Eine blonde feine Dame um die 60. In eine höhere Gesellschaftsschicht hineingeboren, hatte ihre Mutter heiratsmäßig wohl einiges mit ihr vor. Sie aber wählte das Studium und den Job, den sie ihr Leben lang hasste, der ihr aber ein gesichertes Einkommen bescherte. Dennoch klagte sie stets über das wenige Geld und suchte weiter nach dem reichen Ehemann, Liebhaber und Fantasiebeau, der sie aushalten, sie besinnungslos lieben, eine Beziehung mit ihr führen, ein Künstler sein, ein erfolgreicher Geschäftsmann, jung und hübsch, erfahren, mit glatter Haut, wolligem Brustfell und der Seele einer Frau. Kurzum die Quadratur des Kreises, und sie suchte und suchte und (er)fand. Den in Afrika an einer exotischen Tropenkrankheit verstorbenen Ehemann, den erfolgreichen Geschäftsmann, der sie im Winter auf die Seychellen entführte, den jungen (aber noch erfolglosen) Maler, dem sie zu Geld und Ruhm verhelfen wollte, und viele, viele mehr. (Und die einzige ehrliche sehr emotionale- aber wohl eher unsexuelle- Beziehung die sie hatte, war zu einer ebenso blonden Professorin gewesen…Romantische Freundschaft…)

Ich hörte zu und schwieg. Vielleicht glaubte ich ihr auch zu Anfang, denn sie brachte diese zahlreichen Geschichten sehr glaubwürdig rüber- oder vielleicht war ich einfach zu lebensunerfahren, zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt und kam ihr daher nicht so schnell auf die Schliche.
Aber damals vor 15 Jahren hatten wir eine Nacht zusammen verbracht. Sie war 49, ich 29, sie zitterte, ich bekam die Erkältung meines Lebens. Sie zog ins Nebenzimmer um und gab mir am Morgen mein Geschenk (ein sündhaft teures Parfum) zurück. Ich war verliebt in sie und eine Freundin hatte mich schließlich dazu überredet (zu dieser Nacht): „Du musst es versuchen, die steht auch voll auf dich, echt…“ Wir redeten aber nie darüber, ich und die feine blonde Dame.

15 Jahre später erzählt sie immer noch allen die es hören wollen (oder eben nicht) im Ballettkurs ihre Fantasiegeschichten. Seit sie in Rente gegangen ist umso mehr. (Ja sie tanzt weiterhin und schaut dort den ganz jungen Mädchen hinterher…)

Und im Sommer dieses Jahres gab ich ihr mein soeben fertiggestelltes Buch zum lesen. Sie wollte es so, denn sie lies mich nicht in Ruhe und stichelte mich im Training unentwegt, bis ich es sie fragte. „Willst du meinen Text lesen…?“

Wir trafen uns in Cafés zum Abholen und Zurückgeben des Manuskriptes. Ihr gefiel und missfiel es, sie mochte meine Sprache und die Naturbeschreibungen und hatte Probleme mit den sexuellen Stellen. (Siehe z. B. oben im Blog Rosengarten Blütenmeer – kann man draufklicken ist ein link.) Sie war zwiegespalten und bekämpfte das viele Verdrängte, das nun unaufhaltsam emporzuquellen begann. Vergeblich.

Daraufhin versuchte ich sie in die Internetkommunikation einzuführen. (Nicht so einfach bei Jahrgang ca. 1945) und außerdem verband sie dieses Medium zu sehr mit dem gehassten Job.

Unsere Kommunikation:

Ich schickte ihr zunächst etwas Belangloses und dann meine gemalten Bilder – sie hat gerade selbst mit dem Malen angefangen und sich dazu sogar an einer Kunstschule angemeldet – und den Blogtext, ebenfalls link: SexFrauKunstLiebeLeben

Sie antwortete:

Liebe Claudia,

sehe nach Ansicht Deiner Bilder und Lektüre der Texte, worauf Dein Buch fußt.

Übrigens ist das Zitat von Adorno, dass Künstler nicht sublimieren, eine platte Verallgemeinerung, immerhin tun dies meine Lieblingsschriftsteller wie z. B. Thomas Mann und Marcel Proust, deren Biographie man kennen muss um das erkennen zu können, was man ja auch nicht muss, weil die Bücher auch ohne diese Erkenntnis höchst lesenswert sind. Diese Autoren, sind mir als Psychologin nahestehend, weil sie die „liebende Begegnung“ (ich weiß, das klingt etwas kitschig) zweier Menschen von ihrer Persönlichkeit und basierend auf ihrer Affektivität herleiten.

Habe gestern ein Interview mit Wolfgang Joop gehört, der sich ins Teilbereichen als Seelenverwandter von mir offenbarte: als er sich entschied seine schwule Seite auszuleben, war er entsetzt von dem beziehungslosen sexuellen Treiben, welches er in der Scene vorfand und welches nicht seine Welt ist. Für ihn ist Liebe ein Wunder, etwas Heiliges, was mit einer hohen Verletzlichkeit einhergeht. Ich würde gerne seine Biographie lesen, die mir für 150,00€ allerdings zu teuer ist.

