Herbstzeit ist wieder Lesezeit und deshalb will ich hier einige Bücher/Neuerscheinungen vorstellen, die ich mir gerade via Amazon bestellt habe:

1. Das Erste „Femme! radikal-queer-feminin“, ein von Sabine Fuchs herausgegebener Sammelband, der sich mit „Feminität“ im Feminismus und in der Lesbenwelt beschäftigt und gerade neu im Queerverlag erschienen ist:

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Brechen will der Sammelband vor allem mit der traditionellen Vorstellung von Femininität als „schwach, hilflos und unbedeutend“. So stellt die Herausgeberin Sabine Fuchs die These auf: „Entgegen dem Vorurteil, das Femininität mit reaktionärer oder auf Anpassung abzielende Politik in einen Topf wirft, setzen Femmes Femininität mit radikaler Gender- und Sexualpolitik in Verbindung und wandeln sie in Femme-ininität um.
Lesbische und queere Femmes würden, wie schon Joan Nestle, eine “ jüdische Lesbe aus der Bronx“ in zahlreichen Publikationen offen legte, in der Geschichte, der Gegenwart und Theorie, sträflich vernachlässigt.

Ganz bewusst wählte die Herausgeberin diese scheinbar unpassende Kombination, um zu verdeutlichen, inwieweit sich diese Begriffe vielmehr ergänzen und daher nicht zwangsläufig einen Widerspruch darstellen müssen. Entgegen der in der Lesbenszene weitläufig verbreiteten Meinung, Femininität sei eine Anpassung an heterosexuelle Lebenswelten und damit politisch nicht korrekt, belegen Sabine Fuchs und die AutorInnen, dass: „Femmes sind radikal in ihrer Weigerung, sich dem dominanten geschlechtslosen, androgynen oder maskulinen Look in der Lesben- oder Queerszene anzupassen. Dabei geht es nicht alleine darum, Femininität zu feiern, sondern sie auch in einen kritischen, gesellschaftlichen und politischen Kontext zu stellen.

War ja längst überfällig und hört sich sehr interessant an. Werde es mal lesen und mir dann selbst darüber ein Urteil bilden, z. B. ob diese Buch ein Pusselsteinchen hin zur Freiheit ist, oder ob hier nicht doch wieder ein weiteres Rollengefängnis geschaffen/hinaufbeschworen wird. (Und die „Femme“ immer nur als Gegenpart zur Butch gesehen/vorstellbar ist, oder vielleicht endlich mal die femininen Frauen sichtbar gemacht werden, die auch feminine Frauen begehren.)

2. Das Zweite „Herrschaftszeiten!“ ist ebenfalls ein Sammelband, wurde von Friederike Girst herausgegeben und ist im Dumont Verlag erschienen:

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Auch wenn es uns nicht immer bewusst ist, etwa weil wir eine Kanzlerin haben oder in der Ausbildung die Männer überflügeln: Wir leben im Patriarchat! Allein die Statistiken sprechen Bände. Dieses Buch versammelt siebzig spannende Beiträge von prominenten Frauen aus Kultur, Kunst, Sport, Wirtschaft und Wissenschaft. Von der missmutigen Beobachtung des eigenen Sohnes über frauenfreundliche Sinnsprüche des Dalai Lama bis zu Netzstrümpfen im Büro: Die Autorinnen und Künstlerinnen setzen sich auf höchst unterschiedliche Weise mit der Rolle auseinander, die ihnen auf den Leib geschrieben ist. In Erzählungen, Kunstwerken, Formeln umkreisen sie geistreich ihren (Berufs-)Alltag im 21. Jahrhundert und zeigen dabei, welch kreative Antworten sie auf das Patriarchat gefunden haben.

Na endlich wird auch von Heterofrauen (werden wohl hauptsächlich in dem Buch vertreten sein) die Lüge „Männer und Frauen sind gleich und können alle friedlich und „Geist an Geist“ zusammenleben/arbeiten“ ein wenig durchbrochen. Denn dieses (das mit dem Gleich- und Gleichberechtigtsein) ist nämlich keinesfalls so meine werten Damen.

3. Das Dritte „A woman´s Berlin“ , dieses neue (leider bisher nur in Englisch erschienene Buch), hat wohl meine allergrößte Neugierde geweckt. Die amerikanische Architekturprofessorin Despina Stratigakos hat sich darin mit der Städteplanung Berlins vor dem zweiten Weltkrieg beschäftigt und ist auf höchst Bemerkenswertes gestoßen:

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Despina Stratigakos nimmt uns mit auf eine faszinierende Reise durch das hauptstädtische Berlin am Anfang des 20. Jahrhunderts, in der Architektinnen, Designerinnen und Planerinnen ein Netz von neuen Einrichtungen von Frauen für Frauen geschaffen haben, die größtenteils vergessen waren.

