Um wieder zu dem eigentlichen Thema unseres Blogs zurückzukommen, nämlich der Frauenliebe, will ich hier ein kleines Büchlein vorstellen, das mich unerwartet in seinen Bann gezogen hat. „Der Himmel über Tanger“ ist sein Titel (angelehnt an Paul Bowles „Himmel über der Wüste“ von 1949) ist 2001 rausgekommen und mehr ein Stimmungsbild als eine chronologische Erzählung. Auf 136 Seiten gewährt uns die Schauspielerin Christine Kaufmann Einblicke auf ihr persönliches Tanger (Marokko), der Traumstadt am Mittelmeer, in der sie die fünf verzauberte Jahre verbracht hat.
Der Vater gerade gestorben, die Ehe geschieden, die Kinder längst flügge geworden und die Enkelkinder zu selten zu Besuch, bahnte sich eine Lebenskrise an, die im Allgemeinen mit dem Begriffen „empty nest syndrom“ oder „midlife-crisis“ umschrieben wird. Die Seele ist ausgebrannt, das Haus leer und das eigene Leben endlich geworden und doch noch längst nicht zu Ende. Durch genug eigenes Geld und einem über den Globus verteilten Freundeskreis privilegiert, wählt Christine statt einem Nachttisch voller Antidepressiva lieber die vorwärtsgewandte Flucht und beschließt sich für eine Weile sich in der sagenhaften Literatenstadt niederzulassen.
Kaum dort angekommen infiziert sie sich auch schon mit dem sogenannten „Virus de Tanger“, der mediterran, afrikanisch orientalischen Leichtigkeit des Seins. Von Bekannten zu Bekannten und Villa zu Villa ziehend lernt sie in Laufe der Zeit viel über das Land, seinen Alltag, die bunten Märkte, die verwinkelten Gassen, das Meer, den Himmel und die Touristen. Und sie lernt vor allem die arabischen Frauen kennen und ihre andere Art des In-der-Welt-Seins. Sinnlicher, sich seelisch-körperlich näher kommend und nicht so auf den Mann fixiert:

Sie, Prinzessin Rabea von Deryabar, führte mich in die arabische Frauenwelt ein, die so anders ist, als sie uns im Westen dargestellt wird. An ihr konnte ich für eine Weile den Puls der arabischen Welt fühlen. (S. 19)

Die Bandbreite der marokkanischen Weiblichkeit ist größer als unsere. Gerade die einfachen Frauen lachen sich halb tot über unsere entsinnlichte Gesellschaft. (S. 27)

Die Liebe zwischen den Frauen in Tanger hat viele Schichten. Erst auf dem Weg der westlich definierten Emanzipation wurde das weite Feld der Liebe und Sinnlichkeit parzelliert und benannt (hetero, homo und bi); vielleicht auch nur um die Vermarktung zu vereinfachen. Wie ärmlich im Vergleich zur wärmenden Vielfalt im Orient, wie ich sie im Umkreis von Rabea erlebt habe. (S. 33)

Der Grund für die große innere Emanzipation, wie ich sie in Marokko kennengelernt habe, ist der, dass die orientalische Frau den Mann nicht ernster nimmt, als sie es muss. Sie hat den Mann immer mit anderen Frauen teilen müssen, daher hat sie eine fundamental andere Beziehung zu Frauen. Schon das Küssen bei der Begrüßung ist etwas Eigenes. Es wird nicht flüchtig in die Luft geküsst, beseelt von der Angst, den Lippenstift zu derangieren oder wohlmöglich einen Busen zu spüren. Dies ist eine Form des Schnupperns, eine Art Sprache. Eine wortlose Sprache der Befindlichkeit. (S. 34)

In Tanger hatte die Weltzeit noch ein wenig ihren Atem angehalten, und die literarisch-künstlerischen Salons des 19. Jahrhunderts samt den Romantischen Frauenfreundschaften ein wenig länger als in Europa oder in den USA am Leben gelassen. Trotz (oder gerade wegen) alternativloser Ehe, Kindern und familiär kontrollierten gesellschaftlichen Verpflichtungen, blieb den Frauen immer noch genügend Zeit für die ewig geliebte Jugendfreundin, die hübsche Bedienstete oder die ältere und ewig verehrte Dame übrig. Und auch Christine hatte dort solche Erlebnisse, die sie aber oft kaum zu interpretieren wusste:

Eine Aisha (Bedienstete) schlurft mit bebendem Popo einfach ein paar Schritte in den Garten und kehrt wenige Minuten später mit einem prachtvollen Blumenstrauß in der Hand zurück, der duftet wie die Sommer im meiner Kindheit. […] Die Beziehung zur Herrschaft ist herzlich, voller körperlicher Zärtlichkeit. Vor allem natürlich zwischen den Frauen. (S. 13)

