Gute und auch neuere Literatur, die sich authentisch dem mit dem weiblichen in-der-Welt-Sein beschäftigt oder sich gar der Frauenliebe widmet ist leider nur schwer zu finden. Autorinnen wie Miriam Müntefering, Ruth Gogoll und endlose Ariadne Krimiserien haben zwar auch ihre Daseinsberechtigung und einen gewissen Unterhaltungswert, aber eben nicht nur… Daher war ich sehr erfreut, als ich in den Weiten des Internets den Wiener Verlag Milena entdeckt habe. Und auch wenn sie ihr Programm seit 2007 zeitgeistgemäß leider in Richtung „Queer“ verändert zu haben scheinen –  Zitat aus der Verlagsselbstdarstellung:

„Wir trennen die menschlichen Belange nicht länger in jene von Männern und Frauen – als wesensverschiedene Daseinsformen –, wollen Gegensätze nicht vertiefen, sondern das Füreinander fördern und uns dem Allgemein Menschlichen zuwenden. Wir wollen ein Programm entwickeln für Alle, die an sich selbst, Andere, das Leben und die Literatur Erwartungen haben. Nach dem Motto: Heftige Bücher für heftige Menschen.“

–  Konnte ich dort dennoch ein paar sehr interessante Bücher entdecken, von denen ich hier einige stellvertretend vorstellen will:


As long as

Wie werden Begehren und Miteinandersein lesbischer Frauen gelebt? Welche Formen von Beziehungen oder eben gerade Nicht-Beziehungen werden erprobt? Gewünscht? Erwartet? Wie geht es weiter? Diese Fragen dienten als Aufhänger für diesen Sammelband, der sich in gewisser Weise als Fortsetzung der „c/o coming-out. storys“ versteht. In diesen Geschichten geht es weniger um den Blick durch die rosarote Brille, oder um das Aussparen von Problematiken, sondern vielmehr um Realitäten, die lesbische Beziehungen ausmachen: Sie erzählen von den Tücken des Alltags, Brüchen und Schwierigkeiten, Langeweile und Eifersucht, Verwicklungen und Trennungen, von Rollenbildern und Rollenaufteilungen, Monogamie und Mehrfachbeziehungen. Sie erzählen von Höhen und Tiefen. Vom Glück und vom Scheitern.

Barbara G. Wochner
Manch eine wird

Barbara G. Wochner geht in ihrem lyrischen Sprachband, in den die Fotoserie NabelSchnurBlut oder die Ferse der Achilla verwoben wird, den Fragen nach dem Sein-in-der-Welt, dem Nicht-Sein, dem Verworfen-Sein und der „weiblichen“ Subjektkonstitution auf den Grund. Fundamente, die Universalität in patriarchaler Tradition „männlich“ definieren, geraten dabei ebenso radikal ins Wanken, wie der neuerlichen Einschränkung und Eingrenzung eines „Weiblichen“ die Essenz entzogen wird.
In einer von Metaphern und Zeichen durchsetzten poetischen Sprache, die in kühnen Bildern Bahnen für eigenes Assoziieren freigibt, verfolgt die Autorin die Be- und Umschreibung möglicher Wirklichkeiten, die im Ineinanderwirken der Ebenen von Phantasmen, Gesellschaftskritik, Alltagsrealitäten, historischen Ereignissen und mythologischen Elementen ihren verdichteten Ausdruck finden.
Wie ein roter Faden durchzieht dieses Buch das Aufbrechen alter und neuer Dogmen, das Aufzeigen von Ambivalenzen, verbunden mit der Suche nach Möglichkeiten von Formen „weib-weiblichen“ Bezugnehmens, des Erfahrens und der Repräsentation von Wirklichkeiten, die keinen festen Ort haben, die aber dennoch in, mit und gegen vorherrschende Ordnungen bestehen.

Hélène de Monferrand
Gefährliche Freundinnen

Spiel des Zufalls, Macht des Begehrens, Sehnsucht über Hunderte Kilometer hinweg, Verwirrung der Gefühle, Leidenschaft, die alles infrage stellt und Liebe, die unvermutet da ist, für kleine Ewigkeiten faßbar und doch nie begreifbar wird …

Gefährliche Freundinnen erschien 1990 in Paris, und noch im selben Jahr erhielt die Autorin den Prix Goncourt für den ersten Roman. Die französische Presse feierte diese „Version der gefährlichen Liebschaften“ im ausgehenden 20. Jahrhundert – bezugnehmend auf Choderlos de Laclos Briefroman Les liaisons dangereuses aus dem Jahre 1782 – mit ausnahmsloser Begeisterung.

In Monferrands Roman geht es um lesbische Lieben, um Freundinnenschaft und um die Gefahren, die immer drohen, wenn sich die eine der anderen ausliefert, ob als Freundin oder als Geliebte. Über Generationen hinweg lassen sich die Geschichten der Frauen in Form ihrer Briefe verfolgen: Sie kommen sich näher und distanzieren sich wieder, leben u.a. in Wien, Paris, Kopenhagen, Stockholm … Sie verletzen sich, intrigieren gegeneinander und versöhnen sich, doch manchmal kommen Versöhnungsangebote zu spät …
Die individuellen Geschichten der Frauen stehen im Kontext der jeweiligen politischen Gegenwart in der Zeit zwischen 1964 bis 1980, der massiven Auswirkungen des 2. Weltkrieges, des Algerienkrieges, der Ereignisse des mai ’68 und des vehementen Einflusses der Frauenbewegung – nicht nur in Frankreich.