Soviel dazu jetzt, ich muss jetzt weg vom Computer, der mich zu sehr an mein Gott-sei-Dank vergangenes Arbeitsleben erinnert.

Und dann noch:

Liebe Claudia,

fand folgenden Text bei Klaus Mann zu Deiner Thematik:
„Es ist immer dieselbe Unordnung: seit Menschengedenken das gleiche Leid, die gleiche Lustbarkeit….
Die Tiefen des organischen Lebens sind unordentlich – ein Labyrinth, ein Sumpf der tödlichen Begierden und schöpferischen Kraft. Die Wurzeln unseres Seins reichen hinab ins Trübe, ins Schlammige, in den Morast von Samen, Blut und Tränen, wo die Orgie der Wollust und Verwesung sich ewig wiederholt, unendliche Qual, unendliche Entzückung.“

Weitere Ausführungen zu diesem Thema habe ich bei ihm nicht gefunden……

Viele Grüße…

Ich schrieb:

Liebe…,

danke für deine ehrliche Antwort und die Biographie von Wolfgang Joop erscheint auch mir ungerechtfertigt überteuert. Ich konnte es zuerst nicht glauben, habe aber soeben bei Amazon nachgeschaut. Es stimmt, „Wunderkind“ für 150,-€ ! (sogar gebraucht)

Dann zu der Text- und Bilder Collage, die ich dir geschickt habe. Sie stammt von meinem/unserem Blog und ist erst nach meinem Buch entstanden. Ursprüngliche wollte ich einen Text über die Prinzhorn Sammlung in Heidelberg schreiben und habe im Internet ein wenig dafür recherchiert und bin so auf diese beiden Künstlerinnen gestoßen. Ihre Bilder erinnerten mich an den Epilog im meinem Buch, „das Blütenmeer“, sie versuchen eine ähnliche Idee, Vision – oder wie man es nennen kann- auszudrücken. Naja, dann habe ich weitergesucht (über weitere Künstlerinnen) bin auf die zwei anderen Texte gestoßen, und habe das dann intuitiv zusammengesetzt. So ist es entstanden. Und das, da hast du recht, mit dem „nicht sublimieren“ kann man natürlich nicht so verallgemeinern (Thomas Mann sublimiert z. B. auf jeden Fall), aber mein Buch sublimiert nicht, und diese beiden Frauen (sofern ich es beurteilen kann) auch eher weniger. Ich habe da eher das Gefühl von „aus Etwas Allgemeinem schöpfen“ so wie ein Medium wenn du verstehst was ich damit sagen will.

Der Textausschnitt von Klaus Mann, den du mir geschickt hast (aus welchem Werk ist er?) ist gut gewählt, und zeigt sein Lebensleit/LeidensThema (und das zahlreicher anderer männlicher Künstler) in wenigen Worten auf. Seine Faszination, sein Ekel und seine ewige Abhängigkeit von der Biologie, dem Leben und der Frau. Das Verschlungenwerden von der Natur und das Identitätsgebundensein an die Frau. (Er wird in einem weiblichen Körper geboren und auch das Embryo ist zuallererst weiblich, bevor es durch Gene und Hormone vermännlicht wird.) Was ich damit sagen will ist, dass der Mann (auch ein schwuler) viel mehr in seiner Identität von Frauen abhängt, als die Frau von Mann. (Da sind es eher soziale und materielle Faktoren, die eine Abhängigkeit erzeugen) Eine sehr schönes Beispiel ist übrigens noch die Erzählung von Thomas Mann „Die vertauschten Köpfe. Eine indische Legende“ aus dem Jahre 1940.

Ein sehr schwieriges Thema, und ich halte es übrigens auch für keinen Zufall, dass (fast) alle bedeutenden männlichen Künstler schwul, bzw. Männerbegehrend waren. Sokrates, Michelangelo, Leonardo da Vinci, William Shakespeare, Peter Tschaikowsky, Franz Schubert, Marcel Proust, Thomas Mann, W. Somerset Maugham, Oscar Wilde, Tennessee Williams, Frederico Garcia Lorca, Andy Warhol – sind nur einige in der endlos fortzuführenden Liste mit prominenten Namen und ihren, die Menschheitsgeschichte maßgeblich prägenden Werken. Hier zitiere ich mal:

„[…] Die Kunst und Kultur ist also männer- homoerotisch geprägt, auch wenn sie sich mit scheinbar heterosexuellen Themen beschäftigt und auch mit solchen Protagonisten besetzt ist. Dieses versteckte Begehren „Mann sucht Mann“, zieht sich wie ein roter Faden durch die Werke, es ist die Hauptantriebkraft und der ungelöste Lebenskonflikt vieler Künstler. Und da Künstler nicht isoliert vom Rest der Welt zu betrachten sind, sondern die Befindlichkeiten/den Zustand einer Gesellschaft in Worte oder Bilder fassen, das Unbewusste sozusagen ans Tageslicht holen, die Zukunft erfinden oder vorausahnen können, zeigen sie auch die Richtung auf, in die sich die Menschheit entwickeln wird. Weg von der reinen Heterosexualität (Natur) und hin zu dem auch gleichgeschlechtlichen Begehren (Kultur) nämlich.[…]“

