Szene aus "Mädchen in Uniform" mit Romy Schneider und Lilli Palmer

Hier ist eine wahre Geschichte aus meinem Leben. Sie scheint sehr außergewöhnlich zu sein, aber irgendwie ist sie es auch nicht. Ich denke, dass das was ich erlebt habe kein Einzelfall ist, denn ich habe von anderen Studentinnen ähnliche Geschichten gehört – von Gesangslehrerinnen die sich in ihre Schülerinnen hineinsteigern (in meinem Fall war es die Geigenlehrerin), von Vorfällen bei denen die Grenze zwischen dem Beruflichen und Privaten überhaupt nicht mehr auszumachen war. Der musikalische Einzelunterricht ist ein winziger weiblicher Mikrokosmos in einer ansonsten eher männlich dominierten Welt, ein Raum in dem zwei Frauen unter sich sind und sich auf der intimsten Ebene begegnen können. In diesem Raum kann viel passieren – und ganz ehrlich – wieviele rein weibliche Räume gibt es denn überhaupt noch?

Der übliche Fall ist, dass die Lehrerin keine Freundinnen in ihrem Alter findet und in ihren Schülerinnen eine Art von Beziehungsersatz sucht. Sie verabredet sich manchmal auch privat mit ihnen, so wie es in meiner Geschichte der Fall ist.

Sie war Ende vierzig und hatte eine Vorliebe für sehr teure Parfums, die sich einprägend durch die Flure der örtlichen Musikschule zogen. Sie schminkte sich ihre Augen mit einem Lidstrich wie Maria Callas, die sie verehrte und durch die sie mich zum Operngesang brachte. Sie war in Russland dressiert worden, stieg auf zum Fernsehstar und kam dann mit 18 Jahren nach Deutschland an die Musikhochschule, studierte bei einem weltberühmten Professor – und heiratete einen noch viel älteren Mann. Doch im Gegensatz zur Callas gab sie ihre Karriere für die Kinder auf und arbeitete als Geigenlehrerin an einer städtischen Musikschule in der Provinz.

Es fing damit an, dass sie mich immer bis zur Bushaltestelle im Auto mitnahm. Sie parkte mitten im Verkehr und wir redeten und redeten, konnten uns nur schwer voneinander trennen. Ich war gerade 14 geworden und sie eröffnete mir eine völlig neue Welt. Ich kaufte alle CDs die sie mir auftrug und verlor mich in der Welt der romantisch-dramatischen Klänge. Rachmaninov und Chopin, Sibelius-Violinkonzert und Symphonie Pathétique von Tschaikowsky spiegelten mein unterdrücktes, aber doch immer stärker werdendes Verlangen und Sehnen nach ihr wieder. Eines Tages, ich auf dem Beifahrersitz neben ihr, legte ich meine Hand vorsichtig auf ihren Oberschenkel (ich hatte das in irgendeinem Film gesehen). Sie blieb still, sie wehrte sich nicht, auch nicht, als ich all meinen Mut zusammen nahm und mit meinen Fingern zwischen ihre Beine glitt. „Magst du das?“ fragte ich sie verwirrt und sie antwortete mir ebenso verunsichert „Das musst du ja nicht wissen…“

Dann waren wir zwei, die sie abgöttisch liebten, – ich und meine beste Freundin Anna, die auch bei ihr lernte und sich bald in einem unerbittlichen Konkurenzkampf im Geigen und um die Gunst der Lehrerin gegen mich stellte. Ich war damals 16 und sie 18.

Ammy, so nannten wir sie zärtlich, lies sich nach den gemeinsamen Konzerten von uns in Bars abschleppen – oder sie schleppte uns ab – ich weiß es nicht mehr so genau. Sie bezahlte uns teure Cocktails und sie liebte es mit uns zu flirten und uns als ihr Eigentum zu präsentieren. Wenn sie mit uns im Parkhaus ihren schwarzen BMW suchte, dann hielten wir sie noch lange fest, rangelten mit ihr und sie ließ sich unter halblauten Protesten von uns abküssen. Dann brauste sie im Eiltempo in die Nacht hinaus…
Ein Bild welches ich nie vergessen werde – wir in ihrem pechschwarzen BMW, sie am Steuer, sie fuhr Richtung Innenstadt und plötzlich in einen Kreisverkehr. Sie fuhr immer weiter im Kreis und wir kreischten und lachten, keiner von uns kannte das Ziel.