Ich werde mich immer nach der Anwesenheit meiner Fatima (ebenfalls Bedienstete) sehnen, die leise aufräumt und die wahnsinnig gerne mit mir auf den Markt ging (dafür musste ich mich immer hübsch machen, da ich ja im Prinzip ihr gehörte, oder zu ihr gehörte, auf jeden Fall gehörten wir zusammen). Wenn ich badete, kam sie unter einem hauchdünnen Vorwand rein und kommentierte, was ihr an mir gefiel. (S. 26)

Fatima war sehr verschmust, legte sich nach dem Abendessen in meine Nähe und versuchte, mir Arabisch beizubringen und mich mit der arabischen Sprache vertraut zu machen; unter anderem mit Habibi (=Liebling, Schätzchen und Geliebte/r). (S. 123)

Durch eine dramatische Szene, die sich eines Tages bei ihrer „Lieblingsaraberin“ Rabea Prinzessin Deryabar abspielte, wird Christine ein wenig aus ihren idealisierenden Tagträumen gerissen. Der folgende Textausschnitt zeigt einerseits sehr schön die erhaltene Atmosphäre des Salons des 19. Jahrhunderts und klärt aber auch wenig die Frage, ob die Romantischen Freundinnen die Grenze zur (sexuellen) Leidenschaft manchmal überschritten haben oder eben nicht. It depends…:(Ist wohl auch eine Frage der sozialen Schicht. „Prollige“ Frauen gehen meist mehr zur Sache, da sie nicht so sehr durch verinnerlichte Kulturregeln gebremst werden. Das gilt wohl auch für den arabischen Raum und das kann ich auch mit meiner eigenen Lebenserfahrung bestätigen – auch mit arabischen Frauen.)

Auch wenn die Regeln innerhalb des Freundeskreises (aus Freundinnen) eingehalten werden, ist diese Welt der fließenden Zärtlichkeiten, die Welt der gehüteten Schätze ein idealer Boden für maßlose Leidenschaft. Rabeas Haus war der Ort zweier Begebenheiten, deren Details sich in der Stadt so schnell verbreiteten wie die Schwalbenwolken, die man in Tanger so oft sieht.
In der kleinen Truppe, aus der sich das Personal zusammensetzte, hatte Rabea eine Frau, eben Zora, der Schatten. Über all die Jahre hinweg war ihre Zurückhaltung bei meinen Besuchen immer wie ein eisiger Hauch, der mir entgegenkam. Es gab kein Küsse, kein Geschnupper an den Wangen. Das schmale und ausgezehrt wirkende Gesicht tauchte immer nur kurz im Türrahmen auf. Auch servierte sie nie den Tee, wenn ich da war. Eines Tages jedoch brachte sie das schöne silberne Tablett mit den arabeskverzierten Gläsern und der bauchigen Teekanne. Ihre Missbilligung war nicht zu übersehen, und auf meine Frage, ob ihr eine Laus über die Leber gelaufen sei, lachte Rabea ihr kehliges Lachen, zuckte mit den Schultern und entgegnete: »Was willst du, sie ist verrückt nach mir.«
Dies hatte hat sich im Laufe der Jahre zugespitzt. »Allah ist mächtig, nichts bleibt ihm verborgen, und alles kommt ans Licht.« Es geschah folgendes:

Eines Tages gab Rabea eines ihrer erlesenen und an Eleganz kaum zu überbietenden Mittagessen. Auf dem Tisch standen kleine Rosenbouquets aus dem Garten. Voluminöse, intensiv duftende Rosen mit langen, dicken, an der Spitze rötlichen Dornen. Die geladenen Damen waren wie üblich gut gekleidet und die Unterhaltung ein Austausch von Informationen aus aller Welt. Denn man verreiste regelmäßig und hatte Kinder, die in Paris oder New York studierten. Man besuchte Ausstellungen, sah sich die neuesten Filme an und frequentierte die Theater, kurzum, es herrschte die Atmosphäre eines Salons aus dem 19. Jahrhundert.
Eine der anwesenden Damen war die Gattin eines wichtigen Mannes aus Regierungskreisen. Sie war weißhaarig, mit einer guten Haltung – eine Dame nach Rabeas Geschmack, eine Person, der sie nur das Allerfeinste vorsetzte. Es ist nicht so, dass sie das nicht immer anstrebt; es bereitet ihr Freude und Genugtuung. Nur diesmal kam zu dem Vergnügen auch ein gewisser Ehrgeiz hinzu.
Als Rabea nach den vorzüglichen Speisen zum Abschluss den Kaffee eigenhändig servierte, fiel ihr beim Ausgießen ein seltsamer Geruch auf. Sie hat ohnehin was von einer Stute, und es fällt mir leicht, mir das edle Gesicht mit den geblähten Nüstern in Erinnerung zu rufen, wie sie Witterung aufnahm, einen unpassenden Geruch, Gefahr im Verzug … Sie entfernte das Glas und die Kanne aus der Reichweite ihrer Gäste und ging mit Stechschritt in die Küche. Dort saß die liebe Aisha und blickte befangen zu Boden, murmelte auf die Frage, wer den Kaffee gemacht hatte, nur: »Zora hat ihn gemacht.«
Zora sah ihr mit glühenden Augen ins Gesicht, das Kinn vorgereckt und entgegnete: »Mit dem Kaffee ist alles in Ordnung.«

