Meine Mutter (Geburtsjahr 1941) hat sich ihr ganzes Leben immer darüber beschwert, dass es so schwierig sei mit den Deutschen in Kontakt zu kommen. Freundschaften würden sich hier, wenn überhaupt, erst nach vielen Jahren entwickeln – und nach Hause würde man eh kaum von jemandem eingeladen werden. Und das wäre umso schlimmer je gebildeter jemand sei. „Diese ganzen Uni-Akademikerfrauen beschweren sich immer bei mir, dass sie so einsam seien, aber wenn ich dann mal den Vorschlag mache, was zusammen zu unternehmen, haben sie plötzlich alle keine Zeit mehr…“ Sie meinte in Tschechien (ihrem Geburtsland) wäre es viel einfacher und die Leute wären generell viel offener. Sie schob es also auf die deutsche Mentalität (verschlossen und allem Fremden gegenüber misstrauisch) und da meine Mutter gut aussah, hielt sie sich dann lieber an Männer, und versuchte sich von ihnen Freundschaft, Bestätigung und ein Gefühl des Dazugehörens zu holen. Und ich, ich hörte ihr damals immer nur mit halbem Ohr zu, da ich mich selbst als Deutsche sah und auch dachte, dass sie übertreiben würde und weil sie eben meine Mutter war, der man eh wenn man so jung ist, nicht wirklich viel Glauben schenkt.

Aber als ich dann selbst eines Tages der Teenagerzeit entwachsen war, wurde es auch bei mir mit den guten Freundinnen rar. Sie hatten fast alle einen Freund, oder waren zwanghaft auf der Suche nach einem und verbrachten daher ihre Freizeit in gemischten Gruppen, in denen sich alles um das „Mann-Frau-Kennenlern-Ding“ drehte. Und die wenigen, die übrigblieben, waren entweder nicht attraktiv genug, besaßen einen wenig vorteilhaften Charakter- oder entpuppten sich sonst wie völlig unnahbar. Ist ja klar, du bist lesbisch und brauchst jetzt keine Freundschaft mehr sondern eine Beziehung, dachte ich mir und begann mich in der Szene umzusehen; in der ich aber fast noch mehr „Männlichkeit“, „Heteronormativität“ und „Beziehungszwang“ als in den gemischten Mann-Frau-Gruppen vorfand.

Ich blieb also eine lange Zeit ohne Beziehung und auch ohne eine wirklich gute Freundin/Freundinnen. In die Lesbenszene passte ich nicht und die Zeit der Mädchenfreundschaft schien endgültig vorbei zu sein, denn eine moderne erwachsene Frau hatte sich wohl gänzlich den Männern zuzuwenden, in der Liebe, der Freundschaft und auch im Beruf.

Ich akzeptierte diesen Zustand als unveränderbare Realität und erst Jahre später, als ich eine Stelle in einer arabischen Kulturinstitution antrat, begann ich ihn anzuzweifeln. Mir war nämlich aufgefallen, dass dort auch die erwachsenen Frauen sehr viele Freundinnen hatten, sich regelmäßig trafen, beieinander übernachteten und auch zusammen in dem Urlaub fuhren. (Das Gleiche galt übrigens auch für die Männer.) Ich fand endlich Freundinnen, war in eine Frauengruppe integriert und mir wurde auch viel erzählt. Diesmal von einem Mann, der sich bei mir beschwerte, dass es in Deutschland fast unmöglich sei, Freundschaft mit (deutschen) Männern zu schließen. Denn wenn er zu heterosexuellen Männern sage, dass er sie gerne zu sich nach Hause auf einen Tee einladen möchte, wurde er für schwul gehalten – und wenn er von Schwulen Freundschaft wollte, bekäme er gleich Sexangebote. Das würde im Westen die Kultur zerstören, sagte er, dieses ganze Homo-Ding würde nämlich die Freundschaft zerstören und Freundschaft sei doch die Basis für Kultur!

Und dann wurde ich noch (aus)gefragt. Diesmal von Frauen über die lesbische Liebe nämlich. Sie waren sehr neugierig, verstanden sie aber nicht und auch nicht den Unterschied zur Freundschaft. Ich versuchte es ihnen zu erklären.

