Vor einigen Tagen hatte ich ein interessantes Gespräch mit einer Freundin zum Thema Frauenfreundschaften und Frauenbeziehungen, ob sie überhaupt wichtig sind und wie sie das eigene Leben prägen und beeinflussen. Diese Freundin von mir lebt im Moment in einer heterosexuellen Beziehung und ihr fiel plötzlich auf, dass die wirklich wichtigen Entscheidungen, die sie im Leben trifft und getroffen hat, meistens von Frauen beeinflusst seien. Als ich über mein eigenes Leben nachdachte, bemerkte auch ich, dass ich, lange bevor mir bewusst war, dass ich Frauen auch sexuell begehre, mich immer an starken, interessanten Frauen orientiert hatte. Ob es die Gesangslehrerin war, die verstorbene Sängerin Maria Callas, die mich zum Operngesang brachte, meine lesbisch, in einer Regenbogenfamilie und jenseits der Szene lebende Tante, oder natürlich Claudia mit der diese Seite entstanden ist – sie alle waren und sind für mich schicksalhafte Verbindungen, dienten mir als Orientierungspunkte in einer Welt, von der ich nun definitiv weiß, dass sie meine Bedürfnisse als Frau nicht zu erfüllen vermag. Die Frauen, die ich mir zum Vorbild nahm, waren für mich wie eine Fortsetzung der Mutter-Kind-Beziehung, ich vertraute mich ihnen an, profitierte von ihrer Lebenserfahrung und fühlte mich von ihrer Aura/Ausstrahlung, ihrer weiblichen Autorität angezogen. Sie waren bis jetzt für mich eine Alternative zur männlich dominierten Welt und den Erwartungen, die sie auf einer unbewussten Ebene an mich stellt…

Mit der Zeit, als ich durch das Schreiben auf diesem Blog immer bewusster wurde, verstärkte sich auch die erotische Komponente in meinen Frauenbeziehungen. Sie war zwar immer schon irgendwie vorhanden, aber sie existierte eher im Unbewussten gut verdrängt. Etwas Sexuelles in diesen Beziehungen zu sehen war für mich lange Zeit ein großes Tabu, denn es schien mir, als würde Sex die Reinheit dieser eher mütterlich-töchterlichen Liebe „beschmutzen“. Und da Sex in dieser Gesellschaft eher als etwas „Schmutziges“ und stark von der Liebe getrenntes gesehen wird, fällt es einem schwer, sich eine positve Alternative dazu vorzustellen.
Dann kam die Zeit in der wir die Girlfriendsfilme entdeckten, in denen gezeigt wird, wie guter Sex zwischen Frauen aussehen kann. Da dort auch viele ältere und sehr erotische Frauen mitmachen, war plötzlich für mich der Gedanke eine Frau sexuell zu begehren, die für mich ein Vorbild war, nicht mehr so weit entfernt.

Antje Schrupp setzt sich auf ihrer Homepage auch mit weiblicher Autorität auseinander. In ihrem Text „Weibliche Autorität – oder wie man Macht etwas entgegensetzt“, schreibt sie, dass weibliche Autorität zwischen dem Begehren und der Realität vermittelt. Eine Frau besitzt also ein bestimmtes Wissen über die Realität, welches sie einer anderen Frau, die dieses Wissen begehrt, vermitteln kann. Als Modell für diese Beziehung, welche die italienischen Feministinnen, an denen Antje sich orientiert, auch „vincolo-duale“, das Band zwischen zwei Frauen nennen, benutzt sie die Mutter-Kind-Beziehung. Es besteht also ein ungleiches Verhältnis – die Differenz zwischen zwei Frauen kann Autorität entstehen lassen und eben nicht die Gleichheit und bloße Spiegelung (sich gegenseitig in seinem Einzelschicksal bestätigen). Das bedeutet auch, dass es in dieser Beziehung Konflikte gibt, d. h. es muss eine Bindung da sein, die so stark ist, dass eine Frau bereit ist, etwas zu tun, was sie sonst nicht tun würde. Und hier sehe ich den Punkt, an dem Antje nicht weiterdenkt, denn was dieses „Begehren“ genau nun ist, welches sie immer wieder erwähnt, und wie es genau mit der Sexualität zusammenhängt, ob es auch konkret auf die andere Frau gerichtet ist, das habe ich in ihren Texten nirgendwo finden können. Und gleichzeitig kritisiert sie auch die mangelnde Konfliktbereitschaft von Frauen, und dass es hier in Deutschland gerade ein Tabu sei, von einem „autoritärem“ Verhältnis zwischen Frauen zu sprechen, dass man lieber den von den italienischen Feministinnen geprägten Begriff „Affidamento“ (von affidare – sich anvertrauen) wählte, um die Beziehungen zwischen Frauen zu beschreiben.

Mein Gedanke ist also, dass ein von Liebe UND Sexualität geprägtes Verhältnis, das Band zwischen den Frauen um ein vielfaches verstärken könnte und dann auch die Konfliktbereitschaft und der Wille sich zu verändern und dabei gesellschaftliche Schranken einzubrechen größer wird. Dazu gehört aber, dass man bereit ist, sich die erotische Komponente (die definitiv vorhanden ist) in diesen Beziehungen einzugestehen und das wiederum bedeutet, dass man die Heterosexualität als Norm hinterfragen muss. Denn die „Heterosexualität“ basiert auf einem ungleichen autoritären Verhältnis – der Mann sieht eben nicht die Frau als Autorität, so wie sie es bei ihm tut, sondern er orientiert sich an der Meinung und Autorität anderer Männer, die auch unterschwellig erotisch sein kann und für die beruflichen Männer-Machtnetzwerke (gläserne Decke) verantwortlich ist.
Wie dieses von Sex (Erotik) und Liebe geprägte Band zwischen Frauen aussehen könnte, weiß ich natürlich nicht genau, aber es wird sich jedenfalls grundlegend von der Mann-Frau-Beziehung unterscheiden und einen gewaltigen Paradigmenwechsel einleiten.

Zum Thema Homosozialität (latente Homoerotik zwischen Männern) gibt es leider bis jetzt nur sehr wenig Forschung in Deutschland – die US-Amerikanische Feministin Eve Sedgwick hat sich vorwiegend mit der männlichen Homosozialität beschäftigt: