Gastartikel von Hanka (meine Mutter) über die gescheiterte „Eman(n)zipation“ von Frauen am Beispiel der sozialistischen Tschechoslowakei.

Die große Täuschung und die merkwürdige Stille. Wie frei und gleichberechtigt waren die „sozialistischen“ Frauen wirklich?

Die Frauen im Sozialismus. Jahrzehnte galten sie als ein strahlendes Vorbild. Diese Heldinnen der Arbeit! Sie waren nicht an den Herd gekettet. Statt eines Kinderwagens durften sie Bagger und Tram kutschieren und an der kommunistischen Vision mitbasteln. Keine unterdrückten Mütterchen, sondern selbstbewusste, befreite Arbeiterinnen, Lehrerinnen, Ärztinnen sollten sie werden, so wollte das die kommunistische Partei und ihre Leader, natürlich lauter Männer. Beneidenswerte Heldinnen! Also, die gleichen Pflichten und Rechten haben wie jeder Mann. Mit den Pflichten klappte die Gleichberechtigung gleich von Anfang an. Da waren die Genossen sehr stolz auf ihre schuftenden Frauen. Aber was ist mit den Mutterpflichten, und den Haushaltpflichten? Nicht der Rede wert, auch hier haben die männlichen Genossen vorgesorgt. Für den Nachwuchs richteten sie ein perfektes System der „Kinderaufbewahrungsstätten“. Theoretisch waren auch hier die Väter „gleichberechtigt“ in der Morgendämmerung ihre Kids in die Krippen zu schleppen, aber – die meisten haben auf die Gleichberechtigung auf diesem Gebiet großzügig verzichtet.
Aber sonst herrschte zwischen den Geschlechtern eine gerade genossenschaftliche Toleranz. Wenn die Parteigespielinnen bei der Jagd nach dem Notwendigsten atemlos von Schlange zu Schlange hetzten, meistens während der Arbeit, haben Chefs die Augen zugemacht. Das ist doch eine der schönsten Errungenschaften der neuen Gesellschaft – jede Frau hat dieselben Rechte und darf genauso schuften wie ein Mann.
Also haben die „neuen“ sozialistisch emanzipierten und gleichberechtigten Frauen tapfer und selbstbewusst geschuftet und gleichberechtigt an dem Sozialismus mitgebastelt. Sie waren sogar glücklich, sie schauten mit Mitleid, sogar mit etwas Verachtung, auf ihre „unterdrückten“ und sooo dumm gehaltenen Genossinnen im kapitalistischen Westen. Mit Stolz verteilten sie im Morgengrauen ihre quengelnden Knirpse auf unterschiedliche Aufbewahrungsstätten, rasten auf ihre sozialistischen Baustellen, dann – wieder mit dem übermüdeten Nachwuchs im Schlepptau – versorgten ihre emanzipierten Haushalte, dann, am Abend, konnten sie sich im Radio und TV die begeisterten Oden auf die neue Frau – sie gehörten ja dazu – anhören und zufrieden ins Bett fallen.
Die Partei verstand es ein wahres Propagandakarussell anzukurbeln und die Frauen in einen „hurra-ich bin eine sozialistische Frau“ Rauschzustand zu versetzen. Überall zeigten die Plakate an den Hauswänden die kämpferischen und begeisterten Arbeiterinnen, Radio und Fernseher überschlugen sich in Lobhymnen auf die Verdienste der Genossinnen im Kampf gegen den Kapitalismus und unermüdlich verkündete die Partei, wie glücklich die Genossinnen sind. Die Besten bekamen Order und durften sich „Heldinnen der Arbeit nennen. Ein endloses betäubendes Hämmern, es gab kein Entrinnen, man musste das glauben.

Es blieb keine Zeit, sich richtig umzusehen. Wir waren nicht unzufrieden, die meisten von uns hatten wirklich das Gefühl, es ist alles in bester Ordnung, wir machten doch alles wie die Männer. Fast. Wir dachten aber nicht wie die Männer. Die wenigsten von uns kämen auf die Idee, einen Posten ganz da oben anzustreben. Die meisten hatten keine Machtgelüste, das überließen wir den Ehemännern. Wir hatten doch schon einen Job und dann die Kinder! Wir dachten und fühlten, trotz der emanzipatorischen Großkotzerei, immer noch wie unsere Omas und Mütter. Wir waren selbstbewusst, wir waren stolz, aber wir standen mit den Genossen nicht auf Augenhöhe. Klar, es gab da einige, die unbedingt nach oben zu den Männern wollten, dann fand sich ein leitendes Pöstchen, immer noch unter der helfenden männlichen Hand. Wir haben uns nur gedacht, mann – muss die jetzt noch mehr schuften. Ja, Ehemänner, Brüder und andere Genossen waren wirklich zufrieden. Sie haben doch dafür gesorgt, dass ihre Frauen aus dem Küchendampf herauskamen, das ist doch schon enorm.

