Affäre zwischen Professorin und Studentin in "Les Voleurs" (1996)

Oft sind es gebildete, attraktive und in akademischen oder künstlerischen Berufen arbeitende Frauen, die es mir besonders angetan haben. Sie stammen meist aus der oberen Mittelschicht, aus überdurchschnittlich konservativen Familien und sind die erste berufstätige Generation von Frauen. Es ist nicht einfach an sie heranzukommen, denn sie tun sich mit der Frauenliebe viel schwerer als z. B. Hausfrauen oder Frauen aus dem Arbeitermillieu. Für sie ist die Berufstätigkeit ein großer Schritt und eine Befreiung von der konventionellen Frauenrolle, die ihnen ihre Mütter und die Generationen davor für lange Zeit vorgelebt haben. Und auch sie haben die patriarchalen Regeln oft bis aufs Blut verinnerlicht, sie halten sich fest an beruflichen männlichen Hierarchien, ohne den Sinn davon zu hinterfragen und sie nehmen diese Regeln als unveränderbar/Gott gegeben an. Sensibilität und Begabung kann bei Frauen gleichzeitig Fluch und Befreiung sein, denn sie lernen auch sich der Gesellschaft besonders gut anzupassen, achten mehr darauf die Erwartung der anderen  zu erfüllen und unterdrücken deswegen oft ihr eigenes (sexuelles) Begehren (Buchtipp dazu: „Das Drama des begabten Kindes“ von Alice Miller).

Gewissermaßen gibt es einen Zusammenhang zwischen kerligen Lesben und berufstätigen, gebildeten Hetero-Frauen – beide entfernen sich ein Stück weg vom Mann – die Hetero-Frau durch ihre finanzielle Unabhängigkeit und die Lesbe durch ihre sexuelle Präferenz (und natürlich auch gezwungenermaßen durch berufliche Unabhängkeit). Was bei der maskulinen Lesbe sich vor allem äußerlich zeigt existiert bei der Hetero-Frau innerlich – sie hat eine geliehene patriarchale/männliche Identität, sie glaubt an die Berufswelt, also an die Männerwelt genauso wie die Lesbe es tut, die meint eine Frau nur in einem Männerkokon lieben zu können. Doch die Lesbe befördert sich im Gegensatz zur Hetero-Frau meistens komplett ins gesellschaftliche Abseits, während die „Karrierefrau“ eher in der oberen Hälfte der Gesellschaft steht und deswegen auch mehr Einfluss hätte sie für sich selbst zu verändern und eigene Regeln zu erfinden.

Ich habe hier einen Ausschnitt aus Rita Mae Browns Roman „Rubinroter Dschungel“ hineingestellt, der die Begegnung zwischen der jüngeren und aus einem Arbeitermillieu stammenden Molly und der älteren, hochintellektuellen Polina, Uni-Dozentin für die Geschichte der Antike, beschreibt. Beide kommen sich sexuell näher und auf welche Art und Weise das passiert verrät sehr viel über gesellschaftliche Zwänge, das unsichtbare Gefängnis in welchem intelligente und gebildete Frauen manchmal leben.

Polina Bellatoni fühlte sich fest an, zumindest ihr Arm war in guter Form. Sie war 41 Jahre alt, seit zwanzig Jahren verheiratet, hatte ein Kind großgezogen, das jetzt sechzehn war, und all das, und hatte nebenher noch für die Columbia University ihre Doktorarbeit über babylonische Beinkleider fertiggestellt. Zur Zeit lehrte sie an der Columbia University, nachdem sie die antiken Moden zugunsten mittelalterlicher Studien aufgegeben hatte. Polinas Haar war blauschwarz mit Strähnen von vollkommenem, faszinierendem Grau, und ihre Augen waren von einem weichen Braun. Falten spielten um diese Augen und verliehen ihr einen wissenden und zugleich schönen Ausdruck. Plötzlich ging mir auf, dass Männer absolute Dummköpfe waren, wenn sie um eines weichen und langweiligen Himbeergesichts willen Frauen mittleren Alters aufs Weideland schickten. Ich weiß nichts über die Liebe auf den ersten Blick, aber in diesem Augenblick beschloss ich, die Generationskluft zu überbrücken. Irgendwie, irgendwann, irgendwo würde ich diese verheiratete Dame mit der sechzehnjährigen Tochter und den Kamelballen voller Reste archaischer Unterwäsche lieben. […]