A Women’s Berlin rewrites the history of one of Europe’s great modern cities through the lens of women’s urban spaces, both imaginary and physical. The Berlin that emerges in these chapters is at once familiar and strange: We recognize the street names, but the maps look different. Place and gender intersect to produce fresh accounts of the city and new meanings in the contested process of modernity. In 1910, Karl Scheffler, alienated by the ceaseless pace of change in the German capital, declared that Berlin was condemned forever to become and never to be. We can and should expect no less of its history, and the story of a women’s Berlin, which interweaves architectural and gendered struggles, encourages us to look anew at the complex making and remaking of a modern metropolis.

Werde mich mal „durchqälen“ und dann vielleicht erneut darüber berichten. Aber ein Gedanke lässt mich dennoch nicht los: Gab es vor/zwischen den beiden Weltkriegen vielleicht eine Art weibliche Kultur/Entwicklung (jenseits vom Gleichheitsfeminismus und der heute so üblichen Zwangsheterosexualisierung die besagt/predigt, dass Mann und Frau für immer zusammengehören und auch alles miteinander teilen und machen müssen) die unwiderruflich zerstört wurde…?

4. Das vierte Buch ist eine Neuauflage des Klassikers „Die Glasglocke“ von Sylvia Plath:

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Als die erst 30-jährige Sylvia Plath sich 1963 das Leben nahm, war ihr erster und einziger Roman gerade mal seit vier Wochen auf dem Markt. Da sie sich als Lyrikerin bereits einen Namen gemacht hatte und weil die Geschichte von Esther in „Die Glasglocke“ (engl. „The Bell Jar“) eindeutig biographische Züge enthielt, benutzte Plath bei der Veröffentlichung das Pseudonym „Victoria Lucas“.
Erst 1971 erschien „Die Glasglocke“ in den USA und avancierte dort zum Bestseller – und zu einem Standardwerk der Neuen Frauenbewegung. Die meisten ihrer Werke erschienen übrigens erst nach ihrem Tod, so wurde auch Plaths lyrisches Gesamtwerk („The Collected Poems“) erst 1982 veröffentlicht und postum mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet.

Sylvia Plaths „Die Glasglocke“ ist zu Recht von der Frauenbewegung als wichtiges feministisches Werk gefeiert worden, das wegen seiner Universalität und Zeitlosigkeit auch in nicht-frauenbewegten Kreisen als ein „Jahrhundertbuch“ bezeichnet wurde. Ab der ersten Seite werden die LeserInnen in den Bann von Plaths Sprachgewandtheit, sowie von dem schwarzem Humor und den spannenden Erlebnissen der Protagonistin Esther in New York, gezogen – und können das Buch erst nach der letzten Seite wieder aus der Hand legen.

Es lohnt sich auf jeden Fall mal da einen auch etwa längeren Blick reinzuwerfen…

5. Und das fünfte Buch „Das KZ Bordell : Sexuelle Zwangsarbeit in nationalsozialistischen Konzentrationslagern“ ist etwas makaber, beschreibt aber die (Männerwelt) aufs Vorzüglichste…

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Dies ist die erste Gesamtdarstellung eines Themas, das bislang weitgehend im Verborgenen geblieben ist: die Zwangsprostitution im Lagersystem der SS. Die Forschung hat das wie mit einem Tabu belegte Thema der sexuellen Gewalt im KZ bis heute meist ausgeklammert. Robert Sommer hat für seine Arbeit in allen relevanten Archiven recherchiert, er hat sogar Interviews mit Überlebenden führen können. Sein grundlegendes Buch zeichnet das Bild einer bisher unbekannten Realität des Schreckens.
Auf Befehl Himmlers wurden ab 1942 in den größten Konzentrationslagern, u. a. in Dachau und Auschwitz, in Mauthausen und Buchenwald, in Mittelbau-
Dora und Sachsenhausen, Bordelle für Häftlinge eingerichtet. Der Bordellbesuch war als Anreiz zur Steigerung der Arbeitsleistung der in das System der Kriegswirtschaft eingebetteten Arbeitssklaven in den Lagern gedacht. Die »Prämie« blieb allerdings ausschließlich »arischen« Häftlingen vorbehalten. Für die Bordelle rekrutierte die SS weibliche Häftlinge aus Ravensbrück und Auschwitz-Birkenau, meist mit falschen Versprechungen oder unter Zwang.
Die umfassende Darstellung beschreibt detailliert die Gründe für die Einrichtung der Lagerbordelle, ihre Funktion im System der Konzentrationslager, die Organisation des Bordellbetriebs, die Reaktionen der Häftlingsgesellschaft auf die »Sonderbauten« so die offizielle Bezeichnung der Bordelle -, die Lebensbedingungen und die Überlebensstrategien der Frauen, die Motive der Bordellbesucher sowie den Ablauf ihrer Besuche. Darüber hinaus stellt der Autor die Lagerbordelle in den Kontext der Erscheinungsformen und der Bedeutung von Sexualität im KZ.