Authentische Anziehung und Liebe zwischen Frauen haben (noch?) keinen wirklichen Platz in der Welt gefunden und daher sind auch kaum brauchbare Rollenvorgaben vorhanden, nach denen man sich richten könnte. Alles ist am Mann orientiert, an seinen Vorgaben und Bedürfnissen- und selbst die Lesben kopieren, mehr oder weniger, nur die Schwulen und ihre jeweiligen Lebens- Rollen- und Sextrends. Denn auch sie verehren (trotz gegenteiliger Behauptungen und eifriger Verweise auf ihr “Queersein”, oder durch das “Lesbischsein” der allumfassenden Heteronormativität – oh Wunder – entkommen zu sein) immer noch den Mann (d.h. seine symbolische Ordnung) wie einen Gott. Auch wenn er/sie jetzt in der modernen Rolle eines Transmannes zu “beglücken” scheint.

Daher ist es für Frauen (die sich weder in der „Hetero“- noch in der „Homowelt“ so richtig aufgehoben fühlen) immer noch sehr schwer, die eigenen/authentischen Wünsche überhaupt zu erkennen. Die nach einer irgendwie weiblicheren Welt, ihre Sehnsüchte nach anderen Lebens-Liebes-Sex- und Beziehungsformen zu artikulieren. Aber sehr oft (und bei sehr vielen Frauen) sind diese Wünsche bereits latent vorhanden – meisten tief unter dicken Schichten von gesellschaftlich-finanziellen Zwängen und dieser Mann-und-Frau-gehören-doch-zusammen- Konventionalität versteckt.
Aber mit etwas Übung, und wenn man seine Umgebung mit wachen Augen und offenem Herzen betrachtet, kann man diese „andere Welt“ in den verschiedensten Alltagssituationen beobachten. Oft unbewusst ausagiert, im Sprechen- und Nichtaussprechen, im Handeln- und Nichthandeln verborgen.

Um besser zu verdeutlichen was ich meine will ich hier, in lockerer Folge, versuchen die Beziehungsstrukturen, die ich in Laufe der Jahre so zwischen Frauen beobachtet habe, in kleine Geschichten zu packen und auch ein wenig zu deuten. Ich werde die meisten Beispiele meiner Ballettschule entnehmen (bin da schon über 20 Jahre), und habe daher auch eine neue Kategorie so benannt, unter der die ganzen Texte dann gesammelt werden („Ballettschule“). Ich weiß nicht, ob diese Wahl genügend repräsentativ ist, aber es ist ein Ort, an dem fast nur Frauen sind, es werden viele Kurse angeboten, also eine Menge Teilnehmerinnen, die über die Jahre auch noch gewechselt haben. Und auch sonst ist die Zusammensetzung recht heterogen d. h.: Das Alter in den Erwachsenenkursen beläuft sich. von ca. 16 bis 64 Jahre, die soziale Schicht reicht von Lehrling, Studentin, Krankenschwester bis hin zur Professorin, und es gibt auch unterschiedliche Nationalitäten (Deutsch, Französisch Tschechisch, Polnisch, Ukrainisch).

Anfangen will ich mal mit einer Begebenheit, die sich erst neulich zugetragen hat und die ich „Späte Verehrung“ genannt habe:

Silvana (Name geändert), ist ca. Mitte bis Ende 30, Halbitalienerin und eigentlich Ärztin. Um mit dem Ballett anzufangen, hat sie sich extra eine längere  Auszeit vom Arbeitsleben und der Klinik genommen, trainiert seitdem fast jeden Tag und ist mittlerweile gar nicht so schlecht geworden. So weit so gut. Anfang Januar war ich mit ihr in ein etwas längeres Gespräch verwickelt und da sie erzählte mir plötzlich, dass sie eine bestimmte Balletttänzerin total toll fände! Sie nannte mir dem Namen und nanu dachte ich mir, wie kommt die im Jahre 2010 bloß auf diesen Ballettstar der 60/70 und 80er Jahre? Die Auflösung: Sie hatte, zusammen mit einer Freundin, ihre Tanzvideos auf youtube gefunden- und sich dann in Sie „verliebt“. Und ich „gestand“ ihr daraufhin, dass auch ich in den 80ern ein riesiger Fan von Ihr gewesen war, in alle Ballettvorstellungen gegangen bin und jeden, auch noch so kleinsten, Zeitungsschnipsel über Sie gesammelt und dann in einem dicken Leitzordner katalogisiert habe.

Ich brachte Silvana in der darauf folgenden Woche also „Material“ im Form von drei aufwändig gestalteten Text- und Bildbänden mit, und sie freute sich ohne Ende. Und sie las. Nächtelang, wie sie es mir immer wieder mit liebestrunken glänzenden Augen erzählte, Tag nach Tag und bis in den März hinein. Und sie machte sich auch von den Fotos  ganz viele Laserkopien und hat mit ihnen mittlerweile wohl die halbe Wohnung zutapeziert. Sie war zu einem Fan geworden, schwärmte genauso für diese Ausnahmetänzerin, wie ich es damals in den 80er Jahren getan hatte.

Aber ein Fan zu sein, für eine Frau, eine Künstlerin zu schwärmen, hat doch rein gar nichts mit Liebe zu tun. Man findet die Frau doch einfach gut, oder will sie sich zum Vorbild nehmen! Werden an dieser Stelle wohl viele einwenden. Daher hier mal einige Zitate:

Wo ist die Smashing-Kultur geblieben? Die Schwärmerei junger Mädchen und Frauen wird heute beizeiten in die rechten Bahnen gezwängt. Der Film Mädchen in Uniform zeigte 1931 und im Remake 1957 mit Romy Schneider und Lilli Palmer, wohin das “ungesunde Schwärmen” für die Geschlechtsgenossinnen führt: Geradewegs in den Selbstmord.

Mädchen und Frauen sollen gefälligst für Jungen und Männer schwärmen. Inbegriff des heutigen Mädchenschwarms sind Boy Groups wie Tokio Hotel. Und “Frauenschwarm” ist eine Bezeichnung für Männer wie Brad Pitt, George Clooney oder Richard Gere, früher Gary Cooper und Cary Grant, noch früher der Urtyp Rudolph Valentino, sozusagen die Mutter aller Frauenschwärme.

An amerikanischen Frauencolleges zwischen 1870 und 1920 gab es eine „Kultur des Smashings“. Mädchen und junge Frauen schwärmten für Mitschülerinnen und Lehrerinnen und es hatte Methode, Stil und großes Format. In der Studentenzeitung von Yale stand 1873 darüber zu lesen:

Wenn eine Vassar-Studentin für eine andere schwärmt, beginnt sie umgehend, ihr regelmäßig Blumensträuße zu schicken, zwischendurch pastellfarbene Briefchen, geheimnisvolle Päckchen von „Ridleys vermischten Süßigkeiten“, vielleicht Haarlocken, und viele andere zärtliche Angebinde, bis das Objekt ihrer Aufmerksamkeit eingefangen ist, die beiden unzertrennlich sind und die Angreiferin von ihrem Kreis als „smashed“ angesehen wird.

(Zum Nachlesen: „Frauenschwarm, Männerschwarm und Bienenschwarm“, Glosse von Luise Pusch.)

Meine Überlegungen hierzu: Eine Frau zu verehren, sie anzuschwärmen ist oft eine Art jugendliche, noch unreife Vorstufe von Liebe. Aber eine gesellschaftlich halbwegs anerkannte Rolle, mit der eine Frau ihre Zuneigung zu, ihr Begehren nach einer anderen Frau artikulieren kann. Heute allerdings heute nur noch, wenn es sich bei der so „Angeschwärmten“ um einen entfernten Star handelt. Beim Schwärmen für eine Lehrerin oder gar Mitschülerin/Freundin sieht es da bereits ganz anders aus, da die Betroffene sehr schnell in die Kategorie „Lesbe“ gepackt wird. Was natürlich nicht jede möchte, da sie entweder die kerlige Szene vor Augen hat, oder eben an „Außenseitertum“ und „Untergruppen“ denken muss.
Das „Schwärmen“, „Verehren“ oder „Fansein“ als pubertäre Vorstufe zur real gelebten Beziehung und Liebe? Würde sich auch mit meinen Beobachtungen decken, dass Frauen, die sich eher später in ihrem Leben in eine andere Frau verlieben, dann in ihrem Verhalten oft zu „Teenagern“ werden. Das Coming-out als eine Art zweite Pubertät? Der Initiationsritus für eine andere Welt.

Silvana ist sich wohl weder ihrer Motivation bewusst, noch wird sie jemals die Stufe des Verehrens verlassen. Aber diese, ihre Geschichte zeigt eben sehr schön diese „Sehnsucht der Frau nach der Frau“, wie sie in den verschiedensten Situationen des Alltags versteckt schlummert und- wenn jemand bewusst ist- sie dort auch entdecken kann.