Vor meiner Verabredung mit Paul rief Polina mich an. Es tat ihr leid. Natürlich sollte es keine Rolle spielen, dass ich lesbisch war, und nach vielen Besuchen bei ihrem Psychater, der immerhin schon 1963 ihr Gefühlsleben gerettet hatte, war sie zu der welterschütternden Schlussfolgerung gekommen, dass es okay für mich war, zu sein, was ich sein wollte, solange ich mich wie ein reifes, gesundes menschliches Wesen verhielt. Sie machte mir das Kompliment, ein reifes und gesundes menschliches Wesen zu sein, und fragte, ob ich Lust hätte, am Freitag mit ihr ins Kino zu gehen? Wir sahen „Warte, bis es dunkel wird“, und der Film jagte uns beiden eine panische Angst ein. Meine Wohnung war ganz in der Nähe des Kinos, und so fragte ich sie, ob sie Lust auf einen Drink habe, ehe sie nach Hause fahre. Polina zögerte einen Moment, dann aber siegte ihr Mut, und sie sagte, ja, das wäre sehr schön. Sie war entsetzt, aber zu höflich, um es auszusprechen, als sie die wacklige, unbeleuchtete Treppe hinaufächzte. Und als sie meine Wohnung sah, in der nur eine Matratze auf Milchkartons lag und sonst überall bloß weitere bunt bemalte Milchkartons herumstanden, war sie wie vom Donner gerührt.