In den Sommerferien hat sie immer nur meine Freundin zu Hause besucht. Sie hat für uns gekocht (das konnte sie wirklich gut) und die Eltern meiner Freundin haben nie etwas von diesen Besuchen, während sie im Urlaub waren, erfahren.
Eines Abends spielte sie selbst ein Konzert, ein Violinkonzert von Bach und war noch viel aufgeregter als wir. Danach gingen wir mit dem Orchester etwas trinken, die Leute beäugten uns neugierig, man ahnte, dass da etwas war. Kurz vor Mitternacht fuhr sie uns noch bis zur Bushaltestelle und sie war angetrunken und immer noch aufgekratzt von dem vielen Lampenfieber. Ich spürte die Gelegenheit und küsste sie zum Abschied mitten auf den Mund und meine Freundin machte es mir wie immer nach. Doch bei ihr wurde sie ganz still, sekundenlang ruhten Annas zarte Lippen auf ihrem dunkelrot geschminkten Mund, sie wartete und wartete auf mehr, aber nichts passierte.

Dann irgendwann brach das „Verrückte Trio“, wie uns eine andere Geigenlehrerin neidvoll nannte, auseinander – ich hatte ein neues Leben, einen Studienplatz für Gesang an der Musikhochschule und eine neue Lehrerin, die ich verehrte. Eifersucht hatte die Beziehung zwischen mir und Anne vergiftet, zusammengeschweißt in Hassliebe liebten wir beide mehr die Lehrerin als uns gegenseitig. Sie aber konnte sich nicht entscheiden, oder vielleicht fand sie es auch einfach nur schön bewundert zu werden. Ich war die aktivere von uns beiden, meine Freundin war die attraktivere – das war das Drama.

Und jetzt vor kurzem habe ich wieder mit ihr telefoniert (ich kann wirklich schlecht mit Frauen abschießen). Ich wollte es genau wissen… habe mir vorher ein Glas Wein gegönnt und ihr von meiner (ebenso verheirateten) Schauspiellehrerin erzählt, die sich mit mir verabredete und mir dann mitten in der Öffentlichkeit einen Zungenkuss gab. Sie war beeindruckt, aber meinte, dass das mit Liebe nicht so viel zu tun hätte, da sie so schnell zur Sache gekommen sei.

Dann erzählte sie mir Folgendes: Sie war mit Anfang zwanzig in Lesbenbars gewesen, aber die Frauen hatten ihr nicht gefallen und sie sagte, dass sie von ihnen von oben herab behandelt worden wäre (was gut sein kann, denn die Lesben verachten alles weibliche). Und ja, sie wusste auch von den romantischen Frauenfreundschaftendes 19. Jahrhunderts, hatte George Sand gelesen und schwärmte für Greta Garbo und Romy Schneider – sie wusste auch, dass beide Affären mit Frauen hatten. Aber mit dem Sex, damit tat sie sich schwer, sie wollte nicht so richtig daran glauben, oder vielleicht verdrängte sie das aus einem anderen Grund. Ich beschrieb ihr, wie ich mich mit meiner Schauspiellehrerin im Einzelunterricht angefasst und geküsst hatte und sie taute langsam auf. „Schläfst du denn noch mit deinem Mann?“ fragte ich sie und sie bejate es sofort. „Und willst du das denn?“ Es folgte eine unerträgliche Stille, bis sie stammelte, dass das doch egal sei und dass es doch jeder auf seine Art mache. „Dein Körper sollte dir aber schon gehören…“ Mehr Worte brachte auch ich nicht mehr hinaus, ich kam auch nicht dazu, denn sie musste panisch auflegen – ER hatte etwas gemerkt, ein dunkler Schatten im Hintergrund, wachsam wie ein Tier, den Machtverlust genau spürend.