228617_3

Wenn eine Frau sich in eine andere Frau verliebt- oder auch nur wenn sie erkennt, dass sie diese Möglichkeit in sich trägt- ist ihr vorherrschendstes Gefühl: Die Angst. Nein, nein werden jetzt viele empört denken, ich habe doch so was nicht und diese Behauptung ist ja mehr als lächerlich! Ich bin geoutet und habe meinen festen (lesbischen) Freundinnenkreis, oder auch: Warum soll ich vor dem „Lesbending“ Angst haben, das ist doch mittlerweile was völlig normales und/oder für mich höchstens eine Affaire wert, denn ich liebe ja (meinen) Mann und außerdem brauche ich auf die Dauer schon den (Geschlechter) Unterschied- sonst wird es ja langweilig. Auf beiden Seiten, sowohl bei den bekennenden Lesben als auch den „Schranklesben“ samt Bi-Frauen herrscht also eine selbstsichere Souveränität vor, eine Aufgeklärtheit, die durch nichts zu erschüttern scheint. (Zumindest bei der Generation unter 30) Aber ist es wirklich so, ist alles „Friede, Freude, Eierkuchen“, oder sieht es hinter der angeblich so selbstsicheren Fassade ganz anders aus?

Nun, die Angst kann vielerlei Gesichter haben und in den unterschiedlichsten Formen und Verkleidungen auftreten. Meine eigene Erfahrung ist die direkte: Du lernst eine Frau kennen, ihr kennt euch lange, sehr lange und dann sitzt du ihr endlich gegenüber, du sagst was- oder auch nicht – aber sie spürt dein Lesbischsein irgendwie und du spürst wie dich ihre Angstspirale mit einsaugen will. Ihr verabschiedet euch zitternd und seht euch dann nie wieder, oder auch ständig ohne jemals darüber zu reden. Cut und ein bis zwei Generationen weiter nach vorne gezoomt: Du lernst ein Frau kennen, ein bis zwei Abende lang, ihr landet im Bett, sie hat einen Orgasmus und schwärmt dir vor wie sinnlich und schön doch Frauenkörper seien, wie um so vieles weicher als die von Männern und die Gespräche erst. Ihr frühstückt miteinander, umarmt euch locker, Bussi hier, Bussi da und- ihr seht euch dann nie wieder.
Ja, ja so sind sie halt, die im „Schrank gebliebenen“ und die Bi-Frauen werden jetzt einige hämisch denken, selbst schuld sich mit „denen da“ einzulassen, kann ja nur schiefgehen. „Heteronormative“ Tussen, die sich nur anpassen und zu feige sind offen dazu zu stehen. Sie torpedieren den ganzen lesbischen Kampf um Anerkennung und Gleichberechtigung. Sie sind der Feind!
Aber halt nicht so schnell, denn da gibt es noch die indirekten und auf den ersten Blick schwerer zu fassenden Angstreaktionen. Sie treten zumeist in queeren/lesbenszenenahen Zusammenhängen auf, Frauen, die mehr oder weniger gut als Lesben zu erkennen sind, ihrer Orientierung bewusst, in der Szene integriert und oft auch politisch aktiv. Femme, Butch oder Trans, das sind dort gern gespielte/angenommene Rollen-Identitäten, die voneinander trennen, Unterschiede schaffen und vermeintliche Sicherheit vorgaukeln. Und selbst wenn keine äußeren Unterschiede mehr da sind (z. B. femme/femme) werden sie im Bett weiter ausagiert, die eine zieht sich aus, die andere schafft es nicht, eine liebt, die andere lässt lieben…

Aber was lehrt eigentlich die einen Frauen das kalte Fürchten und lässt die anderen die Flucht in seltsame Rollenspielereien/Theorien antreten? Ist es das „Tabu“ der lesbischen Liebe, das da so wirkt, der immer noch vorhandene Druck zur bedingungslosen Heterosexualität? Oder ist es etwas ganz anderes?
Es ist die Gleichheit, die so unbekannt erscheint und daher große Angst verursacht. Sie kann bedingungslose Intimität entstehen lassen und auch wahre Unterschiede hervorbringen. Und hier zitiere ich einmal eine Stelle aus Simone der Beauvoirs „Das andere Geschlecht“, Kapitel IV „Lesbischen Liebe: „(…) Sie (lesbischen Beziehungen) werden weder durch einen Institution noch durch den Brauch geheiligt, noch werden sie durch Vereinbarungen geregelt: Aus diesem Grund werden sie mit mehr Aufrichtigkeit durchlebt. Mann und Frau posieren – selbst wenn sie verheiratet sind – mehr oder weniger voreinander, vor allen Dingen aber die Frau, welcher der Mann immer irgendetwas vorschreibt, wie beispielsweise Tugend, Charme, Koketterie, Kindlichkeit oder Strenge. (Heute könnte man noch Sexyness oder Kumpelhaftigkeit hinzufügen.) In Gegenwart eines Mannes oder des Liebhabers fühlt sie sich nie ganz sie selbst. Einer Freundin gegenüber parodiert sie nicht, braucht sie sich nicht zu verstellen, sie ähneln sich einander zu sehr, um sich nicht offen zu zeigen. Diese Ähnlichkeit bringt die weitestgehende Intimität mit sich. (…)“

Und dann noch eine Passage von Mary Daly aus „Gyn/Ökologie“, zum Thema Differenz und Gleichheit: „(…) statt einen festgelegten „Unterschied“ (Feminität) vorauszusetzen, haben Lesbierinnen gerade in der Tatsache, dass sie einander so authentisch ähnlich sind, die Möglichkeit echte Unterschiede zu zeigen und entwickeln. (…) Da es hier keine Vorbilder, keine Rollen, keine institutionalisierten Beziehungen gibt, auf die sie zurückgreifen können, bewegen sie sich zusammen und einzeln in ständig wechselnden Beziehungsmustern aufeinander zu und auseinander. (…)“

Rollenlos und im freien Raume schwebend, kann die lesbische Liebe eine Chance sein. Die Frau hat in ihr die Möglichkeit sich zu einem wahren „Menschwesen“ entwickeln, jenseits vom „Mann-Frau Rollengefängnis“ oder der queeren Angleichung. Sie kann ein Schritt zu Freiheit sein- aber wahre Freiheit macht eben Angst.