Schon seit einiger Zeit studiere ich aufmerksam die Artikel der amerikanischen Internetseite afterellen.com um mir ein Bild zu machen, was für einen Bewusstseinsgrad die Frauen liebenden Frauen in den USA im Vergleich zu den deutschen haben. Mir fällt auf, dass über Themen, wie z. B. die Bisexualität, wesentlich offener gesprochen wird und auch der Umgang untereinander um einiges angenehmer ist. Im Vergleich dazu wirken die deutschen lesbischen Internetseiten (und anderen Medien wie z. B. die L-Mag) eher monokulturmäßig (in Richtung queer – „wir sind eine bunte Community und haben uns alle lieb“), es wird zu wenig Position bezogen und interessante Themen werden zwar gebracht aber meistens nur oberflächlich und ohne Analyse und Deutung abgehandelt. Ist hier alles Friede Freude Eierkuchen? Wohl eher nicht. In der deutschen Lesbenszene weht ein Wind der Bigotterie und Mittelmäßigkeit, und bin ich immer wieder über die Aggressivität und Frustration erschrocken, die einem in den deutschen Internet-Lesbenplattformen entgegenschlägt.

Aber zur Zeit ist in Deutschland, wie in den USA, ein interessanter Trend zu beobachten. Immer mehr „Bi-Frauen“ begeben sich in die Lesbenszene, was sich auch im Virtuellen sehr schön zeigt. Seit ca. einem Jahr hat es bei Lesarion immer mehr Anmeldungen bisexueller und vor allem älterer Frauen gegeben, oft waren sie vorher in einer Ehe oder sind es noch. Dies führt im Forum zu hitzigen Diskussionen – wurde vorher die Thematik „maskulin versus feminin“ exzessiv und bis zur Kollektiv-Psychose führend totdiskutiert, so hat es sich nun zu der Frage „bisexuell versus lesbisch“ verschoben. Was mir auffällt ist, dass viele überzeugte Berufslesben vor allem der älteren Generation, das nicht ganz verkraften und sich in ihrer Identität als „Lesbe“, durch die in ihr „Revier“ eindringenden „Bi-Frauen“, massiv gestört fühlen, was sich vor allem in ziemlich offensichtlicher Stutenbissigkeit äußert (z.B. wurde eine fünfzigjährige Bi-Frau von Lesben als sexistisch beschimpft, da sie im Forum offen schrieb, dass sie Frauen mit großen Brüsten mag). Denn oft bringen „Bi-Frauen“ eine viel stärkere Sinnlichkeit mit sich, sie wissen wegen ihrer Erfahrungen mit Männern mehr, was sie wollen, bzw. was ihnen fehlt – ob es eine Affäre ist, eine heimliche Geliebte, oder gar die große Liebe – Bi-Frauen begehren teilweise viel offensiver als Lesben und können dabei trotzdem ein Objekt für andere Frauen bleiben. Das ganze Bild von „lesbisch“, „hetero“ kommt dadurch total durcheinander, denn plötzlich ist alles möglich. Auch die Butch/Femme-, Mann/Frau-Rollen, die bei lesbischen Beziehungen öfters bewusst oder unbewusst entstehen, werden durch die Bi-Frauen irgendwie aufgebrochen, da sie sich in ihrer Identität als Frau nicht gefährdet sehen, wenn sie eine andere Frau begehren – sie bekommen ihr Frausein ja immer noch von den Männern bestätigt (für Männer bleiben sie immer die Zarte, Zierlichere mit der weichen, glatten Haut). Und je mehr ich selbst im Alltag Frauen unter diesem Gesichtspunkt beobachte und mit ihnen interaggiere, je mehr nehme ich diese „Bi-Tendenz“ – eine Tendenz zu Frauen wahr.

Doch zurück zu dem Vergleich Deutschland – USA: In Amerika hat es vor kurzem zwei Talkshows genau zu diesem brisanten Thema gegeben. Einmal bei Ophrah Winfrey – „Women leaving men for other women“, und bei der ebenso bekannten Showmasterin Tyra Banks – „Straight girls with gay crushes“ („Hetero-Mädchen, die sich „lesbisch“ verlieben“). In beiden Shows haben sich zum größten Teil verheiratete Frauen zu ihrer oft erst im mittleren Alter (ab 40) entdeckten Liebe zu Frauen geäußert. Für viele kam dies unvorhersehbar und brachte eine entscheidende Lebenswendung mit sich – oft fühlten diese Frauen sich in den Beziehungen zu Männern nicht ganz ausgefüllt und waren überrascht, mit einer Frau eine ganz neue intensive Art zu lieben und Sexualität zu erleben, ein Gefühl von körperlich/seelisch und geistiger Ganzheitlichkeit zu entdecken.

Interessant ist, dass es vor allem die Frauen ab vierzig aufwärts sind, die schon das Kinderkriegen, die Karriere, Ehe, Scheidung und ähnliches hinter sich haben, welche wieder offen für die Liebe zu Frauen werden (denn sehr viele Frauen sammeln auch lesbische Erfahrungen, wenn sie jung und noch nicht mit dem Berufsleben und der Kinderfrage konfrontiert sind). Und oft entwickeln viele Frauen erst im reiferen Alter ein eigenständiges sexuelles Begehren (die weibliche Sexualität läd sich nicht mehr nur am Begehren des Mannes auf).

In den USA scheint es jedenfalls zu diesem Thema wesentlich mehr Informationen zu geben (die Psychologin und Ex-Hetero-Frau Joanne Fleischer hat z. B. eine Website und ein Ratgeberbuch über das späte Coming-Out heterosexueller Frauen herausgegeben), aber auch durch die Nutzung des Internets kommen Frauen heutzutage an Informationen, die sie früher, wegen der patriarchalen Zensur der Medien, nie zu Gesicht bekommen hätten. Das heißt – je mehr Frauen das Internet für sich benutzen, um so mehr verändert sich auch das weibliche Bewusstsein.

Es ist jedenfalls ratsam, als Frau seinen Blick auch mal auf andere Länder, wie die USA, zu wenden, denn dort ist die Emanzipation schon wesentlich weiter fortgeschritten, als hier in Deutschland.

 Für die, die Englisch beherrschen, hier einige Links zum Thema: