Bei meinen eigenen Recherchen bin ich – unter der Rubrik Science Fiktion & Fantasie von und für Frauen – auf eine in Deutschland fast unbekannte Schriftstellerin gestoßen:

Francoise d’Eaubonne: „Das Geheimnis des Mandelplaneten“ (1978, leider keine Neuauflage mehr.)

Die 1920 geborene französische Schriftstellerin Francoise d’Eaubonne führte 1974 den Begriff des „Ökofeminismus“ ein und war eine der Mitbegründerinnen der „Front Homosexuel d’Action Révolutionnaire“. Ihre Lebenswege kreuzten sich unter anderem mit Simone de Beauvoir, Jean-Paul Sartre und Jean Cocteau.
Das Buch spielt im sogenannten „ektogenetischen“ Zeitalter, und zwar im Jahr 2087 unserer Zeitrechnung, das dem Jahr 101 des ektogenetischen Zeitalters entspricht. In dieser Gesellschaft wurden nach einem grausamen Krieg zwischen Männern und Frauen die Männer völlig ausgerottet. Man berief sich dabei auf das sogenannte Scum-Gesetz – „scum“ bedeutet Abschaum, ist aber auch eine Abkürzung für die „society for cutting up men“, von der Valerie Solanas 1967 in ihrem „Scum Manifesto“ schrieb. Darin wurde, wie in der fiktiven Gesellschaft des Romans verwirklicht, gefordert, alle Männer zu töten und nur mehr Mädchen zu gebären.


Vor der endgültigen Ausrottung des männlichen Prinzips gab es in der Romangesellschaft noch sogenannte „Männerharems“. Allerdings werden Frauen, die tatsächlich noch einen biologischen Vater haben bzw. überhaupt Blut von Männern in sich tragen, als mit einem Makel behaftet angesehen. Männer werden – sofern sie überhaupt erwähnt werden – nur „Befruchter“ genannt und dadurch instrumentalisiert und entpersönlicht. Und das Wort „Vater“ gilt als das „verworfenste, skandalöseste Wort des verfluchten Vokabulars der Dunklen Zeiten“ . Der Wahlspruch lautete „Delendus est animus“. In einer besonders drastischen Szene – einer Massenhochzeit von Frauen unter dem erzwungenen „Amen“ des letzten Papstes – wird eine Hymne mit dem Text „Wann werden wir den letzten Adamssohn mit den Eingeweiden seiner letzten Komplizin erwürgt haben?“ angestimmt. Die Erinnerung an die früheren Zeiten wird streng reglementiert.

Die Fortpflanzung funktioniert mit der sogenannten Ektogenese, einer Abfolge elektrischer und chemischer Prozesse. Dafür wurde eine bestimmte Zahl von Schemata festgelegt, aus denen die Frauen auswählen können. Diese beschränkte Auswahl, so wird teilweise befürchtet, gefährdet aber den Gen-Pool und somit die Vielfalt der Persönlichkeiten. Die sogenannte „Lex Kleopatra“ setzt in Übereinstimmung mit dem Wohlstand der Gesellschaft fest, wie viel Töchter geboren werden dürfen. Die Mutterschaft wird als etwas Besonderes angesehen – das Datum der Mutterschaft wird zwischen Geburt und Tod auf dem Grabstein eingetragen.
Als Symbol des weiblichen Geschlechtes fungiert die Raute – sie ziert jedes öffentliche Gebäude. Alle irdischen Städte wurden (meist nach Frauen) umbenannt: So gibt es unter anderem New-Isis, Nova-Lutetia, Cività-Lukrezia und Carlottaville. Die Gestirne heißen zum Beispiel Penthesilea, Siriusa, Brunhilde, Kassiopeia, Saturna, Davida und Bärin.

In diesem Rahmen bewegt sich die Geschichte. Eine Gruppe von Uranautinnen  wird mit der Erkundung eines Planeten nahe einer mandelförmigen Sonne beauftragt. Zehn Monate zuvor war dort das Schiff „Semiramis“ verunglückt, es gab nur eine Überlebende. Diese Überlebende, Concepcion, ist eine der älteren Frauen an Bord der zweiten Mission. Ihr Name – Concepcion bedeutet Empfängnis – weist bereits daraufhin, dass sie einen biologischen Vater hat, was ja als Makel empfunden wird.

Der Planet, auf dem sie sich befinden, weist verschiedene Eigenschaften auf, die nach gewisser Zeit unschwer als Symbole für weibliche und männliche Sexualität entziffert werden können – es gibt finstere Höhlen; einen rätselhaften Megalithen, der sich von Zeit zu Zeit in Richtung der mandel- bzw. rautenförmigen Sonne aufrichtet; einen dunkel umwaldeten rosafarbenen See, etc. Wie sich herausstellt, war die „Semiramis“ durch das Aufrichten des Megalithen zerstört worden, der das Schiff während seines Flugs getroffen hatte.

Zum Schluss des Buches sitzen die beiden Ältesten, Concepcion und die Erzählerin Ariane, zusammen. Concepcion zeigt ein Bündel mit Briefen und Photographien her, das sie im Nachlass ihrer Mutter gefunden hat. Daraus geht hervor, dass ihre Mutter sich zu ihrem Vater, der in einem der letzten Männerharems lebte, nicht nur körperlich hingezogen fühlte. Außerdem sind Briefe ihres Vaters Glycinus erhalten, in denen er sein Verständnis für die Ermordung aller Männer – und damit des gesamten „Animus-Prinzips“ – ausdrückte, die zu diesem Zeitpunkt noch im Planungsstadium war.

Angesichts des Zusammenspiels von weiblichen und männlichen Kräften auf diesem Planeten stellt sich Concepcion eine Frage: Hätte es nicht noch einen anderen Ausweg gegeben als jenen, die Männer zu vernichten, nachdem es doch offensichtlich welche gab, die bereit waren, „von Schwertern zu Blumen zu werden“? Die beiden Frauen kommen jedoch zur Ansicht, dass es keine andere Möglichkeit gegeben hätte – zu unterschiedlich wären die Lebensweisen von Männern und Frauen gewesen, als dass Animus und Anima auf Erde wie auf dem Mandelplaneten gemeinsam existieren, einander geben und nehmen hätten können.

(Quelle: Mitgliederzeitschrift von Mensa Österreich Nr. 314, Juni 2004)

Das ist natürlich sehr radikal und hört sich in den „Zeiten der Gender-Gleichstellungspolitik“ fast ein wenig antiquiert und mythisch-esoterisch an. Aber wohl allemal interessanter als was heute so auf dem Science Fiktion & Fantasie Buchmarkt zu finden ist. Technik- und Kampflastige Männer- Terminator- Erlösungsfantasien, infantile Harry Potter Zauberwelten oder zwangsheterosexualiserte Kleinmädchen- ich bleibe Jungfrau und hilflos bis ER kommt- Vampirgeschichten.

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