„Wie einfallsreich Sie sind! Sie haben da ja bezaubernde kleine Bücherregale und Stühle aus Milchkartons gemacht.“
„Danke. Ich habe eine ungeöffnete Flasche Lancer-Wein, die ich für eine besondere Gelegenheit aufbewahrt habe – wollen wir sie nicht öffnen?“
„Fein.“
Der Wein ging sofort in Polinas Zunge, und sie erzählte mir, wie verstört sie sei und dass sie insgeheim glaube, dass die lesbische Liebe jede Frau gleichzeitig anziehe und abschrecke, weil jede Frau eine Lesbierin sein könnte, es sei nur alles überdeckt und unbekannt. Ob mich der Reiz des Verbotenen dazu gebracht habe? Dann erzählte sie mir, was für eine wunderbare Beziehung sie mit ihrem Mann gehabt habe. Wegen Paul hätten sie sich verständigt, und ob die Heterosexualität nicht einfach großartig sei?“
„Mich langweilt sie, Polina.“
„Sie langweilt Sie – was meinen Sie damit?“
„Ich meine, Männer langweilen mich. Wenn einer von ihnen sich mal wie ein Erwachsener benimmt, ist das ein Grund zum Feiern, und selbst wenn sie menschlich handeln, sind sie immer noch nicht so gut im Bett wie Frauen.“
„Vielleicht haben Sie nicht den richtigen Mann getroffen?“
„Vielleicht haben Sie nicht die richtige Frau getroffen. Und ich wette, dass ich mit mehr Männern geschlafen habe als Sie, und sie ziehen alle dieselbe Show ab. Manche sind besser darin als andere, aber es ist langweilig, wenn man erst einmal weiß, wie Frauen sind.“
„Sie können doch nicht einfach da sitzen und so etwas über Männer sagen!“
„Okay, dann sage ich nichts. Lieber halte ich den Mund, als dass ich drum herumlüge.“
Sie schwieg verwirrt. Dann: „Was ist so anders, wenn man mit Frauen schläft? Ich meine, worin liegt der Unterschied?“
„Zunächst einmal ist es intensiver.“
„Sie glauben nicht, dass es zwischen Männern und Frauen intensiv sein kann?“
„Sicher, aber es ist nicht dasselbe, das ist alles!“
„Wieso?“
„O Lady, dafür gibt es keine Worte. Ich weiß nicht, es ist wie der Unterschied zwischen Rollschuhen und einem Ferrari – ah, es gibt keine Worte.“
„Ich habe das Gefühl, die Dame demonstriert zu sehr. Sie würden nicht so lautstark lesbische Reklame machen, wenn Sie sich Ihrer selbst und ihrer sexuellen Identität wirklich sicher wären.“
„Reklame? Ich habe mir ein paar Minuten Zeit genommen und versucht, eine Frage, die Sie mir gestellt haben, zu beantworten. Wenn Sie lautstarke Reklame sehen wollen, dann schauen Sie sich die Werbung in der Untergrundbahn, in den Zeitschriften, im Fernsehen an. Die dicken Schweine benutzen die Heterosexualität und den weiblichen Körper, um alles in diesem Land zu verkaufen – sogar Gewalt. Verdammt, ihr seid so schlimm dran heutzutage, dass ihr einen Computer braucht, um einen Partner zu finden.“
Polina wurde wütend, doch dann dachte sie in Ruhe darüber nach, was ich ihr da an den Kopf geworfen hatte.
„Das ist mir nie so aufgegangen, ich meine, das mit der Werbung und dem allen.“
„Mir schon. Sie sehen nie Anzeigen mit sich küssenden Frauen, die Sie dazu bringen sollen, dass Sie Salem-Zigaretten kaufen, oder ?“
Sie lachte: „Das ist komisch, das ist wirklich komisch. Die ganze Welt muss für Sie ja anders aussehen!“
„Sieht sie auch. Sie sieht zerstörerisch, krank und zersetzt aus. Die Leute haben kein Ich mehr (vielleicht haben sie ja nie eines gehabt), und so ist ihre Basis ihr Sex – ihre Genitalien, mit denen sie ficken. Da lachen doch die Hühner!“
„Ich – sind alle Homosexuellen so klarsichtig wie Sie?“
„Das weiß ich nicht. Ich habe nicht mit allen Homosexuellen geredet.“
Polina hatte Verstand genug, um wegen dieser letzten Frage verlegen zu sein. Schweigend leerte sie ihr Glas, dann lud sie wieder nach. Sie wurde allmählich betrunken. „Vielleicht sollten Sie zu Sodawasser übergehen. Ich möchte nicht, dass Sie sich volltanken.“
„Nein, nein, mir geht’s gut. Ich trinke jetzt nur noch kleine Schlucke.“ Und sie kippte das halbe Glas hinunter. Sie begann mich offen anzustarren. Ich mochte Polina, vielleicht liebte ich sie sogar etwas, aber dies war schwer zu ertragen. Ich hatte nicht erwartet, dass eine so intelligente Frau auf eine so klassische Weise heterosexuell bigott sein konnte. Ich kam mir vor wie ein Käfer unter dem Vergrößerungsglas. Wer weiß, vielleicht liegt die einzige Schönheit, die es in den großen Städten noch gibt, in den Öllachen auf der Straße, und vielleicht ist in den Menschen, die in solchen Städten leben, kein Fünkchen Schönheit mehr.
Polina unterbrach mich bei diesen grimmigen Gedanken. „Molly, haben Sie mit vielen Frauen geschlafen?“
„Hunderten. Ich bin unwiderstehlich.“
„Seien sie ernst.“
„Ich bin ernst. Ich bin unwiderstehlich.“ Ich streckte die Hände aus, legte sie auf ihre Schultern und gab ihr einen Kuss, der uns beide in die Glieder fuhr. Sie wollte sich losreißen, entschied sich aber, auszuharren. Edel und mutig von ihr. Wie zu erwarten musste sie nach dem Kuss protestieren.
„Das hättest du nicht tun sollen. Du bist in meinen Augen nicht anders als ein Mann, wie du da herüberkommst und mich einfach, ohne zu fragen, küsst.“
„Wenn ich dich gefragt hätte, hättest du mich nicht geküsst. Hier, lass mich dir noch einen Kuss geben, damit dir der Unterschied bewusst wird. Es wäre mir unerträglich, wenn du mich weiterhin mit dem entgegengesetzten Geschlecht verwechseln würdest.“
Ihre Augen weiteten sich, und sie begann sich zu sträuben, aber ich war in keiner mitfühlenden Stimmung. Ich hielt sie fest und verabreichte ihr einen langen französischen Kuss. Sie fand es herrlich. Sie fand es herrlich und hasste mich, weil ich sie dazu brachte, es herrlich zu finden. Wutentbrannt riss sie sich los. „Wie kannst du es wagen! Wie kannst du es wagen – ich bin alt genug, um deine Mutter zu sein.“
„Ich bin alt genug, um zu wissen, dass das nichts ändert. Warum kletterst du nicht von deinem geheiligten Schwanz herunter? Du magst es doch. Jede Frau, die noch eine halbe Vagina hat, würde das mögen. Sich unter Frauen zu küssen ist schön. Und unter Frauen miteinander zu schlafen ist Dynamit. Warum lässt du dich nicht einfach los und probierst es aus?“
„Das ist ja ungeheuerlich. Du bist verrückt geworden!“
„Das ist unzweifelhaft eine Möglichkeit, aber zumindest weiß ich, wovon ich spreche, aus praktischer Erfahrung. Du kennst nur die eine Seite der Geschichte…“
Das kränkte sie. Es traf zu sehr den Nagel auf den Kopf. Ich war gute fünfzehn Zentimeter kleiner als Poilna, aber das hielt mich nicht davon ab, zu ihr hinüber zu gehen und sie auf meine Matratze zu legen. Bevor sie ihre weichen Hände ballen konnte, um auf mich loszuprügeln, gab ich ihr wieder einen Kuss. Und ich berührte ihre Brust, presste ihre Schenkel, und Polina kam zu dem Schluss, dass sie tatsächlich die andere Seite der Geschichte nicht kannte, und 41 Jahre sind eine lange Zeit im Dunkeln. Da lag sie nun, und wie angenehm, dass ich sie halb gezwungen hatte! Auf diese Weise konnte sie die Verantwortung dafür, dass sie sich mit einer anderen Frau liebte, von sich weisen; auch der Wein trug sein Teil dazu bei. Doch aus welchen Gründen auch immer, sie küsste mich zurück. Sie streckte sich auf der Matratze aus und drängte sich an mich. Da war nicht viel zu sagen…