Und mit einem Male traf nun alles aufeinander: Die Klage meiner Mutter über ihre Schwierigkeiten hier in Deutschland eine Freundin zu finden, mein eigenes Lesbischsein und die Sehnsucht nach Freundschaft und Freundinnen, und dann die arabischen Frauen, die ihre Frauenfreundschaften pflegten aber das Lesbischsein als eigenständige Identität noch nicht so kannten. Aber noch kriegte ich es nicht zusammen, diese ganzen komischen Verquickungen zwischen Homo-Hetero, Sex, Liebe und Freundschaft, bzw. der fehlenden Freundschaft eben.

Und wieder erst ein paar Jahre später, als ich schon längst diesen Blog gegründet und auch Lilian Fadermans Buch über die romantischen Frauenfreundschaften und ihre Ausrottung und Tabuisierung durch die Theorien von Sexualwissenschafltern wie Havelock Ellis oder Krafft-Ebing, gelesen hatte- begann ich langsam zu verstehen. Denn eben diese Sexualwissenschaftler hatten auch das „Lesbisch“ und „Schwul“ als Identität erschaffen, es gelabelt und es somit von dem „Normalen“, „Gesunden“ und „Heterosexuellen“ unwiderruflich abgetrennt. Und auch die Freundschaft zerstört. Denn wenn jetzt eine Frau einer anderen Frau irgendwie „zu nahe“ kam, dann konnte sie sofort als lesbisch bezeichnet werden und somit als nicht normal. Seelennähe und Vertautheit konnten da nicht mehr entstehen. Nur noch Angst und der Zwang sich in allen Belangen an das andere Geschlecht wenden zu müssen. Zwangsheterosexualität auch in der Freundschaft eben.

Ich rief erneut meine Mutter an und fragte noch mal genauer nach: „Ja“, antwortete sie mir daraufhin. „Irgendwie hatte ich bei Frauen wirklich immer ein ungutes Gefühl, das wir uns zu nahen kommen oder so was Ähnliches …“

Wenn man dazu noch weiß, dass diese Sexualtheorien des 19. Jahrhunderts in Deutschland entstanden sind, hier also die romantischen Frauenfreundschaften besonders gründlich „ausgemerzt“ wurden – und viele der Freundinnen eben auch die ersten gebildeten und z. T. finanziell unabhängigen Frauen waren, beginnt man es vielleicht etwas zu verstehen. Warum gerade in Deutschland das „Freundschaften eingehen“ sich als besonders schwierig gestaltet, und warum gerade ältere Akademikerinnen damit besondere Probleme haben. Sie sind finanziell unabhängig und können jetzt noch zusätzlich ihre Sexualität ausleben (was bis zum 20. Jahrhundert eher nicht der Fall war). Sie sind also eigentlich frei und könnten so verschiedenste Freundschaften mit anderen Frauen eingehen. Entweder ohne Sex und „nur“ mit emotionaler Unterstützung, oder oder eben mit Sex und Liebe- dem Gesamtpaket also, welches die Bindung an einen anderen Menschen/eine andere Frau so unendlich verstärken kann und somit auch das Engagement für die Welt, in der sie gemeinsam leben. Warum also diese große Angst vor Nähe?

Ich beende mal den Text mit einem Zitat aus Sophias Text über die  romantische Frauenfreundschaft:

Wenn finanziell unabhängige (berufstätige) Frauen Liebesbeziehungen mit anderen Frauen leben und dann auch noch zusammen Sex haben, ist das eine Art Grenzüberschreitung zu einer neuen Seinsform. Dadurch wird endgültig die Barriere zwischen privater und öffentlicher Welt eingerissen und es können neue weibliche Hierarchien entstehen, die die alten Regeln des Patriarchats unterwandern. Frauen haben dann die Möglichkeit sich – sowohl im Beruf als auch im Privatleben – emotional und sexuell aufeinader bezogen zu unterstützen und die beiden Bereiche (der Öffentliche und der Private) werden daher nicht mehr so strikt voneinander getrennt sein und können irgendwann vielleicht ineinanderfließen.

Wohlmöglich brechen dann aber auch gesellschafltiche Dämme ein, Männer werden mehrheitlich männerliebend und Frauen auf Frauen bezogen. Die Kommunikation zwischen den Geschlechtern kann sich dadurch grundlegend verändern und eine erneute Annäherung aus einer anderen Perspektive damit beginnen … (Natürlich aber nur, wenn sich die Männer-und Frauenpaare nicht erneut in „Mann“ und „Frau“ aufteilen und somit die altbekannte Trennung von Privat und Öffentlich bis ins Unendliche fortführen. D.h. einer macht die Hausarbeit und der andere geht dann „richtig“ arbeiten;-))