Viele glauben, dass in unserer „fortschrittlichen“ westlichen Gesellschaft die Frau mit dem Manne gleichgestellt ist. Was die offiziellen Rechte und Pflichten betrifft, ist sie es definitiv so, auch wenn die Realität im Beruflichen wie im Privaten noch einmal ganz anders aussieht. Im Grundgesetz heißt es: „Frauen und Männer sind gleich.“ Doch bedeutet die (geistige) Gleichheit mit dem Mann wirklich die Befreiung der Frau? Außer der offensichtlichen Benachteiligung, z.B. dass Frauen immer noch schlechter als Männer bezahlt werden, nicht in Führungspostionen aufsteigen und keine nennenswerten Netzwerke bilden, gibt es in unserer Gesellschaft noch andere Unterdrückungsmechanismen der viel perfideren und subtileren Art. Ich rede von den psychologischen und geistigen Fallen, in die viele Frauen auf dem Weg zur Freiheit tappen, von erstarrten Selbstbildern, welche sie annehmen, aus Angst nicht dazu zu gehören und im freien Raum zu schweben.

Die Heterosexualität bei Frauen als Norm zu betrachten ist vielleicht die Falle Nummer 1 und am schwierigsten zu überwinden. Denn die romantische Liebe zwischen Mann und Frau ist dermaßen medial präsent, man wird als Frau dazu erzogen daran zu glauben und dies als den Lebensinhalt schlechthin zu sehen. Auch wenn man, je älter man wird, merkt, dass Frauen und Männer irgendwie nicht zusammenpassen, dass ihre Beziehungen zueinander fast immer problematisch und belastet sind, schwirren einem Sätze im Kopf herum wie: „Mann und Frau gehören für immer zusammen“, „sie sind wie Ying und Yang“, „Gegensätze ziehen sich an“ usw., dass es schwer ist, dem nicht zu glauben. Diese zu hinterfragen ist sozusagen der Ausgangspunkt einer Bewusstseinsreise, das Tor zu einer neuen Dimension, die Bildung eines weiblichen Selbst. Ich werde im Folgenden einige der falschen Selbstbilder nennen, in welche Frauen sich selbst einfrieren oder einfrieren lassen und dadurch handlungsunfähig werden (auch wenn sie subjektiv das Gefühl des Handelns haben, ist es das nicht, da es nicht bewusst ist).

Da wäre z.B. das Bild der toughen Geschäftsfrau oder der intellektuellen Akademikerin, die sich vollkommen über ihren Job identifizieren. Die Feministin Mary Daly gibt diesen Frauen den Namen „Athene“, eine Göttin, welche dem Kopfe Zeus ensprungen ist und daher ein völlig männlich identifiziertes „Ich“ besitzt, sie ist die „Vatertochter“, eine Frau, die äußerlich weiblich ist, aber einen männlichen Geist besitzt. Sie setzt sich nicht andere Frauen ein, sondern sie will im System mitmischen, sie ist eine Alibifrau, die sich männliche Verhaltens- und Denkweisen aneignet um in der Männerwelt akzeptiert zu werden. Und die Akademikerinnen der Geisteswissenschaften beschäftigen sich meistens nur mit Männerkultur, sie lesen wenige Bücher von Frauen (es gibt ja leider auch sehr wenige) und verdrängen völlig, dass Begriff „der Mensch“ eigentlich nur Männer meint und Frauen fälschlicherweise miteingeschlossen werden (fatal ist es, wenn z.B. in einem Geschichtsbuch über die römische Renaissance steht: „Ehrbare Frauen und Mädchen hatten im Stadtalltag keinen Platz. Ihr Bereich war ausschließlich auf das Haus beschränkt.“ und es ein paar Zeilen später heißt: „Im weiteren Sinne nennt man Renaissance auch die Wiedergeburt des klassischen Altertums in seinem Einfluss auf die Wissenschaft, die Literatur, die Gesellschaft, das Leben der vornehmen Kreise und die Entwicklung der Menschen zu individueller Freiheit (…)“) Dies ist sehr verwirrend, denn es verschleiert die wahre Situation der Frau. Der Mythos ist immer männlich identifziert und Frauen werden daher nie so dargestellt, wie sie wirklich sind. Es sind immer die Projektionen ihrer Erfinder und Frauen halten dies fatalerweise für ihre Wirklichkeit. Dies zieht sich durch alle Bereich unserer Kultur – die Religion, Psychologie, Medien, Mythen, Geschichtsschreibung, Sprache, Politik und Kunst. Dazu kommt, dass Frauen ohne sich dessen bewusst zu sein, den männlichen Mythos in der Endlosschleife wiederholen. Denn wie heißt es so schön bei Simone de Beauvoir (Das andere Geschlecht): „Männer machen die Götter und Frauen beten sie an“. Eine Künstlerin z.B., die sich nicht mit der Geschlechterproblematik auseinandersetzt (und damit meine ich nicht die Endlosdiskussion über Gender usw.) kann meiner Meinung nach keine authentische Kunst schaffen.

