Vor längerer Zeit habe ich mal mit einer brasilianischen Bekannten (dunkelhäutig) über den Unterschied zwischen deutschen und brasilianischen lesbischen Frauen diskutiert. Es wurde später und später und sie zeigte mir Homepages mit Partyfotos aus den zahlreichen Clubs, von Salvador über Rio de Janeiro, Sao Paulo, Curitiba bis Florianópolis. Ich selbst fand, dass die Frauen dort sehr attraktiv und sehr weiblich seien und verstand so gar nicht warum sie, die Bekannte, unbedingt nach Deutschland kommen musste. (Sie ist 33, der Liebe und ihrer Freundin wegen hier und hat in Brasilien sogar einen recht gut bezahlten Job dafür aufgegeben.) Und ich meinte dann zu ihr, dass die Frauen hier doch recht kerlig/männlich/unsinnlich seinen und das Wetter außerdem dort (in Brasilien) besser und die Leute insgesamt positiver drauf usw. Sie verzog aber nur angewidert das Gesicht und meinte, dass in Brasilien alles so oberflächlich sein, die Frauen immer eine nach der anderen abschleppen würden, (was mir wegen des guten Aussehens der Damen nicht so fürchterlich erschien…), und das es keine Treue nur Verrat geben würde. Wir redeten die halbe Nacht lang, ich beharrte auf die Kerligkeit der Deutschen und sie wollte nichts mehr mit der brasilianischen Sprunghaftigkeit zu tun haben. In einem eher mäßigen Englisch sprachen wir also aneinander vorbei.
Ich vergaß die Sache beinahe, bis ich aus Zufall auf eine sehr interessanten Blog über Brasilien gestoßen bin. Und je mehr ich darin las, desto mehr begann ich zu begreifen, warum meine Bekannte Basilien unbedingt verlassen wollte – und wo dort die ganz speziellen Problematiken der Lesben/Frauenszenen liegen können. Denn eine Sache ist wohl in jedem Land der Erde gleich, nämlich dass (lesbische) Frauen fast immer die Männer und ihre Lebens/Liebens und Sexualstrukturen und Verhaltensweisen kopieren. Und so dominiert in Lateinamerika eben weniger die äußerliche Vermännlichung der Frau, sondern mehr der sogenannte „Machismo“, (span. zu macho, ‚männlich‘, ’stark‘, ‚rauh‘, von lat. masculus ‚männlich‘, durch starke Überlegenheitsgefühle und Herrschaftsansprüche gegenüber der Frau gekennzeichnete Einstellung des Mannes). Bei oft beibehaltenem weiblichem Äußeren wird dennoch eine Art Frauenmissachtung/Verachtung inszeniert, der Mann hat Angst vor der Frau und vermeidet durch hohe Promiskuität eine wahre Beziehung mit ihr, oder so ähnlich. Die lesbische Brasilianerin ist dann sozusagen ein weiblicher Macho.

Und hier ein Text, der diese Geschlechterstrukturen sehr gut beschreibt und ich denke, dass auch zwischen lesbischen Frauen so ähnliche Verhältnisse herrschen. Jedenfalls ähnelten die Geschichten, die mir meine Bekannten erzählt hat sehr den Folgenden…)

Ehebruch, Geliebte, Ehefrau – Brasiliens Rapperinnen thematisieren offensiv ein heißes Eisen der Machogesellschaft.

In den riesigen Elendsvierteln brasilianischer Millionenstädte wie Rio de Janeiro und Sao Paulo geschieht derzeit kultursoziologisch Außergewöhnliches: Junge Rapperinnen und Rapper debattieren von der Bühne herunter offensiv und illusionslos-derb die komplexen, widersprüchlichen Geschlechterbeziehungen der Machogesellschaft, von den Älteren gewöhnlich tabuisiert. Daß es nämlich für einen Großteil der jungen Frauen völlig normal, völlig natürlich geworden ist, Geliebte eines verheirateten, in fester Beziehung lebenden Mannes zu sein. Und daß feste Partnerinnen von Unterschichtsmännern sich zwangsläufig daran gewöhnen müssen, wenn diese ständig fremdgehen bzw. eine oder mehrere Geliebte haben. Der bittere, dramatische Hintergrund sind Brasiliens entsetzliche Sozialkontraste: In den extrem gewaltgeprägten Armenvierteln herrscht enormer Frauenüberschuß, weil ein beträchtlicher Teil der jungen Männer bereits vor dem 25. Lebensjahr umgebracht wird. Mit anderen Worten – immer mehr Frauen teilen sich einen Mann, polygamieähnliche Strukturen entstehen, die Machos haben noch mehr Oberwasser.