Mit dem Fall des Kommunismus im Jahre 1989 kam das langsame und unglaubliche Erwachen. Frauen meiner Generation, die ihre Lehrjahren noch in dem sozialistischen Potemkinstaat verbrachten, hatten erst mal alle Hände zu tun, um mit der neuen politischen und wirtschaftlichen Situation fertig zu werden. Sie blieben weiterhin aktiv, trugen die Verantwortung für ihre Kinder, und solange sie ihre Arbeit behalten konnten, arbeiteten sie, wie sie das schon immer getan hatten. Es blieb ihnen wenig Zeit zum Nachdenken, über sich, ihre Rechte und Wünsche in der neuen Demokratie.
Es hat lange gedauert, bis sich der trügerische Nebel der sozialistischen Propaganda, der die wirkliche Situation der Frauen im sozialistischen Tschechien verdunkelte und verschleierte, aufzuhellen begann. Es wurde doch alles anders. Plötzlich lachten keine siegreichen Arbeiterinnen und Bäuerinnen mit gehobenen Fäusten aus den Hauswänden, die berauschenden Worte wie Gleichberechtigung, Emanzipation, Frauen an der vordersten Front, Frauen kämpfen an der Seite der Männer und Ähnliche verschwanden aus den öffentlichen Medien. Das verlogene sozialistische Propagandakarussell blieb stehen. Es wurde still um die Frauen. Man brauchte sie nicht mehr. Die aggressive und kämpferische Unternehmerkultur in der Marktwirtschaft war reine Männersache. Selbstbewusste Frau als eine gleichberechtigte Partnerin? So ein Unsinn! Sie stand nur im Wege und bedrohte männliche Machtkreise. Die Frauenfragen verschwanden aus den politischen Programmen aller Parteien, die Frauenthemen interessieren keinen mehr, die aktive Frau im öffentlichen Leben ist nicht gefragt.

Die Männerwelt atmete durch. Endlich mussten sie sich nicht verstellen. Keine sozialistische Ideologie zwang sie zu tun als ob. Als ob sie gute Kollegen wären, als ob sie den Frauen denselben Platz in der Politik freiwillig zugestanden hätte, endlich konnten sie die Grenze ihrer Männerdomäne deutlich abstecken. Und falls es eine Unbelehrbare versuchen sollte, an diesem Zaun der männlichen Macht zu rütteln, trat ihr ein „merkwürdiges“ Schweigen entgegen. Spätestens dann kapierte sie.

„Ich sagte meine Meinung und fragte, was sie dazu meinten. Eine merkwürdige Stille legte sich über dem Tisch. Dann sprachen sie weiter über ihre Sachen. Keiner hat mich rausgeschmissen, aber keiner hat sich mit mir unterhalten. Diese Männer bildeten ein Ganzes, zu dem ich keinen Schlüssel besaß und derer Code ich nicht kannte.“

Diese bittere Erfahrung machte bekannte tschechische Schriftstellerin und Journalistin Teresa Brdeckova. Es folgten viele andere, ähnlich ausgerichtet, und alle zeigten gnadenlos, wie es in der Wirklichkeit um die Frauen steht. Die Journalistin musste enttäuscht zugeben – die ersehnte Demokratie brachte für die Frauen keine nennenswerte Veränderung.

„Es ist keine Feindschaft, nur ein absolutes Desinteresse und Verständnislosigkeit. – Die Themen liegen auf dem Tisch und die Lösungen sind auch bereit – meldet mir diese Stille. Entweder du machst alles wie wir oder du kannst gehen. Ich bin vorsichtig geworden und respektiere, die von Männern aufgestellten Regeln und meistens sage ich auch nur das, was man von mir erwartet. Die meisten Frauen machen dasselbe, sie wissen das bloß nicht.“

Tereza Brdeckova konstatiert:

„Wir sind Zeugen eines komplexen Zusammenbruchs des ganzen Gleichberechtigungskonzepts. Männer und Frauen betrachten die Welt unterschiedlich. Ihre Sichtweisen ergänzen sich im Prinzip, bloß die Politik ist ein männliches Konstrukt, es geht hier um viel Adrenalin, um den Sieg und die Niederlage. Das ist nicht Frauensache, sie fühlen sich da unsicher und dazu noch diese „merkwürdige“ Stille.“

Diese „demokratische“ Benachteiligung der Frauen ist schwer nachweisbar. Gegen diese Stille und Desinteresse kann man sich schlecht wehren. Jeder Mann würde so was „Irreales“ bestreiten. Es ist absurd, aber wenn man Kopftuch tragen würde und sich im Bus auf den hinteren Plätzen verkriechen müsste, wie die Frauen in den Emiraten, dann wäre die Situation klar und man könnte protestieren. Aber jetzt? Brdeckova kommt zu einem sehr deprimierenden Schluss:

„In der heutigen männlichen Welt setzen sich nur die Frauen durch, die noch härter als Männer sind und männliche Spielregel übernehmen und akzeptieren.“

Unter diesen Umständen, so ihr Fazit, kann man nicht erwarten, dass die Frauen in das öffentlich Leben neue, humanitäre Werte reintragen können und werden. Gesucht werden mutige Frauen, die es schaffen, diese „merkwürdige“ Stille zu unterbrechen? Welche Frauen können das fertig bringen und dabei nicht zusammenzubrechen? Oder – willkommen in den Emiraten! (Alle Zitate von der Schriftstellerin und Journalistin Teresa Brdeckova sind  aus der tschechischen Zeitschrift „Respekt“, Juni 2009)