ich sehr stark in eine Frau verliebt. Ich war regelrecht verrückt nach ihr, kam aber nie wirklich an sie heran. Das lag zum einen daran, dass sie wesentlich älter war als ich, zum anderen, ich noch sehr stark Schutz bei ihr suchte und sie idealisierte. Sie war mein großes (berufliches) Vorbild, ich wollte so sein wie sie und dann viel später wollte ich sie.
Manchmal, wenn wir zusammen arbeiteten, gab es mit ihr Momente, in denen sie auf mehr Nähe zu warten schien und dann passierte immer Folgendes: wenn ich sie umarmte, dann ließ sie es erst zu, doch sie brach die Umarmung immer abrupt ab, so als würde irgendetwas nicht stimmen.

Als ich noch nicht so bewusst war, dachte ich immer, dass sie „hetero“ ist und sie sich deswegen irgendwie von mir belästigt fühlte. Dann wurde mir aber irgendwann klar, dass es die Art und Weise war, wie ich sie festhielt, die sie störte… ich klammerte mich regelrecht an sie und das wollte sie nicht, denn auch sie war bedürftig.

Es verging einige Zeit in der ich sie nicht mehr sah und quasi mit ihr innerlich abschloss. Ich stellte mich dem Leben, wurde erwachsener und entwickelte langsam eine eigenständigere Persönlichkeit. Das Bedürfnis nach Schutz wurde in mir immer kleiner, stattdessen wurde meine Sexualität und das Begehren stärker. Der Wunsch, die Frauen, die ich früher sonst nur verehrt hatte, auch aktiv zu zu berühren, sie zu riechen, ihre Haare zu streicheln und ihren Körper anzufassen, erwachte in mir.

Nach einiger Zeit traf ich also diese „große Liebe“ von mir durch Zufall wieder. Wir begegneten uns bei einer Veranstaltung, wir waren beide alleine dorthin gegangen, so als hätten wir gewusst, dass wir uns sehen. Sie lud mich nach der Vorstellung auf ein Glas Sekt ein und wir unterhielten uns. Sie schaute mir wieder mit ihrem seelenvoll gebrochenen Blick in die Augen und dann machte ich etwas, was ich bisher noch nie bei ihr getan hatte. Ich nahm ihr Gesicht in meine Hände und streichelte ihr auf eine zärtliche und mütterliche Weise über die Wange. Sie wurde also zum bemutterten Kind und ich sah zum ersten Mal nicht die ältere, souveräne Frau, sondern ein schüchternes junges Mädchen..
Ich schlug ihr dann vor, dass wir uns doch außerhalb des beruflichen Kontextes treffen könnten und sie sagte sofort ja.

Die Umarmungen nach dieser Begegnung waren ganz anders, sie machte es aktiver und sie suchte Gründe um es mehrmals zu machen. Plötzlich merkte ich auch, dass ich durch solche Gesten eine gewisse Macht über sie hatte und ich traute mich immer mehr, auch die Sexualität mit einzubeziehen. D. h. die Energie, in der Art und Weise, wie ich sie berührte veränderte sich, sie wurde fordernder und verlangender. Es wurde zu einem kleinen heimlichen Spiel zwischen uns, dass ich Grenzen überschritt und sie es zuließ. Wir konnten darüber nicht reden, aber wir kommunizierten weiter auf der nonverbalen und körperlichen Ebene.
Irgendwann wurde es dann ernst und es war kein Spiel mehr. Sie traf sich weiter mit mir, obwohl wir beide wegen der neuen, fremdartigen und gleichzeitig vertrauten Intimität, die zwischen uns entstanden war, extreme Angstzustände bekamen. Auch das Tabu, welches wir damit brachen und die Gefahr, dass all dies irgendwie rauskam, brachte uns beide an unsere Grenzen…