Im antiken Griechenland wurde sie (die Männerliebe) zum ersten Mal benannt und zur Kultur erhoben. Der Mensch/Mann versuchte sich so von der Frau/Natur zu lösen und ein Kulturwesen zu werden, zum MannMenschen. Und dort liegt auch ungefähr die Wiege unserer (westlichen) Kultur.

So das war jetzt eine lange Ausführung und ich habe sie hier vorangestellt, da mir aufgefallen ist, dass du dich sehr mit schwulen Männern/Künstlern beschäftigst/identifiziert. Das ist auch nicht unbedingt schlecht, zumal sie eben auch die beste/zukunftsweisenste Kunst produziert haben. Die Problematik, die ich aber darin sehe ist die Tatsache, das es eben Männer sind die durch ihre Abnabelung von der Frau sich zum Menschen zu entwickeln versuchten. Es ist also immer der fremde (angstvolle, hassende, liebende, verehrende ect.) Blick auf die Frau als „die ewig Andere“ – ein männlicher Blick eben, und kein authentisch weiblicher auf ihr eigenes Geschlecht. Auch ist die weibliche Sexualität eine andere und nicht so mit Tod und Dominanz/Unterwerfung/Gewalt verknüpft. Daher halte ich für problematisch, sich als Frau unreflektiert mit dieser männlichen Sicht zu identifizieren, denn es kann eine Art Schizophrenie und latenten Selbsthass verursachen. Da aber der (authentische) weibliche Blick/Sicht leider noch viel zu wenig vertreten ist, und die Frau daher noch nicht wirklich im Menschsein angekommen, als FrauMensch. Daher zitiere ich nochmal:

„[…] Wenn das schwule Begehren so sehr die Menschheitsgeschichte, Kunst und Kultur geprägt hat (und der Mann ist eben der Mensch) – so ist es doch nur folgerichtig anzunehmen, dass wenn die Frau sich zu einem Menschen (oder eben zu etwas völlig Neuen und noch nicht Vorhersehbaren) zu entwickeln beginnt, sie das ebenso über das lesbische Begehren tun wird. Künstlerinnen (die wenigen Authentischen, die es gab und gibt) bestätigen diese Vermutung: Frida Kahlo, Colette, Tamara de Lempicka, Djuna Barnes, Virginia Woolf, Romaine Brooks, Greta Garbo, Isadora Duncan, Simone de Beauvoir,– auch nur eine kleine Auswahl in einer sicher noch viel längeren Liste. Das die meisten Ausführende und keine im eigentlichen Sinne (Werke) Schaffenden sind, liegt wohl an den Begrenztheiten, die die Frauenrolle ihnen bis heute noch auferlegt. Denn erst wenn Frauen massiv auch in die erschaffenden Bereiche (Schriftstellerin, Stückeschreiberin, Choreographin, Philosophin usw.) hineindringen und dort dann authentisch (also nicht als innerer Pseudomann) ihre Sicht auf die Welt zeigen/erschaffen- erst dann wird das lesbische Begehren* in dem gleichen Ausmaß die Welt bestimmen wie seit jeher das schwule/männer-homoerotische es getan hat. Und es wird die Welt massiv verändern und ihr eine völlig neue Perspektive geben, denn es wird die Frau sichtbar machen, sie zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte überhaupt existieren lassen. Und daher sind schwule und lesbische KünstlerInnen nicht nur eine kleine sonderbare Untergruppe, sondern wegbestimmend.

*Unter lesbischem Begehren verstehe ich nicht das, was heute im Allgemeinen unter dem „Label Lesbisch“ gelebt und öffentlich gezeigt wird. Es hat auch kaum etwas mit der doch sehr schwulendominierten/orientierten Szene zu tun, sondern kann am ehesten noch mit „emotional, sexuell aufeinander bezogen sein und sich als Maßgeblich sehend“ übersetz werden. Es ist jene (auch erotische) Anziehung, die immer zwischen Frauen besteht, eine Welt unter der Welt, die noch aufgedeckt und geschaffen werden muss. Eine neue Kultur eben. […]“ (Das Blütenmeer ist glaube ich der Versuch einer Metapher für diese weibliche Bezogenheit – und die Audienz (Kapitel 7) kann noch am ehesten mit deinem Zitat von Klaus Mann verglichen werden.)

So das war es dann für heute, viel Text und ich hoffe du steigst da einigermaßen durch ;-)

Viele Grüße Claudia

  • Und wer noch etwas mehr über diese Dame erfahren will, der klicke die Geschichte  „Die Amaryllis“ an.