mckatia Die dunkelhäutige MC Katia von Rios Slumperipherie, mit dreißig ein Shouting-Star unter den Rapperinnen Brasiliens, duelliert sich auf einer Hip-Hop-Massendisco vor tausenden jungen Leuten mit der neunzehnjährigen Mulattin MC Nem. Stärkster Tobak im Rio-Slang – das Duell liegt derzeit ganz vorne in der Rap-Hitparade. „Paß auf, Schamlose, du bist doch nur zweite, dritte Wahl – doch ich bin die zum Heiraten, das wirst du schlucken müssen. Dich nutzt er doch nur, um sich für mich aufzuheizen. Bild dir nicht ein, daß du unsere Beziehung knacken kannst – dieser Mann gehört mir.“ MC Nem, derzeit genauso berühmt, kontert ebenso bissig: „Ob du seine Feste bist, ist mir völlig egal, ich bin eine heiße wilde Hündin -hinter mir ist er her wie verrückt. Geliebte zu sein, ist einfach toll, ich bin stolz darauf – während ich deinen Ehemann küsse, schuftest du am Waschtrog, bügelst, stehst in der Küche!“Und dann schreit MC Nem in die Menge: „Wer ist hier eine Geliebte?“ Hunderte Frauen strecken ohne Zögern den Arm in die Höhe. Wozu verstecken, was doch ohnehin jeder weiß. MC Katia, verheiratet, eine Tochter: „Wenn wir uns oben duellieren, ist unten im Publikum ziemlich dicke Luft – zeigen die echten Geliebten, die echten Ehefrauen mit dem Finger aufeinander, ruft die eine, der Typ hier gehört mir -kontert die andere, aber ich küsse ihn, wann ich will! Und er, der Macho, amüsiert sich prächtig!

Wir übertreiben nicht ein bißchen, zeigen die Realität. Heutzutage ist es absolut normal und natürlich, daß der Mann eine feste, treue Frau hat – und Geliebte nebenher, auch wenn das seine Frau nicht akzeptiert. Ja, es fehlen einfach Männer, viele Frauen wollen denselben Mann. Ich glaube, hier in Rio hat ein Ehering Null Wirkung -wenn ein Mann den trägt, läßt sich keine Frau davon abschrecken. Welche Brasilianerin war denn nicht schon mal Geliebte, so wie ich und MC Nem. Man geht durch einen Prozeß, ist Geliebte, dann die Feste, halt eine Lebenserfahrung, ganz normal.“ In Sao Paulo sagen Frauen, daß verheiratete Männer beim Alleine-Ausgehen den Ehering extra nicht ins Portemonnaie stecken, sondern anbehalten, weil das sogar die Chancen erhöhe. Eine andere Rio-Rapperin vergleicht einen begehrten Schwarzen mit einem Stück Schokolade: „Wenn wir uns das gut teilen, reicht es für zwanzig von uns.

“MC Nem, Wortführerin der Geliebten, der Amantes, erklärt den Frauen jedesmal von der Bühne herunter ihre Philosophie:„Eine richtige Geliebte darf nie die Beziehung des Mannes zerstören, muß wissen, daß sie stets nur dessen zweite Frau sein wird, nie die erste. Ich habe unheimlich genossen, eine Geliebte zu sein – das war eine gute Zeit!“Daß die Männer heutzutage nebenbei Amantes hätten, sei Gesetz in Brasilien. MC Nem ließ sich von einem Macho-Rap namens „Lanchinho da Madrugada“ provozieren und inspirieren, der ebenfalls ganz vorn in der Rap-Hitparade rangiert: Meine Feste schläft zuhause auf dem Sofa, während ich hierin der Massendisco Frauen wie dich abgreife. Aber laß meine Feste in Ruhe, misch dich da nicht ein – du bist für mich doch nur der Sandwich im Morgengrauen. “Richtig – Lanchinho de Madrugada, Sandwich im Morgengrauen – inzwischen ein fester Begriff in Brasilien, sexuell und abwertend gemeint. Denn Liebe machen, heißt in brasilianischem Portugiesisch, comer alguem, jemanden essen, aufessen. Das wollte MC Nem so nicht stehen lassen, sie wollte, daß bitteschön ganz genau unterschieden wird. Und so rappt sie derzeit gemeinsam mit MC Katia:„Wir beide sind Freundinnen – aber wenn du da unten weder die Feste noch die Geliebte von jemandem bist, bleibt dir bis auf weiteres nur, als Sandwich im Morgengrauen herzuhalten.“

