Der Reihe „Ballettschule“, in der ich die gesellschaftlich kaum sichtbaren Beziehungsstrukturen zwischen Frauen aufzuzeigen versuche, will ich hier eine weitere und eher nicht geglückte, Frauen-Liebes-Geschichte hinzufügen:

Es ist schon ein paar Jahre her und ich war auch nicht durchgängig dabei (habe zu der Zeit gerade eine Weiterbildung gemacht), aber mir ist davon nachträglich noch viel erzählt worden, und diese Affaire wirkt auch noch bis in die Gegenwart hinein. Nennen wir sie mal Anna und Caroline. Anna war eine Ausbildungsschülerin, versuchte dann, als sie fertig war, erfolglos bei verschiedensten Theatern vorzutanzen und jobbte nebenher als Ballettlehrerin in der gleichen Schule, in der sie gelernt hatte. Caroline, ein paar Jahre und Ausbildungsklassen älter als Anna, blond, langhaarig, langbeinig, hübsch, dünn, und sehr begabt. Aber sie kam aber erst gar nicht zum Vortanzen, denn sie wurde gleich von der Ballettstange weg vom Lehrer geheiratet, bekam mit ihm vier Kinder (alles ebenso blonde, langbeinige und langhaarige … Mädchen), behielt irgendwie immer ihre schlanke Figur und unterrichtete dann ebenfalls dort.

Noch nichts besonders Außergewöhnliches, wenn nicht Anna immer mehr in eine schlimme Depression hineingerutscht wäre, (u.a. durch die dauernden Ablehnungen beim Vortanzen und die Vorwürfe „nicht weiblich genug zu sein“ – was aber weniger ihr Äußeres, als mehr ihr Verhalten betraf), die sie dann schließlich in eine Therapieeinrichtung am Bodensee führte. Ihr Unterrichtsjob wurde durch diverse Aushilfen freigehalten, aber als sie nach Monaten zurückkam, war sie verändert. Bewusster geworden und auch irgendwie „radikalisiert“.

Wie Anna und Caroline sich näherkamen, habe ich leider auch verpasst, aber dass sie sich näherkamen, ist gewiss. Und Anna intrigierte, gegen die Ehe von Caroline mit dem Ballettlehrer (30 Jahre Altersunterschied, und er war auch nicht gerade ein „Kind von Traurigkeit“, sprich: er hat sie mit noch jüngeren Frauen betrogen…), drängte auf eine sofortige Scheidung- und was weiß ich noch alles. Und irgendwann landeten die beiden (Anna und Caroline) miteinander im Bett. Und da war es wohl um sie geschehen und das Hirn und die Vernunft der Leidenschaft geopfert, denn anders kann ich mir die Vorfälle, die nun folgten nicht erklären: Caroline verließ auf der Stelle ihren Mann und ihre Kinder und nur eine, die älteste Tochter, ging mit ihr. Die drei anderen Mädchen blieben beim Vater zurück.

Und wie lange es dann mit Anna und Caroline gut ging, kann ich auch nicht so genau sagen, aber wohl nicht allzu lange, den Gerüchten nach sollen sie längst nicht mehr zusammen sein und Caroline wieder einen Mann haben. Wurde mir jedenfalls so erzählt- unter anderem von meiner „Sophisticated Lady“, die sich über diesen Vorfall wohl besonders empört hatte, wie sie es mir später, mit angewidertem Gesicht und tropfend nackt aus der Dusche kommend, erzählte.

Meine Überlegungen hierzu: Vielleicht hätte sich Caroline auch ohne Anna von ihrem Mann getrennt und wohlmöglich wäre alles ohne diese Therapie am Bodensee gar nicht erst passiert…? Aber darum geht es hier nicht. Jedenfalls nicht vorrangig. Es geht vielmehr erneut um die fehlenden Rollen- und Verhaltensvorgaben in/für Frauenbeziehungen und um die immer noch mangelhafte gesellschaftliche Unterstützung – aber auch um das fehlende Bewusstsein in den Köpfen vieler Frauen. Nämlich ein Bewusstsein dafür zu haben, dass wenn sie Ansprüche auf die Mitgestaltung der Welt erheben wollen, sie dafür auch Verantwortung für ihr eigenes Handeln und für ihre Sexualität übernehmen müssen. Weder Anna noch Caroline waren wohl dazu in der Lage gewesen. Anna, indem sie eine Ehe „zerschoss“, ohne sich der Brisanz der Situation bewusst zu sein und ihren Folgen gewachsen zu fühlen. (Denn bevor man eine Affaire mit einer verheirateten Frau mit vier Kindern anfängt, die auch noch beruflich in das Unternehmen des Mannes eingebunden ist, sollte man vielleicht ein wenig länger darüber nachdenken, oder?) Und Caroline, als die Ältere der beiden, konnte es erst recht nicht.

Diese ganze Geschichte liegt nun schon ein paar Jahre zurück, der „Rosenkrieg“ aber blüht bis heute weiter und es wird munter über Kinder, Besitz und Ballettschulen gestritten. Und sie, diese missglückte „Lovestory“, steht nur stellvertretend für viele Ähnliche. Zwei Frauen verlieben sich ineinander (vielleicht das erste Mal so richtig in ihrem Leben?), klammern sich daher bedürftig aneinander und erwarten, dass die jeweils andere sagt, wo es lang- und weitergeht. Aber keine will/kann so recht diese „Männerolle“ übernehmen, denn das ist DAS „große Ding“, das mit dem Verantwortung übernehmen, die Richtung vorgeben, den Sex aktiv wollen und sich in die Welt und ihre Gestaltung einmischen – und sie somit zu verändern. (Und jetzt will ich hier keine Kommentare mehr drunter haben wie: „Ja aber, wenn eine Frau „butch“ oder „androgyn“ oder ect. ist, dann geht das doch alles wie von selbst und so…“ ) Denn das sind Steinzeitlösungen und klappen nur bedingt und nur unter weiblichem Identätsverlust und, und, und…