Draculas Daughter mit Gloria Holden, USA 1936

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, so Lillian Faderman, hat es eine Flut von Romanen über lesbische Vampirinnen gegeben. Das Vampirmotiv als Metapher für lesbische Lebensformen taucht in Francis Brett Youngs White Lady (1935) ebenso auf wie in Trio (1943) und Vampir (1932) von Dorothy Baker. Faderman sieht dieses Phänomen in Zusammenhang mit der Pathologisierung von Frauenfreundschaften. War die Frauenbeziehung im 19. Jahrhundert gesellschaftlich noch akzeptiert, so wurde diese in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch die Vampirmetapher in etwas Unnatürliches definiert.

Am bemerkenswertesten ist hierbei der viktorianische Roman „Carmilla“ (1871) von J. Sheridan Le Fanu, der bereits 25 Jahre vor Bram Stokers „Dracula“ erschien. Carmilla ist eine aristokratische Adlige, die Gräfin Millarca Karnstein, die einhundertfünfzig Jahre nach ihrem Tod als Vampirin wiederaufersteht.

Carmilla legte ihre schönen Arme um meinen Hals, zog mich an sich, die Wange an meiner, murmelte sie: „Liebste, dein kleines Herz ist verwundet; halte mich nicht für grausam, weil ich dem unausweichlichen Gesetz meiner Stärke und Schwäche gehorche; wenn dein liebes Herz verletzt ist, blutet mein wildes Herz mit ihm.

(Alle Zitate aus dem 1992 in London erschienenem Buch „Vampires & Violets. Frauenliebe und Kino“, von Andrea Weiss, Kapitel 4.)

Vampire, wer saß nicht schon spätabends mit wohligem Schauer vor dem Fernseher und sah sich Filme an wie: Nosferatu, eine Symphonie des Grauen aus dem Jahre 1922 und mit dem legendären Schauspieler Max Schreck, Tanz der Vampire (1966) von Roman Polanski, Begierde (1983) mit dem Trio David Bowie, Susan Sarandon und der schönen Catherine Deneuve, und dann noch die Romanverfilmung von Anne Rice, Interview mit einem Vampir von 1994 mit Brad Pitt in der Rolle des Vampirs Louis. Und es gibt noch unzählige weitere Filme und auch Fernsehserien, die dieses Genre bedienen. Angefangen von Buffy – Im Bann der Dämonen (1997-2003), über Blade und John Carpenter´s Vampires (1989), Angel – Jäger der Finsternis (1999-2004), bis hin zu Twilight Bi(s) zum Morgengrauen, dem neusten Machwerk Hollywoods.

Doch die allermeisten dieser Filme haben, so denkt man auf den ersten Blick zumindest, eine eher heterosexuelle Lovestory, der aristokratisch blass dunkle Mann als blutsaugender Fremder und erotisch unwiderstehlicher Bad Guy. Ein Charismatiker, der an das Blut und den Lebenshauch der schönen jungen Frauen will. Aber war das immer so? Und ist der Vampir von seinen Wurzeln her männlich? Dracula, als sozusagen der Vater aller Vampire und ihren Geschichten, und er soll angeblich auf den walachischen Fürsten Vlad den Dritten und den Pfähler (1431-1476, und er trug diesen Beinamen wegen seiner Vorliebe für die Hinrichtungsart der Pfählung) zurückgehen. Aber ist er wirklich die Quelle allen „Übels“? Die Essenz des Ganzen?

Aber halt, gab es da nicht noch diese blass-schöne ungarische Gräfin Báthory, die im 16 Jh. auf der in den heutigen slowakischen Karpaten gelegenen Burg Čachtice hausend an die 650 Jungfrauen umgebracht haben soll? Sie verführte und quälte adlige Mädchen, und verging sich an leicht zu habenden Bäuerinnen und Dienstmägden. Ein narzisstischer Blutrausch, denn die gängige Theorie über sie lautet, dass die durch das Blutbaden jünger aussehen wollte. Oder waren es doch mehr unverhohene Lustmorde, einer durch jahrhundertelange adlige Inzucht und auch durch diese „alles ist möglich und machbar“ Einstellung der herrschenden Klasse-ähnlich den heutigen Prominenten- gezeichneten (frauen)begehrenden Frau? Wir wissen es nicht, aber hier noch mal Zitate:

Solche schrille Metaphorik ist weit entfernt von den typischen, eher romantischen Filmen über lesbische Vampirinnen, die sich durch bestimmte Charakteristika auszeichnen: gespenstige Stimmung und Bilder, große, leere Schlösser und dunkle, unheimliche Landschaften, und zu Beginn die Ankunft einer geheimnisvollen aristokratischen Person.

Die Vampirinnen, die immer adlige Frauen sind und andere adelige Frauen verführen wollen, zeigen in ihrem scheinbar wahllosen Attacken und Mordanschlägen gegen Bäuerinnen, Dienstmädchen deutliche Klassenvorurteile.