Paulinho ist Manager der beiden. „Ja, genauso läufts doch. Der Typ hat die Feste zuhause, die ihn bemuttert, bekocht – und wenn er nachts alleine ausgeht, gibts da eben immer diese Frau, die er will. Sie beginnt als Lanchinho da Madrugada und wird später dessen Amante gar für Jahr – oder ist eben nur Lanchinho für eine Nacht. Die Geliebte will eigentlich nicht Geliebte sein, die Feste will eigentlich nicht betrogen werden – wo wird es immer bleiben. “MC Nem: “Mit der Zeit versteht sich der Typ gut mit beiden. Weils ja so ist – die Amante zerstreut ihn mit Charme, wenn er frustriert von zu Hause kommt – und weiß, was dann zu tun ist…“Natürlich ist viel Lüge im Spiel, wie MC Katia erläutert: “Der Mann täuscht, trixt beide aus, Feste und Amante, sagt jeder, sie sei die einzige in seinem Leben. Und nach zehn, fünfzehn Jahren entdeckt die eine, daß sie nur Amante ist. Da kommt sie aus der Beziehung schon nicht mehr raus, hat eine Familie. “Fünfzehn Shows geben beide Rapperinnen jedes Wochenende, fünfzehnmal machen sie den Unterschichtsmädchen schonungslos klar, wie unromantisch ihr Liebesleben ablaufen wird. Doch die haben längst gelernt, mit den grausamen Slumrealitäten fatalistisch-pragmatisch umzugehen. In einem Land extremer Sozialkontraste zählen rund achtzig Prozent zur Unterschicht, in den Slums sind gerade mal zehn, fünfzehn Prozent der Paare fest verheiratet, sind die Familien extrem zerrüttet.

Daß eine Frau fünf bis acht Kinder hat – und jedes von einem anderen Mann, ist keineswegs eine Seltenheit, und auch für niemanden ein Problem. Durch Morde, bei den permanenten Gefechten rivalisierender Banditenmilizen oder durch Polizeigewalt kommt ein Großteil der jungen Männer lange vor dem 25. Lebensjahr um. MC Katia bedrückt das: “Deshalb gibt es ja so wenig Männer für so viele Frauen. Die Jungen lassen sich mit dem Verbrechen ein, geraten in das Gemetzel, so viele sterben. Die Frauen sagen, was ist los, die Männer gehen ja alle drauf. Wo wir auftreten, sind Frauen immer enorm in der Überzahl, das fällt sofort ins Auge. “Manager Paulinho stimmt zu, zitiert aus entsprechenden Statistiken: “Fünfundsechzig Prozent der Rio-Bewohner sind danach weiblich – da sieht mans ja. Und ein Teil der Männer wird auch noch schwul – wogegen ich überhaupt nichts habe. Es ist die Wahrheit – viel mehr Frauen als Männer. Bei unseren Amazonasindianern gibt es das ja auch – ein Indio gleich mit mehreren Frauen. “Die Kulturkritik, die Feuilletons thematisieren nur ganz, ganz selten diese Art von Musik und vor allem deren Texte. Doch Rio-Funk ist ein Massenphänomen. Und siehe da – inzwischen empfindet es selbst die Upperclass, die obere Mittelschicht teilweise als absoluten Kick, Stars des Rio-Funk auf ihren Festen, bei exclusiven Modenschauen auftreten zu lassen –und ebenso wild und hyperlasziv zu tanzen wie die Slumkids.

(www.ila-web.de/lateinamerika/home.htm)