BauchChicago-O'Keefeplate

Die Vulva sehen und zeigen. Mithu M. Sanyal schrieb eine Kulturgeschichte des weiblichen Genitals. (Quelle: bzw-weiterdenken.de)

Nur eine dieser vielen Geschichten möchte ich erzählen, weil sie der exemplarische rote Faden ist, nämlich die von Baubo aus dem „Homerischen Hymnus an Demeter“, geschrieben im 7. Jahrhundert v. Chr. (wenn auch nicht von Homer selbst). Er wurde zu einem Gründungsmythos der abendländischen Kultur. Demeter, die griechische Göttin des Getreides und des Ackerbaus, tritt nach der Entführung ihrer Tochter Persephone in die Unterwelt sozusagen in Hungerstreik. Deshalb verdorren die Ernten, und die Menschen müssen hungern. Doch nicht einmal den Göttern gelingt es, Demeter aus ihrer Depression herauszureißen. Bis Baubo kommt. Auch sie wird zunächst von Demeter abgewiesen, doch lässt sie sich davon nicht beeindrucken und zeigt Demeter ihre Vulva – was diese zum Lachen bringt, sodass sie wieder isst. Laut Sanyal war diese Geste ein fester Bestandteil ritueller Feiern zu Ehren Demeters.

Offenbar ist der Mythos der Baubo als Figur durch die westeuropäische Kulturgeschichte gegeistert (was mir allerdings bisher entgangen war), jedoch häufig in einer ebenso fatalen wie bezeichnenden Umdeutung – nämlich mit Blick auf die angebliche Obszönität des Geschehens. Sanyal zitiert etwa Peter Sloterdijk, der schrieb: „Baubo heißt Möse, sie ist das weibliche Geschlechtsorgan im unverschämtesten Grad, das sich dem Männervolk für einen kurzen vergeblichen Einblick höhnisch entgegenstreckt.“ (S. 30). Und genau hier wird das entscheidende kulturelle Missverständnis deutlich: Die Enthüllung der Vulva wird immer als etwas verstanden, das dem männlichen Blick gilt und nicht dem weiblichen – und zwar auch gegen jede Evidenz, wie im Fall der Baubo, die ihre Vulva doch ganz eindeutig einer weiblichen Göttin gezeigt hat.

Dieses Missverständnis ist nicht nur in der patriarchalen Kultur verbreitet, sondern auch in der feministischen – wenn etwa über Pornografie oder sexuell explizite Kunst von Frauen vor dem Hintergrund der Frage diskutiert wird, wie dies von Männern gesehen wird bzw. wie es sich auf die Beziehungen zwischen Männern und Frauen auswirkt. Einer der wichtigsten feministischen Einwände gegen Pornografie ist ja, dass dadurch das Frauenbild der Männer fixiert werde, die dann alle Frauen für sexuell verfügbar halten würden. Hier macht Sanyal einen Bogen zu heutiger sexuell expliziter weiblicher Kunst, zum frühen Striptease oder zu Künstlerinnen, die sich und ihre enthüllten Genitalien auf der Bühne präsentieren. Sie weist darauf hin, dass nach deren Selbstverständnis die Adressatinnen ihrer Exponierung in der Regel keineswegs Männer, sondern andere Frauen waren. Auch das wusste ich nicht: dass das Publikum der frühen Striptease-Shows überwiegend aus Frauen bestand und dass manche Künstlerinnen männliche Zuschauer nur zuließen, wenn sie in Begleitung einer Frau kamen.

Damit kriegen auch meine Erlebnisse im Irakischen Kulturverein einen Sinn. Ich habe dort ca. 2 Jahre gearbeitet und war Anfangs völlig  überzeugt davon, dass die arabisch/muslimischen Frauen gänzlich dem Mann unterworfen seien und nur ihn lieben und für ihn leben würden. Doch dann wurde ich eines Tages eines Anderen und Besseren belehrt. Die sehr vollbusig attraktive Ikram (55 und so Typ „Raquel Welch“), prahlte vor den anderen anwesenden arabischen Frauen (und mir) damit herum, dass sie, ein Jahr nachdem sie aus dem Irak geflohen war (mit ca. 50), sich von Berlin aus alleine in einen Bus nach Hamburg gesetzt hatte, um sich dort dann auf der Reeperbahn eine „Livesexshow“ anzusehen. Und sie erzählte uns davon in mehren Sprachen (Arabisch/Englisch/Deutsch)  und zeigte uns auch sehr gestenreich, wie z. B. eine der Darstellerinnen vor den Augen des Publikum sich einen Dildo in ihre Muschi geschoben hatte u.v.m. Ich war echt geschockt davon, widersprach es doch erheblich dem Bild, dass ich mir bis dahin von muslimischen Frauen so gemacht hatte.

Da ich aber damals noch fest an die Zweiteilung von „Lebisch-Hetero“ glaubte, ordnete ich das Ganze eher dem „Sie ist eben unterdrückt und will im Westen freien Sex haben und Männer kennenlernen“ zu. Und selbst als sie mit mir in Prag (wir waren dort auf einem „Städtetrip“), in eine erotische Touristenshow gehen wollte – fiel bei mir noch nicht der Groschen. Ich dachte eben sie wolle Männer abschleppen – aber sie wollte damit mich verführen…