Was ich mit dieser Anekdote sagen will ist- es ist nicht egal, wie man Frauen berührt. Jeder körperlichen Geste wohnt eine Symbolik inne und hat eine Auswirkung wie das Verhältnis zwischen den Frauen in Zukunft sein wird. Das bedeutet auch, dass eine Frau, wenn sie einem Annäherungsversuch erst mal ausweicht und nichts dazu sagt, weder ja noch nein, dies nicht tut, weil sie einen nicht will, sondern, weil man es auf die „falsche“ Art und Weise bei ihr gemacht hat. Es war entweder zu bedürftig, oder es war auf irgendeine Art und Weise künstlich und gespielt, weil man Angst davor hat, an diese neue weibliche Realität zu glauben und die Sache auf eigene Verantwortung bis zum Ende durchzuziehen. Man darf außerdem nicht vergessen, dass man selbst, wenn man auf eine Frau aktiv zugeht, bewusster ist, d. h. die Frau kann sich weniger gut über ihre plötzlich hochkommenden Gefühle artikulieren und man muss quasi für sie mitdenken und ihr helfen eine Sprache für das was da ist zu finden.

Eine Geste der mütterlichen Fürsorge, gepaart mit Sexualität, kann also eine extrem starke Körperseelenverbindung zu einer Frau erzeugen, ähnlich der Mutter-Kind-Bindung. Sie wird dann in ihrem Denken und Handeln mehr auf dich bezogen sein, ohne, dass sie es bewusst wahrnimmt. Man prägt sie sozusagen auf sich selbst. Je krasser man selbst als Frau ist (also je attraktiver und reifer) umso stärker ist die Bindung, die man bei anderen Frauen erzeugen kann.

Dies passiert aber nur, wenn auch die Sexualität bewusst in die Berührung mit einbezogen wird. Es ist mehr eine Art Energie, die fließt. Selbst bei der kleinsten Berührung (z. B. kurz, scheinbar zufällig den Arm einer Frau berühren, wenn man was zu ihr sagt) ist es so, als würde man Spinnweben auswerfen und sie damit an sich kleben, die Bindung wird stärker und man nimmt im Extremfall keine Trennung mehr zwischen ihrem und dem eigenen Bewusstsein wahr. Ein Auszug aus dem Text „Herzenspiele“ beschreibt dieses Gefühl auf literarische Art und Weise.
Eine Frau, die diese „Technik“ selbst kennt, wird vielleicht diese Berührung durchschauen und wiederstehen, wenn sie sexuell nicht so stark an einem interessiert ist, bzw. genauer Bescheid weiß, wen und was sie will. Wenn man einmal das mit der sexuellen Energie rausbekommen hat, dann muss man allerdings auch vorsichtig damit umgehen, denn die Frauen, die man damit verliebt macht, werden in 99 % der Fälle darauf irgendwie reagieren und teilweise auf einen zukommen (da kann man sich teilweise vorkommen wie ein Kind, welches mit einer großen Tüte Futter in den Streichelzoo geht und dann heulend rausrennt, weil alle Tiere es abschlecken wollen ;-)).

In einem höheren Kontext gesehen, könnte diese Fähigkeit, wenn sie bewusst eingesetzt wird, in Zukunft auch extreme Auswirkungen auf gesellschaftliche Strukturen haben. Denn die Sexualität hat u.a. die Funktion, dass Frauen sich plötzlich gegenseitig als erstrangiger sehen und dann viel mehr aufeinander bezogen handeln, d. h. sich gegenseitig Jobs vermitteln, unterstützen und fördern. Diese Frau, die ich hier für mein Beispiel verwendet habe, hat sich nach unserer Begegnung sehr stark beruflich für mich eingesetzt und sie war lange Zeit eine Art Mentorin für mich. Somit ist die Liebessexualität zwischen Frauen keine „Privatsache“, die man vor anderen (und sich selbst) verheimlicht, sie ist kein nebensächliches „Plaisir“, sondern sie ist etwas sehr Politisches und wirkt immer auch auf einer höheren symbolischen Ebene.