Vor einiger Zeit, als ich wieder auf dem Zweit-Blog von Seaofshoes „They don’t call them lovers in highschool“ herumsurfte und von ihren eindrucksvollen Stimmungsbildern Inspiration suchte, stieß ich auf ein Manga-Comic-Bild von zwei sich zärtlich an den Händen berührenden Mädchen.
Ich hatte mich bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht mit diesen doch stark ins pädophile tendierenden Abbildungen ireal-großäugiger, -busiger und langbeiniger Mädchen beschäftigt. Zuerst hielt ich das Bild für eine weitere typische Männer-Porno-Lesbenfantasie, wie sie das Internet mittlerweile leider in einem unendlichem Ausmaß bevölkern, doch dann schaute ich genauer hin und googelte das Thema „lesbian Manga“- genauer gesagt „Yuri“- mal nach.

Der Begriff Yuri bedeutet nämlich „Lilie“, ist ein häufig vorkommender japanischer Mädchenname und steht für ein Manga-Genre, welches alternativ auch „Girls Love“ genannt wird. In den Geschichten liegt der Schwerpunkt auf der emotionalen Beziehung zweier junger Frauen zueinander, die aber auch fließend ins Sexuelle übergehen kann. Die Ursprünge findet man in der japanischen „lesbischen“ Literatur des frühen 20. Jahrhunderts. Denn ähnlich wie in Europa und den USA gab es in Japan bis Anfang des 20. Jahrhunderts eine Kultur der romantsichen Freundschaft zwischen Frauen (und auch Männern). Nobuko Yoshiya, eine der kommerziell erfolgreichsten Schriftstellerinnen ihrer Zeit, spezialisierte sich auf das Schreiben von romantischen seriellen Romanen und das sogenannte „Class-S-Genre“ (der Buchstabe S steht für „sister“ oder „shojo“ was „junges Mädchen bedeutet), welches u. a. die damals häufig vorkommenden und gesellschaftlich als „normal“ geltenden emotionalen Bande pubertierender Schulmädchen und junger Frauen zueinander beschrieb. Die als „Vorübung“ für die Ehe gesehenen Liebesbeziehungen zwischen Frauen (8 von 10 Frauen führten solche Beziehungen, die in den meisten Fällen emotionaler Natur waren und stark ins Spirituelle/Transzendente reichten) fanden in Japan im Jahre 1936 mit Einführung ko-edukativer Schulen ihr jähes Ende. Literatur, die sich mit der Thematik beschäftigte, wurde ab diesem Zeitpunkt von der Regierung als unerwünscht verbannt.

Erst ab dem Jahre 1970 erfuhren die einst bei einem Großteil der weiblichen Bevölkerung so beliebten Geschichten eine Renaissance durch die Manga-Comics, genannt „Yuri“. Motive wie die unerfüllte und oft tragisch endende Liebe zwischen einer älteren, gebildeten und einer sie bewundernden jüngeren Frau (Lehrerin und Schülerin) hatten ihre Magie auf das weibliche Publikum auch nach über dreißig Jahren Verbot und gemischten Schulen immer noch nicht verloren. In den 80er und 90er Jahren begann dann die Suche nach alternativen Handlungen und positiveren Darstellungen von Liebe zwischen Frauen, und mit dem Aufkommen der modernen lesbischen Identität bezog man nun auch die Sexualität mit ein. Die Geschichten beschäftigten sich jetzt mit einer breite Palette von Thematiken,  die von den Beschreibungen rein platonischer Frauenfreundschaften, über die mehr ins sexuelle gehenden Schulmädchenbeziehungen, lesbische Beziehungen zwischen reiferen Frauen bis hin zu Transsexualität reichten. Gleichzeitig wurde der Begriff „Yuri“, der zum Synonym für die moderne lesbische Frau wurde und durch den in den 80er Jahren lesbische Frauen in kleineren Zeitschriften die Möglichkeit hatten miteinander in Kontakt zu treten, von den sogenannten Hentai-Comics, die auf ein rein männliches Publikum abzielen, vereinahmt und bekam eine rein pornographische Bedeutung.

Heutzutage versteht man in Japan unter „Yuri“ wieder den ursprünglichen Wortsinn – nämlich die Liebesbeziehungen zwischen Frauen auf emotionaler Basis, welche aber die ganze Palette von Beziehungsmöglichkeiten zwischen Frauen (Freundschaft, erotische Freundschaft, sexuelle Liebesbeziehungen usw.) enthalten können.

Da man im Westen aber das japanische Konzept von Frauenliebe nicht wirklich verstand, teilten man die Genres in „Yuri“ und „Shojo-ai“ auf, wobei „Yuri“ als eine weitere Form von „Hentai“- lesbische Pornofantasien für ein männliches Publikum – gesehen wurde, und „Shojo-ai“ die rein platonischen Mädchenfreundschaften, wie sie auch in den meisten normalen Mangas vorkommen, darstellen.
Ich denke dieses Verständnisproblem liegt an den, im vorigen Jahrhundert in Europa und den USA geschaffen trennenden Kategorien Homo- und Heterosexualität – die nun eine differenziertere Betrachtung von Liebe zwischen Frauen fast unmöglich machen.