Hélène de Monferrand, geb. 1947 in Frankreich, verbrachte einen Teil ihrer Kindheit in Algerien. Lebt u.a. als Journalistin und Autorin in Paris. Für Gefährliche Freundinnen (Les amies d’Héloïse, Editions de Fallois, Paris 1990) bekam sie 1990 den Prix Goncourt. Romanveröffentlichungen u.a. Journal de Suzanne (1991), Les enfants d’Héloïse (1997). Sie ist eine der Gründerinnen des französischen Frauenverlages Double Interligne sowie Mitarbeiterin der Monatszeitschrift Lesbia Magazine in Paris.

Suzana Tratnik
Unterm Strich
Erzählungen aus Slovenien

Dann fiel die Berliner Mauer, und als erstes räumten sie mit ein paar Lesben- und Schwulenlokalen auf. Aber in Ljubljana, Gott sei Dank, würde sich Ines mit diesem Problem nicht besonders herumschlagen müssen. Bei uns räumen die Lesben und Schwulen zum Großteil mit sich selber auf und bringen sich in Sicherheit. (aus: Untergrund)

Suzana Tratnik zeichnet in ihren Erzählungen Lebenswelten von Lesben im Slowenien der 90er Jahre. Jugoslawien und das alte System sind zerfallen, die Grenzen wurden neu gezogen, auch in der Gesellschaft. Sie präsentiert literarische Momentaufnahmen aus dieser „neuen“ Welt – kritisch, poetisch, phantastisch und humorvoll. Ihre Figuren sind von Zerbrechlichkeit geprägt. Sie flüchten in die Kindheit, die Nacht, den Rausch, in surreale Traumwelten. Ihre Suche nach Beständigkeit und Liebe und ihre Auflehnung gegen den Lauf der Dinge machen sie verletzbar – doch finden sie neuen Halt, indem sie ihre Verzweiflung, Angst und Isolation durchbrechen und sich den Problemen stellen. Der Blick auf die Schauplätze und das Sein in der lesbischen Subkultur ist differenziert:

Es gibt keine „Szene“ schlechthin, vielmehr werden rational-sinnliche Erfahrungswelten junger Frauen an der städtischen Peripherie vermittelt. Ebenso vielfältig ist die Wahl literarischer Mittel und Gattungen: neben poetischen Bildern, Märchen, psychologischen und sozialen Dramen finden sich kritische Reflexionen im Hinblick auf individuelles Handeln ebenso wie in bezug auf die Gesellschaft. Das verbindende Moment liegt in dem Bedürfnis, sich mitzuteilen, verstehen zu wollen, was geschehen ist und was geschieht. Die (Ich-)Erzählerin bezieht ihre LeserInnen ständig in den Dialog mit ein und macht sie so zu einem Teil des Geschehens.

Agáta Gordon
Ziegenrouge

Die junge Protagonistin und Ich-Erzählerin Leona zieht mit ihrer Geliebten aufs Land in ein Waldhaus nahe einem ungarischen Provinzdorf. Nach jahrelangem Versteckspiel in der Enge der Familien, im Internat und im StudentInnenwohnheim soll hier nun endlich ein unbeschwertes gemeinsames Leben beginnen. Doch die Dorfgesellschaft reagiert mit Argwohn, aufdringlichem Mißtrauen und Feindseligkeit auf die beiden Frauen – ihre „unübliche“ Beziehung hat im starren konventionellen Provinzgefüge keinen Platz.

Als ein weiteres Lesbenpaar die Bühne der Handlung betritt, scheint sich die Situation zunächst für alle vier zu entspannen. Dann jedoch verliebt sich die Freundin der einen in die Freundin der anderen … und das fragile Beziehungsgeflecht zerreißt. Leona vermag der psychischen Belastung nicht länger standzuhalten und läßt sich von zwei Freundinnen in eine psychiatrische Klinik bringen.

Hier beginnt Leonas Geschichte, erinnernd erzählt, von ihrer frühesten Mädchenzeit ausgehend, als sie bereits wußte, daß sie lesbisch ist. Ohne ins Rührselige, Selbstmitleidige abzugleiten, gelingt es der Erzählerin, eindringlich und atmosphärisch dicht die erlittenen Zurückweisungen und vielen Kränkungen zu schildern, die sie schließlich in tiefste Melancholie zurückwerfen.

Karin Rick/Diana Voigt (Hg.)
Mit Würde und Feuer
Über Frauenfreundschaften

Beziehungen zwischen Frauen sind vielfältig und voll der unterschiedlichsten Gefühle und doch oft prägende und einzigartig für die Einzelne. Von vertrauter Freundschaft über erotische Anziehung und intensive Liebesbeziehung und auch Misstrauen und Konkurrenz bis hin zur spannungsreichen, oft schwierigen und auch sehnsüchtigen Liebe zu Mutter, Großmutter oder Schwester spannt sich der Bogen der Texte.

14 Autorinnen aus Österreich, Italien, Frankreich, Deutschland, Canada und den USA beschreiben in ihren Originalbeiträgen mit Ironie, Tiefgang, Witz, Intensität und auch Trauer diese Beziehungsvielfalt.

Karin Rick
Côte d’Azur

Zwei Frauen – eine Liebesgeschichte
Eine Liebeserklärung an die intensive Sinnlichkeit zweier Liebhaberinnen, an jene begnadete Verfassung des physischen und seelischen Miteinanders.

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Und wer sich für noch mehr Bücher interessiert, der klicke entweder auf die obere Leiste Literatur, oder auf die sich am rechten Blogrand befindliche Linkliste Bücher zur Frauenliebe.