(Ebenso aus „Vampires & Violets. Frauenliebe und Kino“, von Andrea Weiss, Kapitel 4.)

Richtig, und wenn man ein bisschen mehr in der Filmgeschichte rumstöbert, findet man auch zahlreiche Beispiele für lesbische Vampirinnen. Das Repertoire reicht von den Verfilmungen der viktorianischen Romanvorlage „Carmilla“ in Draculas Daughter (1936) und Gruft der Vampire (1970), über skurrile 70er Jahre Sexhorrorfilme wie Vampyros Lesbos – Erbin des Dracula (1970) oder Nur Vampire küssen blutig (1971), bis hin den schon erwähnten Deneuve Kunstklassiker Begierde und den lesbischen Szenen in Buffy und Co. Und, hier zitiere ich abermals aus Vampires & Violets, ist die lesbische Vampirin sogar einer der machtvollsten Darstellung von lesbischer Existenz, die es auf der kommerziellen Filmbühne gibt. Und natürlich wurden dort sämtliche sexual-psychologietheoretischen „Erkenntnisse“ der jeweiligen Zeit auf sie projiziert. Sie sei narzisstisch wurde gesagt, sie wolle ihre jungen weiblichen Opfer erst hörig machen um dann mit ihnen zu verschmelzen, wie mit dem eigenen Spiegelbild, das sie angeblich nicht haben solle. Und sie sei infantil, stürze sich statt auf die Kehle auf die Brust ihres Opfers. Das Töten ist also erwachsen und das Nähren unwiderruflich infantil. (Denn der Mutterbrust entwachsene Mann habe sich gefälligst dem Business oder den Kriegsgeschäften zu widmen und den SeelenTod dem Leben vorzuziehen.) Und sie, die Frau und frauenbegehrende Vampirin, ist auch eine mit Stachelbrüsten, Krallenhänden und einer Vagina Dentata ausgestattete tödliche Sexgöttin. Sie ist die Gefahr.

Trotz ihrer sexuellen Aktivität – normalerweise nur den Männern zugestanden – ist die lesbische Vampirin visuell äußerst weiblich codiert: Sie hat lange Haare, große Brüste, blasse weiße Haut und trägt bodenlange und durchscheinende Gewänder. Anders als die Lesbe entspricht die Vampirin dem Klischee der femininen Heterofrau. Deswegen ist ihr Vampirismus doppelt verwirrend: Sie sieht „normal“ aus, obgleich sie es nicht ist.

Wegen ihrer Weiblichkeit ist die Vampirin visuell weder als Lesbe noch als Vampirin zu identifizieren, sie wirkt vielmehr heterosexuell, und das ist es, was die Unsicherheit ausmacht. Sie überschreitet die Grenzen nicht nur, sondern reißt sie zwischen dem männlichen „Ich“ und dem weiblichen „Nicht-Ich“ ein. Während sie ausgesprochen feminin erscheint, vereitelt sie diesen Eindruck schon alleine deswegen, weil man(n) ständig in ängstlicher Aufmerksamkeit auf ihren Mund konzentriert sein muss.

(Aus „Vampires & Violets. Frauenliebe und Kino“, von Andrea Weiss, Kapitel 4.)

Als wichtigster Bereich erotischer Erfahrungen … ist der Mund per se widersprüchlich; er straft die leichtfertige Trennung von „männlich“ und „weiblich“ Lügen. Erst lockt er mit seiner einladenden Öffnung und verspricht rote Weichheit, zeigt sich dann aber als scharfer Skelettknochen; der Vampirmund vereint und vermischt … die geschlechtsspezifischen Kategorien von Penetration und Empfänglichkeit. Mit seinem weichen, von hartem Knochen begrenztem Fleisch, seinem Rot und Weiß, zwingt er Widersprüche und Gegensätze zu einer Furcht einflößenden Einheit.

(Aus Christopher Crafts: „Kiss Me with Those Ruby Lipps“: Gender and Inversion in Bram Stoker´s Dracula, in Representations 8, Herbst 1984.)

Zurück also zu den einsamen Abenden vor dem heimischen Fernseher. Wie oft habe ich mir dort dann die vermeintlich heterosexuelle Story umgedeutet und anders geträumt. Große, dunkle, leere Schlösser und die Ankunft einer aristokratischen Person. (Die brasilianische Tänzerin Marcia Haydée eignete sich da perfekt als visuelle Schablone für.) Der Vollmond spiegelte sich in ihrem rabenschwarzem Haar und die Kutsche stoppte abrupt auf der verschneiten Winterstraße. Sie nahm mich mit in ihre Gemächer und der Winter wurde dann zum Sommer, das Blut zu Herz und das Herz zum bettenwarm geküssten Herzensblut.

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