SEINE Sicht:

Auszüge aus einer Liebesszene/Geschlechtsakt zwischen Gerald und Gudrun, zwei Figuren aus dem Roman „Liebende Frauen“ von D.H. Lawrence, zu finden auf: Männlicher Vapirismus.

„In sie ergoss sich all die Finsternis, all den fressenden Tod, der in ihm aufgestaut war, und er wurde wieder heil. Es war ein Wunder, das Wunder seines immer neu wiederkehrenden Lebens, und er erkannte es verloren im überschwänglichen Staunen der Erlösung. Sie war ihm untertan und nahm ihn in sich auf, wie ein Gefäß den bitteren Trank des Todes aufnimmt.“ (…)

„Er kam näher und näher und tauchte in ihre sanfte, einhüllende Wärme, und wunderbar schöpferische Glut drang ihm in alle Adern und gab ihm das Leben wieder. Er fühlte, wie er sich löste und in dem Bad ihrer lebendigen Kraft versank. Das Herz in ihrer Brust war ihm die allsiegende Sonne, er stürzte sich immer tiefer in ihre glühende Schöpferkraft. All seine Adern, die zerfleischten, zerrissenen, heilten sacht, all das Leben wieder in sie einströmte, unsichtbar wie die Allmacht der Sonne. Sein Blut, das ihn in den Tod verronnen schien, flutete zurück, sicher und herrlich.“ (…)

„Als sich der tiefe, unsägliche Schlaf völliger Erschöpfung und Genesung über ihn senkte (…) Gudrun aber lag hellwach, vernichtet in vollkommene Bewusstheit.“

„Aber sie wagte nicht, Licht zu machen, denn sie wusste, dann würde er aufwachen, und sie wollte seinen vollkommenen Schlaf nicht stören, von dem sie wusste, dass er ihn ihr verdankte.“

IHRE Sicht:

[…] ER stand in der Raummitte, seine Opalaugen wanderten über die Laken, blieben begehrlich haften und begehrte den hingestreckten Leib.

SIE war in einen oszillierenden Strahlenkranz aus Polarlichtern und Auroras getaucht, die Peripherien versickerten in den Bodenplanken, so schwerfällig wie Tiefseemoränen und so luftleicht brodelnd wie eisig ferne Meeresbrisen.

Beuteflügler, Nachtjäger, mit leichter Hand strich er über die Gestalt, die der Schlaf so gefügig gemacht hatte. Ohnmacht unter pergamentfarbenen Augenlidern, Fischfleisch, Jahrmillionenschlummer im Polarmeer und immerwährender Gewahrsam. Dann faltete er seine Flügel zusammen und setzte sich auf die Lakendecke hinab, der Strahlenkranz teilte sich und umfloss ihn wie flüssig feiner Stickstoff. Begehrlich, Begehren, Begierde, Meereswogen, Schwefelglühen und ein Hauch von Phosphor. Sonnenwinde ätzten seine Klauen und Moder überzog die Augäpfel wie Seetang. Kalte Lust.

Er beugte sich über sie, riss grob ihre Beine auseinander und stieß in das Innerste hinein. Trockenübung, Leib auf Leib, hinein und wieder hinaus. Er wand sich wie ein Minotaurus und Sie hielt still, Sein Körper eine Blutechse und Ihre Glieder gefrorene Astgabelungen, hinein und wieder hinaus. Geburtenschmatzen, die Laken waren in Eiswasser getaucht und Schweiß rann hinab wie fiebrig klammes Glyzerin. Sein Keuchen hallte an den Wänden wider und Ihr Atem hauchte Meerestang, hinein, hinein und hinaus. […]