„Erotischer Kitsch“ so hieß mein letzter Beitrag, den ich hier reingestellt habe: Romantisch-süßlich-bunte, teilweise stark ins Erotische gehenden Bilder von Kindern, Katzen, Feen, Meerjungfrauen, Schauspielerinnen, Herzen, Lippen, Blumen, Blüten und vor allem von sinnlich-sexy-verträumten Frauenkörpern. Ich kannte solche Darstellungen nur am Rande, aber die weiblichen Facebook- Profile sind voll davon (besonders bei den Französinnen und Italienerinnen). Beim ersten Mal wunderte ich mich noch ein wenig, hielt es aber nur für eine besondere Vorliebe der einzelnen Frau, klickte mich dann aber von Freundin zu Freundin, um festzustellen, dass dies alles „System“ zu haben scheint. Ganze Fotoalben voll und mit bis weit über tausend Bildern drin, haben manche davon angesammelt und erstellt. Sie scheinen sie gegenseitig wie Sammelbildchen auszutauschen, haben zig Kommentare darunter gepostet und schickten sie sich mit Tausenden Grüßen und Küssen auf die Pinnwände zu. Und es sind mitnichten nur Teenagermädels, die sich da so „austobten“, sondern auch sehr viele erwachsene Frauen über 40, solide verheiratet und mit eigenen Kindern.

Und ich fragte mich verwundert: Warum sammeln die eigentlich keine Bilder von Männern? Ich meine, sie sind ja Hetero und gibt es ja auch ne Menge Nette von ihnen, den Bildern, wie man auf zahlreichen Gayseiten sehen kann. Nun gut, ein paar von ihnen haben auch so ein Album mit einigen romantische Mann-Frau-Sonnenuntergangsfotos drin – aber nie den Mann alleine – und die restlichen Alben sind eh voll mit diesen Katzen, Kindern, Blumen, Blüten, Feen, Meerjungfrauen und halb nackten Frauenkörpern. (Zu bedenken: Wenn ein Mann albenweise Männerfotos drin hätte, würden man ihn doch garantiert für schwul halten, zumindest für klemmschwul. Oder?)

Theorie Nr. 1 lautet: Frauen sammeln Bilder von Frauen, weil sie gerne so sein wollen wie die Frauen, die dort abgebildet sind. Vorbilder sozusagen. Und sie sammeln keine Männerbilder, weil es beim Mann sowieso mehr auf die inneren Werte ankommt und so, und Kätzchen und Blumen sind ja dermaßen entzückend und süüüß und die Natur, die muss ja sowieso gerettet werden.

Theorie Nr. 2 lautet daher: Sie sammeln keine Männerfotos, weil sie Männer und ihre Körper nicht wirklich begehren (die Haut zu rau, der Geruch zu streng, die Seele zu fremd), sich dann (der vernachlässigten Sinnlichkeit wegen) in kleine Kinder, flauschige Kätzchen, weit geöffnete Blüten und langhaarige und silbrig glänzende Meerjungfrauenfeen reinsteigern. Sublimierte Sexualität sozusagen, eine Vorstufe von Begehren. Kinder und Tiere kann/darf man auch als Frau aktiv anfassen, ohne aus der Rolle zu fallen, Blüten gleichen oft Muschis und Frauen auf Bildern können bis in alle Ewigkeiten pubertär verehrt werden, denn sie stellen keine Ansprüche, wollen keine Liebe und auch keinen Sex, den man dann eventuell selbst beginnen und auch die Verantwortung dafür übernehmen müsste.

Wie auch immer. Fakt jedenfalls ist, dass Männerkörper bei vielen Frauen wohl nicht so auf der obersten Prioritätenliste zu stehen scheinen. Und der Sex mit ihnen dann wohl auch nicht; außer Frau macht dabei die Augen zu und stellt sich dann flauschige Kätzchen oder Meerjungfrauen vor. Aber nach welchen Kriterien wählt sie Ihn dann eigentlich aus, den „Mann ihrer Träume“? Nach Charakter, Status, Humor? Wählt sie überhaupt und will sie überhaupt etwas? Den/seinen Sex, den Mann und den ganzen Akt, den er so will – und mit flauschigen Kätzchen hat er jedenfalls eher weniger zu tun ;-)) Halten es also immer noch viele Frauen so wie es einst Königin Viktoria empfahl: Augen zu und an England (oder eben Meerjungfrauen!) denken. Die Bildergalerien bei Facebook lassen fast diesen Schluss zu:

Das war also die erotische Bildersprache der Heterofrauen, wenden wir uns jetzt den Bildern der Queers und Lesben zu. Zwei Frauen und kein Mann, und sie wollen Liebe und Sex miteinander. Wäre eigentlich die beste Voraussetzung dafür ein wenig herumzuexperimentieren und auch mal zu gucken, was Frauen so wirklich wollen, wie sie es wollen und wie sie auch ohne Mann aktiv werden können usw. Kein Mann, kein Mann, ja, ja so die schöne Theorie. Rätsel: Wer auf den Bildern dennoch irgendwo einen „Mann“ zu entdeckten meint, gewinnt von uns ein flauschiges Kätzchen oder eine Reise zu den Meerjungfrauen ;-)

An dieser Stelle zitiere ich mal den ollen Sigmund Freud: „Die weibliche Sexualität blieb für mich ein unbekanntes, dunkles Land und muss von meinen Nachfolgern erforscht werden.“ (Gab er auf dem Sterbebett zu.) Die meisten Frauen kennen sie aber selbst nicht (ihr sexuelles Begehren) und vor allem kriegen sie den Mann, die männliche symbolische Ordnung, nicht aus ihrem System raus. Sei es als Ehemann, der bei den Facebookprofil-Kitsch-Frauen-Bildchensammlerinnen stets im Hintergrund lauert, oder eben in Form dieser männlich-schwulen-Dildo-queer-Transmann-Fetischinszenierung bei Lesben. Immer ist er im Bett und im Denken, Fühlen, Handeln und Leben mit dabei. Er ist der allgegenwärtige Gott (Vater, Sohn, Heiliger Geist), bekommt neue und moderne Namen (sportlich, androgyn, queer) und ihn zu verlassen/hinter sich zu lassen würde höchste Gotteslästerung und einen totalen Paradigmenwechsel bedeuten.

Fazit: Eine Kultur der weiblichen Sexualität (und damit einhergehend ein anderes „in der Welt sein“, ein weibliches Bewusstsein) existiert noch nicht so wirklich, ist ein noch unbekanntes Land und bewegt sich wohl irgendwo zwischen/jenseits dieser beiden hier vorgestellten Bilderwelten.

Anmerkung: Die Foto- und Performanceskünstlerin Krista Beinstein hat sich seit den 80ern an der weibliche Sexualität „abgearbeitet.“ Ihre Werke sind teilweise sehr interessant, aber extrem im queer-männlich-schwulen Bilder-Spektrum verhaftet, in/aus dem sie sich vielleicht die Befreiung der Frau aus ihrer sexuellen Passivität erhofft hatte? Später wendet sie sich mehr der weiblichen Frau/Sexualität zu, doch fehlen ihr dort oft die subltilen Zwischentöne. Wer ihre (teilweise sehr krassen) Sachen mal sehen will, der klicke HIER. Und wer mal so ein typisches Frauen Facebook Fotoalbum, der dann DA. (Muss dazu aber bei Facebook eingeloggt sein)