Genauso werden lesbische Frauen, die sich nicht der Tragweite ihrer sexuellen Orientierung, ihrer Entscheidung sich nicht mit Männern einzulassen (denn das Tabu ist nicht das Lesbischsein, sondern Männer auszuschließen), bewusst sind, zu Gefangenen der Geschlechterrollen. Auch viele Lesben verfallen Rollen und Klischees und benutzen Krücken wie die „Identiäten“ butch, femme, trans, queer, bisexuell usw. und werden in vielen Fällen homophob und frauenhassend, da die Homophobie und der Frauenhass der Gesellschaft bei ihnen und von ihnen selbst unbemerkt sozusagen durch „das Hintertürchen“ wieder hineinkommt. Der Weg zu einem weiblichen Bewusstsein ist also ein Weg durch viele Spiegelkabinette mit vielen Sackgassen und Fallen und man muss sie erkennen und sichtbar machen (das heißt aussprechen oder aufschreiben) um ihren Bann zu brechen. Eine meiner größten Hemmnisse war z.B. der Glaube an die Psychologie, ich dachte, dass meine Liebe zu älteren Frauen ein „Mutterkomplex“ und die Schuld dafür bei der Mutter zu suchen sei (von ihr zu viel oder zu wenig Nähe bekommen). Mittlerweile ist mir aber klar geworden, dass auch die Psychologie ein religiöses System ist in dem es wie im Christentum die Frage nach der Schuld, die Vorstellung von Sünde (pathologisch, krank) gibt und die Mutter/Frau als labil gilt und für alle psychologischen „Störungen“ verantwortlich gemacht wird. Über Lesbischsein ist bis heute nicht richtig geforscht worden, es wird nicht zwischen Männern und Frauen (also auch Schwulen und Lesben) differenziert und es wird von der Heterosexualität als Norm ausgegangen. Und im nachhinein wirkt es lächerlich zu denken, die Frau/Mutter sei an allem Schuld, wenn sie niemals wirklich frei über ihr Leben entscheiden konnte und der Mann sich seit Tausenden von Generationen komplett aus allen zwischenmenschlichen Angelegenheiten heraushält.

Es gehört viel Mut dazu sich der Fesseln, des inneren Gefängnisses in dem man zwangsweise steckt, bewusst zu werden, denn es bedeutet auch, dass man in ein Nichts gestoßen wird und man selbst sich wieder neu aufbauen muss. Es kommt kein Prinz und auch keine Prinzessin, die einen errettet, man muss selbst aktiv und kreativ werden. Es ist die Angst bis in den innersten Kern von der Gesellschaft abgeschnitten zu sein und doch irgendwie mit ihr klar kommen zu müssen. Aber es hilft einem, dass man nicht alleine ist und man andere Frauen mit in sein Boot holen kann, sie be-geistern kann. Der Austausch mit anderen Frauen hilft auch die Fallen besser benennen zu können, denn jede Frau hat ihre eigene Lebensgeschichte und steckt irgendwo anders fest als man selbst.