Ihrem Gefühl folgend füllte Rabea in einem kleinen Nebenraum der Küche etwas von dem Kaffee ab, bestellte neuen und brachte den ersten Kaffee gleich nachdem die Gäste gegangen waren in das Labor einer befreundeten Apothekerin. Schon wenige Stunden später stellte Rabea die liebende Zora zur Rede. Diese Auseinandersetzung fand unter schrillen Schreien und mit einer knienden Zora statt, die zumindest jetzt die Gelegenheit ergriff, Rabeas Schenkel zu umarmen und ihr Gesicht an den Schoß der schönen Herrin zu drücken. Rabea zog sie an den Haaren.
»Was war in dem Kaffee?«
»Es kann nur Putzmittel gewesen sein.«
»Du weißt genau, was es war. Gib es zu, oder ich zeige dich an. «

Die Wahrheit ist rührend und traurig. Und auch komisch. Im Kaffee war Zoras Urin. Sie hatte sich von einer «Jujufrau» beraten lassen, und diese hatte ihr das Geheimnis verkauft; es sei das einzig sichere Mittel, um Rabea endlich zu gewinnen. Sie in sich verliebt zu machen. Hätte Rabea ihren Urin getrunken, wäre sie für immer Zoras Geliebte geworden, für immer und ewig. So hatte es ihr die Zauberin versprochen. (S. 36 – 39)

Die Stadt mit ihren verwinkelten Gassen, bunten Basaren und der orientalischer Gastfreundschaft, der weite Himmel, das Meer und die sinnlich kommunikative Schönheit der arabischen Frauen. All dies hält Christine in einer dauererotisierten Stimmung, sie schwebt, tanzt und begehrt, fühlt sich eigenartig aufgehoben in dieser eher archaischen Gesellschaft, die noch nach Geschlechtern trennt. Frauenräume und Männerräume, Freundschaft hat noch eine Bedeutung und die Ehe ist wohl meisten mehr arrangiert als eine pure Liebesentscheidung. Sie erkennt die sinnliche Bindung der Frauen aneinander, kriegt aber den Spagat zum eventuellen sexuellen Begehren nicht hin. (Wo sie doch über die vielen schwulen Männer/Künstler, die sich seit jeher in Tanger niedergelassen haben ganz freimütig berichten kann.) Sie ordnet die Sexualität dem Manne zu und hat wohl (wie wir wohl fast alle) bei dem Begriff lesbisch mehr kerlig kurzhaarige Gestalten vor dem inneren Auge als diese schönen Frauen, die ihr in Tanger so gefallen. So aber sublimiert sie ihre erotisch-sinnlichen Empfindungen dann mehr in Esoterik, was auch ihre späteren etwas seltsamen Bücher über „Schönheit, Zen und Meditation“ erklären könnten:

Ich tanzte schon um sieben Uhr morgens alleine im Garten oder auf der Terrasse. Alle Sinne waren hellwach oder bekamen ständig Nahrung. Es erotisierte. Man muss sich vorstellen, dass hier keine Welt ist, in der man so viele Bilder an den Wänden und in den Kiosken sieht, dass der echte Mensch, die berührbare Schönheit einer Frau, sekundär wird. Wenn man von dem Blick einer schönen Frau gestreift wird, ist dies eine lebendige Person.
Eine schöne Frau, die einen liebend betrachtet, oder ein Mann, der intensiv schaut, ist weder ein Plakat oder Titelbild, sondern ein lebender Bestandteil der Wirklichkeit. Diese steht nie still. Die Flüchtigkeit des Augenblicks bestimmt die Intensität der Eindrücke.
Erst aus der Ferne entpuppt sich das Vertaute und Nahe. Erst wenn man in einer anderen Welt lebt, wird die Störung der Bilderwelt auf das sinnliche Empfinden offensichtlich. Nicht terrorisiert durch diese zweite Dimension der Wirklichkeit, entsteht ein ganz anderes Selbstbewusstsein, ein anderes Empfinden für das Begehren und Begehrtwerden. (S. 65)

Freundschaft, Sinnlichkeit, Liebe, Sex und Begehren. Ehe, Arbeit, wirtschaftliche Unabhängigkeit und geistig spirituelle Freiheit. Begriffe, die Frauen heute für sich entwirren, interpretieren oder neu erfinden müssen. Bei der (romantischen) Frauenfreundschaft wieder anzufangen halte ich aber nicht für die schlechteste aller Ideen – um von dort aus sich langsam in Richtung Sexualität fortzubewegen…